Zum Glück hat Wädenswil einen grossen
Seeplatz. Dort trafen wir Buben uns nicht nur zum Fischen, auch wenn dieses «Würmerbaden» bei uns vor allem während der Sommerferien einen hohen Stellenwert genoss. Von der Hafenmauer beim Schiffsteg fischten wir uns jeweils die Leugel und Schwalen aus dem See.
Nein, den Seeplatz bevölkerte ab und zu auch ein Freilicht-Variété. So etwa die Arena Pilatus, das Variété Strohschneider oder − und dies beinahe jedes Jahr − die Arena Stey. Gespielt wurde selbstverständlich nur an schönen Abenden und schulfreien Nachmittagen, nicht wenn es regnete. Sonst wurde das Gastspiel einfach entsprechend verlängert; ein fester Tourneeplan wie bei einem heutigen Schweizer Circus existierte deshalb noch nicht.
Natürlich war ich an jedem Spielabend Zaungast. Wenigstens und spätestens bis zur Pause, denn dann musste ich nach Hause und ins Bett. Ein Glück, dass ich nur fünf Minuten vom Ort des Geschehens entfernt wohnte! − So kannte ich die entsprechenden Nummern mit der Zeit fast auswendig, wusste genau, was der Herr Direktor Isidor Stey wann sagte und wann zum Beispiel Fräulein Mathilde Stey (die nachmalige Frau Speichinger des späteren Zeltcircus Stey) auf der rollenden Kugel auftrat.
Leicht hatten es die Artisten nicht mit diesen Zaungästen. Denn nur wer innerhalb des Sitzplatzgevierts der Arena zuschaute, zahlte ein reguläres Eintrittsgeld. Die Gaffer von ausserhalb wurden wohl von Zeit zu Zeit mit einem Sammelteller zu einem Obolus aufgefordert, doch viele entfernten sich rasch, sobald der Mann oder die Dame mit dem Teller in ihrer Nähe erschien.
Einmal hingegen durfte ich von den Eltern aus an eine Nachmittagsvorstellung. Es war ein strahlender Sonntag. Zusammen mit einem Schulkollegen sass ich auf der Holzbank und staunte und lachte. Ludwig Gasser, der spätere Chef des Circus Royal, turnte nicht nur mit seinem Schwager Bruno Stey an der Drehleiter, sondern gab gegen Schluss der Vorstellung auch seinen waghalsigen Auftritt am elektromagnetischen Trapez. «Werte Anwesende! Ich zeige das als einziger ohne Sicherheitsgurt und Gummihandschuh», diese Worte gehörten zur Ansage des wackeren Ludwig Gasser − ich höre seine Stimme heute noch.
Der Circus Knie fand infolge seiner Grösse keinen Platz mehr auf dem Seeplatz, sondern zwängte sein Chapiteau auf den
Gasiplatz. Allerdings die prunkvolle Frontfassade fand in Wädenswil keinen Platz auf dem engen Raum, und die Tierzelte waren alle rund um die
Eidmattschulhäuser gruppiert.
Einmal hatten wir − ich besuchte schon die Sekundarschule − kein Turnen, da die alte Eidmatt-Turnhalle mit Stroh und anderem Material des Knie belegt war. Also um drei Uhr Schulschluss! Welche Freude! Schnell eilte ich nach Hause, bat meine Mutter, die Nachmittagsvorstellung des Circus Knie besuchen zu dürfen und verschwand wieder Richtung Gasiplatz. Dort hatte die Vorstellung schon begonnen. Herr Eugen, der letzte noch lebende Knie-Senior, machte persönlich die Eingangskontrolle für verspätete Besucher und bugsierte mich eilends durch den Samtvorhang.
Einmal trat ein Neger bei Knie auf, der auf dem Trampolin hundert Salti hintereinander vollführte. Wir Halbwüchsigen entdeckten ihn einmal, als wir um das Zelt herumstreiften, hinten beim Sattelgang und bestaunten ihn, wie wenn er von einem andern Planeten stammen würde. Für uns war es der erste Neger, den wir aus der Nähe zu Gesicht bekamen. Exotische Menschen traf man damals noch nicht an jeder Strassenecke.
Auch den «Robot Televox » − das war ein vom Zürcher Erfinder Wendling gebauter und vorgeführter, menschenähnlicher Roboter − sah ich bei Knie. Und zwar als sogenannte Seitenschau in einem Menagerie-Zelt, als Spezialattraktion für die Besucher der Tierschau. Solche Erlebnisse bleiben einem immer in Erinnerung, vor allem, wenn man ein Circusfan geblieben ist wie ich!
Und zudem − als echter Wädenswiler − auch ein Chilbifan. Als Bub schon kannte ich zahlreiche Artisten und die meisten Schausteller vom Sehen oder dem Namen nach. Das ist bis heute so geblieben. Ab und zu sass in den Tagen vor der
Chilbi auch ein Schaustellerkind in derselben Schulklasse, so einmal ein Bub, dessen Eltern mit einem Velokarussell nach Wädenswil gekommen waren. Seinen Namen habe ich vergessen.
Hingegen sind mir die Haeseli-Kinder Georges, Hedi und Hermann von der originellen «Seeboot-Bahn» als temporäre Klassenkameraden geläufig geblieben. Wir beneideten sie und ihre Herumreiserei nicht wenig und ahnten nicht, dass sie es unter dem Regime eines strengen Vaters nicht immer leicht hatten und schwerer arbeiten mussten, als wir Sesshaften. Georges kam später als selbständiger Schausteller 1965 mit seiner Himalaya-Bahn ein letztes Mal an unsere Chilbi; nachher verkaufte er dieses Rundfahrgeschäft an Sepp Hammer, der damit ein ständiger Wädenswiler Chilbigast wurde. Beide, Sepp Hammer und Georges Haeseli, sind inzwischen verstorben. Aber Sepps Frau, Mary Hammer, kommt noch jedes Jahr mit dem «Derby Star»-Spielwagen nach Wädenswil.