Wädenswiler Originale VI

Paul Hürlimann (1906–1970)

Quelle: Jahrbuch der Stadt Wädenswil 1997 von Emil Hauser

Paul Hürlimann – Der Haudegen.

Wenn in den Wädenswiler Jahrbüchern ein Kapitel den Dorforiginalen gewidmet wird, darf dort auch Paul Hürlimann seinen Platz finden.
Wenn ich über ihn berichte, soll dies nicht ein umfassender Lebenslauf meines alten Freundes sein, sondern eine Reihe von Erlebnissen, wie ich sie in meinen Erinnerungen behalten habe und die dem Leser einen kleinen Eindruck von der Originalität, dem Leben und Wirken dieser starken Persönlichkeit vermitteln soll.
Paul Hürlimann wuchs in der Bernburg am Buck in Wädenswil auf. Er lebte auf dieser seiner «Burg» wie ein kleiner Feudalherr mit Familie, «Ross und Wagen» sowie einer riesigen Dogge. Da auch ich am Buck zuhause war, machte ich schon in meiner Jugend mit ihm Bekanntschaft. Aus dieser wurde bald eine gute Freundschaft, die während seines ganzen Lebens bestehen blieb. Paul war ein begeisterter Reiter, Alpinist und Skifahrer. Er brachte mir den Umgang mit Pferden und deren Pflege bei und förderte damit meine Liebe zum Pferdesport.
Beruflich übernahm er nach Abschluss der Handelsschule und Ausbildung in Paris das Geschäft seines Vaters mit dem Vertrieb von Kräutern en gros. Dieser Handel war allerdings nicht nach seinem Geschmack; er gestand mir später einmal: «Weisch, sone Husiererei mit Chrüütli isch mir einfach nöd ggläge».
Pauls Hürlimanns «Bernburg» auf dem Buck.

Er verkaufte deshalb das gut gehende Geschäft an eine Grossistenfirma und befasste sich in der Folge mit der Entwicklung und Fabrikation von Skiwachs. Mit diesen Produkten, die mit seinen sportlichen Tätigkeiten zusammenpassten, erzielte er gute Erfolge. Die A 21 und A 24 waren damals bekannte Marken im Sporthandel. Im weiteren testete er das Wachs auf ausgedehnten Skitouren. Auch an Armee-Patrouillenläufen mit seinen Innerschweizer Dienstkameraden beteiligte er sich. Als er sich einmal mit einem Mitläufer über Wachs und andere Probleme unterhielt, kam von hinten der Ruf «läufen, läufen, Herr Oberlütnant, nüd eister schnurren». Das Wachs wurde in den geräumigen Kellerräumen der Bernburg mit einfachen Mitteln hergestellt. Daneben war dort immer noch für fröhliche Gelage genügend Platz, welche oft nach Polizeistunde zur Fortsetzung angeregter Dispute benützt wurde. Diese Debatten genoss Paul über alle Massen, und mit seinem Witz und ergötzlichen Einfällen war er der beliebte Mittelpunkt. Wenn er am Samstag-Abend zur gewohnten Runde im «Du Lac», «Engel», «Rössli» oder «Schwanen» auftauchte, wusste jedermann, jetzt läuft etwas. Es würde zu weit führen, von allen seinen Einfällen zu berichten. Hier nur einige Beispiele:
Als nach einer Feuerwehrübung ein in Wädenswil niedergelassener Liechtensteiner mit seinem Seebubentum grosstat, behauptete er: «Du chasch ja nüd emal rächt schwüme». Nach eifriger Diskussion wurde eine Wette abgeschlossen, wer schneller durch das Hafenbecken schwimmen könne. Es war Winter und demnach recht kalt. Paul sprang in voller Feuerwehrmontur kopfvoran ins Wasser und war am anderen Ende, als sein Kontrahent noch kaum im Wasser war. In der «Krone» wurde dann innen und aussen richtig aufgewärmt.
Eine andere Wette wurde mit einem kräftigen Mann eingegangen, der sich damit brüstete, jedem Muneli (Stier) an den Hörnern den Kopf abzudrehen. Paul widersprach und ging folgende Wette ein: Wenn er verliere, bezahle er den Preis zwischen Lebend- und Totgewicht des Tieres. Der Gegenspieler habe als Verlierer die Zeche des Abends zu berappen. Mit grosser Erwartung zog die ganze Gesellschaft zur Brauerei-Scheune, in der die beiden Gemeindestiere, mit denen damals der Kehricht eingesammelt wurde, eingestellt waren. Trotz gewaltiger Anstrengung machte das Tier keinen «Muggs», und die Wette war entschieden.
Als der Schah von Persien in der «Eichmühle» einkehrte und für Gesprächsstoff am runden Tisch im «Du Lac» sorgte, rief Paul um Mitternacht den bekannten Coiffeurmeister Raible an und forderte ihn auf, so rasch als möglich im «Du Lac» zu erscheinen, der Schah wünsche, sich von einem erstklassigen Meister rasieren zu lassen. Raible erschien prompt mit seinem Köfferchen und wurde mit Hurra empfangen. Zum Trost liess sich Paul auf dem Billardtisch rasieren, und Raible macht gute Miene zu diesem Spiel.
Als nach der Polizeistunde vom «Schwanen» in das «Du Lac» berichtet wurde, Polizeikorporal Schlatter sei auf Bussenrunde, brach man schleunigst auf. Paul protestierte «Ir Hösi wänd doch nöd vor em Schlatter devoolaufe, jetzt bliibed mer und wenn er chunt, singed mer im Chor ‘Paulus schrieb an die Galater, de schönschti Polizischt, das isch de Schlatter’. Beim Betroffenen soll dies nach unbestätigten Berichten einen Schock ausgelöst haben.
Im Jahre 1949 wurde im Rosenmattpark das Freilichtspiel «D Stäckliherre» aufgeführt. Der Landvogt war die Rolle für Paul Hürlimann. Er fuhr mit seiner Kutsche vor die Bühne und entstieg ihr als der perfekte Landvogt. Ich spielte mit dem Kavallerieverein die bescheidene Rolle des Leutnant Blattman und seiner Truppe. Paul brachte mich im Spiel gerne in Verlegenheit mit Fragen oder Bemerkungen, die nicht im Text vorgesehen waren. Als beim ersten Auftritt die Pferde in der ungewohnten Umgebung aufgeregt waren, gelang dem Trompeter kein Trompetenstoss. Paul fragte mich: «Chan dänn diin Trompeter nöd blaase?» Worauf ich erwiderte: «Blaase scho, aber nöd riite». Nach dem Auftritt mit meinem Reitertrupp ging’s jeweils ab zum Bügeltrunk in die Dragoner-Stammbeiz «Schwanen». Bei dieser Gelegenheit stiess an einem Abend der «Landvogt» zu uns. Unsere «Eidgenossen» wurden von zwei Pferdehaltern vor dem Wirtshaus betreut. Paul kam in seiner Landvogtmontur herein und herrschte uns an: «Ir hocked gmütli do ine und d Ross lönd er dusse, nämets doch wenigschtens au ine». Und schon wurden unsere Rösser, zum Schrecken der braven Wirtin, in die Gaststube geführt. Bis sie dann in der engen Gaststube gedreht und wieder draussen waren, entstand doch ein rechter Wirbel.
Es war nicht das einzige Mal, dass unsere Wirtin, trotz Verständnis für unsere Streiche in helle Aufregung geriet. Nach einem Feldschiessen wurden im «Schwanen» die Schützenkönige gefeiert. Anwesend war der kantonale Schützenmeister. Paul geriet mit ihm in ein Wortgefecht über das Schiesswesen. Er fand, es nütze der Kriegsvorbereitung gar nichts, wenn vor jeder Schussabgabe sieben Mal tief ein- und ausgeatmet werde, vielmehr sollte die schnellentschlossene Schussabgabe geübte werden. Den Worten folgte eine Demonstration; Ziel Aufschrift «KEGELBAHN», vom B mittlerer Querbalken, Karabiner stehend im Anschlag, Schuss, getroffen. Das hinter dem «B» die Hauptwasserleitung in der Wand durchführte, war in der Demonstration nicht vorgesehen, hatte aber die verheerende Wirkung, dass sich ein kräftiger Wasserstrahl in die Wirtsstube ergoss und den Pegelstand sichtlich ansteigen liess, bis nach langer Suche der Hausmeister Meier den Haupthahn schliessen konnte. Inzwischen stellte man die Stühle auf die Tische und debattierte dort oben weiter.

Der «Schwanen» an der Zugerstrasse: Ort ausgelassener Fröhlichkeit mit Paul Hürlimann.

Als Kavallerieoffizier und Kommandant der Schwadron 24 war Paul eine grossartige Führerpersönlichkeit. Er verstand es meisterhaft, seine Kader und Soldaten zu motivieren, wurde geachtet und verehrt. Ich hatte das Glück, während dem Aktivdienst unter seinem Kommando als Zugführer Dienst zu leisten und 1944 von ihm das Kommando zu übernehmen. Als wir im Mai 1940 an der Thur den Angriff der Deutschen mit Bestimmtheit erwarteten, sorgte er mit seinen klaren Anordnungen und seiner Ruhe dafür, dass in dieser heiklen Phase während keinem Moment Unsicherheit aufkam und wir gefasst dem Kommenden entgegensahen. Als bei der Reorganisation der Leichten Truppen Kavallerie-Offiziere in die neu gebildeten Mot. Drag, Einheiten umgeteilt wurden, übernahm Paul Hürlimann das Komando des Mot. Bat. 18. Auf mein Gesuch erhielt ich das Kommando der I/18. Den ersten WK absolvierten wir im Bündnerland. Zum Abschluss dieses WK fand eine Druchfahrt vor dem Regimentskommandanten in Chur statt, worauf zum Demobilmachungsort Uster disloziert werden sollte. Am Vorabend befahl mir Paul die Route über das Land Liechtenstein. Für die Bewilligung würde er besorgt sein. Erst später – zu spät – stellte sich heraus, dass eine solche Bewilligung auf keinen Fall zu bekommen sei. Inzwischen fuhr ich aber bereits an der Spitze des Bataillons ins Ländle ein. Vor der Grenze hatte der Standartenträger Feldweibel Bossert von Wädenswil die Standarte entrollt, und so fuhren wir vor einer eher verblüfften als erfreuten Bevölkerung durch fremdes Territorium. Durch einen Zwischenfall wurde die Situation noch verschlimmert.

Kavallerieoffizier Paul Hürlimann, ein begeisternder Truppenführer.

Es waren damals Verhandlungen zwischen der Schweiz und Liechtenstein um Gebietsbereinigungen im Gange, die eher etwas harzig verliefen. In die laufende Sitzung stürzte der Ratsweibel mit dem Schreckensruf herein! «Si marschiered ii». Leider war unser Paul beim Durchmarsch nicht dabei, da er bei einem Unfall im IV/18 sich um die Verletzten und deren Angehörige kümmerte. Als ihm dann die Hiobsbotschaft in Chur überbracht wurde, wandte er sich an seinen Freund Zindel von Maienfeld, von dem er wusste, dass er mit dem Fürst und der lichtensteinischen Regierung auf gutem Fusse stand und bat ihn um Begleitung zu einem Entschuldigungsbesuch. Da der Fürst nicht im Lande war, wurde er vom Regierungschef empfangen. Um nicht noch mehr Aufsehen zu erregen, vertauschte er seine Uniform mit einem von Zindel geliehenen Viehhändlertenue. Mit seiner offenen und ehrlichen Art konnte er den erbosten Magistraten von seinen guten Absichten überzeugen, worauf sie sich in gutem Einvernehmen trennten. Auf diplomatischer Ebene gab es allerdings noch etliche Schwierigkeiten, die aber ebenfalls bereinigt werden konnten.
Der Aktivdienst war sichtlich der Höhepunkt in Pauls Leben. Er war der geborene Soldat, ein Haudegen, aber auch ein Truppenführer, der ein Herz hatte für seine Untergebenen. Als er den Hauptmannsgrad in der RS 36 absolvierte, sorgte er dafür, dass zwei Rekruten, die den Strapazen der damals strengen Schule nicht ganz gewachsen waren, in den Pausen ein Glas Ovomaltine bekamen. Er war ein grosser Draufgänger, der ideale Leichte Truppenführer. Mit seinen originellen Ideen überraschte er immer wieder seine Gesprächspartner, seine Vorgesetzten und in Übungen und Manövern seine Gegenseite. Wahrscheinlich kam er drei Jahrhunderte zu spät auf die Welt! Damals wäre er als der erfolgreiche Truppenführer in fremden Diensten mit Siegesehren in die Heimat zurückgekehrt. Dies war ihm leider nicht vergönnt. Im Zivilleben hat er sich nach dem Aktivdienst nie mehr richtig zurechtgefunden. Für seine verschiedenen Unternehmungen, die ihm im Grunde genommen nicht am Herzen lagen, fand er nicht den gewünschten Erfolg. Für uns Dragoner wird er als Führer und Vorbild, für die ältere Wädenswiler Generation als lebenslustiger und fröhlicher Mitbürger mit einem überschäumenden Temperament in Erinnerung bleiben.
 




Emil Hauser