Quelle: Jahrbuch der Stadt Wädenswil 1995 von Robert Epprecht
Der grösste Impuls zur Elektrifizierung unseres Landes und der Bahnen ist von Wädenswil ausgegangen und verbunden mit dem Namen meines Grossvaters, Walter Wyssling. Er war eines der vielen Kinder des Ökonomieverwalters der damaligen Kantonalen Strafanstalt Ötenbach in Zürich.
Der Bub war gescheit, pflichtbewusst, in allem hoch exakt, fleissig und handwerklich geschickt. Als er nach dem Besuch des Gymnasiums erklärte, unbedingt Ingenieur werden zu wollen, entschied sein Vater: «Praxis kommt vor dem Studieren!» Ausserdem müsse seine schmächtige Gestalt noch etwas «auseinandergehen», und so steckte er den Jungen in eine Schlosserlehre. Unter dem Dach richtete der Vater dem Sohn eine eigene kleine Werkstatt ein. Für die erworbenen praktischen Konstruktionskenntnisse war mein Grossvater später immer dankbar. Vorerst aber musste er auf dem zweiten Bildungsweg den Zugang zum Polytechnikum – so hiess die ETH damals – schaffen. Walter Wyssling studierte dann Mathematik und Physik. Er erkannte das gewaltige, noch ungenutzte Potential der Elektrizität und wandte sich diesem Teilgebiet der Physik zu. Damals, vor hundert Jahren, empfand man die Elektrizität als eine ungeheure Naturgewalt, hochenergetisch und vor allem sehr gefährlich. Man wusste, dass wenige Blitze ganze Städte und Industrien hätten versorgen können, hätte man sie nur vom Gewitterhimmel einfangen können.
Oder der Blitz schlug in eine Überlandleitung, und die Sicherungen im Werk brannten durch. Die Sicherheit der im Betrieb Arbeitenden war eine grosse Sorge meines Grossvaters. So liess er – das war eine Neuheit – die Hochspannungsschalter in einem speziell gesicherten Raum anbringen. Diese Schalter befanden sich hinter einem gesicherten Gang auf riesigen Porzellanisolatoren an isolierenden Marmorwänden.
Anlässlich einer Besichtigung demonstrierte der Betriebsleiter uns Enkeln eine alte Schmelzsicherung; sie war damals, vor 60 Jahren, schon längst durch modernere Einrichtungen abgelöst worden. Sie diente nur noch als Demonstrationsobjekt aus der Anfangszeit. Der vorsichtige Mann hiess uns den Schalterraum verlassen; wir sollten von der Tür aus zusehen. Als er einen Hebel herunterriss, donnerte an der gegenüberliegenden Wand die alte Schmelzsicherung los. 5000 Volt Spannung liessen oben und unten aus einer dicken Porzellanröhre je eine Art Kugelblitz ausfauchen. Der Donnerblitz war derart gewaltig, dass ich meinte, dadurch in den Maschinenraum geschleudert worden zu sein, stand aber zu meiner Verwunderung nach diesem Ereignis immer noch am selben Platz.
Zum Schluss nochmals etwas Elektrizität. Als Lungenärztin benötigte meine Tante einen Röntgenapparat. In ihrem Röntgenzimmer sah es anfänglich aus wie im Labor von Madame Curie. In einer Ecke stand ein mannshoher Transformer, eingeschalt in schwarzes Blech, durchsiebt von Luftlöchern in der Form abgerundeter Schweizerkreuze. Wurde der Röntgenapparat eingeschaltet, krachte es zunächst hinter diesen Gittern, dann hörte man bedrohliches Brummen. Der auf hohe Spannung gebrachte Strom wurde über wuchtige Porzellanisolatoren zur Decke geführt, kam über freihängende, dicke Kupferdrähte zur Röntgenröhre. Die Drähte waren durch kleine, bewegliche Porzellankugeln, die «chrälleliartig» aufgereiht waren, isoliert. Die erste Röntgenröhre war ein Urmodell, von Röntgen selber entworfen und von Siemens hergestellt, eine sogenannte Jonisationsröhre. Weitere elektrotechnischmedizinische Apparate (SEV-geprüft!) vervollständigten die damals hochmoderne Praxis.
Hiemit beende ich meine kleine Kultur- und Familiengeschichte und hoffe, einen kurzen Einblick in eine Aufbruchszeit von Wädenswil gegeben zu haben.