«Die Welt erfassen»
Begegnung mit dem Maler, Grafiker und Bühnenbildner Ambrosius Humm (1924–2018)
Quelle: Jahrbuch der Stadt Wädenswil 2019 von Pascale Schuoler
Ambrosius Humm lernte ich im Frühjahr 2018 kennen. «Ich bin halt ein unermüdlicher Schaffer und das war ich schon mein Leben lang», waren einige seiner ersten Worte, mit denen er mich begrüsste. Er war trotz gesundheitlicher Beeinträchtigung auch im Alter von 93 Jahren noch täglich in seinem Atelier anzutreffen. Stolz führte mich Brosi, wie er sich mir sogleich vorstellte, durch das Haus, das er zusammen mit seiner Frau Regula Humm-Rellstab, ebenfalls Künstlerin, bewohnte. Im Erdgeschoss befindet sich sein Atelier – und über die Stockwerke verteilt sein Lebenswerk.
Ambrosius Humm (1924–2018).
Die Atmosphäre im Humm’schen Haus hat mich verzaubert: Neben selbst Geschaffenem zieren Werke von nahestehenden Künstlern und meterlange Regale mit Kunstbüchern und klassischer Literatur die Wände. Dazwischen sind teils skurril wirkende Erinnerungsstücke der Familie arrangiert.
Jedes Objekt mit einer eigenen Geschichte. Irgendwie schien hier die Zeit stehen geblieben zu sein. Ein Gefühl, das sich bereits beim Erreichen des älteren Hauses am Töbeliweg eingestellt hatte. Es liegt etwas versteckt in einem verwildert wirkenden und zugleich verträumt anmutenden Garten, während in der nahen Umgebung neu erstellte, kühle Wohnbauten die aufstrebende Moderne markieren.
Im Atelier roch es nach frischer Farbe. Ein unfertiges Bild stand auf der Staffelei bereit für den nächsten Pinselstrich, daneben lagen Pinsel, Farbpaletten und Gläser mit selbst angeriebenen Farben auf der Basis von Eitempera. Und auch das geöffnete, grossformatige Skizzenbuch auf dem hölzernen Stehpult nahe dem Fenster mit Blick in den Garten zeugte von der ungebremsten Schaffenslust des Künstlers.
Skizzenbücher und Tagesnotizen
Seit 1973 notierte und skizzierte Humm fast täglich flüchtige Eindrücke aus der Aussenwelt in kleinformatige Tagebücher und Notizhefte, die er stets bei sich trug. So lautete beispielsweise die Tagesnotiz vom 18. Oktober 1980: «Im Wirtshaus sehe ich einen Mann – er hat goldene Augen wie ein Laubfrosch.» Zurück im Atelier nahm Humm jeweils seine grossen, selbstgebundenen Skizzenbücher hervor, um das Erlebte mit Tusche und Aquarellfarben auf Papier zu bannen.
Dem Betrachter dieser 16 Skizzenbücher offenbart sich eine überaus reiche und eigene Bildwelt des Künstlers. Neben reinen Natur-, Ornament- und Farbstudien stellte der Maler bevorzugt Menschen, Szenen der menschlichen Interaktion, Gesichter oder einzelne Extremitäten in den Mittelpunkt seiner Skizzen. Die in dichter Folge dargestellten Figuren und Themenkomplexe berühren durch Poesie, Skurrilität und Archaik. Gleichzeitig ist ein feiner Humor auszumachen, wie er mir auch im Gespräch mit dem Maler auffiel.
Vom Marionettentheater zum Bühnenbildner
Am 30. Oktober 1924 kam Ambrosius Humm als Sohn der Malerin Lily Crawford und des bekannten Schriftstellers Rudolf Jakob Humm in Zürich zur Welt. Im Rabenhaus am Hechtplatz, in dem er aufwuchs, herrschte ein weltoffener Geist. In den 1930er-Jahren gingen hier bedeutende (antifaschistische) Schriftsteller ein und aus, darunter etwa Adrien Turel und André Gide. Oder die Emigranten Hans Marchwitza, Bernard von Brentano und Ignazio Silone. Ausserdem Künstler, beispielsweise die Plastiker Karl Geiser und Hermann Haller. Hier traf der junge Ambrosius aber auch auf die ägyptische Malerin und Grafikerin Margo Veillon, deren freier Geist ihn inspirierte.
Bereits als Vierjähriger formte Ambrosius Humm erste Figuren aus Plastilin, die er fantasievoll kostümierte und in aus Packpapier gefertigte Szenerien setzte. Mit zwölf Jahren bastelte er seine ersten Marionetten aus Fadenspulen und führte zusammen mit seinem Vater ein Stück von Franz von Pocci auf. Zwei Jahre später brachte ihm Carl Fischer, Lehrer für Modellieren und Holzschnitzen an der Kunstgewerbeschule Zürich, das Schnitzen bei. Noch während des Vorkurses an der Zürcher Kunstgewerbeschule 1940/41 bei Ernst Gubler und Otto Morach initiierte er in seinem Elternhaus eine eigene Marionettenbühne. Zusammen mit seinem Vater, der die Texte für die Stücke schrieb und die Rolle des Sprechers übernahm, trat er während sechs Jahren mit selbst entworfenen, handgefertigten Marionetten und Bühnenbildern in «Humms Marionettentheater» vor bis zu 250 Zuschauern auf.
Zeichnender Knabe (Selbstportrait), 1964.
Portrait Friedrich Kuhn, 1976/78.
Nach einer Schreinerlehre, die er im dritten Jahr infolge mangelnder Herausforderung und Förderung abbrach, wuchs er in das Metier des Bühnenbildners hinein. Vorerst während einer vierjährigen Assistenz- und Lehrzeit unter Theo Otto und Caspar Neher am Schauspielhaus Zürich. Mit vierundzwanzig Jahren avancierte er zum ersten Bühnenbildner am Stadttheater St. Gallen, fünf Jahre später übernahm er die gleiche Position an den Städtischen Bühnen Nürnbergs. 1966 engagierte ihn Felix Rellstab, der Bruder seiner Frau, als freischaffenden Bühnenbildner am neueröffneten Zürcher Theater am Neumarkt. Nach einem fixen Engagement unter Horst Zankl an ebendiesem Theater folgten ab 1980 zahlreiche weitere Stationen im In- und Ausland. Unter anderem am Schauspielhaus Zürich, an den Stadttheatern von Basel, Bern und Freiburg, am Schauspielhaus Hamburg und am Burgtheater Wien. Bis 1990 entstanden unter seiner Hand fast vierhundert Bühnenbilder und Kostümentwürfe.
Analytische Kraft
Trotz grosser Resonanz erlebte Humm seinen «Brotberuf», wie er die Bühnenbildnerei etwas verächtlich benannte, eher aufreibend als erfüllend. Denn in der Zusammenarbeit mit den oftmals launischen Regisseuren prallten schnell einmal unterschiedliche Vorstellungen aufeinander, wie das passende Bühnenbild auszusehen hätte.
Stattdessen zog es ihn ab Ende der 1940er-Jahre in jeder freien Minute in sein Atelier: In sein Kernanliegen vertieft, konnte er die volle Gestaltungsfreiheit auskosten. Am Anfang seiner künstlerischen Tätigkeit stand neben der Zeichnung und Malerei der Holzschnitt. Eine Technik, die von vielen Künstlern der Nachkriegszeit angewandt wurde, da sie ohne aufwändige Gerätschaft im Handdruck ausgeführt werden konnte. In den frühen 1960er-Jahren eignete sich Humm – notabene als Autodidakt – weitere Techniken der «schwarzen Kunst» an: Er übte sich in Radierung, Aquatinta und Kupferstich, schaffte sich eine eigene Radierpresse an und brachte es innert kurzer Zeit zu grosser Könnerschaft.
Bald illustrierte er erste Werke seines Vaters, beispielsweise «Sieben Märchen der Elisa Barbanti» (Büchergilde Gutenberg 1953) oder «Springinsfeld und Sauerkloss» (Sauerländer 1954). Zur gleichen Zeit zeigte er im Kunsthaus Zürich im Rahmen einer Gruppenausstellung der «Xylon» erstmals seine Holzschnitte. Ab 1960 lagen mehrere seiner Radierungen der Internationalen Vierteljahresschrift für Dichtung und Originalgrafik «Spektrum» bei. Schliesslich veröffentlichte er 1962 im Selbstverlag «Neun Gedichte des Oswald von Wolkenstein 1377–1445», eine erste bibliophile Buchausgabe mit Originalradierungen. Weitere Buchillustrationen und Projekte zur Verbreitung seiner Radierungen sollten folgen.
Neben Beruf und künstlerischer Tätigkeit kümmerte sich Ambrosius Humm fürsorglich um seine Familie. Schliesslich hatte das Paar, welches 1953 geheiratet hatte, Mitte der 1960er-Jahren bereits vier Kinder. – 1972 liess sich die Familie Humm in Wädenswil nieder. Vom reichen Fundus seiner Skizzenbücher ging alles aus: Die skizzierten Figuren lebten in Humms zeichnerischem, grafischem und malerischem Werk fort. Sein Oeuvre mit über vierhundert Tafelbildern in Mischtechnik (Öl/Tempera), ebenso vielen Druckgrafiken und über viertausend Zeichnungen und Aquarellen ist äusserst vielschichtig und weist einen grossen Reichtum an Symbolen und verschlüsselten Allegorien auf.
Dabei ist eine starke analytische Kraft spürbar, die hinter die Dinge blickt, die aufdeckt und deutet, was den Menschen im Innern aufwühlt und ängstigt, was er erhofft und ersehnt. Statt Abbilder von etwas Bekanntem vermittelte der Künstler in expressiven Visionen das Unerklärbare, Unwirkliche und Geheimnisvolle. Eintrag in seinem Tagebuch vom 24. September 1990: «Ein Teil von ‹Kunst› ist: Das Jenseits herüber zu holen. Das ‹Jenseitige› ist das, was jenseits von unserem rationalen Vorstellungsvermögen liegt. Das was mit Vernunft und Logik nicht zu berechnen ist.»
Atelier bevölkert, 1967/1992, Parlamentssaal Untermosen, Wädenswil.
Spielerisch und hintergründig
Ambrosius Humms zumeist grossformatige und farbstarke Gemälde sind mit archaischen Wesen in Anspielung auf mythologische Figuren bevölkert, mit tanzenden Körpern auf feinem Grat, mit sich und umeinander ringenden Menschen, mit auf Himmelsleitern schwebenden Traumgestalten oder Musikanten, die sich im Spiel verlieren. Da bricht Krieg und Terror aus der Leinwand hervor, dort verzaubert ein Magier den Lauf der Welt, da liebt sich ein Paar in sinnlicher Umarmung oder es sinniert ein einsames Weib über Werden und Vergehen.
Humm ging gleichermassen spielerisch und hintergründig mit seinen Worten um. Seine Werke tragen Titel wie «Grosser Lärm vor grosser Stille», «Die Poesie wandert aus», «Der Sternenteppich wird aufgerollt», «Das Paradies suchen» oder «Die Welt erfassen».
Charakteristisch für Ambrosius Humms ausdrucksstarke, manchmal melancholische und häufig dramatische Gemälde sind subtil komponierte Räumlichkeiten, in der die Figuren, Ensembles und Requisiten wie tragen auf einer Bühne inszeniert sind. Dazu tragen auch Humms raffiniert gesetzte Lichteffekte bei: So tauchte er einzelne Szenen in warmes Kerzenlicht ein oder beleuchtete andere wie aus Scheinwerfern. Die Nähe zwischen seiner Malerei und der Kunst der Bühnenbildnerei lässt sich nicht leugnen, auch wenn Ambrosius diese Bemerkung nur mit einem Lächeln kommentierte.
Der Zeitungsverkäufer, 1976.
Im «Du»-Heft von 1962 zum Thema «Bühnenbildner» äusserte sich Humm wie folgt: «Ich behaupte sogar, dass nur, wer sich mit den Problemen der Malerei auseinandersetzt, ein eindrückliches Bühnenbild zustande bringt. Darum versuche ich, von der Malerei her dem Bühnenbild zu dienen. Umgekehrt ist mir die Bühnengestaltung Anregerin für die Kompositionsprobleme der Malerei. Mit den Gesetzen der einen und der anderen setze ich mich ständig auseinander.» Dabei verstand Ambrosius Humm seine Kunst immer auch als Handwerk. Neben den Farben fertigte er auch die Holzrahmen für seine Bilder selbst.
Von der Sorge um die Welt
Im Gegensatz zur konkreten Kunst, die in der Mitte des letzten Jahrhunderts vorherrschte – in Humms Worten «Diktatur der parallel zum Bildrand gemalten Kunst» –, kümmerte sich der Künstler nie um stilistische Vorgaben, sondern blieb seinem inneren Anliegen treu, in der Malerei seine Befindlichkeit auszudrücken. Selbst wenn seine figürlichen Darstellungen, die von damaligen Kritikern gerne mit dem Prädikat «Sozialistischer Realismus» bedacht wurden, im Kunstmarkt eher erschwerten Bedingungen unterlagen.
Und auch wenn Ambrosius Humm jegliche Stilzuschreibung seines Werks ablehnte – er mokierte sich über «all diese -ismen, mit denen Kunsthistoriker um sich werfen» –, komme ich nicht darum herum, sein frühes malerisches Werk als vom Kubismus inspiriert zu beschreiben.
Ambrosius Humm machte sich als Humanist Sorgen um den Zustand unserer Welt: Ihn beschäftigte der «Seelenverlust», der sich in Umweltzerstörung, Gewalt und Krieg äussert. Sein künstlerisches Haupt anliegen war es, etwas in der Seele des Betrachters auszulösen. Dabei liess er die Deutung seiner Werke bewusst offen: «Ich kann ihre Bedeutung nicht erklären. Ein Bild ist wie ein Spiegel des Betrachters, jeder kann darin etwas anderes sehen. Es ist Aufgabe des Betrachters, etwas darin zu sehen, was ihn selber betrifft.»
Auf die Frage, woher er die Ideen für seine Bildwerke nähme, winkte er verschmitzt lächelnd ab. Im Tagebuch vom 24. März 1994 finde ich folgenden Eintrag: «Woher kommen mir diese Ein-Fälle? Wirklich manchmal wie kleine Einschläge von Meteoriten aus dem All.» Legendär ist auch sein Ausspruch: «Alles was ich gemalt habe, muss ich nicht mehr träumen.»
1956 stellte Humm seine Malerei und Zeichnungen erstmals in einer Nürnberger Galerie aus. Ab den 1960er-Jahren fanden sich in der Region Zürich zahlreiche Gelegenheiten, sein bildnerisches Werk einer breiten Öffentlichkeit vorzustellen. Zu früher Zeit beispielsweise in der Galerie Läubli an der Trittligasse in Zürich, ab Mitte der 1980er-Jahre im Kunstsalon Wolfsberg und bis 2014 in der Zürcher Galerie Trittligasse. – Bis zuletzt träumte Brosi von einer Ausstellung auf dem Theaterschiff «Herzbaracke » von Federico Emanuel Pfaffen.
Parallel zur Ausstellungstätigkeit mehrten sich auch die Liebhaber und Sammler von Humms Werken. Davon zeugen seine akribisch geführten Verkaufslisten. Überhaupt: Ambrosius Humm dokumentierte sein Oeuvre minutiös auf unzähligen Karteikärtchen, feinsäuberlich nach Werkgattung und Jahr geordnet.
Schliesslich soll nicht unerwähnt bleiben, dass sich die enge Verbindung zum Puppenspiel wie ein roter Faden durch Ambrosius Humms Leben zog. So beauftragte ihn Peter Loosli («Looslis Puppentheater») 1974 mit dem Entwurf und der Umsetzung der Figuren und Bühnenbilder zu «Dr. Faust». 1990 schnitzte er für das Zürcher Puppentheater, das heutige Theater Stadelhofen, Stabpuppen für das Stück «Romeo und Julia auf dem Dorfe». Schliesslich erschien 2005 im Kranich-Verlag das von ihm illustrierte Buch «Marionettenspiele im Rabenhaus»: Es enthält die sechs Theaterstücke, die Rudolf Jakob Humm in den 1940er-Jahren für die familieneigene Puppenbühne geschrieben hatte.
Ambrosius Humm verstarb am 20. November 2018, kurz nach seinem 94. Geburtstag. Sein reiches und eigenwilliges Werk gilt es weiterhin zu entdecken.