Johann Jakob Steffan (1798–1859)

Quelle: «Allgemeiner Anzeiger vom Zürichsee», 5. Dezember 1961 von Peter Ziegler

Ein gebildeter Kopf

Im Hause zur «Reblaube» an der Ecke Seestrasse/Reblaubenweg wohnte zu Beginn der 1830er Jahre der Gemeindeammann Johann Jakob Steffan, geboren am 21. März 1798. Er stammte aus einem seit Jahrhunderten in Wädenswil beheimateten Geschlecht, war ein fähiger, kaufmännisch gebildeter Kopf und stand an Kenntnissen und Fertigkeiten weit über vielen industriellen Landbürgern seiner Zeit. Thomas Scherr, der erste Direktor des Lehrerseminars Küsnacht, schildert ihn als gewandten Redner, der auch zierlich und korrekt schreiben konnte. Sein ganzes Benehmen, sagt Scherr, verrate eine exzentrische, fantastische Richtung. «In den Stunden und Tagen grosser Aufregung schienen die Gemütswogen den Verstand zu bedecken. Dann traten die grossen Augen weit hervor, starrten wunderlich auf einen Punkt oder rollten unstet und flüchtig umher. Die Lippen zuckten, die Zunge drängte sich hervor, und die Rede brach los in donnerndem Wortschwall.»

Johann Jakob Steffan, Ölbild von Daniel Richard Freudweiler (1793–1827).
 

Beziehung zu Heinrich Pestalozzi

Von der geistigen Aufgeschlossenheit Steffans zeugt wohl die Freundschaft zu Heinrich Pestalozzi aufs schönste. Im Jahre 1815 beschenkte der grosse Erzieher seinem Wädenswiler Freund mit einem Exemplar der eben erschienen Schrift «An die Unschuld, den Ernst und Edelmut meines Zeitalters und meines Vaterlandes», in das er als Widmung schrieb:
an Herren
Stäffen von Wädenschweil
von Pestalozz.
Die Bekanntschaft zwischen den beiden mag auf Besuche Pestalozzis in Wädenswil zurückgehen. Pestalozzis Mutter war bekanntlich eine Wädenswilerin, und zu den Familien Hotze und Theiler bestanden verwandtschaftliche Beziehungen. Steffan war von den pestalozzischen Erziehungsmethoden begeistert. Er reiste daher um die Osterzeit 1817 nach Yverdon, wo er sich unter anderem mit den Zöglingen Stünzi und Bruch, dem Sohn des damaligen Wädenswiler Pfarrherrn, besprach. Eine eben beendete Reise durch die deutsche Schweiz hatte Steffan Gelegenheit geboten, eine Reihe von Äusserungen über Pestalozzis Pläne zu hören, die er nun seinem Freund unterbreiten konnte. So brachte er Neuigkeiten aus Aarau, Zürich und St. Gallen und aus dem «Philantropennest am See», womit zweifellos Wädenswil gemeint sein dürfte.
Voller Idealismus bewarb sich Steffan sogar um die Verwalterstelle am pestalozzischen Institut in Yverdon. Er liess aber wieder von seinem Vorhaben ab, da er sich mittlerweile mit dem Institutslehrer Joseph Schmid verfeindet hatte, und es im Gasthof «Zum Roten Haus» zwischen den beiden sogar zu einem heftigen Auftritt gekommen war.
Ein Brief vom 16. April 1818 zeigt aber, dass Johann Jakob Steffan auch weiterhin für Pestalozzi zu wirken versuchte und ihm für seine Werke eine Reihe von Subskribenten warb. Schon die Anrede des Briefes lässt erkennen, welche Verehrung der Wädenswiler dem bedeutenden Erzieher entgegenbrachte:
 
Freyburg, 16. April 1818
Vater!
Ich liebe Sie. Ich liebe Sie mit innigem Gemüthe und mit aller meiner Seele innewohnenden Kraft. Ich war so glücklich, davon Proben zu geben. Was ich mit Fellenberg, Usteri und Meyer von Schauensee verhandelte, füllte einen vollen Tag aus. Daher werde ich kommen, sobald ich aus dem Koth der notwendigsten Berufsarbeit heraus bin. Seit acht Tagen bin ich zurück, und erhielt gestern die Rede, die schon circuliert. Ich versprach 2 nach Wädenschweil, eine dem katholischen Pfarrer in Zürich und die vierte Herrn Staatssäckelmeister Meyer von Schauensee. Ich bitte, bitte, lassen Sie‘s doch von Zürich aus besorgen, die nach Wädenschweil an Herrn Pfarrer Bruch. Nebenstehend noch 14 Subscribenten, wenn Fontana nicht schon in der ersten Liste steht.
Ihnen, Hochwürdigster, und Schmid mit Leib und Seele ergeben
Steffan.
 
Auf der angeschlossenen Subskribentenliste figurieren unter anderem J. J. Stapfer von Horgen und der Kaufmann J. J. Hauser von Wädenswil.
Der letzte, der erhaltenen Briefe Steffans an Heinrich Pestalozzi lässt auf scharfe Gegnerschaft zu seinem Mitarbeiter Joseph Schmid schliessen. Er spricht davon, wie Schmid den altersschwachen Pestalozzi entwürdige. «Mein Leben dem Deinen zu weih‘n», schreibt Steffan unterm 17. April 1820 von Neuenburg aus, «war seit zehn Jahren der festeste Entschluss meines Herzens, demnach muss ich handeln, wenn auch unter Donner und Blitz, die keine Liebe töten, aber worunter der Bösewicht fürchterlich bebetl.
Pestalozzi hat sich offenbar auch Steffan gegenüber für Schmid entschieden. Jedenfalls schweigen sich die Akten über weitere Beziehungen zwischen Pestalozzi und Steffan von Wädenswil völlig aus.

Gemeindeammann in Wädenswil

Gegen Ende der 1820er Jahre lebte Steffan wieder in Wädenswil, wo er das Amt eines Gemeindeammanns bekleidete. Er wohnte im Haus «Reblaube» (Seestrasse 121), das damals seinem Schwager Hans Heinrich Hoffmann gehörte. Der redegewandte Steffan beschäftigte sich in jenen Jahren mehr und mehr mit der Politik. Er beteiligte sich an der Redaktion des Memorials von Uster, ja er darf sogar als der eigentliche Urheber jenes Schriftstückes gelten, das teilweise in einer Lithographie Wädenswils und teilweise in der Freuler‘schen Buchdruckerei in Glarus gedruckt wurde und folgenden Wortlaut trug
 
Stäfa, den 19. November 1830
Über 100 Freunde des Vaterlandes die sich heute in Stäfa versammelten, und denen das Heil der Zukunft am Herzen liegt, haben beschlossen, die allgemeinen Wünsche des Volkes für eine bessere Stellvertretung in der obersten Landesbehörde auf gesetzlichem Wege vor den Grossen Rat zu bringen. Zu dem Ende werden alle Landesbürger, die den Drang und die Not des Augenblicks fühlen und denen Glück und Wohlfahrt des Vaterlandes am Herzen liegen, dringend eingeladen, sich auf einer allgemeinen Landesversammlung künftigen Montag, den 22. November morgens 10 Uhr, in Uster einzufinden, von wo aus sogleich eine in Ruhe und Würde abgefasste Vorstellung an den Grossen Rat abgehen wird.
Der Segen der Nachwelt ruht auf dem Werke, an welchem jeder Freund des Vaterlandes teil zu nehmen nicht versäumen wird.
Die Comitbierten

Redner am Ustertag von 1830

Es versteht sich von selbst, dass Steffan, der schon an den Vorbereitungen des Ustertages von 1830 entscheidend mitgewirkt hatte, auch unter den Rednern figurierte. Der gutmütige, originelle aber doch etwas überschwängliche Gefühlsmensch sprach als Dritter, nach dem Müller Heinrich Guyer von Bauma und Dr. Hegetschweiler von Stäfa. Mit mächtiger Stimme verlas er die Petition, an deren Abfassung er tags zuvor mitgearbeitet hatte. In zündender Rede kam er auf die längst ersehnte Steuerermässigung und auf die Ablösung der Grundzinse zu sprechen. Damit brachte er die eigentlichen Treffer ins Volk. Und wie er merkte, dass dies besonders verfange, verstieg er sich zu ganz unziemlichen Forderungen − wie etwa die Abschaffung der Webmaschinen − so dass das Komitee schnell beschwichtigen musste: «Au da mues ghulfe si!» Ein unvergessliches Verdienst erwarb sich Steffan, indem er als Freund Pestalozzis von durchgreifender Verbesserung des Erziehungswesens sprach.
Ein unbekannter Augenzeuge des Ustertages schildert das theatralisch-stürmische Auftreten Johann Jakob Steffans in einem Brief an Prof. J. C. Bluntschli mit folgenden Worten:
«Auf Hegetschweller folgte Steffen, in dem man, auch ohne ihn vorher gekannt zu haben, den Enthusiasten, den überspannten Kopf von weitem schon erkennen konnte. Seine Gesten, die selbst auf dem Theater lächerlich gewesen wären, stachen allzu sehr ab gegen die bewegungslose Masse des Müllers Guyer. Während dieser kaum einmal von einem Fusse auf den andern hinüber stand und mit der einen Hand nie aus dem Hosensacke fuhr, als wenn es sich um das Umwenden eines Blattes handelte, sprang jener in die Höhe, bog den Oberteil des Körpers zurück, bis die Nase gegen den Zenit stand, sank von der Fussspitze auf die Ferse zurück und umgekehrt, und überstieg somit die Grenze, innert welcher allein der Redner gefallen kann. Er commentierte ebenfalls die aufgestellten Punkte und ermangelte dabei nicht, sich durch schlagenden Witz denjenigen Applaus zu verschaffen, der von dem grössten Theil eines solchen Auditoriums zu erwarten stand.
„Eine Vermögenssteuer für die Reichen“', rief er; drei Publizisten bei den Sitzungen des Grossen Rathes, damit sie aufschreiben können, was jeder plaudert! Den Zinsfuss von 5 Prozent auf 4 herab!“ und Ähnliches. Aus dem Haufen erhob sich nun hie und da eine Stimme: „So ist's recht, so muss es sein! Die könnens sagen! Hinweg mit den Webereien! Hinweg die Seidenspinnereien! Neue Gemeinderäte! Neue Amtsrichter! Einen neuen Grossen Rath! Eine neue Regierung! Keine Ausgaben mehr! Den Montierungsfranken hinweg! Die Landjäger hinweg!“ usw. Ja einer soll sogar geschrien haben: „Kein Waisenamt mehr!“ Hegetschweiler stand, man sah es ihm an, halb und halb unentschlossen, verdutzt. Steffan aber in seinen Exklamationen fuhr ungestört fort. Am klügsten für den Augenblick benahm sich Guyer. Jeden Ruf, der aus dem Haufen gegen die Tribüne gerichtet war, erwiderte er mit: „Soll auch berücksichtigt werden, ist bereits' aufgenommen, auch diesem Wunsch wird Rechnung getragen!“ und spendete so links und rechts Gnaden aus wie ein Fürst von dem Balkon seines Palastes herab.
„Gott im Himmel“, rief ich aus, „was haben diese drei Männer begonnen!“ Solche Gedanken laut werden zu lassen, durfte aber niemand wagen.»

Domänenkassier in Zürich

Nach der Umwälzung von 1831 wurde Johann Jakob Steffan Domänenkassier in Zürich und Mitglied des Grossen Rates. Dann vollzog sich bei ihm allmählich eine politische Wandlung. Er näherte sich der konservativen Partei und nahm gar an der Tagung der Konservativen in Kloten teil, was ihm seine Freunde sehr ankreideten. Warum Steffan bald aus seiner Staatsstellung zurücktrat, wissen wir nicht. Vermutlich war aber sein Gesinnungswandel hierfür ausschlaggebend. Vom Sommer 1847 an betrieb Steffan bis zum Jahre 1852 die Wirtschaft zur Steffansburg bei Zürich, die 1843/44 von seinem Bruder Konrad erbaut worden war. Den Lebensabend verbrachte Steffan seit 1853 bei seinem Neffen Johann Rudolf Hoffmann im Haus «Zum Friedegg» in Wädenswil. Am 12. November 1859 starb er in einem Spital in Zürich.




Peter Ziegler




Quellen und Literatur

Dr. Walter Höhn in Zürich, in dessen Besitz sich der briefliche Nachlass J. J. Steffans befindet, hat mir in freundlicher Weise alle Aufzeichnungen über Steffan zur Verfügung gestellt. Daneben benützte ich J. Th. Scherr, «Meine Beobachtungen, Bestrebungen und Schicksale während meines Aufenthaltes im Kanton Zürich 1825–1839» (S. 70/ 71), und einen Aufsatz von G. Stettbacher in der «Schweizerischen Lehrerzeitung» vom April 1931 über «Pestalozzi und Johann Jakob Steffan».