Bedeutende Wädenswilerinnen

Quelle: Jahrbuch der Stadt Wädenswil 1991 von Marlies Bayer-Ciprian

SUSANNA Hotz, 1720−1796, BOLLER

Etwas vor Frau Hauser-Wüest zur Welt gekommen und auch älter geworden, ist Frau Susanna Hotz. Beide Leben haben je einen ganz anderen Verlauf genommen, jedenfalls in den äusseren, vergleichbaren Teilen. Ob Frau Hotz auch Schwestern gehabt hat, entzieht sich meiner Kenntnis; drei Brüder aber, welche alle denselben Beruf ergriffen haben wie ihr Vater, drei Chirurgen nämlich, sind erwähnt. Sie selbst ist Tochter aus dritter Ehe ihres Vaters mit Barbara Haab. Bei ihrer Geburt war der Vater bereits 67, die Mutter 41 Jahre alt. Immerhin durfte er noch weitere zwölf Jahre der Familie vorstehen, bevor seine Tochter Halbwaise wurde. Offenbar hat die Chirurgenfamilie Susanna so stark beeinflusst, dass sie mit 22 auch wieder einen Chirurgen heiratete. Oder haben die Brüder die Verbindung arrangiert? Liebe war damals nicht der Hauptbeweggrund zu einer Hochzeit; es gab andere, ebenso wichtige Faktoren.
Nachdem sie also ihre ganze Jugend in Wädenswil, vermutlich auf dem Boiler, wo ihr Vater seine Chirurgenpraxis führte, verbracht hatte, kam sie nun durch ihre Ehe mit dem Chirurgen Johann Baptist Pestalozzi nach Zürich, Stadtbürgerin geworden. Ein Mitarbeiter ihres Mannes berichtet aber, dass ihr in der neuen Umgebung nie recht wohl geworden sei. Man habe sie ausgiebig spüren lassen, dass sie vom Land sei, nicht in die Stadt gehöre. Immer wieder gaben Susannas ländliche Abkunft und ländliche Manieren Gelegenheit zu Spott. So ist es nicht weiter verwunderlich, dass sie aus Anlass des Todes ihres Mannes mit 31 als Witwe wieder nach Wädenswil zurückgekommen ist. Bei Verwandten und Bekannten in Wädenswil und Richterswil fand sie mit ihrem vierjährigen Söhnchen, Johann Heinrich Pestalozzi, gute Aufnahme. Auch später hat Pestalozzi immer wieder seine Mutter und seine Verwandten, insbesondere einen Onkel, besucht. Es haben sich auch alle stark für seine manchmal ausgesprochen grossen Pläne eingesetzt und sie gefördert. So stammt also Susanna Hotz einerseits aus einer weitherum berühmten Chirurgenfamilie, ihr Vater war sogar in zweiter Ehe mit der Tochter des Landvogtes, mit Anna Esther Escher, verheiratet; andererseits wirkt sie durch ihren bedeutenden Sohn Johann Heinrich Pestalozzi auf eine Art weiter, die einen hoffen lässt, Susanna würde heute nicht mehr verspottet und verlacht wegen ihrer ländlichen Abkunft.
Heinrich Pestalozzi, 1746−1827, Sohn von Susanna Pestalozzi-Hotz.

Denn dass man nicht nur den Kopf, sondern auch das Gemüt des Menschen erziehen soll, versuchte ihr Sohn doch an uns weiterzugeben. Vielleicht, weil ihm seine Mutter aus ihren Erfahrungen aufs lebendigste zu berichten wusste?
 




Marlies Bayer-Ciprian