Von Wädenswilerinnen und Wädenswilern
Quelle: Gewerbezeitung Dienstag, 17. November 2020 von Peter Ziegler
Wer waren die Wädenswilerinnen? Und die Wädenswiler? Mit solchen Fragen befasse ich mich aus historischer Sicht seit mehr als 60 Jahren. Ja, wer waren sie, die Wädenswiler und Wädenswilerinnen?
Starkes Selbstbewusstsein Unternehmergeist, Freude am Wagnis und kritische Haltung gegenüber Obrigkeiten zeichneten die Wädenswiler seit dem Spätmittelalter aus. Ebenso der Freiheitswille, der sich schon früh und immer wieder bemerkbar machte. 1467/68 verweigerten die Angehörigen der Johanniterkomturei Wädenswil dem Zürcher Rat die Steuern, weil deren Erhebung altem Recht zuwiderlief. Erst die Besetzung der Herrschaft mit eidgenössischen Truppen machte die widerborstigen Untertanen gefügig.
Belagerung der Burg Wädenswil im Steuerstreit von 1467/68.
1646 verweigerten die Wädenswiler die Steuern abermals. Sie waren nur bereit, den Pflichten nachzukommen, wenn man ihnen auch Rechte, die zum Teil verbrieft waren, erneut gewähre. Wieder marschierten Truppen auf, die Rädelsführer wurden enthauptet, die Steuern unter Zwang bezahlt.
1804 kam es am Zürichsee erneut zum Aufstand gegen die Stadtherrschaft, nach dem Gefecht auf Bocken ob Horgen bekannt unter dem Namen «Bockenkrieg». Das Signal dazu gab eine Tat von Wädenswilern: Nach durchzechter Nacht zündeten einige Hitzköpfe das leerstehende ehemalige Landvogteischloss Wädenswil an, weil sie nicht mehr an die früheren Jahre städtischer Vorherrschaft erinnert werden wollten. Der von Schuhmacher Hans Jakob Willi (1772–1804) aus Horgen angeführte Aufstand endete mit Misserfolgen für die Landbevölkerung.
All diese Erhebungen sind Zeichen eigener Meinungsbildung, des Rechtsgefühls und des Engagements. Schon 1765 hat Johann Konrad Fäsi in seinem Werk «Staats- und Erd-Beschreibung der ganzen Helvetischen Eidgenossenschaft» den Charakter der Wädenswiler wie folgt beschrieben: «Die Bewohner der Herrschaft Wädenswil sind meist starke, handfeste und in ihren Leidenschaften, sowohl den guten als den bösen, heftige Leute.» Fäsi musste es wissen, amtete er doch von 1764 bis 1776 als Pfarrer in Uetikon, das damals zur Landvogtei Wädenswil gehörte.
«Das Weib, die Mutter …»
Nach dem Vorbild der französischen Salons trafen sich seit dem Ende des 18. Jahrhunderts Frauen der Wädenswiler Oberschicht – besonders die Gattinnen der Fabrikanten – zu Kaffee- und Teevisiten. Dass sie sich bisweilen auch beim Kartenspiel vergnügten, fiel dem Toggenburger Pfarrer Christian Friedrich Kranich (1784–1849) besonders auf. In seinem 1823 veröffentlichten Reisebericht «Wie ich Wädenschweil wieder sah», schreibt er über die Frauen: «Das Weib, die Mutter, hat viele Zärtlichkeit für die Kinder und die Reinlichkeit ist gewöhnlich ihre Tugend, nebst der häuslichen Ordnung. Sohn und Tochter werden frühzeitig zur Tätigkeit angeleitet … Auffallend war es mir indessen, wenn ich eine Gesellschaft von Frauenzimmern stundenlang am Kartenspiel sitzen sah, um einen fröhlichen Abend hinzubringen, was sehr oft geschieht. Dies scheint mir doch mit der edlen Weiblichkeit nicht verträglich zu seyn!»
Kartenspielen kam den Leuten des frühen 19. Jahrhunderts noch als unnützes Zeitverschwenden vor. Hatte es nicht auch sein Gutes? Es ist ein Zeichen von Geselligkeit, von Gemeinschaftssinn, der in Wädenswil auch stets ausgeprägt war und im jährlichen Chilbi-Treiben seinen Höhepunkt erreichte.
Karl Stamm, Lehrer und Dichter.
Hermann Müller-Thurgau, erster Direktor der Agroscope.
Kunstmaler Ernst Denzler.
Seebuebe
Konservativ-städtische Kreise prägten im 18. Jahrhundert für ihre auflüpfischen ländlichen Untertanen am Zürichsee den Ausdruck «Seebuebe». Dieser bezeichnete ursprünglich das Verhältnis der väterlichen Obrigkeit zu den noch unmündigen, ja bübischen Kindern. Nach der 1798 beziehungsweise 1830 erfolgten Gleichstellung von Stadt und Land wurde der einstige Spott- und Spitzname zum Ehrennamen. Die Wädenswiler sind solche Seebuben. Zu deren Merkmalen gehören ein erhöhtes Selbstbewusstsein, der Hang zu Geselligkeit, Angriffigkeit und Kritiklust, aber auch leidenschaftliches Temperament, das oft zu Reizbarkeit gesteigert erscheint. Besonders gut kommt dies im Seebube-Lied zum Ausdruck, das Emil Grolimund 1935 geschaffen hat. Man könnte es als «Wädenswiler Hymne» bezeichnen!
Partitur des Seebuebe-Lieds von 1935.