100 Jahre Gut
Malergeschäft Ernst, Walter und Beat Gut
Quelle: Jahrbuch der Stadt Wädenswil 2019 von Adrian Scherrer
Kurz nach dem Ersten Weltkrieg war die wirtschaftliche Lage der Schweiz desolat: Die massive Teuerung, hohe Arbeitslosenzahlen und ein Investitionsstau wegen der kriegsbedingt grossen Staatsverschuldung hatten im November 1918 zum Landesstreik geführt. Auch ein halbes Jahr später sorgten sie noch für düstere Aussichten. Dennoch wagte Ernst Gut im März 1919 den Schritt in die Selbständigkeit. Er gründete seine eigene Firma für Dekorations- und Flachmalerei in Wädenswil.
Know-how aus Paris
Die Firmengründung in einer schwierigen Zeit war mutig. Vielleicht war sie auch ein wenig inspiriert vom Optimismus, den Ernst Gut (1888−1980) noch vor dem Krieg in Paris kennengelernt hatte. Nachdem er 1908 die Lehre im Malergeschäft Tobler in Meilen abgeschlossen hatte, besuchte er während eines Semesters die Fachklasse für Dekorationsmaler an der Kunstgewerbeschule in Zürich. Danach reiste er nach Paris. Die Stadt war in den ersten Jahren nach der Jahrhundertwende in vielerlei Hinsicht ein Zentrum des Jugendstils, der damals gross in Mode war. Bei zwei verschiedenen Spezialisten für Dekorationsmalerei fand er eine Anstellung, so dass er sein Fachwissen vertiefen und auf den neuesten Stand bringen konnte.
Der Erste Weltkrieg bedeutete die Rückkehr in die Schweiz und Aktivdienst im Militär. Danach packte Gut die Herausforderung an, seine eigene Firma aufzubauen. Er prüfte die Übernahme eines bestehenden Malergeschäfts, entschloss sich angesichts der schwierigen Wirtschaftslage aber, als bescheidener Ein-Mann-Betrieb anzufangen. Die erhaltenen Inventare aus den Anfangsjahren zeigen, wie wenig es brauchte: Neben Vorräten an Ölfarbe, trockenen Farbpigmenten und Lacken verzeichneten sie nur einige Kessel und Eimer für die Farben, Pinsel, Spachtel und Schablonen, eine Farbmühle, einige Leitern und ein Velo sowie drei verschieden grosse Handwagen.
Anfänglich war der Betrieb an der Buckstrasse eingemietet. 1925 zog er in jenen Holzschopf, der noch heute hinter dem Haus Rosenbergstrasse 6 steht. Lohnlisten aus den Anfangsjahren zeigen, dass je nach Auftragslage mit mehreren Taglöhnern gearbeitet wurde, insbesondere in den Sommermonaten. Doch schon 1921 stellte Gut den ersten Mitarbeiter fest ein. Ab 1926 wurde jeweils auch ein Lehrling ausgebildet. Wie in vielen Handwerks- und Gewerbebetrieben wirkte Ernst Guts Frau Didi Gut-Zürrer im Familienbetrieb tatkräftig mit und erledigte administrative Arbeiten.
Firmengründer Ernst Gut mit seinen Malergesellen um 1926.
Zwischen 1925 und 1937 befand sich das Malergeschäft im Holzschopf an der Rosenbergstrasse 6.
In den 1920er-Jahren lag der Stundenlohn eines Malermeisters bei 1.50 Franken. Aufschlussreich ist dabei der Blick in alte Tarifvorgaben. Bis in die 1960er-Jahre gaben die Malermeisterverbände detaillierte Preistabellen heraus, die deren Mitglieder einhalten sollten. So kostete 1919 etwa der dreimalige Anstrich eines Fensterladens in traditionellem «Lichtechtgrün» 3.20 Franken pro Quadratmeter. Einfache Ölfarbenanstriche auf Holzwerk waren damals im Innenbereich die häufigste Form der Malerarbeit. Aber gelegentlich gab es auch Aufträge, die Guts besonderes Fachwissen als Dekorationsmaler forderten: Von Hand gemalte Holzimitationen – vor allem Eiche und Nussbaum – waren neben Marmorimitationen eine gefragte Spezialität. Heute ist das «Maserieren» eine beinahe vergessene Kunst, die höchstens noch bei Renovationen von denkmalgeschützten Altbauten zur Anwendung kommt.
Neubau an der Rosenbergstrasse
Im Frühjahr 1937 bot sich Ernst Gut die Möglichkeit, ein Grundstück an der Rosenbergstrasse 9 zu kaufen. Bis dahin hatte es als Lagergelände für Alteisen gedient. In kürzester Zeit entstand ein Projekt für ein Dreifamilienhaus samt Werkstatt. Der Bau nach Plänen von Architekt
Albert Kölla war – nach heutigen Massstäben – sehr schnell fertiggestellt: Die Baubewilligung trug das Datum vom 21. Mai 1937. Bereits am 10. Dezember des gleichen Jahres wurden die Wohnungen bezogen. Der Neubau fiel in eine Zeit, in der die Umsätze stiegen und das Unternehmen wuchs. Noch heute trägt das Haus das Familienwappen mit einem schwarzen Rappen auf gelbem Grund. Die Jahreszahl 1531 verweist auf die Ursprünge der Familie. Sie lässt sich auf ein Geschlecht in der Gemeinde Obfelden zurückführen, das seit dem 16. Jahrhundert nachweisbar ist.
Der steigenden Nachfrage in der zweiten Hälfte der 1930er-Jahre folgten die schwierigen Jahre des Zweiten Weltkriegs zwischen 1939 und 1945. Zwar war die Auftragslage gut genug, um die zwei inzwischen fest angestellten Mitarbeiter und den Lehrling zu beschäftigen. Aber die kriegswirtschaftlichen Rationierungsmassnahmen betrafen nicht nur Lebensmittel. Auch Farben waren rationiert. Engpässe wurden nicht selten mit Erfindergeist überbrückt: Aus gemahlenem Altglas stellte man Schleifpapier selbst her.
1950 schloss Walter Gut seine Malerlehre ab. Nachdem er die Meisterprüfung 1956 bestanden hatte, trat er in die väterliche Firma ein. Zehn Jahre lang hiess das Malergeschäft nun Ernst Gut + Sohn. In diese Zeit der gemeinsamen Arbeit fielen erhebliche Veränderungen. In den Boomjahren der späten 1950er- und frühen 1960er-Jahre wurde in Wädenswil viel gebaut. So stieg die Zahl der Haushalte zwischen 1960 und 1970 von 3349 auf 5123 an. Die grosse Bautätigkeit sorgte für volle Auftragsbücher. Innerhalb weniger Jahre verdoppelte sich der Umsatz. Die Zahl der fest angestellten Mitarbeiter stieg auf rund ein Dutzend.
Ernst Gut hatte künstlerisches Flair: Gekonnt setzte er sich in den 1920er-Jahren mit Kollegen in Szene.
Die Werbung im «Allgemeinen Anzeiger vom Zürichsee» war für ihre Zeit stets ausgesprochen modern.
Gleichzeitig veränderte sich auch die Arbeit der Maler. Kunstharze und Dispersionsfarben kamen auf. Die Veränderungen in der Farbenchemie erforderten Umstellungen in den Arbeitstechniken. Die Dispersionsfarben konnten nun mit einem Farbroller aufgetragen werden, was zu Zeitersparnissen führte. Bis dahin kamen vorwiegend Pinsel und Bürsten zum Einsatz. 1957 wurde zudem eine Spritzwerkstatt eingerichtet, die eine Zu- und Abluftanlage erforderte.
Nach 47 Jahren zog sich Ernst Gut 1966 aus dem Unternehmen zurück. Walter Gut führte den Familienbetrieb in zweiter Generation weiter. Zu den Spezialitäten gehörten nach wie vor auch historische Maltechniken, die etwa bei der denkmalgerechten Renovation des
Kirchgemeindehauses Rosenmatt angewendet wurden. Und für Walter Gut war zweifellos der Auftrag für die Neuvergoldung des Turm-Güggels auf der reformierten Kirche im Jahr 1983 ein ebenso prestigeträchtiger wie ehrenvoller Auftrag.
Im Lauf der 1980er-Jahre rückten zunehmend ökologische Anforderungen in den Fokus. Ein Aus- und Umbau der Werkstatt an der Rosenbergstrasse sorgte 1990 für bessere Arbeitsbedingungen, wurde aber auch den erhöhten Anforderungen an Ökologie und Ökonomie gerecht. So wurde zum Beispiel eine Vorreinigung des Abwassers eingerichtet.
Im gleichen Jahr legte Beat Gut die höhere Fachprüfung als Malermeister ab. Seit 1996 ist er als Vertreter der dritten Generation Inhaber des Malergeschäfts. «Gut verschönert ist halb gewonnen», heisst es in einer Broschüre aus diesem Jahr mit Augenzwinkern. Sie zeigt die Breite des Angebots, das die Firma bis heute pflegt. Ein Neuanstrich gehört nach wie vor zu den Kerngeschäften jedes Malergeschäfts. Aber weil Farben Stimmungen schaffen, zählt dazu auch die Beratung, welche Farben passen – bis hin zum umfassenden Farbkonzept für Alt- oder Neubauten.
Walter Gut mit seinem Team, 1986.
Ausgebaut wurde dieses Angebot 2016 mit dem Label «Farbstruktur». In der «Werkstatt für Raum und Farbe» bietet Gut zusammen mit der Innenarchitektin Kerstin Stöhr individuelle Beratungsgespräche, die Farbkonzepte ebenso wie Tapetenmuster und Stoffe umfassen, welche die beiden zu einem gestalterischen Ganzen zusammenfügen.
Der Sinn für gute Gestaltung gehört zum Berufsbild: Beat Gut und sein Team, 2019.
Michelle Gehrig, Lernende Malerin EFZ im Jubiläumsjahr.
Sonja und Beat Gut an der Jubiläumsfeier im Theater Ticino.
Von Ernst Guts Know-how in Dekorationsmalerei bis zum Fachwissen, bei Renovationen historische Ornamente nachzubilden, ist die Kenntnis besonderer Mal-Techniken noch heute der Schlüssel zu hochwertigen Resultaten. Nach wie vor gehören zum vielseitigen Angebot zudem das Tapezieren und die eigene Spritzwerkstatt, in der vom klassischen Fensterladen über Türen bis zu Möbeln und kleinen Gegenständen fast alles gespritzt und lackiert werden kann.