1894 Im ältesten erhaltenen Protokollband, betitelt «Copies de Lettres», finden sich, anfänglich noch in deutscher Schrift, Briefe, so etwa ein Briefwechsel des Korrespondenzaktuars E. Hürlimann-Weber mit dem Männerchor, bzw. mit dem «löblichen Gemeinderat Wädensweil». Es ging um einen Beitrag zur Anschaffung eines eigenen Klaviers. |
1916
Brief der Aktuarin Louise Wyssling an die Dampfbootverwaltung Zürich Wollishofen: «Da wir auch auf Musikfreunde überm See Rücksicht nehmen müssen, so fragen wir Sie höflich an, ob Sie nicht das Schiff, das kursgemäss 7.57 (d. h. 19.57, Red.) in Wädenswil abfährt, erst 8 1/4 wegfahren lassen könnten.» Dem Gesuch wird entsprochen, und der Chor sorgt für ein entsprechendes Inserat in der Zeitung.
Die Sparkasse schenkt dem Chor aus Anlass ihrer 100. Jahresrechnung 500 Franken, mit der Bitte, «von einer öffentlichen Verdankung Umgang zu nehmen».
Die Brauerei schickt 20 Franken, «als Beitrag an Ihr erlittenes Defizit».
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1922
Der Vorstand hat beschlossen, dass Aktivmitglieder, welche mehr als die Hälfte der Proben unentschuldigt gefehlt haben, an der Aufführung nicht teilnehmen dürfen.
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1921 Gesuch an beide Kirchenpflegen, am Konzerttag auf das Betzeitläuten vor halb 3 Uhr zu verzichten, «da es schade wäre, wenn der Genuss der Musik (es war das 'Requiem' von Cherubini) von einem Geläute unterbrochen würde». |
Von den verschiedenen Direktoren:
Karl Matthaei In einem der fast wöchentlich noch geführten Probenprotokolle ist bereits 1923 einmal vermerkt: «Der Direktor sieht sich zu einer Rüge veranlasst, da leider nur 2 Tenöre anwesend sind. Es geht aber trotzdem leidlich.»
Dr. Georg Graf
Ich erinnere mich, wie er am Flügel sitzt und uns die Wichtigkeit der grossen Terz für Dur, der kleinen Terz für den Moll-Dreiklang demonstrieren will. Mit gehaltenem Pedal schlägt er sämtliche C- und G-Töne auf dem Flügel an und setzt für den Dur-Dreiklang theatralisch ein einziges E, bei einem zweiten Durchgang für den Moll-Dreiklang ein einziges Es, dazu. Mit zurückgeworfenem Kopf und gespitzten Lippen kommentiert er: «Sie gsehnd, öb dur oder moll – der Akkord isch vollll!»
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Heinrich Funk
Aus der Lobhymne» über Heinrich Funk und seine Braut Trudi Bertschmann, mehrstrophig an der GV 1943 gesungen: «Det änne, bis Bertschmes, im Merkurhus, det lueget es Meitschi zum Fänster us,
und s Funke i der Flora händ au en Bueb, wo immer güggele tuet: holio u etc.»
«Probieren wir es noch einmal», so habe Heinrich Funk freundlich und unerschütterlich aufgefordert, wenn etwa eine Passage nicht gelingen wollte. So berichtet Hanna Stocker, die über 40 Jahre aktiv war und von 1942 bis 1975 in unermüdlicher und gewissenhafter Kleinarbeit die Chorbibliothek vorbildlich betreute.
Es war Kriegszeit. Nach der Probe sitzt man in der «Krone». Da ertönt Fliegeralarm, und der liebe Luftschutzsoldat Heiri muss sofort ins «Schloss» hinauf einrücken.
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Heinrich Funk verlor sehr früh seinen Vater und wuchs − so quasi à la Gottfried Keller − mit Mutter und Schwester auf. Es heisst, dass er vor Konzerten grauenhaft aufgeregt war. Die beiden Frauen mussten auf Pikett, wenn er seinem Kragenknöpfchen oder seiner Krawatte nachjagte.
Ein Schüler von ihm berichtet, dass er bei der Klavierstunde immer eine Tasse Kaffee neben sich hatte. Gern nahm er den jungen Mann auch zum Schlitteln auf den Etzel mit, damit er einen Steuermann hatte und er nicht bange sein musste um seine «Orgelbeine» . Bei einer Rückkehr mit der «Einsiedleri», wie die SOB damals genannt wurde, trafen sie einmal eine Menge Leidleute, und Heiri realisierte mit Entsetzen, dass er eine Beerdigung vergessen hatte.
Bei einem der geselligen Ausflüge auf den Jochpass hob Heiri Funk nicht den Taktstock, sondern sein linkes Bein in legerer Art auf das Brünneli vor dem Gasthaus und hätte es ohne fremde Hilfe nicht mehr heruntergebracht.
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Bei einem Konzert sang die hochgewachsene Altistin Nina Nüesch neben der zierlichen Maria Stader. Heiri Funk sorgte mit einem Schemel für einen gewissen Ausgleich, und Maria Staders lange Robe kaschierte das Requisit elegant.
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Ruedi Sidler
Ausflug nach Oberägeri. Vorprobe zum Gottesdienstsingen in der Kirche: Fatalerweise fehlen die Partitumoten. Preisfrage: Wer vom Ehepaar holt diese wohl zu Hause?!
Die farbigen Scheiben in der Kirche haben es Rudolf Sidler nicht angetan. So fordert er den Chor einmal auf: «So, singed emol äso schmätternd, dass es die elende farbige Schiibe äntli emol usejagt!»
Ein kleines, älteres Fräulein singt oft recht laut und... leider ein bisschen falsch. Heikle Sache. Eine der Sopranistinnen berichtet: Wir drehten es so, dass wir ihr vor der Hauptprobe sagten, sie möchte ihre starke Stimme etwas schonen, damit sie am Schluss, «wenn wir dann müde sind ... », den Part durchtragen könne. Sie befolgte den Rat grossartig, und das Konzert war gerettet.
«Stönd nöd da wie pangsionierti Mönch!» tadelt Ruedi einmal lachend.
Als Rudolf Sidler für 1949 «Ein deutsches Requiem» von Johannes Brahms plante, waren die Musiknoten noch nicht käuflich zu erwerben. Sie mussten von Hamburg entlehnt werden.
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Bassist H. St. möchte sich bei Ruedi entschuldigen und sagt ihm, dass er wegen seines Knies nächstesmal wahrscheinlich nicht zur Probe kommen könne. Ruedis Antwort: «Warum , mein lieber Hans? Seit wann singst du mit dem Knie?» |
Wenn das Winterthurer Orchester − anfänglich noch nicht derart motorisiert − jeweils am Samstag vor dem Konzert zur Hauptprobe kam, wurden die Musikanten und Solisten bei Wädenswiler Familien einquartiert. (Daraus haben sich übrigens über Jahre hinaus nette Verbindungen ergeben.) Ein Rundschreiben des Vorstandes an die Gastfamilien bittet einmal, man möge den Musikanten ein geheiztes Zimmer zur Verfügung stellen ... Als frisch erkorener Präsident wurde meiner Familie Edith Mathis, «Luzern und Köln», zugeteilt. Der NZZ-Kritiker Rudolf Wipf schrieb damals: «Die jugendliche Sopranistin Edith Mathis schenkte ihren herrlichen Arien jubelnden Glanz und tiefes Erleben.» Diese Arien und Koloraturen übte die Künstlerin am Sonntagmorgen in ihrem Zimmer. Unsere drei Maitli, wohl Klavier- und Streicherklänge gewohnt, staunten nicht wenig, und unsere kleine Beatrice wunderte sich: «Was macht au die do obe?» |
Von einer Korrepetitorin gehört: Wir haben selber bei Ruedi in den Proben etwa gestöhnt und sind uns gelegentlich geschunden vorgekommen. Am Konzert aber, da waren wir wie hypnotisiert; wir genossen es und hingen wie an geheimnisvollen Fäden gezogen, wenn Ruedi unsere Sopranistinnengruppe dirigierte.
Enkel Moritz erinnert sich eines launigen Ausspruches seines Grossvaters Ruedi Sidler. «Weisst du, was schlimmer ist als ein Orgelkonzert?» – ??? – «Zwei Orgelkonzerte!»
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1977
schreibt Rudolf Sidler in einem etwas erzürnten Brief an den Präsidenten den trostreichen Satz: «Der Kirchengesangverein war doch wohl mein liebstes Kind.»
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Mia Sidler ging nicht gern zum Arzt. Ein hartnäckiger Husten gebot aber doch einmal eine Konsultation. Bei der Untersuchung soll der auskultierende Arzt gesagt haben: «Ich höre da lauter Männerchorstimmen!» |
Das Unterbringen der Musikanten des Winterthurer Stadtorchesters brachte den Kindern der Gastgeber ungekannte Hochgefühle. Sie durften so etwa ein Fagott anrühren oder ein Horn in die Hand nehmen und haben sich sicher genauso königlich gefreut wie die Kinder in den Gwattwochen jetzt mit Felix Schudel, wenn etwa im Orchester mitgestrichen werden darf.
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«Blechpauli», der Vater unseres verehrten Gönners Paul Blattmann, der unsern Chor zu seinen Lebzeiten mit einem sehr hohen, sechsstelligen Betrag unterstützt hat, spielt im Orchester, das den Chor begleitet, die Bassgeige. Um mit den Intervallen sicher zu sein, markiert er sie auf dem schwarzen Griffbrett mit Kreide.
Spassvögel verschoben ihm diese einmal vor einem Kirchenchorkonzert, und die Intonation muss nicht gerade überwältigend gewesen sein ...
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Blechpauli spielt zuverlässig, glaubt aber einmal, als in seiner Stimme «G.P.» vermerkt war, das bedeute «grosse Pauke», und mächtig streicht er seinen Bass in diese Generalpause hinein. |
Wer vom Chor kennt nicht die Autonummer ZH 1297? Das ist doch unsere Frau Emmy Hürlimann-Streuli auf der Fuhr, die jahrzehntelang mitgesungen hat. Zwischen 1/4 vor und 8 Uhr konnte man sie am Freitagabend in den Rotweg einbiegen sehen, hier anhaltend, dort anhaltend, um noch eine Mitsängerin zur Probemitzunehmen. «Gave her a lift», würde man heute «modern» sagen. |