Wollte oft herausfinden, wer wohl bei Gott der ärmste Mensch sein musste, zu Lösungen kam ich nie, immer wurde das Rätsel verdeckt, unergründlich die Gefechte unter Engeln, feuchte Augen mein Gebet.
Zu seinem Gedicht «Abschied im September» äusserte sich der Autor mit Brief vom 24. Januar 1994 wie folgt: «Mit literarischen Produktionen ist es ähnlich wie mit der Popularität: Was einem gut gefällt, kommt nicht an, und was weniger gut gefällt, findet Anklang. Mir geht es jedenfalls so. Was ,Abschied im September' betrifft, so wurde mir von verschiedener Seite unter grossen Beifallskundgebungen gesagt, wie hervorragend dieses Gedicht sei; gleichzeitig riet mir ein Freund, Ihnen dieses Gedicht zu schicken ... Ich finde es nicht besonders ... »
Und an anderer Stelle: «Ich habe mir schon oft und früher überlegt, ob ich in die Politik einsteigen soll, anders zwar als mein Vater, ich bin im Lauf der Jahre ein sehr bewusst konservativ denkender Mensch geworden und stehe den Linken und Extremen meistens ratlos gegenüber, immer hoffend, dass menschliche Prozesse greifen würden. Doch für mich ist der Zug längst abgefahren, der Zug der Politik, die ich privatem Wirken hintanzustellen gezwungen bin. Mir fehlt auch die Fähigkeit zu ,schnurren' ... So bin ich halt auch ein bisschen sehr Mönch geworden, der sein Schweigen über alles liebt.»
Über dem Schreiben, seiner Leidenschaft, vergisst Jürg Signer mitunter auch die Zeit. Und dann kommt postwendend ein Brief: «Ich muss mich noch aufrichtigst bei Ihnen entschuldigen: Am 26.12.93 um 00.30 Uhr hat bei Ihnen das Telefon einmal geläutet; das war ich, in der irrtümlichen Annahme, Sie hätten einen identischen Fax-Empfang mit automatischem Umschalter bei der Telefonwahl ... » So der Anfang eines mit Schreibmaschine eng beschriebenen vierseitigen Briefs, in dem vieles aufbricht, was den sensiblen Zeitgenossen Jürg Signer beschäftigt hat und noch beschäftigt, und das er schreibend verarbeitet. Ein Brief, der dann weitergeht mit den Worten: «Es ist inzwischen 3 Uhr früh geworden, und ich will schliessen mit meinem Aus-der-Schule-Plaudern ... »
Und dann – trotz vielen kritischen Gedanken, nach rückwärts gewendetem nächtlichem Sinnen, aus dem zuweilen auch Enttäuschung, nicht aber Verbitterung spricht – ein hoffnungsvoller Blick in den kommenden Tag mit neuen Plänen: «Bald braue ich mir frischen und feinen duftenden Morgenkaffee; heute kommt die Zeitung nicht, es ist ja Sonntag. Die Mutter ist wieder im Spital, ich will sie auch heute besuchen.»