Wädenswil bzw. Wädensweil im Jahr 1868 (Teil 1)
Quelle: Gewerbezeitung Wädenswil, Donnerstag, 30. November 2017 von Peter Ziegler
Vor 150 Jahren lebten in «Wädensweil» fast 6000 Menschen – ohne Gas, Strom, Eisenbahn und fliessendes Wasser. Historiker Peter Ziegler schaut auf diese Zeit zurück und erzählt unter anderem, wann und wo man seine Steuern – 1 Franken pro 1000 Franken Vermögen – bezahlen musste und wie die Feuerwehr das Wasser transportierte.
Sodbrunnen im Haus Gerbe, entdeckt 1994.
Ausgang mit Kerzenlicht
Das Gaswerk entstand 1874 als Aktiengesellschaft, die Nordostbahn verkehrte am linken Seeufer ab 1875, eine Gesellschaft schuf 1878 die Wasserversorgung, das Elektrizitätswerk an der Sihl nahm 1895 den Betrieb auf. Vorher erhellten Petrollampen oder Kerzen die Räume, und für den nächtlichen Ausgang benützte man oft ein Kerzenlicht, da es erst wenige, mit Öl gespeiste Strassenlaternen gab, betrieben von der 1853 gegründeten privaten Dorfbeleuchtungsgesellschaft.
Auf kantonaler Ebene gaben die Wahlen in den Verfassungsrat zu reden, der bis 1869 die Revision der Zürcher Kantonsverfassung von 1831 auszuarbeiten hatte. Aus Wädenswil wurden die Kantonsräte Heinrich Haab in der Aamüli, Hauser zum Scharfeck, Blattmann zum
Grünenberg sowie Gemeinderat
Walter Hauser-Wiedemann, der spätere Bundesrat, gewählt.
Drei Stunden Fahrt nach Zug
Auf dem Zürichsee verkehrten Dampfschiffe, und den Güterverkehr besorgte die 1868 gegründete Speditionsgesellschaft Wädensweil. Ein von Zürich herkommender Postkurs verliess Wädenswil um 12 Uhr und traf um 14.20 Uhr in Einsiedeln ein. Zurück ging es um 17.50 Uhr, mit Ankunft in Wädenswil um 19.30 Uhr und Weiterfahrt nach Zürich. Auch nach Zug bestand eine Postverbindung. Die Kutsche verliess Wädenswil um 15.30 Uhr und erreichte Zug um 18.20 Uhr. Die Strassen im Dorf waren staubig und es gab keine Trottoirs.
Dampfschiff «Taube», gebaut 1864/65.
Acht verschiedene Gemeinden
Nebst der politischen Gemeinde gab es die für das Waisenhaus zuständige Bürgergemeinde, die Kirchgemeinde, die Schulgemeinde Dorf, die Sekundarschulgemeinde Wädenswil-Schönenberg und die selbständigen Schulgemeinden Langrüti, Stocken und Ort (bis 1925).
Der Gemeinderat, präsidiert von Heinrich Baumann-Herdener, zählte elf Mitglieder; als Gemeindeschreiber amtete Jakob Höhn. Für die Gemeinderatskanzlei stand ab diesem Jahr ein Zimmer im neuen
Sekundarschulhaus zur Verfügung.
Eidmattschulhaus, Kirche und Pfarrhaus. Zeichnung von A. Honegger, 1867.
1 Franken Steuern
Oberstes Organ waren die Gemeindeversammlungen, welche Budget und Rechnung genehmigten und für die Wahlen zuständig waren. Die Steuern mussten persönlich in die Gemeinderatskanzlei gebracht werden. Am 21. und 25. März war die Gemeindesteuer fällig. Je ein Franken wurde eingezogen von 1000 Franken Vermögen, von jeder Haushaltung und von jedem Mann. Als Schulsteuer waren von den drei Kategorien gleichzeitig je 20 Rappen zu entrichten, als Armensteuer am Samstag 20. Juni zwischen 13 und 18 Uhr je 1.20 Franken und als Kirchensteuer am 29. August oder 2. September je 50 Rappen. Nicht zu vergessen die Staatssteuer, deren Höhe in der Zeitung nicht genannt wird. Sie musste am 15. Januar zwischen 13 und 17 Uhr in der Kanzlei abgeliefert werden.
Drei Häuser und Waschhausanbau
Wädenswil wird 1870 genau 771 Häuser und 1305 Haushaltungen zählen. Die «Baugespanne», die Gemeindeschreiber Höhn namens des Gemeinderates publizieren liess, hielten sich 1868 in Grenzen: Zu den neuen Scheunen in der Mittleren Rüti, auf Felsen, im Oberort, beim Meierhof und an der Türgass kamen ein Scheunen-, ein Waschhaus-, ein Trotthaus- und ein Werkstattanbau, ein Holzschopf und nur drei Wohnhäuser sowie drei Zinnenanbauten.
Eine wichtige Gemeindeaufgabe war das Feuerlöschwesen. Dienst in der Feuerwehr hatten alle Männer vom 19. bis zum 60. Altersjahr zu leisten. Die Gemeinde war in mehrere Löschkreise eingeteilt: so Dorf, Waisenhaus, Langrüti, Stocken und Ort. Immer am Chilbimontag fand im Dorf die grosse Hauptübung statt. Erprobt wurden dann die beiden Spritzen. Schöpfer, Wasserträger, Schlauchträger und Wendrohrführer aus Dorf und Ort kamen zum Einsatz. Zur Löschmannschaft zählten auch das Leitern- und Hakenkorps sowie die Windlicht- und Laternenträger. Hydranten gab es noch nicht. Das Wasser wurde mit ledernen Eimern aus Bächen, Feuerweihern und Brunnen geschöpft. Im November hatten auch die in den Sektionen Langrüti und Stocken ansässigen Feuerwehrmänner zur Übung anzutreten.
Spritze der Feuerwehr. Vignette im «Anzeiger».
An der Dorfschule unterrichteten sechs Lehrer je eine Klasse; Langrüti, Stocken und Ort waren Gesamtschulen. Die Eltern hatten ein Schulgeld zu bezahlen, das die Kinder am 13. März dem Lehrer ablieferten. Für die 2. Klasse war dies 1.50 Franken Schullohn und 5 Rappen für Lehrmittel. Für einen Knaben in der 4. bis 6. Klasse mussten 1.50 Franken und 40 Rappen für Lehrmittel entrichtet werden, für Töchter ebenfalls 1.90 Franken, dazu 70 Rappen als Arbeitsschullohn. Als Färber Gehring mit seiner Familie von Wädenswil wegzog, dankte er den Lehrern mit einem Inserat herzlichst dafür, dass diese sich um ihre Kinder bemüht hatten.
An der vom Handwerksverein geführten Handwerksschule wurde am Sonntagmorgen von 6 bis 8 Uhr und am Montagabend von 18 bis 20 Uhr Unterricht erteilt.
Sekundarschulhaus, eingeweiht 1868.
Wädi im Jahr 1868 (Teil 2)
Quelle: Gewerbezeitung Wädenswil, Dienstag, 30. Januar 2018 von Peter Ziegler
Viele Häuser standen im Jahre 1868 auch zum Verkauf, sei es wegen Geldschwierigkeiten, Konkurs, angeschlagener Gesundheit, Todesfall oder Auswanderung nach Amerika oder Australien. Verkaufsfördernd waren ein Garten, ein Hühnerhof, ein Holzschopf oder gar ein Badehäuschen.
Eine Nähmaschine zu Weihnachten.
Öfen von Paul Bindschedler.
Fleisch aus der Metzgerei «Zum Trauben». 1926 wurde die zum See orientierte Hälfte des Hauses Seestrasse 145 für die Verbreiterung der Seestrasse abgebrochen.
Tirggel von Zuckerbäcker Johann Jakob Suter.
Als auf dem Kochherd noch Eisen- und Kupferpfannen standen.
Im Haus Florhof von Arnold Rüegg wurde der «Allgemeine Anzeiger vom Zürichsee» gedruckt und auf der Expedition konnten Fundgegenstände abgegeben werden.
Da es noch kein Fundbüro gab, musste man einen Verlust durch ein Inserat im «Anzeiger» bekannt machen. Und dies alles wurde verloren: 1 Paar Stiefel und 1 Geldtäschchen mit einem Franken Inhalt, 2 Kalbfelle, 1 schwarzes Pelzkrägli, 1 goldener Fingerring, 1 Brieftasche mit 2 Hausierpatenten, 1 Sackmesser mit Hirschhorngriff, 1 wollene Pferdedecke, 1 Brosche mit roten Steinen, 1 Korbdeckel, 2 Mappen mit Porträts und Zeichenpapier, 1 goldener Uhrschlüssel, 1 goldene Stecknadel. Meist wurde gebeten, den Gegenstand auf der Expedition der Zeitung abzugeben, und versprochen ein Finderlohn: so 10 Franken für eine emaillierte Brosche mit Fotografie. Ein «anständiges Trinkgeld» stand in Aussicht für eine schwarze, seidene Schürze und «ein schönes Trinkgeld» für einen schwarzen, seidenen Schleier. Bisweilen gab auch der Finder ein Zeitungsinserat auf und vermerkte, man könne den Gegenstand gegen Vergütung der Inseratengebühr (10 Rappen pro Spalten-Zeile) abholen. Gefunden wurden unter anderem eine schwarze Schnupftabakdose, ein goldener Fingerring, eine Brille, eine Schürze und eine Kappe.
Wädenswil im Jahre 1868 (Teil 3)
Quelle: Gewerbezeitung Wädenswil, Dienstag, 13. März 2018 von Peter Ziegler
«Grünenberg» und Stärkefabrik Blattmann.
Exlibris der 1790 gegründeten Lesegesellschaft Wädenswil.
Im Schützenhaus am Rotweg wurde von 1859 bis 1894 geschossen. Dann baute man das Gebäude zum Wohnhaus um. 1952 wurde es für den Bau des Sekundarschulhauses abgebrochen.
Fasnacht und Chilbi
Ein wichtiges Fest war die
Fasnacht. Auswärtige Händler boten Tage vorher ihre «Masken und Maskenkleider» an. Probieren konnte man die Verkleidungen in Maskengarderoben in verschiedenen Gaststätten, zum Beispiel im
«Engel» und im
«Schiffli». Beliebt waren Tanzanlässe an der Fasnacht, so im «Engel», in der
«Sonne», im
«Liebegg» oder in der «Hamburg». Getanzt wurde auch an der Chilbi, am Erntesonntag, am Sausersonntag sowie am Jahrmarkt im April und Oktober.
An der Chilbi gab es noch keine Reitschulen, dafür konnte man mit der Armbrust schiessen oder Kegel schieben. Und lecker waren die Eierröhrli, Küchli und Zigerkrapfen. Gattiker «Zum Schiffli» lud an der Chilbi 1868 zu einer «Gesangs-Soirée» ein. Am Chilbimontag fand die Hauptübung der Feuerwehr statt, und in der Kirche kamen Kirchenörter auf die Gant. Verkauft wurden sie entweder zu Erb und Eigen oder vermietet für ein Jahr, beziehungsweise lebenslänglich.
Am Chilbimontag wurden in der reformierten Kirche Sitzplätze, sogenannte Kirchenörter, versteigert.
Mode
Vereinzelt stösst man im «Anzeiger» von 1868 auf Inserate aus dem Modebereich. Die Rede ist von Tanzschuhen, Töchter- und Kinderstiefeln, Gummiüberschuhen, von wollenen Strümpfen, Unterkleidern aus elastischem Gesundheits-Crèpe, Leibbinden, Hosen, Flanell-Hemden, Krägli und Stulpen, weissen Glacé-Handschuhen, schwarzen Seidenhalstüchern, Rosshaarhüten, Strohhüten mit Bändern und Blumen, Sonnenschirmen und Hutschachteln.
Lebensmittel
Die Metzgereien boten 1868 eine grosse Auswahl an Fleisch an: Kalbfleisch, Kuhfleisch, Ochsenfleisch, Rindfleisch, Schweinefleisch, Schaffleisch und Geissfleisch. Dazu Bratwürste, Servelas, Blut- und Leberwürste sowie Speck. Die Bäcker lieferten Weissbrot oder Mittelbrot. Angeboten wurden in Wädenswil ungarisches Königsmehl, italienisches Maisgries, Emmentaler Käse, gesottene Butter und Schweineschmalz. Laut Inseraten konnte man folgende Gemüse kaufen: Salat, Spinat, Rettig, Karotten, «Pois verts», Kohlraben, Frühkohl, Sauerkraut, Höckerli, Erdäpfel und Spargeln. Dazu kamen Trauben, Äpfel, Birnen und Zwetschgen. Südfrüchte fehlen im Angebot des Gärtners Friedrich Gallmann oder der verschiedenen Lebensmittelläden, genauso wie Kaffee, Tee und Schokolade. Getrunken wurde nebst Wasser und Milch viel Most und Wein. Zur Sauserzeit war das Angebot in den vielen Gaststätten besonders gross.
Zu verkaufen
Nicht nur Ladenbesitzer und Händler boten mit Zeitungsinseraten Waren zum Kauf an, sondern auch Private. Staub im Büelen wollte sich von einem Amselkäfig trennen und Johannes Isler ob der «Krone» von einem grossen runden Tisch und einem «einschläfigen vollständigen Bett». In weiteren Verkaufsanzeigen geht es zum Beispiel um ein gut erhaltenes Tafelklavier, einen soliden Kinderwagen, einen ledernen Koffer, eine Seidenwindmaschine, zwei Wagenräder, Wein-, Most- und Träschfässer und um Kirchenörter in der reformierten Kirche.
Stellengesuche
Interessant sind die Stelleninserate, die sich im «Anzeiger» von 1868 finden. Gesucht werden ein Mädchen von 16 bis 17 Jahren, das sich den häuslichen Geschäften willig und fleissig annimmt; eine brave Magd; eine junge, rechtschaffene Magd; ein treues, braves Mädchen, das die Hausgeschäfte versteht; eine arbeitsame Magd; eine treue Magd, die Liebe zu den Kindern hat; Frauen zum Waschen, Putzen, Spetten und Flicken. Und auch das gibt es: Brunnenmacher Scheller, der sich scheiden lassen will, bittet durch Inserat, seiner Frau auf seinen Namen nichts mehr anzuvertrauen.
Auswanderer
Was in unserer Gegend in den 1840er Jahren begonnen hatte, setzte sich auch in den 1860er Jahren fort: die Auswanderung. Das Auswandererbüro Wirth & Fischer in Aarau machte in der Zeitung Angebote für Transporte nach Amerika. J. Egli in Rapperswil vermittelte Post-, Dampf- und Segelschiff-Transporte nach allen Teilen Amerikas und Australien und verkaufte nützliche Schriften für Auswanderer: «Nordamerikanische Haus- und Landwirtschaft des Schweizer Konsuls in Chicago», «Eisenbahnkarte von Nordamerika» sowie die Schrift «Die argentinische Republik als Auswanderungsziel» von Carl Beck, dem Gründer und Direktor der Schweizerkolonie San Carlos bei Santa Fé. Dass auch Wädenswiler auswanderten, belegt das Inserat von J. Kuppisch im Rothaus, der wegen Abreise seinen Hausrat billig zu verkaufen versprach.
Werbung für Mode und Brot.