Wenn ein Dorf zur «Stadt» wird
Quelle: «anthos», Zeitschrift für Landschaftsarchitektur 4/1993, Baden 1993 von Peter Ziegler
Wädenswil am Zürichsee war 1941 ein Dorf mit 9436 Einwohnern und vielen typischen dörflichen Merkmalen. Dann setzte ein tiefgreifender Wandel ein. 1974 führte man das Gemeindeparlament ein. Wädenswil wurde damit offiziell zur Stadt: Eine nicht unproblematische Entwicklung, wie sie viele Orte im schweizerischen Mittelland durchgemacht haben.
Blick vom Kirchturm gegen die Fuhrstrasse.
Vertraute Umgebung, vertraute Menschen
Metzgereien, Bäckereien, Gemüseläden, das Migros-Auto oder die Läden des Einwohnervereins waren vertraute Orte des täglichen Einkaufs. Grosse Einkaufszentren und Selbstbedienungsläden fehlten. Auf dem obligaten Familienspaziergang am Sonntagnachmittag im schönen Sonntagsgewand begegnete man Familien, die sich grüssten und beim Namen nannten. Man kannte sich im Dorf. Man traf sich bei der Arbeit, im Gottesdienst, an der Gemeindeversammlung und meist in mehr als einem der vielen Dorfvereine. Wädenswil war überblickbar. Viele wussten von vielen vieles, aber das war auch nicht immer gut.
Wandel unter Hochkonjunktur
Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde auch Wädenswil von einer rasanten Entwicklung erfasst, die den kleindörflichen Rahmen sprengte. 1950 wurde die Grenze von 10‘000 Einwohnern überschritten; 1960 zählte man 11‘677 Personen, 1970 15‘695, 1980 18‘674, 1992 19‘616. Mehrfamilienhäuser und neue Wohnsiedlungen schossen aus dem Boden, besonders in der einst ländlichen Au. Einfamilienhäuser und Terrassensiedlungen zogen sich am Dorfrand und ob dem Dorf immer höher hangaufwärts. Allein für das Dorfgebiet mussten zwei neue Primarschulhäuser, zwei Oberstufenschulhäuser und verschiedene Kindergärten gebaut werden. Die Nationalstrasse N 3 führte nun durchs Gemeindegebiet. Neue Gemeindestrassen entstanden; andere wurden verbreitert, damit u.a. der 1953 eingeführte Ortsbus besser verkehren konnte. Als Spielplatz waren die meisten zu gefährlich. Wohnstrassen und vielfach leider wenig attraktive Spielplätze wurden geschaffen. Im Ortskern hatten alte Bauten modernen Wohn- und Geschäftshäusern zu weichen.
Wädenswil in den 1950er Jahren.
Konzequenzen des Wandels
Wohin hat Wädenswils Wandel schon geführt? Zur Reduktion von Grünfläehen, zum Abbruch alter Bausubstanz, zur Bedrohung der Natur, zu Umweltbelastung, Energieproblemen, Verkehrslärm, Verknappung des Baulandes, Ausbau der Infrastruktur, hoher Verschuldung. Aber fairerweise sei es gesagt: Sicher auch zu guten, neuen, zeitgemässen Lösungen. Mit der Bau- und Zonenordnung von 1984 und der Bauordnung von 1993 wurden Grundsatzentscheide getroffen, nicht nur im Sinne des Wandels, sondern auch zugunsten der Konstanz.
Gasthof «Ochsen» an der Ecke Lindenstrasse/Zugerstrasse.
Goldschmied Hess-Haus beim Zentral.
Blick von der Zugerstrasse in den Reblaubenweg, heute Standort Coop.
Areal Eidmatt mit Freischulhaus und Turnschopf.