Familie und Tätigkeit als Architekt

Autor: Andreas Hauser, Juli 2018

Bei der nachfolgenden Biographie von Hans Streuli steht nicht der Politiker, sondern der Architekt im Vordergrund. Ein ausführliches Kapitel behandelt seine diesbezügliche Ausbildung und Berufslaufbahn (II Hans Streuli als Architekt), ein weiteres Kapitel gibt eine Übersicht über seine wichtigsten Bauten (III Werkkatalog). Vorangestellt ist aber ein Kapitel über die Familien von Streuli und seiner Frau Clara geborene Pünter und deren Liegenschaften (I Familie und Familienhäuser). Warum das Sinn macht, wird unten begründet.

Quellenlage und Danksagung
Das Schrifttum über Streuli fokussiert meist auf dessen politische Laufbahn. Einen weiteren, kulturgeschichtlichen Blick hat einzig Peter Ziegler (geb. 1937) in der Würdigung „Zum hundersten Geburtstag von Bundesrat Dr. Hans Streuli (1892-1970“ (Allgemeiner Anzeiger vom Zürichsee/Grenzpost 13. Juli 1992). Als Meister der „oral history“, hat Ziegler sich auf Auskünfte von Streulis ältester Tochter Regula (1928-2017) gestützt. Sie hat bis zu ihrem Tod im Elternhaus und lange Zeit sogar in der elterlichen Wohnung gelebt und diese praktisch unangetastet hinterlassen. Der Schreibende hat Regula nicht mehr kennenlernen können, wohl aber ihre beiden jüngern Geschwister, die 1932 geborenen Zwillinge Hans Kaspar Streuli-Monnard und Susanne Blumer-Streuli. Sie und vor Allem auch das Ehepaar Christian (geb. 1955) und Bettina (geb. 19**) Blumer-Stutz haben den Schreibenden durch Auskünfte, Ausleihe von Dokumenten und eigene Recherchen (Bettina Blumer) tatkräftig unterstützt. Dafür und für den stets liebenswürdigen Empfang grossen Dank!
Wenn wir unten Schriftstücke (vor allem Briefe) zitieren, ohne den Aufbewahrungsort zu bezeichnen, befinden sie sich im ausserordentlich reichhaltigen Familienarchiv Streuli. Wohin dieses später kommt, ist derzeit noch offen.

Quellen und Literatur
Nachfolgend die für die Familiengeschichte wichtigsten Quellen aus dem Familienarchiv Streuli und eine Diplomarbeit über den Maler Friedrich Christian Schmidt:

1. Stammbaum Streuli = Stammbaum Familie Streuli (Familienarchiv Streuli).
2. Bäumlein 1916 = Walter Bäumlein: J. Streuli’s Erben... Waedenswil, Postgebäude (Zeugnis über die Vermögensverhältnisse von Süsette Streuli und das ihr und ihrem Sohn gehörige Postgebäude, mit Stempel der Auskunftei Schimmelpfeng). Familienarchiv Streuli.
3. Bäumlein ca. 1955 = Walter Bäumlein: Susette Streuli-Schmidt. Aus ihrem Leben. Typoskript o.J., Familienarchiv Streuli (möglicherweise aus Anlass von Süsettes Tod 1955 geschrieben). Familienarchiv Streuli.
4. Jullien 2005 = Mirjam Jullien: Christian Schmidt, Dekorationsmaler und Restaurator. Ein Beitrag zur Schweizerischen Restaurierungsgeschichte. Diplomarbeit Hochschule der Künste Bern. Online.
5. Pfister 1911 = Pfarrer Pfister: Leichenrede für Jean Streuli [1911]. Familienarchiv Streuli.
6. Streuli über F.C.Schmidt ca. 1913 = Süsette Streuli-Schmidt: Christian Schmidt (1835-1911 (Lebenslauf von Süsettes Vater, auf der Basis von Aufzeichnungen Schmidts und eigenen Erinnerungen, verfasst frühestens 1913). Familienarchiv Hans Kaspar Streuli.

I Familie und Familienhäuser

Eigene und familiäre Liegenschaften spielen in Streulis Leben eine wichtige Rolle. Er hatte sein Architekturbüro in einem Haus, das er mit Hilfe seiner Mutter und mit dem Verkaufserlös eines väterlichen Miethauses gekauft hatte, und den grössten Teil seines Lebens wohnte er in einem Haus, das von den Vorfahren mütterlicherseits seiner Frau Clara Pünter stammte. Ausserdem kamen viele Bau- und Umbau-Aufträge aus familiärem Umfeld. Das wäre an sich schon Grund genug, die Familiengeschichte näher anzuschauen, aber diese interessiert auch aus kulturgeschichtlicher Sicht: Es wird deutlich, aus welchen Milieus der Architekt und Magistrat Streuli und seine Frau Clara stammen – aus denen einerseits von tüchtigen Flach- und Dekorationsmalern, andererseits von wohlhabenden Gerbern.

Die untenstehenden drei Paarfotos zeigen in der Mitte Clara Streuli geborene Pünter (1897-1989) und Hans Streuli (1892-1970), rechts dessen Eltern Anna Susanna (Süsette) Streuli geborene Schmidt (1864-1955) und Jean Streuli (1860-1911) und links Claras Eltern, Berta Pünter geborene Ryffel (1872-1952) und Robert Pünter (1865-1921). Von all diesen Personen wird im Folgenden die Rede sein, zusätzlich auch von der Grosseltern und Kindern.

1 Die Vorfahren von Hans Streuli

Streulis Vorfahren väterlicherseits waren seit vielen Jahrhunderten in Wädenswil ansässig. Im Familienstammbau figuriert ein Jakob Streuli-Fierz (1586-1652) als Stammvater. Wir setzen aber erst bei Streulis Grosseltern ein.

1.1 Hans Streulis Vater Jean Streuli: Vorfahren und Leben

Grosseltern väterlicherseits: Johannes und Louise Streuli-Hürlimann
Hans Streulis Grosseltern väterlicherseits waren Johannes Streuli (1825-1864) und dessen Frau Louise geborene Hürlimann. Sie bewohnten ein – nicht mehr existierendes - Bauernhaus in Au-Oberort, das möglicherweise von einem Vorfahren von Johannes erbaut worden war und später dem Architekten Heinrich Bräm gehörte (vgl. Beschriftung auf der Rückseite einer Fotografie im Familienarchiv Streuli).
Das Ehepaar hatte fünf Kinder, von denen drei das Erwachsenenalter erreichten: 1) Martha (1858-1916), 2) Johannes (genannt Jean) (16.12.1860-1911) und 3) Robert (1864-1950). Johannes senior starb 1864, seine Frau Louise 1872, so dass die Kinder bei Verwandten und Bekannten untergebracht werden mussten, Johannes bei der Familie Trümpler (Pfister 1911).

Der Vater: Jean Streuli-Schmidt
Johannes junior genannt Jean Streuli (1860-1911) machte nach der Schule eine Lehre in der Malerfirma Fleckenstein & Schmidt und bildete sich daraufhin während sieben Jahren „in der Fremde“ weiter (zum Folgenden vor Allem Pfister 1911). Er soll in Paris geweilt haben; sicher war er in Leipzig und Berlin (vgl. Fotos von dort ansässigen Fotografen). In der letzteren Stadt arbeitete er mit seinem Lehrkameraden und zukünftigen Schwager Christian Jakob Schmidt in einem Malergeschäft Gärtner (Jullien 2005: 12 und 22). Zurück in der Schweiz, machte er sich selbständig, zuerst in Wädenswil, dann in Zürich-Riesbach, wo er ein Malergeschäft übernahm.

Am 15. Juni 1891 heiratete er Anna Susanna Schmidt (1864-1955), genannt Süsette, bei deren Vater er die Lehre gemacht hatte; am 13. Juli 1892 wurde dem Paar ein Sohn geboren: Hans.

Nach einigen Jahren zog es das Ehepaar Streuli-Schmidt ins Dorf zurück, in dem sie aufgewachsen waren, nach Wädenswil. 1895-96 baute Jean Streuli „auf dem Brunnenhausareal das stattliche Postgebäude“ (Seestrasse 105) – so genannt, weil in ihm die Eidgenössische Post ihre Büros hatte (Bäumlein 1916).

In diesem für das damalige Wädenswil monumentalen, reich geschmückten Bau betrieb er sein Malergeschäft, und in ihm wohnte er auch. Weitere Einkünfte lieferte die Vermietung zweier „herrschaftlicher Wohnungen“. Dies ist einem Dokument vom 5. Januar 1916 zu entnehmen. Im selben Schriftstück wird gesagt, Streuli habe „mit Erfolg gearbeitet“ und sei „auch finanziell vorwärts gekommen“; er sei aber schon „von Haus aus vermögend“ gewesen (Bäumlein 1916).

Schon kurz nach der Jahrhundertwende begann Jean Streuli zu kränkeln, er musste kuren. Anlässlich einer erneuten Kur 1909 empfahl die behandelnde Ärztin einen Berufswechsel (diverse Briefe von Süsette Streuli an den kurenden Gatten, Familienarchiv Streuli). Am 20. Januar 1911, zwei Monate nach dem 50ten Geburtstag, starb er unerwartet, nach ärztlichem Befund an einem Hirnschlag.

Verwandte väterlicherseits von Hans Streuli
In den Schriftdokumenten des Familienarchivs Streuli tauchen oft Verwandte aus der Familie väterlicherseits auf. Streulis Tante Martha 1858-1916) heiratete einen Wilhelm Bäumlein; mit ihm hatte sie einen Sohn namens Walter Bäumlein (geb. 1890), verheiratet zuerst mit einer S. Lips, später, lang nach deren Tod, mit einer Frau Schurter. Mit seinem Cousin Walter hatte Streuli viel Kontakt; er war Lehrer (in Oerlikon und Affoltern am Albis), Mundartdichter und Regionalhistoriker. – Streulis Onkel Robert-Thommen (1864-1950) lebte in St. Gallen, wo ihm Streuli 1930-31 ein Einfamilienhaus baute. Das Ehepaar hatte drei Kinder, eine Tochter Martha (1902-1971) und zwei Söhne Werner (geb. 1898) und Heinz (geb. 1899). Heinz lebte später in Italien. Werner studierte gleichzeitig mit Hans an der ETH und wurde Elektroingenieur. Ab 1921 arbeitete er für Brown, Boveri & Cie; 1947 bis 1963 war er Vizepräsident der BBC Corp. in New York; seine Kinder leben in den USA.

1.2 Hans Streulis Mutter Süsette Streuli-Schmidt: Vorfahren und Leben

Hans Streulis Mutter Süsette, Tochter eines deutschen Immigranten und einer Wädenswilerin, wuchs in Wädenswil auf und verbrachte hier auch den grössten Teil ihres Lebens, abgesehen von mehrjährigen Aufenthalten in Zürich. Bevor wir auf sie eingehen, wollen wir von ihrem Vater reden – wobei wir uns auf eine Biographie stützen können, die sie selbst verfasst hat (Streuli über F.C. Schmidt ca. 1913).

Grosseltern mütterlicherseits: Friedrich Christian und Süsette Schmidt-Fleckenstein
Süsettes Vater Friedrich Christian Schmidt (1835-1911) – also Hans Streulis Grossvater mütterlicherseits - war eine interessante Persönlichkeit. Er stammte aus Kiel. Früh verwaist, wurde er bei einem Gärtner verkostgeldet und machte dann 1850-1855 unter harten Bedingungen eine Lehre als Maler. Anschliessend ging er auf Wanderschaft. In München frequentierte er im Winter 1855/56 einige Monate lang die Kunstakademie bei Wilhelm von Kaulbach, musste dann aber mangels Geld eine Stelle bei einem Maler annehmen. Dort lernte er den Maler Jacques Fleckenstein kennen; auf dessen Rat reiste er nach Wädenswil und trat im Sommer ins Geschäft von dessen Vater, J.J. Fleckenstein, ein. 1861 heiratete er die Tochter des Patrons, Anna Susanna (genannt Süsette) (geb. 1836). Das Paar hatte drei Kinder: Christian Jakob (1862-1937), Anna Susanna (genannt Süsette) (1864-1955) und Karl Heinrich (1867 geb.).

Anfang 1862 übernahm Friedrich Christian Schmidt (1835-1911) mit seinem Schwager Jacques die Firma, die nun als Fleckenstein & Schmidt firmierte. Wegen wachsender persönlicher Differenzen schied Friedrich Christian Ende 1882 aus dem Wädenswiler Geschäft aus und baute, obwohl bereits 48jährig und gesundheitlich angeschlagen, in Zürich an der Hafnerstrasse 27 eine eigene Firma auf. Noch in den 1880er Jahren übernahm er die Vertretung der Mineralfarbenfabrik Keim & Recknagel in Zürich. Über die Fabrik kam er in Kontakt mit der Gesellschaft zur Erhaltung historischer Kunstdenkmäler, wodurch sich ein neuer Geschäftszweig, das Restaurieren von Fresken, eröffnete (Haus Zum Weissen Adler in. Stein am Rhein u.a.). Der Sohn Christian spielte dabei eine wichtige Rolle. Die Firma blühte, so dass Friedrich Christian ein neues Wohn- und Geschäftshaus (Hafnerstrasse 45-47) bauen konnte (Bezug 1889).

„Mit Neujahr-1895“ (wohl auf Anfang 1895) übergab Vater Schmidt das Geschäft seinen Söhnen Christian und Carl und war fortan hauptsächlich als Kunstmaler tätig, nachdem er schon früher in der Freizeit gemalt und ab und zu auch Bilder verkauft hatte. Seine Vorbilder waren und blieben der aus Wädenswil stammende, in München tätige Johann Gottfried Steffan, Robert Zünd und Alexandre Calame; für die „Modernen“ konnte er sich nicht erwärmen. 1905 zog er mit seiner Frau in ein Häuschen an der Rütistrasse 23 in Zollikon. Wegen gesundheitlicher Probleme zogen er und seine erblindete Frau im März 1911nach Wädenswil in die Wohnung seiner Tochter Süsette, die im Januar ihren Mann verloren hatte. Am 27. Oktober denselben Jahres starb Friedrich Christian; mit seinen Werken veranstalteten die Erben im Hotel Du Lac eine Kunstausstellung. 1913 starb auch Schmidts Witwe.

Süsette Streuli-Schmidt
Nun also zu Hans Streulis Mutter Süsette Streuli-Schmidt (1864-1955), der Erstgeborenen der drei Kinder von Friedrich Christian und Anna Susanna Schmidt-Fleckenstein. Die wichtigsten Daten über sie liefert Walter Bäumlein in einem Lebenslauf (Bäumlein ca. 1955).

Sie besuchte die Primarschule in Wädenswil und dann das private Haushaltungs- und Handelsinstitut Boos-Jegher in Zürich. Es folgte ein Welschlandaufenthalt in Lausanne. Als der Vater 1882 in Zürich eine eigene Firma gründete, führte sie darin die Geschäftsbuchhaltung und -korrespondenz; mit einem Buchhaltungskurs an der Gewerbeschule Zürich bereitete sie sich darauf vor. Eine schwere Krankheit, die beinahe zur Erblindung geführt hätte, überwand sie mit einer Naturheilkur und glaubte fortan an die Macht des Geistes und des Glaubens über den Körper, auch im Sinn des Gedankenguts von Christian Science. 1891 heiratete sie den Wädenswiler Dekorations- und Flachmaler Jean Streuli, 1892 wurde sie Mutter. Am geschäftlichen Erfolg von Jean Streuli – zuerst in Riesbach, dann in Wädenswil – dürfte sie massgeblichen Anteil gehabt haben; in ihren Briefen erscheint sie als tüchtige Geschäftsfrau und Verwalterin. Gut denkbar, dass sie auch am Bau des Geschäfts- und Wohnpalastes Streuli an der Seestrasse 105 einen gewichtigen Anteil hatte.
Nach dem Tod des Mannes im Januar 1911 wurde ihr „das Wirken in grösserem Kreis zur eigentlichen Lebensaufgabe“ (Bäumlein ca. 1955). Schon als ihre Verwandte, die Kindergärtnerin Fanny Fleckenstein (1861-1904), 1900 einen „Verein zur Förderung weiblicher Fortbildung“ gegründet hatte, war sie Mitglied der Aufsichtskommission geworden; 1914 bis 1932 präsidierte sie den Verein, der dann in Frauenverein Wädenswil umbenannt wurde (bis 1944 noch mit dem Zusatz „zur Förderung weiblicher Fortbildung“) (Vgl. Peter Ziegler: Hundert Jahre Frauenverein Wädenswil, 1900-2000), in: Jahrbuch der Stadt Wädenswil 2000, 79-100.
Unter Süssette Streulis Präsidium setzte sich der Verein, der in den Kriegszeiten Grosses geleistet hatte, ab 1918 auch für das Frauenstimmrecht ein. Ihr Sohn Hans unterstützte sie darin; am 2. Dezember 1918 bat er die Frauenrechtsaktivistin Lina Erni um Literaturangaben, um seiner Mutter Fachbücher schenken zu können.
Wohl 1922 zog Süsette vom Postgebäude ins Haus Zur Treu an der Florhofstrasse 2 um – dazu gleich Näheres. Das letzte Jahrzehnt ihres Lebens verbrachte sie in einer Wohnung, die ihr Sohn und ihre Schwiegertochter im Haus Gerbe in Richterswil eingerichtet hatten.

1.3 Hans Streuli: Kindheit, Jugend, frühes Erwachsenenleben

„Hans Streuli im 3ten Lebensjahre, gemalt von seinem Grossvater Chr. Schmidt, 1895, Zürich“ steht auf der Rückseite des unten abgebildeten Ölgemäldes, das das Kind in Matrosenkostüm und mit einem Spielzeugschiff zeigt. Kurz nachher zog die Familie Streuli-Schmidt nach Wädenswil. Auf der Foto unten rechts ist Hans Streuli als Achtjähriger zwischen den Eltern zu sehen; Jean Streuli hatte das Bild 1900 aus Anlass seines 40ten Geburtstages machen lassen.

Hans absolvierte Primar- und Sekundarschule in Wädenswil und besuchte anschliessend während drei Jahren das Gymnase scientifique in Lausanne. 1911 begann er ein Architekturstudium an der ETH in Zürich. Wegen des Kriegs verbrachte er ab 1914 viele Monate im Aktivdienst, zum Nachteil der Ausbildung und des beruflichen Fortkommens. Erst im Sommer 1916 konnte er das Diplom machen; 1917 verbrachte er ganze acht Monate im Dienst, unterbrochen nur von einem zweieinhalbmonatigen Studienaufenthalt in München.

Als er Anfang 1918 entlassen wurde, glaubte er vor dem Nichts zu stehen und geriet – wie viele junge Architekten – in eine schwere Krise. Nachdem er im Sommer 1918 eine Anstellung in Amriswil gefunden hatte, ging es aber wieder aufwärts. Im Frühling/Sommer 1919 machte er sich in Wädenswil selbständig.
Um diese Zeit müssen er und seine Mutter über die Neuorganisation des Familienvermögens nachgedacht und beschlossen haben, das Postgebäude zu verkaufen. Jedenfalls erwarb Hans Streuli am 13.9.1920 das bereits erwähnte Haus Zur Treu (Florhofstrasse 2).
Dieses 1769 erbaute Züriseehaus war von 1803 an im Besitz der Gerberfamilie Hauser, bis es Walter Hauser (1837-1902) 1895 an einen Heinrich Streuli verkaufte. Damals stellte Hauser auch den Gerbebetrieb ein; er zog nach Bern, um in Bern hohe politische Ämter – Stände- und Bundesrat – zu bekleiden. Nach diversen Besitzerwechseln gelangte die Treu 1912 an den Tuchfabrikanten Jakob Treichler-Gredig (1864-1922), den Besitzer der nahe gelegenen Fabrikantenvilla „Neuhof“ (Florhofstrasse 3; vgl. Zürcher Denkmalpflege 13: 359). Er war es, der die Treu 1920 an Hans Streuli verkaufte.
Dieser baute das Haus 1921-22 um: Im ehemaligen Weinkeller richtete er durch Einzug von Böden und Ausbruch von Fenstern sein Büro ein, die Wohnung im ersten Stock passte er den Bedürfnissen seiner Mutter an, damit sie sich hier einquartieren könne.

Hans Streuli wollte eigentlich zuerst selber in der Treu wohnen. Dass er das nicht tat, hängt mit einer Änderung seines Zivilstandes zusammen. Spätestens seit 1917 verkehrte er freundschaftlich mit Clara Pünter (1897-1989) von Uerikon. 1920/21 hatte sich seine wirtschaftlich-berufliche Situation so weit gefestigt, dass er an eine Heirat denken konnte. Im Frühling 1921 verlobte er sich mit ihr. Im Nachlass befinden sich zwei Gratulationskärtchen; die eine stammt von Streulis ETH-Lehrer Gustav Gull, die andere von einem ehemaligen Studienkollegen, dem Architekten Armin Meili-Steiner (1892-1981).

Im folgenden Jahr 1922 heirateten Hans Streuli und Clara Pünter und zogen in ein Haus in Richterswil, die Gerbe.

2. Clara Streuli-Pünter: Vorfahren und Familienliegenschaften

Es ist an der Zeit, mehr über die Familie von Hans Streulis Frau Clara, geborene Pünter (1897-1989), zu erfahren. Ihre Mutter war Berta Pünter geborene Ryffel (1872-1952), ihr Vater Robert Pünter (1865-1921).

2.1 Clara Streuli-Pünters Vater und seine Familie: Die Pünters und ihre Häuser

Clara Pünters Vater Robert (1865-1921) war der Sohn des Gerbers Arnold Pünter (geb. 1832, Todesjahr unbekannt) und der Maria Elisa geborene Kunz. Roberts Schwester Aline (1860-1937) heiratete 1882 den Winterthurer Fabrikanten Jakob Jäggli; einer der Söhne – Charles - heiratete später Lisa Hahnloser (1901-1987), eine Mitbegründerin der bekannten Stiftung Hahnloser-Jäggli (Villa Flora).

Das Püntersche Reich in Uerikon bestand aus Bauten, die noch heute ein Kleinquartier bilden: einem Fabrikgebäude (Gerbi 8-12), einem Wohnhaus (Gerbi 14), einem Pächterhaus (Alte Landstrasse 3) und einem aus dem 17. oder eher 18. Jahrhundert stammenden Giebelhaus, dem Haus Oberstäg (Alte Landstrasse 6).

Robert und Berta Pünter-Ryffel wohnten im letzteren Haus; dort wuchsen ihre Kinder Clara (1897-1989) und Arnold (1898-1989) auf. Als Robert 1921 mit 46 Jahren starb, musste Claras Bruder Arnold die Firma als 23jähriger übernehmen. Später gab er sie seinem gleichnamigen Sohn weiter.

2.2 Clara Streuli-Pünters Mutter und deren Familie: Die Ryffels und die Gerbe in Richterswil

Wenden wir uns nun Claras Vorfahren mütterlicherseits zu. Claras Mutter Berta (1872-1952) war ja eine geborene Ryffel; ihre Eltern waren August Ryffel (1830-1910) und Emilie, eine geborene Laurer (1840-1896).

Wie Bertas Schwiegervater und wie ihr Ehemann war auch ihr Vater Gerbereibesitzer, allerdings nicht am rechten, sondern am linken Zürichseeufer, in Richterswil. Nach der Familienüberlieferung hat Augusts Vater Rudolf die Gerberei Ryffel in Richterswil gegründet. Er dürfte einer der Brüder gewesen sein, die gemäss einem Gewerbe- und Industrieverzeichnis von 1844 in Richterswil eine Gerberei betrieben. Wie viele andere Gerber auch liquidierte August Ryffel den Betrieb in den für sein Gewerbe krisenhaften 1890er Jahren; die Tatsache, dass sein einziger überlebender Sohn taubstumm war, mag ihm den Entscheid erleichtert haben.

Augusts Gerbebetrieb befand sich im stattlichen, 1828-29 entstandenen Haus Zur Gerbe (Gerbestrasse 2). Ob ein Ryffel der Bauherr war, müsste noch abgeklärt werden – Rudolf war dazu wohl zu jung. Die Gerbe-Werkräume befanden sich im seeseitig freistehenden Untergeschoss, die Wasserbecken im Garten, die Büros wohl im Erdgeschoss, die Wohnräume in den zwei Obergeschossen.
Die Mittelachse der Hauptfassade war zuerst durch einen Balkon über dem Portal ausgezeichnet. An seine Stelle trat in den 1880er oder 90er Jahren ein doppelgeschossiger Verandenvorbau, der später unten verglast wurde: Anzeichen für die Verdrängung der Gewerbe- durch Wohnnutzung.

Im frühen 20. Jahrhundert erhielt das Haus einen imposanten Treppenhaus-Turmvorbau, unten rechteckig, oben polygonal. Als Auftraggeber kommen August Ryffel oder seine Tochter Berta in Frage: Die zweite erbte nach dem Tod des ersten 1910 das Haus. Sie selbst wohnte allerdings in Uerikon. Dafür zog ihre Tochter Clara nach ihrer Heirat mit Hans Streuli in die Richterswiler «Gerbe».

3 Hans und Clara Streuli-Pünter : Familie, Wohnsitze, Kinder

Hans und Clara Streuli-Pünter und ihre Kinder
Das Ehepaar Hans und Clara Streuli-Pünter 1928 blieb zunächst einige Jahre kinderlos. Aus diesen Jahren könnte eine Fotografie stammen, die die beiden als Reisende zeigt, vor dem 1895-97 erbauten, 1950 abgebrochenen Kaiser-Wilhelm-Nationaldenkmal in Berlin. Das Bilddokument kann zugleich als Zeugnis für die grossen kulturellen Interessen Streulis und seiner Frau dienen.

1928 bekam das Ehepaar Streuli eine Tochter, Regula Johanna; 1932 folgten die Zwillinge Hans Kaspar und Susanna. Regula blieb ledig; Hans Kaspar, von Beruf Arzt, heiratete Ina Monnard, Susanna den Instruktionsoffizier Fridolin Blumer. Das Ehepaar Streuli-Monnard hatte einen Sohn und zwei Töchter (Christoph, Barbara und Annina), das Ehepaar Blumer-Streuli zwei Söhne (Hans und Christian), so dass Hans und Clara Streuli fünf Enkelkinder hatten.

Die Fotografie oben rechts zeigt Hans Streuli mit seiner Familie in Bern, in seinem Amtsjahr als Bundespräsident 1957. Von uns aus gesehen rechts von ihm seine Frau Clara, links die Tochter Susanna, in der hinteren Reihe in der Mitte die älteste Tochter Regula, rechts Hans Kaspar und links Susannas Ehemann Fridolin Blumer.

Die Familie Streuli im Haus Zur Gerbe in Richterswil
Mit einem sechsjährigen Unterbruch lebten Hans Streuli und seine Frau während ihres ganzen Ehelebens im Erdgeschoss des Richterswiler Hauses Zur Gerbe. Clara Streuli blieb noch bis 1975 in der Wohnung und überliess sie dann der ältesten Tochter Regula (1928-2017), die vorher in einem oberen Geschoss gewohnt hatte, während sie selbst nach Uerikon und dann nach Uetikon zog.

In einem etwas naiven, 1979 entstandenen Aquarell von einem W. Künzler (Besitz Familie Streuli) erscheint die Gerbe als idyllisch gelegenes, biedermeierliches Herrschaftshaus. Allerdings war das Haus seit 1875 durch die Eisenbahn vom See abgetrennt, und auf dem nah gelegenen Horn befand sich bis in die 1980er Jahre eine weitläufige Kattundruckerei. Die Gerbe selbst war ja, wie der Name sagt, auch ein Gewerbebau; nur die Obergeschosse waren bewohnt. Wie wir gesehen haben, dehnte sich die Wohnnutzung ab den 1890er Jahren auf den ganzen Bau aus – eine Entwicklung, die um 1910 im Bau eines Treppenhausturms auf der Landseite kulminierte.

Bevor Streuli ins Haus einzog, baute er das Erdgeschoss zu einer komfortablen Wohnung um, sorgte für einen exklusiven Zugang (via Keller) zum Garten und stattete diesen mit neuklassizistischen Buchs-Exedren aus. In den folgenden Jahrzehnten schmückte er die Wohnung und den Garten mit Skulpturen und Bildern. So befand sich in der Ecke seines Büros eine Holzstele mit einer Büste seiner Frau Clara. Das Werk stammt von dem in Wien tätigen Bildhauer Robert Ullmann (1903-1966). Streuli hatte diesen 1920 unterstützt, nachdem er den Musiker Robert Keldorfer (1901-1980) um Namen von bedürftigen Studenten gebeten hatte (Brief von Keldorfer vom 13.7.1920). Eine Fotografie zeigt den Bildhauer beim Fertigen der Büste. Obwohl im Stil von Atelierbildern komponiert, dürfte die Aufnahme in der Gerbe entstanden sein – nach mündlicher Überlieferung weilte Ullmann hier zu Besuch. Vom gleichen Künstler stammte auch ein skulptierter Art-Déco-Frauenakt, für den Streuli eigens eine Nische in die Wohnzimmerwand hatte eintiefen lassen.

Eine weitere qualitätvolle Bildhauerarbeit – einen schreitenden Knaben mit erhobener Linker – platzierte Streuli in der erwähnten Buchs-Exedra südlich vom Haus. Gemäss einem Stempel auf dem Sockel stammt sie aus dem Nachlass von Karl Geiser (1898-1957).

Unter den Gemälden dominierte eine grossformatige Marine von Streulis Grossvater Friedrich Christian Schmidt (1835-1911). Drei Bilder stammten von Wiener Künstlern – zwei von Heinrich Krause (1885-1983) und eins von Franz Wacik (1883-1938) -, die Mehrzahl aber von Schweizern: Max Gubler (1898-1973), Wilhelm Gimmi (1886-1965), Reinhold Kündig (1888-1984), August Aeppli (1894-1954), Karl Hosch (1900-1972) und anderen.

Etliche Werke sind Geschenke an den Politiker Streuli, so eine Kleinfassung der Gruppe „Knabe mit Pferd“, die Otto Charles Bänninger (1897-1973) für die Landesausstellung 1939 in Zürich geschaffen hatte (vgl. unten), so auch zwei Glasscheiben von Max Hunziker (1901-1976) und dem Kunstglaser Karl Ganz: Die Regierungsratskollegen hatten sie Streuli gewidmet, die eine 1952 zu seinem 60ten Geburtstag, die andere 1953, wohl zu seinem Abschied. Mit dem 70ten Geburtstag von Streuli muss ein weiteres, 1962 datiertes Werk von Max Hunziker zu tun haben: Ein grosses Panneau mit allegorischen Figuren, das Streuli an der Stirnwand des breiten Gangs der Gerbe-Wohnung platzierte. Es handelt sich um die Teilkopie eines grossen Glasgemäldes zum Thema Wasser und Feuer/Tag, das Hunziker 1951 für eine Treppenhaushalle beim Hörsaal des Zürcher Kantonsspitals geschaffen hatte (Werk 40, 1953, 366-369).

Blicke auf Streulis Politikerleben
Mit den zuletzt vorgestellten Objekten sind wir bereits in einer Zeit, da Streuli nicht mehr als Architekt, sondern als vollamtlicher Politiker tätig war. Parallel zur Architektentätigkeit amtete er 1928 bis 1935 als  Gemeindepräsident von Richterswil, aber als er 1935 in den Regierungsrat des Kantons Zürich wechselte, musste er sein Architekturbüro abgeben. Kurz darauf übernahm er das Präsidium des Organisationskomitees für die Landesausstellung 1939 in Zürich, wofür er 1940 den Ehrendoktor der Universität Zürich erhielt. Im Haushalt Streuli erinnerte die oben erwähnte Kleinfassung von Bänningers „Knabe mit Pferd“ an die populäre Ausstellung.

Die Landesausstellung fiel mit dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs zusammen. Ein zweites grosses Ereignis fand 1946 statt: Damals besuchte eine Hauptfigur des Krieges gegen die Achsenmächte, Winston Churchill (1874-1965), im Rahmen eines Schweiz-Aufenthaltes Zürich, wo er an der Universität eine Rede hielt und dann auf dem Münsterplatz zu einer begeisterten Menge sprach. Streuli war damals Regierungsratspräsident, und so amtete er als Gastgeber.

Im Dezember 1953 wurde Streuli in den Bundesrat gewählt, Ende 1959 gab er das Amt wieder ab. Während der Bundesratsjahre lebte das Ehepaar Streuli in Bern. Fotos, die anlässlich einer Heim-Reportage gemacht wurden, zeigen ein Intérieur in sachlichem Stil. Streuli liess sich unter anderem am Schreibtisch ablichten, hinter sich ein grossformatiges Landschaftsgemälde von Max Gubler.

Von Bern kehrten die Streulis wieder ins Haus Zur Gerbe in Richterswil zurück. Einen zeitweilig gehegten Plan, in Stäfa einen bungalowartigen Alterssitz zu bauen, verwirklichten sie nicht.

Die „Gerbe“ in Richterswil als Architekten- und Magistratenhaus
Bevor wir uns nun dem Architekten Streuli zuwenden, noch einige Gedanken über die Stellung des Hauses Zur Gerbe innerhalb der Gattung des Architektenhauses. Wie Architektenhäuser aussehen können, vermögen vier Beispiele deutlich zu machen: 1) ein Doppelhaus, das Streulis Lehrer Gustav Gull 1901-02 in Zürich (Moussonstrasse 15-17) gebaut hat, wobei er die eine Haushälfte für sich und seine Familie nutzte. 2) das Eigenheim, das sich Architekt Robert Rittmeyer 1908-09 an der Seidenstrasse in Winterthur erstellte, auch es als Hälfte eines Doppelhauses, 3) das Eigenheim von Streulis ehemaligem Studienkollegen Armin Meili, erbaut um 1925 in Luzern und 4) ein „Versuchshaus“ in skandinavischer Art, das Streulis Studienkollege Heinrich Peter 1932 als Teil der Genossenschaftssiedlung Friesenberg baute und in der Folge selber bewohnte (Kleinalbis 74, Müller 109).

Gibt sich Gull mit seinem späthistoristisch-regionalistischen „Schlössli“ als altschweizerischer Notabler, Rittmeyer mit seinem Reformstilhaus als Freund entspannter englischer Lebensart, Meili mit seinem zugleich sachlich-funktionalen und heimatlichen Landhaus als Traditionserneuerer, so Heinrich Peter mit seinem Holz-Eternit-Bungalow als Architektur-Arbeiter und einfacher Genossenschafter.

Streulis „Gerbe“ ist insofern nicht direkt mit den genannten Beispielen vergleichbar, als es sich nicht um einen Neu-, sondern um einen Altbau handelt. Zahlreiche Architekten haben sich in Altbauten eingerichtet, so etwa Streulis kurzzeitiger Münchner Lehrer Theodor Fischer und Streulis Wädenswiler Dauerkonkurrent Heinrich Bräm. Der letztere hat im Stammhaus der Streulis in Au-Oberort gewohnt. Es handelte sich um ein Bauernhaus. Architekten, die in Bauernhäusern leben, verstehen sich in der Regel als künstlerische „Kraftwurzeln“ mit einer Affinität zur fruchtbaren Erde.

Was Theodor Fischer betrifft, so hatte er 1908 das sogenannte „Laimer Schlössl“ erworben und für sich hergerichtet. Ab 1713 soll das Haus – ursprünglich wohl ein Gutshaus – eine Zeit lang als Jagdschloss des Kurfürsten Maximilian II Emanuel gedient haben. Obwohl sozusagen blaublütiger als Gulls Schlössli, ist Fischers Schlössl architektonisch schlichter. Stünde es in der Schweiz, würde man es als stattlichen Patriziersitz anschauen.

Den Charakter eines solchen hatte nun auch die „Gerbe“ in Richterswil, vor allem wegen des turmartigen Heimatstil-Treppenhauses und des von Streuli angelegten Gartens. Schon am Beginn seiner Berufslaufbahn legte Streuli also Wert auf bürgerlich-bodenständige Repräsentation. Statt als ungezwungen lebender Schöpfer neuer architektonischer Welten wollte er als Respektsperson und mäzenatischer Freund der Künste gesehen werden.

Kurz: Das Haus passt besser zu einem kunstsinnigen Magistraten als zu einem innovativen Architekten. Und insofern fand es seine Bestimmung dann, als Streuli die seine fand – als Berufspolitiker tätig zu sein.




Andreas Hauser