Zeitzeugen der Hochkonjunktur verschwinden

Zum Abbruch der Siedlung Hangenmoos

Quelle: Jahrbuch der Stadt Wädenswil 2019 von Adrian Scherrer

Die Siedlung Hangenmoos hat einen besonderen Stellenwert in Wädenswil. Vor ihrem Bau in den Jahren 1967 bis 1969 war sie heftig umstritten. Sie war eines der grössten Wohnbauprojekte in Wädenswil. Und ein halbes Jahrhundert später bewegte ihr Abbruch wiederum die Gemüter. In ihrer Geschichte spiegelt sich der Wandel Wädenswils vom Industriestandort an der «Pfnüselküste» zur gefragten Wohnstadt mit Seeanstoss.
Die Überbauung im Hangenmoos ging vom Industrie-Arbeitgeberverein Wädenswil-Richterswil (IAVW) aus. Er war 1918 von den grossen Arbeitgebern als Reaktion auf die Forderungen der Arbeiterbewegung in den Umbruchjahren nach dem Ersten Weltkrieg gegründet worden.1 Noch in den 1960er-Jahren arbeitete die Mehrheit der berufstätigen Wädenswiler in den ortsansässigen Industriebetrieben. Erst mit dem wirtschaftlichen und technischen Wandel ab Mitte der 1970er-Jahre setzte eine De-Industrialisierung ein, die bis zum Ende des 20. Jahrhunderts fast alle Industriearbeitsplätze der Region verschwinden liess. Entsprechend verlor der IAVW an Bedeutung und fusionierte 2005 mit seinem Horgner Gegenstück zum heutigen Arbeitgeberverein Zürichsee-Zimmerberg (AZZ).

Ein Kind der Boomjahre

Als die Siedlung Hangenmoos Mitte der 1960er-Jahre geplant wurde, boomte die Wirtschaft. Nach dem Zweiten Weltkrieg hatte eine nachhaltige Wachstumsphase eingesetzt: Fast drei Jahrzehnte lang zeigten alle konjunkturellen Indikatoren steil nach oben. Die Bevölkerung wuchs, die Mobilität nahm stark zu und der steigende Wohlstand erhöhte auch die Ansprüche an den Wohnungsbau. Siedlungs- und Stadtplanung waren vor diesem Hintergrund in den 1950er- und 1960er-Jahren in der Öffentlichkeit und in der Politik stark diskutierte Themen. In Wädenswil war einer der Treiber der Entwicklung die Planung der Autobahn A3, die 1966 eröffnet wurde. Gleichzeitig wollte der Gemeinderat verhindern, dass sich Wädenswil zum «Schlafgängerort »2 und zur Pendler-Hochburg entwickelte. Seine Strategie war es, in der Au und in der Hinteren Rüti neue Arbeitsplätze anzusiedeln. Vor allem der Bau des Werks Au der Standard Telephon und Radio AG, der späteren Alcatel, sorgte 1960 für zahlreiche Neuzuzüger. Insgesamt entstand durch diese Entwicklungen ein enormer Siedlungsdruck, der zu zahlreichen Bauprojekten führte. Zwischen 1960 und 1970 stieg die Zahl der Haushalte von 3349 auf 5123 an.3
Die Siedlung Hangenmoos war das grösste Einzelprojekt dieser Boomjahre. Zwischen 1967 und 1969 wurden auf der grünen Wiese 253 Wohnungen gebaut, verteilt auf 19 Bauten. Hinzu kamen zwei Kindergärten und ein Ladenlokal, das der Quartierversorgung dienen sollte. Nicht unwesentlich waren bei diesem Vorhaben die Erfahrungen, welche die beteiligten Unternehmer mit früheren Bauprojekten gemacht hatten. Ein erstes, pionierartiges Projekt war die Arbeitersiedlung Gwad, deren Bau 1943 begonnen wurde. Angestossen wurde es von Willi Blattmann (1906–1984), Teilhaber der Blattmann Metallwarenfabrik AG. Er war ein Unternehmer mit ausgeprägtem sozialem Engagement. Es gelang ihm, innerhalb des IAVW weitere Arbeitgeber zu überzeugen, sich an der Finanzierung der Siedlung Gwad zu beteiligen. Gemeinsam überzeugten sie die Gemeinde, günstiges Land im Baurecht abzugeben. Als Rechtsform für den Bau wurde die Siedlungsgenossenschaft Gwad gegründet.4 Dies machte es möglich, dass sich die öffentliche Hand am Bau beteiligen konnte. Neu war genossenschaftliches Bauen zu diesem Zeitpunkt zwar nicht mehr. Vor allem während der akuten Wohnungsnot in den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg waren viele Wohnbaugenossenschaften entstanden, darunter zum Beispiel die Baugenossenschaft Büelen, die Handwerker-Baugenossenschaft, die Mietshäuser im Boller erstellte, und die Mieterbaugenossenschaft Wädenswil, die 1924 gegründet wurde. Neu war bei der Siedlungsgenossenschaft Gwad aber, dass der Anstoss von den Arbeitgebern ausging.
Als Architekt für die Siedlung Gwad gewann Willi Blattmann den Bauhaus-Schüler Hans Fischli (1909–1989). Damit begann eine langjährige Zusammenarbeit, in deren Verlauf sich Fischli in den 1950er und 1960er-Jahren stark mit den Fragen des Siedlungsbaus auseinandersetzte. Die grundlegenden Gedanken veröffentlichte er 1950 in der Zeitschrift «Bauen + Wohnen ».5 Die Mehrfamilienhäuser, die Fischli in der Folge entwickelte, standen alle in einer Entwicklungslinie. 1953 entstanden an der Waisenhausstrasse zwei dreistöckige Mehrfamilienhäuser. Mit diesem Haustyp war Fischli im Rückblick noch nicht zufrieden, weil sich die versetzten Hausteile gegenseitig beschatteten.6 1958 wurden nach Fischlis Plänen Mehrfamilienhäuser neben den Fabrikgebäuden der Gessner AG sowie an der Einsiedlerstrasse in Horgen erstellt. 1960 bis 1962 folgte schliesslich die erste grössere Überbauung nach einem Gesamtplan: Die Siedlung Gulmenmatt. Zwei der sieben Häuser waren siebenstöckige Hochhäuser. Der Anstoss für die Siedlung Gulmenmatt war wiederum von Willi Blattmann und vom IAVW ausgegangen. Erneut griffen sie auf das bewährte Finanzierungsmodell einer Baugenossenschaft zurück, die Gemeinde und Kanton mit günstigen Darlehen unterstützten.

Hoch standardisierte Elemente

Mitte der 1960er-Jahre war die Nachfrage nach Wohnungen ungebrochen gross. So gründete der IAVW im März 1964 wiederum eine Baugenossenschaft, die eine Überbauung im Hangenmoos projektierte. Anders als bei klassischen Baugenossenschaften waren bei diesem Modell nicht die Mieter Genossenschafter, sondern die Arbeitgeber der Mieter. Grösste Genossenschafter waren die Standard Telephon und Radio AG, die Blattmann Metallwarenfabrik AG, die Stärkefabrik Blattmann sowie Störi & Co. Das Präsidium übernahm Willi Blattmann bis zu seinem Tod 1984.
Den Planungsauftrag erhielt Hans Fischli. Zusammen mit seinem Mitarbeiter Fredi Eichholzer erstellte er das Projekt. Um die Auflage einhalten zu können, erschwingliche Wohnungen für Familien mit bescheidenem Einkommen zu schaffen, mussten die Architekten Kompromisse eingehen. Zum einen wurden die Bauten dichter geplant als in anderen Siedlungen, die Fischli entworfen hatte. Zum anderen setzten die Architekten auf einen hohen Grad an Standardisierung mit einheitlichen Grundrissrastern. Die grösseren Wohnungen erhielten durchgehende Wohnzimmer Möglichst viel Licht in die Wohnungen zu bringen, war Fischli ein wichtiges Anliegen. Daher befanden sich die Balkone auf der Sonnenseite der Gebäude und hatten meist keine Seesicht.
Als die Pläne vorlagen, hatten sich die konjunkturellen Vorzeichen verändert. Die Überbauung Hangenmoos entstand am Ende der Boomphase der 1960er-Jahre, als sich mit hohen Inflationsraten bereits klare Anzeichen einer konjunkturellen Überhitzung zeigten. Die Zinssätze für Hypotheken zogen deutlich an. Ein zinsgünstiges Darlehen der Gemeinde an die Baugenossenschaft Hangenmoos war deswegen politisch heftig umstritten. Am 9. April 1967 wurde es mit 54,9% Nein-Stimmen an der Urne abgelehnt.7 Die Gegner äusserten nicht nur Kritik an der Dichte und der Bauhöhe. Unüberhörbar war auch ein generelles Unbehagen über die enorme Bautätigkeit im Allgemeinen.
Um das Projekt trotzdem realisieren zu können, sagten verschiedene Industrieunternehmen auf Vermittlung von Gemeindepräsident Fritz Störi Darlehen zu. So gelang es, Mittel aus der Wohnbauförderung des Kantons zu erhalten, obwohl die Gemeinde nicht beteiligt war. Im Juli 1967 begannen die Aushubarbeiten. Alle Häuser wurden in Elementbauweise erstellt – der damals gebräuchliche Begriff für Plattenbauten. Dabei wurden einzelne Wandelemente aus Beton von der darauf spezialisierten Bernasconi Element AG in Veltheim vorproduziert. Auf der Baustelle mussten sie nur noch zusammengefügt werden. Die Elementbauweise senkte die Baukosten deutlich. Sie machte aus dem zuvor handwerklich ausgerichteten Bauen ein effizientes Verfahren im industriellen Stil.8
Eine differenzierte Fassadengestaltung war bei dieser Bauweise nicht mehr möglich. Fischli versuchte dies mit zwei gestalterischen Ideen aufzufangen. Erstens liess er einzelne Elemente in Waschbeton ausführen. Sie kamen bei den niedrigeren Häusern für die Fassade der Treppenhäuser und bei den höheren Häusern für die Balkonbrüstungen zum Einsatz. Und zweitens verzichtete er bei den niedrigen Häusern auf Rollläden. Die klassischen Klappläden und die Elemente aus Waschbeton gliederten die Fassaden und liessen sie kleinteiliger wirken.9
Fischli setzte auf eine raffinierte Anordnung der Baukörper, um die dichte Wirkung der Siedlung optisch zu mildern. Die drei- und viergeschossigen Häuser standen versetzt zueinander rechtwinklig auf dem Areal parallel zur Zugerstrasse. Zwei achtgeschossige Bauten standen diagonal dazu, um den rechtwinkligen Raster aufzubrechen. Diese bestanden wiederum aus zwei leicht versetzten Baukörpern, die an ein zentrales Treppenhaus gebunden waren. In der Anordnung der Häuser zeigte sich Fischlis Können, Körper im Raum mit einander in Beziehung zu setzen – eine Fähigkeit, die er als Bildhauer auch in seinen Skulpturen zum Ausdruck brachte. Nicht unwesentlich für den Gesamteindruck war auch die Aussenraumgestaltung durch den renommierten Landschaftsarchitekten Willi Neukom. Er setzte auf modellierte Rasenflächen, abgestufte Wege und Spielplätze zwischen den Häusern, die vom Küchenfenster aus beobachtet werden konnten.


Klappläden strukturierten die Fassaden, um 1970.

Neubauten statt Sanierung

Im Rückblick beurteilte Hans Fischli die Siedlung Hangenmoos kritisch. Sie war ihm zu dicht gebaut und die Elementbauweise hatte ihn in seinen gestalterischen Möglichkeiten zu stark eingeschränkt. «Es ist schlicht alles zu nahe beieinander. Hier würde ich am liebsten den Radiergummi nehmen und diesen Block ausradieren. Der sollte, damit die Abfolge stimmt, nicht dastehen. Und der hohe Block dort wäre der nächste, den ich wegradieren möchte», sagte er in einem Interview 1984.10 Die Siedlung Hangenmoos war eines von Fischlis letzten Architekturprojekten. Danach plante er nur noch die Überbauung Fellergut in Bern. 1976 löste er sein Architekturbüro auf und widmete sich fortan ausschliesslich der Malerei und Bildhauerei. Rund zwanzig Jahre nach dem Bau der Siedlung waren erste Sanierungen notwendig. Zwischen 1986 und 1990 wurden die Fassaden renoviert und farbig gestrichen. Zeitgleich waren auch die Darlehen aus der kantonalen Wohnbauförderung zurückbezahlt. Damit fielen 1989 die Regeln für das maximale Einkommen der Mieter von subventionierten Wohnungen weg.
Die Baugenossenschaft Hangenmoos fusionierte 1993 mit den Baugenossenschaften, die für die Siedlung Gulmenmatt und die Häuser an der Waisenhausstrasse gegründet worden waren.
2008 einigten sich alle beteiligten Inhaber darauf, die Genossenschaft in eine Aktiengesellschaft umzuwandeln. Die Stadt Wädenswil blieb neben den Gründerfirmen, privaten Aktionären und Stiftungen weiterhin beteiligt. Als sich 2013 erneut Renovationsbedarf abzeichnete, prüfte die Hangenmoos AG die Sanierung, entschied dann aber 2014 die Häuser abzureissen und durch Neubauten zu ersetzen, weil die Elementbauweise eine energetisch sinnvolle Sanierung erschwerte und sich die Grundrisse der Wohnungen als zu unflexibel erwiesen.11 Der Abbruch begann im August 2019 – fast auf den Tag genau 50 Jahre, nachdem die letzten Wohnungen bezogen worden waren. Das Neubauprojekt umfasst 18 Häuser mit insgesamt 305 Wohnungen.




Adrian Scherrer


Anmerkungen

1 75 Jahre Industrie-Arbeitgeberverein Wädenswil/Oberer Zürichsee. Wädenswil 1993.
2 Allgemeiner Anzeiger vom Zürichsee, 7.4.1967.
3 Scherrer, Adrian. Bewältigung des Wachstums. In: Jahrbuch der Stadt Wädenswil 2014, S. 36–47.
4 Gilgen, Hansjörg. Freie Sicht auf den Zürichsee: Die Arbeitersiedlung Gwad in Wädenswil. In: einst und jetzt, 6/2014, S. 4–13.
5 Fischli, Hans. Wohnungsbau und Siedlungsform. In: Bauen + Wohnen, 7/1950, S. 2–43.
6 Jost, Karl. Hans Fischli – Architekt, Maler, Bildhauer. Zürich 1992, S. 92f. Die Häuser wurden 2013 abgebrochen.
7 Allgemeiner Anzeiger vom Zürichsee, 10.4.1967.
8 Zur Elementbauweise: Rossi, Franco (Hg.). Rossi baut: Arbeiter – Patrons – Bauten. Baden 2018, S. 117–131. Sowie Horgner Jahrheft 2009, S. 12ff.
9 Überbauung Hangenmoos 1967–1992, maschinengeschriebene Zusammenfassung der Baugeschichte, Dokumentationsstelle Oberer Zürichsee.
10 Zit nach Jost, a.a.O., S. 97f.
11 Zürichsee-Zeitung, 28.10.2014.

Bildnachweis

1 Dokumentationsstelle Oberer Zürichsee, Wädenswil
2-6 Andreas Roovers, Wädenswil