In seinen Abonnementskonzerten, die er ganz privat zusammen mit seiner Frau organisierte, gelang es ihm, beste Interpreten nach Wädenswil zu bringen. So sind etwa – um nur zwei Beispiele zu nennen – die Klavierabende mit Hans Leygraf und Klara Haskil noch in bester Erinnerung, und wer damals Julius Patzak in der «Winterreise» mit Ruedi Sidler am Klavier gehört hat, der kann nicht genug dankbar sein für die musikalischen Leckerbissen, die er uns geboten hat.
Ebenfalls jahrzehntelang arbeitete er mit dem
Kirchenchor, der durch die jährlichen Oratorien-Aufführungen weit herum bekannt geworden ist. Dank privater Gönner konnte zusammen mit dem ausgezeichneten Stadtorchester Winterthur und hervorragenden Solisten musiziert werden. Bei dieser Tätigkeit konnte sich Ruedi Sidlers Musikalität aufs schönste entfalten. Neben den Werken der Schweizer Hermann Suter, Arthur Honegger, Willy Burkhard und Frank Martin konnten auch Oratorien von Händel, Haydn, Mozart, Beethoven, Brahms, Bruckner und Britten aufgeführt werden. Bach galt aber auch auf diesem Gebiete seine grösste Verehrung; jedes seiner Oratorien hat er im Laufe der Jahre mehrmals dargeboten. Besonders an den Aufführungen der Matthäus-Passion konnte erahnt werden, wie sehr sich mit der Zeit sein Werkverständnis verändert hatte, wie sehr er immer mehr in die Werke hineinhorchte, um sie ganz von innen her gestalten zu können.
Als Dirigent war Ruedi Sidler Autodidakt; er lernte aber an Vorbildern, allen voran Wilhelm Furtwängler, den er hoch achtete und verehrte. Das Geheimnis seines Erfolges in der Arbeit mit Chören bestand unter anderem in der Art seiner Auseinandersetzung mit dem Werke, das er aufführen wollte. Während Monaten lebte er fast ausschliesslich dieser Komposition, versenkte sich in die Partitur, lernte sie auswendig – obwohl er nie auswendig dirigierte – suchte zu ergründen, was der Komponist denn wirklich gemeint habe und dirigierte in dieser Zeit das Werk – vielleicht ein zweistündiges Oratorium – täglich einmal durch.
Neben dieser fleissigen Hingabe, dem wachen Hinhören auf die Aussage der Musik bis in die feinsten Verästelungen hinein, kam in all seinen Aufführungen etwas weiteres hinzu; etwas Unwägbares, kaum zu Beschreibendes: Seele, Liebe, die seinen Konzerten einen Glanz und eine Tiefe gaben, die unmittelbar jeden Zuhörer ansprachen.
Zu schönster Wirkung aber brachte er Kammerorchester und Kirchenchor in den Gottesdiensten, wenn Kantaten aufgeführt werden konnten. Seine Vorliebe galt auch hier Bach, dessen unerschöpflichen Reichtum er der ganzen Gemeinde nähergebracht hat. In solchen Festgottesdiensten wurde ganz deutlich, welchen Stellenwert die Kirchenmusik in Ruedi Sidlers Leben hatte, welches sein eigentliches Anliegen als Musiker war: Er empfand sie als Dienst am Wort Gottes, als neben der Predigt ebenbürtigen Teil der Verkündung im Gottesdienst.
Dasselbe Anliegen war auch aus seinem Orgelspiel je länger desto deutlicher zu spüren. Ob er im Sonntags-Gottesdienst, an einer Trauung oder an einer Beerdigung spielte, stets versuchte er, in seinem Spiel den Text der Predigt aufzunehmen, ihn mit den Mitteln der Musik zu deuten. So ist es ihm gelungen, viele zu ermuntern, zu erfreuen und zu trösten.
Während seiner schweren Erkrankung im Sommer 1973 hat sich sein Bach-Verständnis entscheidend vertieft. Dieser Musiker, dem er sich schon immer verbunden gefühlt hatte, war ihm jetzt zur grossen Hilfe geworden. Sich seiner Kunst ganz widmen zu können, war sein Wunsch an das herannahende Alter. In seinem 1976 verfassten Lebenslauf schrieb er: «Der Reichtum des Orgelwerkes von Johann Sebastian Bach ist unerschöpflich und führt in die weiten Räume, die ganz zu durchschreiten unmöglich ist; aber die Türen sind geöffnet.» Türen hat er vor allem in seinen Orgelkonzerten und seinen Vespern öffnen können. Wer seine Orgelabende der letzten Jahre anhören konnte, spürte, wie sehr sich sein Spiel verinnerlicht hatte, wie er je länger desto mehr auf äusseren Effekt verzichtete, wie er noch bescheidener wurde, sich ganz nur als Diener an der Musik verstand. Er musizierte in einer Durchsichtigkeit und Klarheit im Aufbau, die beseligte, gelegentlich sogar bestürzte.
Dass ein Musiker vom Format eines Ruedi Sidler auch in der ausserkirchlichen Musik begehrt war, ist leicht zu verstehen. Als er 1943 nach Wädenswil gekommen war, übernahm er den Männerchor, den er bis zu seinem Tode mit grossem Erfolg leitete. Auch dem Männerchor Thalwil und dem Männerchor Lachen stellte er seine Kraft zur Verfügung. Mit allen Männerchören hat er neben einfachen Volksliedern auch anspruchsvolle Literatur gesungen, wobei es ihm nicht auf die Schwierigkeit des Werkes ankam, vielmehr darauf, dass sie der Sänger mit Freude und Liebe zur Musik sang.
Seit gut 20 Jahren hat Ruedi Sidler auch den Kammerchor Zürcher Oberland geleitet. Daneben war er seit den frühen Vierzigerjahren Lehrer am Konservatorium Luzern und an der Katholischen Kirchenmusikschule der Schweiz. Bei unzähligen Sängerfesten wurde er als geschätzter, unbestechlicher Experte zugezogen. Als geduldiger, behutsamer Lehrer betreute er eine grosse Schar von Klavier- und Orgelschülern. Ohne viele Worte – die er ohnehin scheute – einfach kraft seiner Persönlichkeit, seiner Beobachtungsgabe und viel Einfühlungsvermögen ist er für manchen jungen Menschen zur Schlüsselfigur im Leben geworden.
Dass sich seine Begabung so gut entfalten konnte, verdankte er zu einem guten Teil seiner Frau, die ihm eine sehr verständige und geduldige Gattin war, die ihn – selber begabte Berufsmusikerin – unterstützte und ihn auch auf der Orgel vertrat.
Musikliebhaber, Freunde und Bekannte verlieren in Ruedi Sidler einen liebenswürdigen, bescheidenen Menschen und einen hochbegabten Musiker, der es verstanden hat, von seinem Reichtum an andere weiterzugeben.