Vor 125 Jahren: Wädenswil interniert Bourbaki-Soldaten
Quelle: «Allgemeiner Anzeiger vom Zürichsee», 19. Februar 1996 von Peter Ziegler
Vom 4. Februar bis 17. März 1871 beherbergte Wädenswil 489 Soldaten der in der Schweiz internierten französischen Ostarmee Bourbaki, die während des Deutsch-Französischen Krieges aus Frankreich gegen den Schweizer Jura abgedrängt worden waren.
Der «Allgemeine Anzeiger vom Zürichsee» orientierte seine Leser fast täglich über die in Wädenswil getroffenen Massnahmen und über das Befinden der hier Internierten.
Ankunft der Bourbaki-Soldaten
Am Nachmittag des 4. Februars 1871 kamen 489 französische Soldaten, von zwei Offizieren begleitet, mit dem Dampfschiff in Wädenswil an. «Die Mannschaften sehen über Erwarten gut aus», kommentierte der «Anzeiger» in der Ausgabe vom 7. Februar. Es fehle aber an Hemden, Strümpfen und Schuhwerk, wurde weiter gemeldet. «Auch wäre es gewiss vielen sehr lieb, wenn man ihnen neuankommende französische Zeitungen abtreten würde», meinte der Berichterstatter. In derselben Nummer erfuhr die Bevölkerung, dass Artillerie-Hauptmann Walther Hauser zum Platzkommandanten von Wädenswil bestimmt worden sei.
Sammelaktion für das französische Militär
Bereits am 4. Februar hatte ein «Hülfskomitee Wädensweil» mit Inserat im «Anzeiger» zu einer Kleiderspende für «die wahrscheinlich ganz entblösst ankommenden französischen Militärs» aufgerufen. Auch Geldbeträge wurden dankbar entgegengenommen. Im Dorf konnte man die Gaben im
Sekundarschulhaus abgeben, im Berg und im Ort in den Schulhäusern.
Die Inserate in der Lokalzeitung hatten Erfolg. Laut Meldung vom 11. Februar 1871 waren bis dahin gespendet oder in Aussicht gestellt: «293 Hemden, 12 wollene Hemden, 109 Paar wollene Strümpfe und Socken, 185 Paar baumwollene Strümpfe, 40 Unterleibchen, 57 Paar Unterhosen, 15 Paar Hosen, 5 Röcke, 14 Westen, 146 Nastücher, 51 Paar Schuhe, 27 Stiefel, 13 Paar Finken, 14 Halsbinden, etwas Wäsche und Wein für die Kranken, ferner anderthalb Zentner Soda, ein Zentner Seife, 4000 Zigarren, ein Käse, Kaffee und Zucker, 420 Mass Wein und 144 Franken an Geld.»
Das Komitee verdankte diese Spenden und bat gleichzeitig um die «Abgabe von Gemüse, Kartoffeln, Rüben etc. zur Verwendung in der Küche». «Auch nach Äpfeln ist bei diesen Leuten oft Nachfrage», hiess es im Aufruf.
Die Gaben wurden inventarisiert und dann durch die Chefs in den Zimmern verteilt. Dass einzelne Wädenswiler ihre Spenden den Internierten direkt zukommen liessen, missbilligte indessen das Komitee, denn dadurch war die gerechte Verteilung in Frage gestellt.
Urteile über die Internierten
Im «Anzeiger» vom 11. Februar 1871 erfuhr man folgende Neuigkeiten über die in Wädenswil Internierten: «Wädenswil, 10. Febr. Die Mannschaft hat bei ihrem heutigen Ausmarsch schon ein ganz anderes Aussehen gehabt als bei ihrem Einzug. Es sind durchwegs kräftige Leute, welche sich meistens sehr höflich zu benehmen wissen. Mehrere Franctireurs darunter gehören offenbar den besseren Klassen an. Jedenfalls trifft der Ausdruck «Gesindel» und andere Liebenswürdigkeiten, welche man namentlich in deutschen Zeitungen findet, bei diesem Korps durchaus nicht zu.
Etwelche Unzufriedenheit haben hier die unzureichenden militärischen Massnahmen für die Organisation und Herstellung der Ordnung hervorgerufen. Zwei Offizieren allein wäre es gewiss bei aller Tüchtigkeit und Thätigkeit nicht möglich gewesen, Ordnung in das anfängliche Chaos zu bringen, hätten nicht zwei hiesige Offiziere die Güte gehabt, bei dieser Arbeit behüflich zu sein. Von den höhern Offizieren, welche offiziell für den Kantonierungsbezirk Zürich bezeichnet sind, hat sich bis jetzt noch keiner blicken lassen. Auf der einen Seite nachlässig und auf der andern kleinlich. So ist es bis jetzt noch nicht möglich geworden, den Militärs täglich etwa eine Stunde oder zwei Freiheit zu verschaffen, was für dieselben, insbesondere auch in gesundheitlicher Beziehung, eine Wohlthat wäre. Gefahr wäre dabei keine vorhanden, zumal wenn denselben ein bestimmter Cernierungsbezirk angewiesen würde. Durch das immerwährende Gefangenhalten wird man gewiss am allerehesten dazu kommen, bei diesen Leuten den Geist der Unzufriedenheit und Revolution zu erwecken. Hoffentlich wird es noch nicht so weit gekommen sein, dass die Furcht vor unserm deutschen Nachbarland uns abhält, gegen die Internierten gerecht zu sein.»
Allgemeiner Tagesbefehl für die Internierten
Wie der Zeitungsbericht vom 11. Februar 1871 belegt, war die Mannschaft recht streng gehalten, während die Offiziere sich frei bewegen konnten, selbst für Verköstigung und Unterkunft zu sorgen hatten und Zivilkleider tragen durften. Um eine einheitliche Behandlung der Internierten zu garantieren, wurde am 12. Februar ein für alle zürcherischen Unterkunftsorte gültiger allgemeiner Tagesbefehl erlassen:
06.30 Tagwache und Frühverlesen
07.00 Fassen, Kochen, Instandstellen der Lokale, Reinigungsarbeiten
08.00 Hauptverlesen, Arbeitsdienst, Bewegung im Freien
10.30 Verlesen, Mittagessen, Reinigungsarbeiten
12.30 Beschäftigung und Bewegung im Freien
14.00 Hauptverlesen, Aufenthalt im Zimmer
15.30 Ausgang
17.00 Appell, Abendsuppe
19.00 Retraite
20.00 Lichterlöschen.
Besucher aus Frankreich
Mittlerweile hatten die in Frankreich zurückgefbliebenen erfahren, wo in der Schweiz sich ihre Angehörigen aufhielten. Am 14. Februar 1871 wusste der «Anzeiger» zu melden: «Hier sind schon drei besorgte Väterchen dreier französischer Soldaten angelangt, welche sie mit allerlei 'Gueteli' überraschten.» Und am 21. Februar 1871 hiess es in der Zeitung: «In den letzten Tagen kamen wieder Verwandte (der Internierten) aus Frankreich hieheri diesmal waren es 'besorgte Mütterchen'. Dass dieses Wiedersehen wieder ein recht herzliches war, braucht nicht erst gesagt zu werden. Die eine dieser Damen, aus Besangon, brachte sogar für alle hier befindlichen Angehörigen des dortigen Arrondissements grössere und kleinere Geldgaben, bis auf 30 Franken.»
Teil-Demobilmachung
Da sich die militärische Lage anfangs Februar entspannt hatte, ermächtigte der Bundesrat den General, die zur Bewachung der Westgrenze aufgebotenen Truppen bis auf zwei Brigaden zu entlassen, was Herzog mit Tagesbefehl vom 9. Februar 1871 anordnete. Zur Bewachung der im 4. Kantonierungsbezirk und damit auch in Wädenswil untergebrachten Soldaten blieb die 1. Jäger- und die 3. Zentrumskompanie des Reservebataillons 88 im Dienst.
Rückkehr in die Heimat
Nachdem am 26. Februar 1871 zwischen Deutschland und dem besiegten Frankreich ein Vorfriede geschlossen worden war, konnten die in der Schweiz internierten Bourbaki-Soldaten im Verlaufe des Monats März in ihre Heimat zurückkehren. Am 7. März verliess die berittene Gendarmerie die Stadt Winterthur, am 8. März nahm das 92. Linienregiment von Zürich Abschied. Der Zürcher Tonhalle-Krawall vom 9. März - die Störung eines deutschen Siegesfestes, ~eleh~ Polizei- und Militäraufgebote notwendig machte - verzögerte' indessen die Rücktransporte. Weil die Wachtmannschaft bereits aus Wädenswil abgezogen worden war, musste der Gemeinderat am 11. März die Auszufgsmannschaft der Dorfsektion aufbieten.
Am 17. März 1871 morgens zehn Uhr reisten die Internierten, die sich von den Kriegsstrapazen gut erholt und - im Gegensatz zu Wehrmännern in anderen Gemeinden - auch keine in Wädenswil verstorbenen Kameraden zu beklagen hatten, im Extraschiff ~ ab. Eine Menge Volk begleitete die Bourbaki-Soldaten zum Seeplatz und verabschiedete sie hüte schwenkend und mit Vivatrufen. Tags zuvor hatten die Gäste der Wädenswiler Bevölkerung im «Anzeiger» mit dem folgenden, im Original in französischer Sprache abgefassten Schreiben für die freundliche Aufnahme und die spontane Hilfe gedankt:
An die Einwohnerschaft Wädenswils!
Nach unglücklichen Kämpfen genötigt, die Gastfreundschaft der Schweiz in Anspruch zu nehmen, wurden wir da auf die grossherzig. Wir alle sind davon lebhaft gerührt; wir hielten die Schweiz für ein kleines Land, aber Eure grossartigen Institutionen, Eure erhabenen Freiheiten zeigen uns, dass auch ein kleines Land ein grosses Volk bergen kann. Für Frankreich hat eine neue Ära begonnen; möchte es dabei die Schweiz nachzuahmen suchen. gste Weise und mit den aufrichtigsten Sympathien aufgenommen. Wädenswil wurde uns als Aufenthaltsort angewiesen. Schon der Empfang bei unserer Ausschiffung hat uns mit Freude erfüllt, und wir wurden es sofort inne, dass wir uns bei Freunden befinden. Einwohner Wädenswils! Wozu noch viele Worte, um Euch unsere Erkenntlichkeit auszudrücken? Aus dem Tiefinnersten unserer Herzen sagen wir Euch: Dank, tausendmal Dank für alles Gute, das Ihr uns erwiesen habt, und seid überzeugt, dass wir, zurückgekehrt in unser Vaterland, Euch ein ewiges Andenken bewahren werden!
Die französischen Internierten.