Im Jahre 1962 verkaufte Hans Lips das alte Wohnhaus mit Wirtschaft und Bäckerei beim Bahnhof, und am 3. August 1970 verstarb Mutter Lips im 85. Lebensjahr und wurde auf dem Friedhof Wädenswil zur Ruhe gebettet.
Auch nachdem Hans am 30. April 1990 in seinem 78. Lebensjahr seinen Beruf aufgegeben hatte, ging er jeden Tag nach Naglikon, seine Tiere füttern. Viel und gerne sass er unter dem wetterfesten Vordach seines Schöpfchens. Dieser traute Winkel ist durch einen Stapel Holzkistchen, in denen früher Fische transportiert wurden, vom Nordwestwind abgeschirmt. Zahlreich waren die Besucherinnen und Besucher von nah und fern, mit denen er über Gott und die Welt diskutierte und sich mit ihnen aufs beste unterhielt. Erstaunlich, wie viele Leute er kannte und wie genau er über die Geschichten der Familien aus der Au Bescheid wusste. Einmal machte sogar eine Frau aus Chur in der Au Zwischenhalt, um den Mann kennenzulernen, den sie täglich vom Schnellzug aus unter seinem Vordach sitzen sah.
Hans Lips schöpfte aus einer reichen Lebenserfahrung und gab seine Kenntnisse auf originelle und unvergessliche Weise weiter. Misslang ihm etwas oder musste er eine Niederlage einstecken, so sagte er: «Ja, da wird der dänn de Gibel scho wider gchriesnet.» War er müde und erschöpft von seiner Arbeit, habe die Mutter jeweils zu ihm gesagt: «Jetz chasch ja is Bett und morn luegsch de Hirne! wider andersch aa.» Briefe, bei denen er vermutete, sie brächten ihm Ärger, warf er gleich ungeöffnet in den Papierkorb. Wollte er einen vor einem zweifelhaften Gesellen warnen, so sagte er: «Pass uuf, dä isch faltsch wie Galgeholz.»
Er hatte ein weites Herz und viel Verständnis für alles Menschliche: «Weisch, de Hergott hed halt verschideni Choschtgänger, hasligi und buechigi.» Nur eines erboste ihn: Die Ausländer, die in die Schweiz kamen, um sich kriminell zu betätigen und die Gutmütigkeit der Schweizer auszunutzen: «Mir sind vil z larsch gäge die Hundwaar, wo da ine chund.»
Aber auch gegen Schweizer, die nie zufrieden waren, konnte er sich ereifern: «Dene Stänkerer sett mer e Rageete in Hinder stecke und si uf Moskau schüüsse.» Er liebte seine Heimat, ganz besonders die Au, und war stolz, ein Schweizer zu sein.
Unter dem Vordach seines Schöpfchens empfing er auch die Schülerinnen und Schüler, die ihn jedes Jahr einzeln oder gruppenweise interviewten und sich nach seinen Erlebnissen, Erfahrungen und Ansichten und den vergangenen Zeiten erkundigten. Er bewirtete sie grosszügig, und sie waren begeistert von seiner lebhaften Erzählweise und seinem Humor. Schon wie er sich ihnen vorstellte, war einmalig: «Ich bi de Hans Lips, hesch voorigs Gält, so gib's!» Als er sich verabschiedete, meinte er: «So, jetzt mues i na de Hüener go d Schwänz uebinde, dass wider brav legged.» Während des Winters 1996 sagte Hans öfter: «Mini Pumpi wott eifach nümme so rächt» und zeigte auf sein Herz, «uf eimal nimmt's di halt um der Egge, da chasch nüüt mache.»
Am Silvesterabend erkundigte sich eine Vertraute, die sich jahrelang liebevoll um ihn gekümmert hatte, nach seinem Ergehen. «Weisch, ich früüre e so. Ich bi ganz eläi. Ich ga früe is Bett.»
Am Neujahrmorgen 1997 lag er auf seinem Kissen, die Arme übereinander gelegt, das Gesicht etwas zur Seite – und ein tiefer Friede war über ihm.