Wädenswil 1916 - eine Zeitreise

Quelle: Jahrbuch der Stadt Wädenswil 2016 von Mariska Beirne / Christian Winkler

Fanny Moser von Sulzer-Wart

1848 28.07. Geburt der Fanny Louise, Freiin von Sulzer-Wart
1870 28.12. Heirat mit dem reichen Uhrenindustriellen Heinrich Moser aus Schaffhausen, Geburt der beiden gemeinsamen Töchter Fanny und Mentona
1874 23.10. Tod Heinrich Mosers – nur 4 Tage nach der Geburt der zweiten gemeinsamen Tochter erhebt er sich vom Frühstückstisch, fällt zu Boden und stirbt
1874–1887 Fanny Moser-Sulzer und ihre Töchter ziehen mehrmals um
1887 Einzug auf Schloss Au
1903 Tochter Fanny heiratet Jaroslav Hoppe, einen Musiker
1903 Tochter Mentona beginnt sich nach einem Englandaufenthalt in Zürich sozial zu engagieren und gibt Kurse für Sozialarbeiterinnen. Später entsteht daraus die Schule für Soziale Arbeit
1909 Mentona heiratet den Sozialisten Dr. Hermann Balsiger
1914 Tochter Fanny, die gegen den Willen der Mutter studiert und doktoriert hat, beginnt sich wissenschaftlich mit parapsychologischen Phänomenen zu beschäftigen
1917 Fanny Moser-Sulzer verkauft ihr Anwesen auf der Au. Umzug nach Kilchberg
1925 02.05. Fanny Moser-Sulzer stirbt 77-jährig in Kilchberg und hinterlässt ihren beiden Töchtern je ein grosses Vermögen, obwohl sie beiden «nur» den gesetzlichen Pflichtteil zugesteht
 
Eine Frau voller Widersprüche
Freiin Fanny wuchs in Winterthur als Mitglied des adligen Sulzer-Zweiges auf. 21-jährig lernte sie auf einer Zugfahrt den um 43 Jahre älteren Heinrich Moser kennen, einen Uhrenindustriellen aus Schaffhausen, und heiratete ihn kurze Zeit später gegen den Willen ihrer Eltern. Auch die fünf Kinder des Witwers waren gegen die Verbindung, insbesondere der älteste Sohn Henri. Als Moser nach der Geburt seiner Tochter Mentona starb, verbreitete der Sohn das Gerücht, Fanny habe ihren Mann vergiftet. Die junge Witwe liess die Leiche exhumieren und untersuchen. Obwohl damit die Unschuld bewiesen war, versperrte ihr das Gerücht später in Karlsruhe den Zugang in adlige Kreise. Mit dem Kauf der Au ergab sich dann aber die Gelegenheit, selber Hof zu halten. Die Freifrau nannte sich fortan Baronin, was im deutschen Sprachraum eigentlich nicht die korrekte Anrede war. Die Beziehung zu ihren Töchtern war schwierig. Die Lieblingstochter Fanny studierte gegen den Willen der Mutter, die jüngere Mentona wurde erst Sozialistin und später Kommunistin.

Fanny Moser (1848–1925)

Fanny Moser gehörte zwar zu den reichsten Frauen der Schweiz, doch der Erste Weltkrieg löste bei ihr Existenzängste aus, weil grosse Teile ihres Vermögens in Russland angelegt waren. Aus diesem Grund verkaufte sie 1917 ihr Gut auf der Au fast panikartig und zog nach Kilchberg.
 
Die Baronin und ihre Gäste
Kaum auf Schloss Au eingezogen, begann Fanny Moser grosse Einladungen zu veranstalten: Konzerte, Tanzabende, Bootsfahrten oder Damen-Teekränzchen. Im Gästebuch finden sich neben Vertretern des wilhelminischen Kaiserreiches Schweizer Namen wie die von Salis, Escher oder Wille. Auch Künstler weilten gerne auf der Au: Der Dichter Meinrad Lienert, die Schriftsteller Emil Ludwig und Conrad Ferdinand Meyer oder die Maler Segantini und Hodler. Wer bei der Baronin in Ungnade fiel, dessen Name wurde im Gästebuch überklebt – so Pfarrer M. Bion aus Zürich, der Tochter Fanny in ihrem Wunsch zu studieren unterstützt hatte oder der wohl bekannteste Gast: Sigmund Freud. Ihn hatte sie 1890 in Wien aufgesucht. In seinen «Studien über Hysterie», beschrieb er später den Fall von «Frau Emmi von N», die allzu leicht als Fanny Moser identifizierbar war. Aus Wädenswil finden sich Hermann Müller-Thurgau oder die Textilfabrikanten Gessner und Treichler mit dem Dorfarzt Dr. Florian Felix. Über den Gelehrten Auguste Forel liess sich die Baronin für die Abstinenzbewegung begeistern. Mit und ohne Alkohol, das zeigt das Gästebuch, war die Au für viele Besucher ein beliebter Rückzugs- und Ausflugsort.
 
«Die Umwälzung, die Forel mit der Abstinenzbewegung bewirkte, war erstaunlich. Wenn bis dahin an allen Festlichkeiten, selbst bei privaten Anlässen und Tanzgesellschaften gegen Schluss regelmässig Gäste betrunken unter dem Tisch lagen, kam dies fortan nur noch selten vor.»

Mentona Moser

Fanny Moser mit Tochter Fanny und deren Mann Jaroslaw Hoppe auf der Au.

Schloss Au, bis 1917 Besitz von Fanny Moser.




Mariska Beirne




Christian Winkler