Kultur schafft Identität
40 Jahre Kulturkommission Wädenswil
Quelle: Jahrbuch der Stadt Wädenswil 2019 von Sonja Marcec-Wolter
«Kultur» ist ein sehr häufig gebrauchtes Wort. Dabei ist der Begriff schwer zu fassen, weil unspezifisch, dementsprechend umstritten und seine Verwendungsweise oft lebhaft diskutiert. Die Bedeutung reicht von dem, was Menschen gesellschaftlich zusammenhält, bis hin zur sozialen Feinmechanik, Stichwort «Esskultur». Ausgehend vom lateinischen Ursprung des Wortes cultura («Bebauung», «Bearbeitung», «Pflege»), wird der Begriff heute noch im landwirtschaftlichen Bezug verwendet – Stichwort «Bodenkultur» oder «Kultivierung» von Ackerland. Eine Legaldefinition oder alleingültige Erläuterung, was Kultur bedeutet, sucht man allerdings vergeblich.
Der Europarat definiert Kultur zum Beispiel als: «Alles, was dem Individuum erlaubt, sich gegenüber der Welt, der Gesellschaft und auch gegenüber dem heimatlichen Erbgut zurechtzufinden.» Auch die UNESCO versteht Kultur eher weit gefasst: «Die Kultur kann in ihrem weitesten Sinne als die Gesamtheit der einzigartigen geistigen, materiellen, intellektuellen und emotionalen Aspekte angesehen werden, die eine Gesellschaft oder eine soziale Gruppe kennzeichnen. Dies schliesst nicht nur Kunst und Literatur ein, sondern auch Lebensformen, die Grundrechte des Menschen, Wertsysteme, Traditionen und Glaubensrichtungen.»
Die Schweizerische UNESCO-Kommission veröffentlicht auf ihrer Homepage über das Thema Folgendes: «Kultur hat das Potenzial, die Gesellschaft zu verändern. Erbe wirkt identitätsstiftend und begünstigt den Zusammenhalt von Gemeinschaften, die durch rasante Veränderungen und wirtschaftliche Instabilität gespalten sind. Kreativität trägt zum Aufbau einer offenen, inklusiven und pluralistischen Gesellschaft bei. Erbe und Kreativität sind an der Schaffung dynamischer, innovativer und gedeihender Wissensgesellschaften beteiligt.»
So verstanden dient Kultur also der freien Entfaltung des Menschen, der individuellen Selbstidentifikation und kann gleichzeitig eine Orientierungshilfe für den Einzelnen in der Gesellschaft darstellen. Auf die Ordnung des Zusammenlebens bezogen spannt der Begriff Kultur den Bogen zwischen Tradition, Gegenwart und Innovation. Die Bedeutung des Begriffs «Kultur» ist vieldeutig und stets kontextabhängig.
Kultur in Wädenswil
Gemäss dem Kulturleitbild versteht sich die Stadt Wädenswil in erster Linie als Wohn-, Bildungs- und Forschungsstadt. Aber sie setzt auch stark auf Kultur, um sich als wettbewerbsfähigen Standort in der schweizerischen Kulturlandschaft mit unverkennbarer Identität zu positionieren. Für Wädenswil ist Kultur somit auch als Standortfaktor zu bewerten. Ein breites, vielfältiges und attraktives Kulturangebot ist für das Image der Gemeinde wichtig und bedeutet für die Stadt Wädenswil eine Aufwertung und Erhöhung der Attraktivität. Ausserdem tragen kulturelle Angebote wesentlich zum gemeindlichen Zusammenleben bei. Dies bedeutet konkret, sich mit Wädenswil auseinander zu setzen und sich aktiv im Gemeindeleben zu engagieren. Kulturförderung ist deshalb als strategisches Element der Stadtpolitik und der Stadtentwicklung zu verstehen, da Kultur immer mehr als Voraussetzung für eine dynamische Entwicklung der Gesellschaft betrachtet werden kann. Die Schaffung, Erhaltung und Entwicklung einer kulturellen Infrastruktur sowie eines attraktiven Angebots ist eine dauerhafte und anspruchsvolle Aufgabe der Stadtpolitik.
Für die Kulturpolitik der Stadt Wädenswil ist der
Stadtrat verantwortlich. Er hat diese Aufgabe an ein Gremium delegiert, das ihm als beratende Behörde zur Seite steht. Die
Kulturkommission, die im Dezember 1979 aufgrund eines Postulats von Max Niederer und
Peter Ziegler im
Gemeinderat gegründet wurde, setzt sich derzeit zusammen aus sechs Personen, von denen eine von Amtes wegen der
Stadtpräsident ist. Des Weiteren wird das Gremium unterstützt durch eine Aktuarin, die gleichzeitig das Sekretariat der Präsidialabteilung leitet. Die Mitglieder der Kulturkommission setzen sich zusammen aus kulturell interessierten Personen, die sich jeweils mit einem Ressort bzw. einer bestimmten Sparte auseinandersetzen. In der Praxis bedeutet dies, dass ein Gesuch aus einer bestimmten Sparte in der etwa alle ein bis zwei Monate stattfindenden Sitzung von der Person vorgestellt wird, die mit diesem Ressort betraut ist. Die Entscheidung über eine mögliche Gesuchssprechung wird dann gemeinsam im Plenum und anhand der Richtlinien und Kriterien diskutiert und anschliessend gefällt.
Engagement und Vernetzung
Die Liste ehemaliger Mitglieder der Kulturkommission Wädenswil ist lang. In dieser und innerhalb der aktuellen Mitglieder finden und fanden sich beispielsweise Grafiker, Lehrerinnen, Musikerinnen, Ökonomen, Ärzte, Künstlerinnen, Schauspieler, Historikerinnen sowie auch Mitglieder verschiedener Vereine in Wädenswil, zum Beispiel der
Lesegesellschaft, des
Volkstheaters, des
Kammerorchesters oder der
Historischen Gesellschaft. Die Kulturkommission ist nach wie vor milizorganisiert und setzt auf Ehrenamtlichkeit.
Im Jahre 1980 nahm die Kulturkommission mit damals sieben Mitgliedern ihre Arbeit auf, nachdem für dieses Jahr ein Kulturkredit von 50 000 Franken bewilligt worden war. Der Kredit wurde bis Anfang der 1990er-Jahre sukzessive auf 65 000 Franken erhöht, danach im Zuge von Sparmassnahmen auf 55 000 Franken reduziert. Aktuell steht der Kulturkommission ein Kulturkredit in Höhe von brutto 70 000 Franken zur Verfügung, über den sie entsprechend ihrer Förderkriterien frei verfügen kann. Seit den 1990er-Jahren wurde der Kredit nicht mehr erhöht. Dass der verfügbare Gesamtbetrag heute höher ist, liegt an der geänderten Politik der kantonalen Kulturförderung. Sie unterstützt kommunale Kulturprogramme mit einem Anteil an den Gesamtkosten.
Im Rahmen des ihr zur Verfügung stehenden Kulturkredits unterstützt die Kulturkommission zwar Veranstaltungen, ist in der Regel aber nicht selber Veranstalterin. Bildende Kunst unterstützt die Kulturkommission durch Werkankäufe oder mit eigenen Veranstaltungen wie den
«Poster Days» im Jahr 2017. Auf Initiative der Kulturkommission wurde mittels Ausschreibung einheimischen Künstlerinnen und Künstlern die Möglichkeit geboten, während eines Monats im Frühsommer 2017 an insgesamt 15 Bushäuschen in Wädenswil und der Au ihre künstlerischen Werke der Öffentlichkeit zu präsentieren.
«Warten» von Josef und Merve Carisch an den «Poster Days» 2017.
Als weiteres und wiederkehrendes eigenes Engagement pflegt die Kulturkommission in Zusammenarbeit mit dem
Schloss-Cinéma die «Filmbühne». Im Winterhalbjahr zeigt sie jeweils sechs bis acht Spiel- und Dokumentarfilme zwischen Arthouse und Mainstream. Auch werden zum Teil Klassiker aus der Filmgeschichte für das Programm ausgewählt, die ohne diese Initiative den Weg in ein kommerzielles Kinoprogramm nicht oder nicht mehr finden würden.
Seit 2003 findet in der Bahnhofunterführung regelmässig das Projekt «Kunst im Kasten» statt. Die Kulturkommission beschloss, den damals freigewordenen Platz des städtischen Schaukastens der Wädenswiler Künstlerin Inés Mantel für künstlerische Projekte zur Verfügung zu stellen. Zum Thema «Ereignishorizont» entwickelt und realisiert sie seitdem das kuratorische Konzept und bespielt gemäss den Vorgaben der Kulturkommission alle vier bis sechs Wochen die Vitrine mit Installationen und Arbeiten, welche aus dem Oeuvre der Künstlerinnen und Künstler direkt ausgesucht wird. Bis heute sind rund 90 Installationen von ebenso vielen Künstlern und Künstlerinnen in der Bahnhofunterführung den Menschen im Vorbeigehen gezeigt worden. Dieser Standort erfüllt die Idee der breiten Kunstvermittlung somit ideal.
Kulturförderung mit Bezug zu Wädenswil
Die Kulturkommission versteht Kultur als sinnstiftenden Prozess und nicht als fertiges Produkt. Kultur ist Kommunikation, kann Unterhaltung sein, zur Diskussion und Reflexion über sich und die Gesellschaft anregen und ein Mittel zur Lösung gesellschaftlicher Probleme sein. Künstlerisches und kulturelles Schaffen äussert sich auf vielfältige Weise; konventionell, experimentell, aber auch traditionell. Die Kulturförderung setzt dabei keine Schwerpunkte und ist in ihren Präferenzen spartenunabhängig. So werden sowohl Vereine und kulturelle Veranstaltungen, aber auch Projekte aus den Sparten Musik, Theater, Tanz, bildende Kunst, Literatur, Performance, Film und verwandte Medien unterstützt, sofern sie den Förderkriterien entsprechen. Oberste Priorität hat für die Kulturkommission stets die künstlerische Freiheit, Qualität und die Eigenverantwortung der Kunst und Kulturschaffenden.
In erster Linie sieht die Kulturkommission ihre Aufgabe darin, Projekte, Initiativen und Aktivitäten zu fördern, die einen Bezug zu Wädenswil haben, die nicht aus eigener Kraft realisiert werden können und die nicht gewinnorientiert sind. Dazu bestehen Förderkriterien sowie eine Wegleitung für die Antragsteller.
In der Regel werden Kulturveranstalter, die entweder in Wädenswil verwurzelt sind oder deren Veranstaltungen in Wädenswil stattfinden, mit einem Defizitbeitrag unterstützt. Er dient der Risikominimierung und der Sicherheit, dass ein Projekt trotz eines entstandenen Defizits finanziert werden kann. Freie Kunst- und Kulturschaffende mit einem Bezug zu Wädenswil hingegen werden in der Regel mit einem festen Beitrag unterstützt.
Peter Zimmermann liest aus den ausgewählten Texten des Schreibwettbewerbs der Lesegesellschaft.
Die Ausgaben aus dem Kulturkredit werden in der Rechnung der Stadt detailliert ausgewiesen. Pro Jahr gehen zwischen 35 und 45 Gesuche bei der Kulturkommission ein; die gesprochenen Beiträge liegen im Durchschnitt bei rund 1800 Franken.
Die höhere Summe im Kulturkredit 2017 entstand durch die Extrakosten, die durch die «Poster Days» verursacht wurden.
Dabu Fantastic am Openair Arx-en-ciel auf dem Seeplatz.
Wiederkehrende Aufwände für Vereine, wie beispielsweise für den Musikverein Harmonie oder für Institutionen wie das Theater Ticino, aber auch Beiträge an die IG Weihnachtsbeleuchtung Wädenswil sowie auch für das Wädenswiler Jahrbuch werden in der Rechnung der Stadt unter der Rubrik «Übrige Kulturförderung/Übrige Beiträge» geführt. Diese enthält nicht nur Beiträge an kulturelle Institutionen, sondern auch weitere Ausgaben wie zum Beispiel für die Standortförderung.
Gemeinden im Vergleich
In Wädenswil bewegen sich die Ausgaben für Kultur und Freizeit pro Einwohnerin oder Einwohner in einer ähnlichen Höhe wie die Ausgaben vergleichbar grosser Gemeinden wie Horgen oder Uster. In den grossen Städten Zürich und Winterthur hingegen liegen diese Ausgaben deutlich höher. Die Stadt Zürich gibt rund 620 Franken pro Einwohnerin oder Einwohner aus.
Auf die Vielfalt des kulturellen Angebots in Wädenswil sollten aus den vergleichsweise geringeren Ausgaben für Kultur und Freizeit jedoch keine Rückschlüsse gezogen werden. Auch mit niedrigeren Aufwendungen kann viel erreicht werden und ein kulturelles Klima sowie eine kulturell lebendige und spannende Infrastruktur geschaffen werden.
Zu Gast bei «Wädensville Skyline» in der Fabrikbeiz: The Lonesome Ace Stringband aus Toronto.
Die Kulturkommission Wädenswil ist in erster Linie für die Verteilung der ihr zur Verfügung stehenden Gelder im Rahmen des Kulturkredits verantwortlich. Dabei legt sie Wert darauf, Bestehendes zu pflegen, Innovatives zu fördern und gelegentlich auch eigene Initiativen zu lancieren und durchzuführen. Zur Philosophie der Kulturkommission gehört aber auch, durch die Förderung von Kunst- und Kulturveranstaltern neue Sichtweisen zu vermitteln, Kunst- und Kulturschaffenden die Möglichkeit zu geben, ihre eigene Identität zu zeigen sowie Talente zu fördern. Gleichzeitig ist sie darum bestrebt, ein vielfältiges Kulturangebot zu schaffen und somit auf Wädenswil aufmerksam zu machen.
Sonja Marcec-Wolter,
Präsidentin Kulturkommission Wädenswil