Die Möglichkeiten, welche sich beim Experimentieren mit diesem Gerät eröffneten, faszinierten ihn, und er war fortan nicht mehr zu bremsen. Er kopierte Texturen von Naturmaterialien, Steinen, Textilien, bewegte die Objekte auf der Glasscheibe des Kopiergerätes, veränderte die Helligkeitsstufen oder bewegte den Deckel, so dass durch den Lichteinfall verschiedenste Schattierungen entstanden. Diese Fotokopien setzte er als Vorlagen wiederum zu Collagen in so feinen Abstufungen neu zusammen, dass auch das geübte Auge oft erst auf den zweiten Blick sieht, dass es sich hier um Collagen und nicht um Radierungen handelt. So schuf er danteske Landschaften, wie oben, mit stürzendem Ikarus, dem Motiv, welches seit der Antike als Inbegriff des visionären – aber auch des scheiternden – Künstlers gilt, dem Phönix als Hoffnungsmotiv oder dem surrealistischen Motiv par excellence von Oedipus Rex. Die Tragödie Oedipus, des jungen Prinzen, der das Rätsel der Sphinx löst, ist bereits seit Sophokles das Beispiel dafür, dass der Mensch sein Schicksal nicht voraussehen kann. Das Motiv war auch bei den Surrealisten sehr beliebt, weil so nach ihrer Ansicht aufgezeigt werden konnte, wie nahe menschliches Glück und Unglück beieinander sind.
Eine Tramfahrt, an einem schönen Sommertag von Fluntern hinunter zum Hauptbahnhof in Zürich, liess Bruno Heller aktiv über Spiegelungen und Transparenz nachdenken. Er sah Häuser, die sich in den Tramfenstern spiegelten und überlagert wurden durch die Spiegelungen der Fahrgäste. In Reminiszenz an Piranesis Carceri schuf Heller seine eigenen «Carceri».
In den achtziger Jahren entstanden eine Serie Architekturillusionen, die mit ihren dekonstruktivistischen Formen an Industrieruinen und gläserne Paläste im nächtlichen Mondschein erinnern. Oft tanzen oder bewegen sich auch hier Menschen vor diesen luziden Räumen. Diese Collagen nannte Heller fortan «multiperspektivische Transparentmontagen». Die Formen scheinen oft zufällig, sind es aber nicht. Bei der Rettung von Hellers umfangreichem Werk haben die Tochter und ich festgestellt, wie genau Bruno Heller jede seiner Collagen plante, bezeichnete, und wenn er auch nicht alle Arbeiten selber montiert hat, hat er sie doch sehr genau vorbereitet.
Neben den Werken aus der Kunstgeschichte als Inspirationsquelle, war für Bruno Heller das Theater ein zweites Feld seiner künstlerischen Auseinandersetzung. Viele seiner Collagen sind nach dem Prinzip eines Bühnenbildes aufgebaut. Oft finden auf mehreren Ebenen Szenen statt. Der zeitgenössische Tanz vor durchsichtigen Räumen mit Schleiern oder Tänze aus anderen Kulturen fanden eine Umsetzung in vielen seiner Bilder. Von allen Tanzformen ist es der Butoh-Tanz aus der japanischen Nachkriegszeit, der oft vorkommt. Beim Butoh-Tanz, auch Tanz der Finsternis genannt, wird nackt oder beinahe nackt getanzt, und die Körper der häufig glattrasierten Tänzer sind mit weisser Farbe gepudert. Die grotesken, zuckenden Bewegungen zeigen keine «schönen Formen», sondern wollen die Zuschauer mit gesellschaftskritischen Fragen aufrütteln. Der Butoh-Tanz versteht sich somit als Tanz einer Revolte und hat seine Fortsetzung in der zeitgenössischen Tanzszene gefunden. Heller setzt die mehrfach kopierten und veränderten Tänzerfiguren als Statisten sowohl auf seinen Bühnen, wie auch in seinen Trümmer- und Architekturlandschaften ein. Die Tänzer haben dort durchaus eine ambivalente Funktion als verzweifelte Schattenfiguren oder als tanzende Hoffnungsträger. Bild 7, das wie fast alle Werke Hellers ebenfalls ohne Titel ist, zeigt eine solche Bühnensituation mit mehrfacher Überlagerung von Tänzerfiguren.
Heller las täglich die «NZZ» und hatte, wie er mit einem Augenzwinkern erklärte, ebenfalls die kritische Wochenzeitung «WoZ» abonniert, man müsse doch beide Seiten der Medaille kennen, meinte er. Er interessierte sich auch für Philosophie, Psychologie und Literatur und nahm überhaupt bis ins hohe Alter am Geschehen dieser Welt rege teil. Die Verarbeitung der Ereignisse dieser Welt floss auf direkte oder indirekte Weise in seine Bilder ein. So hat er oft Pressefotos aus der «NZZ» kopiert und sie dann verfremdet, um sie schliesslich in seine Collagen einzubauen. Im folgenden Bild 8 lässt sich das gut nachvollziehen. Auf einem vom Künstler handkolorierten gelbroten Kartenbild aus der «NZZ» verläuft unten ein Streifen mit aneinandergereihten Motiven des Schweizer Künstlers Louis Soutters (1871−1942), darüber sind Menschenfriese gesetzt, die wiederum aus verschiedenem Kontexten herausgenommen wurden. Der oberste Fries auf dieser Collage zeigt eine Gruppe verzückt Tanzender, die luzide wie in einer Laser-Animation in einer zeitgenössischen Disco über die Bühne schweben. Zwischen 1980 bis zu seinem Tod begann Bruno Heller die ästhetische Veränderung unserer Bildwelt auch in der Werbung genau zu beobachten. Auch wenn er selber keinen Computer besass, und seine Collagen in der traditionellen handwerklichen Technik entstanden sind, hat Heller die Ästhetik der digitalen Bildbearbeitung, wie sie seit den späten 1990er Jahren durch Photoshop möglich ist, vorausgeahnt und sie für sich in seinen Collagen vorbereitet.