Nun ist es an der Zeit, auf die Ausbildung von Frau Dr. Lucci zu sprechen zu kommen. Vorab ein paar Worte zu Coué. Emil Coué (1857-1926) hat sich nach langjähriger Tätigkeit als Apotheker um die Jahrhundertwende mit Hypnose und Autosuggestion befasst. Seit 1910 übte er in Nancy (F) eine psychotherapeutische Praxis aus auf Basis der sogenannten Nancyer Schule im Sinne des von ihm entwickelten Couéismus. Er selbst hat nur zwei kleine Bücher geschrieben, eines davon «Die Selbstbemeisterung durch bewusste Autosuggestion», das deutsch aber erst 1936 erschien. Als die Zahl der Hilfesuchenden zu gross wurde, begann Coué Sitzungen abzuhalten, an denen viele Personen gleichzeitig teilnehmen konnten. Frau Dr. Lucci hat nicht nur an solchen Sitzungen teilgenommen, sondern war eine persönliche Schülerin von Emil Coué. Dieses Wissen, das sie in Nancy erlangte, gab sie in Form von Therapie direkt an ihre Patientinnen weiter. Als Dr. med. kannte sie natürlich auch die Grenzen von Hypnose und Autosuggestion. Vertreter der Schulmedizin haben Coué oft den Vorwurf gemacht, seine Klienten nicht rechtzeitig zum Arzt geschickt zu haben. Frau Dr. Lucci meint allerdings, dieser Vorwurf sei ungerechtfertigt, denn die meisten Hilfesuchenden seien erst zu Coué um Rat gekommen, wenn sie Arzt um Arzt aufgesucht hätten, ohne dort Heilung gefunden zu haben. Coué, zitiert nach Dr. Lucci: «Wenn die Leute glauben, dass ich ein Wunderdoktor bin, so täuschen sie sich. Ich habe nie jemanden geheilt, ich zeige den Leuten nur, wie sie sich heilen können.»
Sie selbst weist immer wieder darauf hin, dass gewisse Schmerzen durchaus durch die traditionelle Medizin geheilt werden könnten, wenn nur das Vertrauen des Patienten oder der Patientin in den Arzt genügend gross wäre, und das Vertrauen in die Möglichkeit einer Heilung. Schauen wir uns nun im Kapitel «Die Grenzen der Heilbarkeit» aus «Die Praxis der bewussten Autosuggestion» um:
«Bei jedem Kranksein irgendwelcher Art kann es sich nur um folgendes handeln: 1. Entweder arbeitet ein Organ oder arbeiten mehrere Organe nicht richtig. Ihre Funktion ist gestört. Oder: 2. Ein Organ ist teilweise oder ganz zu Grunde gegangen. … Ich zähle hier einige solcher Krankheiten auf, die ich aus eigener Erfahrung in kürzerer oder längerer Zeit durch die Coué-Methode heilen sah. Wenn man die älteren Anschauungen über die Heilungsdauer der gleichen Krankheiten betrachtet, ist man erstaunt, diese Krankheiten verhältnismässig schnell, ja in gewissen Fällen in überraschend kurzer Zeit heilen zu sehen.» (Man bedenke, dass Penizillin noch nicht entdeckt war!) «Solche Krankheiten sind: Bronchialkatarrhe, Nasenkatarrhe, Eiterungen aus Knochen, aus der Stirnhöhle, aus Zahnwurzeln, aus der Kieferhöhle, aus der Tränendrüse, aus dem Mittelohr usw., Wunden verschiedenster Art, die seit längerem jeder Behandlung trotzen, wie Krampfadergeschwüre, tuberkulöse Wunden. Hautkrankheiten: Schuppenflechte ... , Ausschläge der schlimmsten und hartnäckigsten Art. – In diese Abteilung gehören die meisten Magenleiden, Darmleiden, wie Stuhlverstopfung usw. – Hierher gehören alle jene Leiden, die nur Zeitweise oder immer wieder bei bestimmten Gelegenheiten auftreten: Asthma, Heuschnupfen, Herzangst und Herzklopfen, Migräne und jede Art von Kopfschmerzen, bei der keine ursächliche Veränderung nachzuweisen ist; hierher gehören alle Schmerzen und Beschwerden, die sich an normale, natürliche Vorgänge knüpfen, so die Schmerzen während der Entwicklung und des Wachstums und während der Wechseljahre. Eine grosse Anzahl von Beschwerden und Leiden, die man der Schwangerschaft zuschreibt oder als Folgen einer Geburt ansieht. Anfälle der verschiedensten Art, auch gewisse epileptische. Durch die Ausübung der bewussten günstigen Autosuggestion sind diese Leiden zu heilen oder zu vermeiden. Den Rückfällen ist durch die bewusste Autosuggestion vorzubeugen ... Platzangst, Lampenfieber, Verfolgungsangst, Erröten, Schüchternheit, Depressionen usw. – Heilbar sind auch viele Krankheiten, die mit Organveränderungen einhergehen, so: Geschwülste, Auswüchse, Anschwellungen von Organen, Erschlaffungen. So zum Beispiel sind zu heilen Schwellungen der Schilddrüse, der Gebärmutter, Erschlaffung und Erweiterungen von Adern (Krampfadern), Erschlaffung der Bänder, also Senkungen verschiedener Organe, Erweiterung des Magens usw. – Nur eines ist in solchen Fällen nicht zu vergessen: dass die Heilung ein allmählicher Vorgang ist, der Zeit braucht ... Einen hohen Wert hat die Coué-Methode für die Kriegsinvaliden ... Die ärztliche Kunst ist nicht zu entbehren, solange es kranken Menschen gibt. Die Ausübung dieser Kunst verlangt ein so gründliches Fachwissen, dass sie nur dem Berufsmann vorbehalten bleiben kann, der sein ganzes Leben in ihren Dienst stellt. Wo immer der Arzt seine Aufgabe ganz erfasst, verliert das Kurpfuschertum an Boden.»
Marlies Bayer-Ciprian