«Könnten Sie und ich nicht so ein kleines Buch schreiben? ... Dabei kann man auf das Lebenswerk Dr. O. Hausers aufbauen und vor allen Dingen zeigen, dass er es war, der weiteste Kreise des deutschen Volkes zur Vorgeschichte führte und dieselbe popularisierte. Ich würde dazu manches sagen können, denn ich kann wohl von mir sagen, dass ich die Gedankengänge Dr. O. Hausers am besten kannte und begriff.» Durch den Zweiten Weltkrieg brach die Verbindung Karl Brandts zu der Hauser-Familie vorerst ab. Nach einem Artikel von Karl Brandt in der Zeitschrift «Urania » meldete sich jedoch ein interessierter Zuhörer von Hausers zahlreichen Vorträgen in Berlin, Karl Otto, mit einem Brief vom 11. Mai 1948. Darin schreibt Otto an Karl Brandt unter anderem: «Nur wenige Menschen leben noch, die Hauser persönlich gekannt und mit ihm in enger Fühlung gestanden haben. Doch auch diese haben den Krieg gesundheitlich sehr schlecht überlebt und stehen zudem in einem Alter, das ihr Wirken und Schaffen auf urgeschichtlichem Gebiet nur noch beschränkt zulässt. Wo findet sich jemand, der das Erbe von Hauser antritt und dort wieder anfängt, wo der Tod den Lebensfaden von H. durchschnitt?» Karl Brandt erfuhr erst aus dem eben zitierten Brief von der Umsiedlung und dem Tod Erna Hausers. In seiner Antwort vom 18. Mai 1948 vermutete er:
«Dann müsste ihr Sohn, der Fritz, ja noch leben.» Und er fuhr fort: «Es kommt nun darauf an, zu erfahren, was aus dem sehr umfangreichen Archiv von Hauser geworden ist. Wenn das auch nicht mehr ist, kann wenig getan werden ... Jedenfalls werden wir die Fahne von O. Hauser hochhalten, so oder so und möglichst geschickt ... Zunächst muss erst einmal auf die Verdienste des Mannes geschickt hingewiesen werden; was ich diesbezüglich tun kann, geschieht.»
Im Januar 1949 erhielt er die Adresse von Friedrich Hauser in der Schweiz. Nun konnte er sich an ihn, den er ja schon als kleinen Jungen kannte, direkt wenden. Postwendend antwortete der Sohn: «Von meines Vaters Bibliothek ist nur das Wichtigste geblieben, Platzmangel und Transportbehinderungen zwangen damals uns dazu. Doch zum Glück haben wir noch manche Originalkarte, Diapositive und Artefakte retten können.» Wahrscheinlich trat danach in der Korrespondenz zwischen beiden eine Pause ein, da die nächsten noch vorhandenen Briefe erst aus dem Jahr 1954 stammen. Karl Brandt bemühte sich jetzt intensiver um eine gerechte Würdigung von Leben und Werk Otto Hausers. Dabei bat er Friedrich Hauser um Mithilfe. Zum anderen musste auch der Verbleib des Nachlasses geklärt werden. In einem Brief vom 18. Januar 1954 kam der Hauser-Sohn darauf zu sprechen:
«Besteht die Möglichkeit − Ihrer Meinung nach −, dass sich ein deutsches Museum für die noch vorhandenen wissenschaftlichen Unterlagen meines Vaters (Original-Wandtafeln, Profilschnitte, Artefakte usw.) interessieren würde?» Brandt antwortete zwei Monate später: «Die Profile usw. werden nicht abzusetzen sein. Aber ich kann ja im April die Sachen mal ansehen, möglicherweise kaufe ich die Sachen. Artefakte sind schwer abzusetzen, aber ich will mal herumhören.»
Während einer Reise im April 1954 nach der Schweiz besuchte Karl Brandt auch Friedrich Hauser und studierte eingehend den Nachlass, über den er Hausers Sohn am 25. April 1954 schrieb: «Über die Nachlaßsachen habe ich viel nachgedacht und bin zu dem Entschluss gekommen, Ihnen vorzuschlagen, mir alles zu überlassen, weil ich nur darin die Gewähr sehe, das was auswertbar ist, auch auszuwerten. überdies habe ich auch einen Sohn, der meine Sache fortsetzen kann und wird. Nach meinem Besuch bei Ihnen habe ich bei schweizerischen Sachkennern das Gelände sondiert; bei denen ist nichts zu machen, zumal die meisten mit sich beschäftigt sind und bergweise Funde besitzen. Um jemand anderem zur Anerkennung zu verhelfen, hat man noch weniger Interesse.
Für die Fotoplatten samt Verzeichnissen und die noch vorhandenen Funde könnte ich Ihnen 750 DM geben, das wären rund 750 fr. Ich habe vor, nichts aus dieser evtl. Erwerbung zu verkaufen, was mir auch nicht gelingen würde. Eine Anzahl doppelte Funde könnte ich vielleicht tauschen.»
Nach Auskunft Friedrich Hausers umfasste der noch verbliebene Nachlass 346 Fotoplatten im Format 13 x 18 cm, 9 Platten zu 18 x 24 cm, 20 Fotoplatten zu 8 x 10 cm, 200 Diapositive und rund 1500 Artefakte. Nach einigen brieflichen Verhandlungen über den Preis der Sammlung und die günstigste Möglichkeit der Zusendung nahm die Übergabe konkrete Formen an. Im Januar 1955 unterbreitete der Herner Museumsdirektor Vorschläge für Vereinbarungen, die bei einem eventuellen weiteren Verkauf beziehungsweise der Verwendung von Fotos in Publikationen zu beachten wären. Kurz darauf, am 22. Januar, antwortete Friedrich Hauser: «Ich bin mit den ... angegebenen Vorschlägen einverstanden. In der nächsten Woche werde ich die nötigen Kisten besorgen ... Anschliessend erfolgt das Packen.» Und am 31. Januar schrieb Hauser: «So, nun ist der Keller leer! Heute, am Nachmittag, wurden von der Welti-Furrer AG 5 Kisten . . . Richtung Herne abgeholt! Gute Reise.»
Am 10. Februar 1955 erhielt Karl Brandt vom Zollamt die Eingangsbestätigung der 5 Kisten mit einem Gesamtgewicht von 167 kg. Nachdem der Nachlass in Herne angekommen war, versuchte der einstige Hauser-Schüler, ihn doch an ein Museum weiterzugeben. Als erstes wandte er sich an den Museumsdirektor Prof. Guyan in Schaffhausen und machte ihn dabei auf die Verdienste des Schweizer Forschers aufmerksam. Doch Prof. Guyan verwies Brandt mit seinem Anliegen an Prof. Dr. E. Vogt, den Vizedirektor des Schweizerischen Landesmuseums in Zürich. Dessen Antwort war gleichfalls negativ, da es sich um Dinge handle, «die nicht-schweizerische Funde betreffen» und das Museum sein «Sammlungsgebiet streng auf die Schweiz beschränkt» habe. Damit blieb der Nachlass weiterhin im Privatbesitz von Karl Brandt. Nach genauer Durchsicht sämtlicher Fotoplatten und Dias stellte dieser resigniert fest, «dass ein grosser Teil» für baldige Veröffentlichungen «nicht zu verwenden sind, dass viele doppelt sind ... Die erhofften wichtigen Platten (Hebung der beiden Skelette sowie deutsche Fundstellen) fehlen auch». Drei Jahre später bekräftigte Brandt nochmals, dass er «mit den Sachen von Vater Hauser» keine Geschäfte gemachte hätte. «Nicht ein Stück, keine Platte und keinen einzigen Stein habe ich abgegeben oder abgeben können! Wohl habe ich mich bemüht, die gesamten (!) Sachen zum Selbstkostenpreis an ein Institut abzugeben, aber es war vergeblich ... Die Sachen habe ich von Ihnen erworben ..., damit Sie irgendwann und irgendwo an massgeblicher Stelle, zur Geltung kommen. Es soll gewissen Leuten nicht gelingen, den Namen Otto Hauser zum Verschwinden zu bringen.»
Um das zu verhindern, verfasste Karl Brandt unter anderem den wichtigen Aufsatz «Zum 60. Entdeckungstag des Neandertalers von Le Moustier» (erschienen in «Bremer Archäologische Blätter», Heft 5). Noch bedeutsamer und grundlegender ist Karl Brandts Veröffentlichung «Otto Hauser - Die Tragik eines Urgeschichtsforschers», 1970 im «Mannus -Neue Folge», Band 1, publiziert. Darin wird Hausers Tätigkeit in Südwestfrankreich zum erstenmal detaillierter dargestellt und erläutert. Im Vorwort heisst es dazu: «Wenn ich gefragt würde, warum ich das Wagnis unternehme, für O. Hauser einzutreten, so müsste ich antworten: ich habe schon frühzeitig das Unrecht gegen ihn erkannt. Aber auch meine Erkenntnis, dass durch die Nichtanerkennung Hausers für die Wissenschaft wertvolle Hinweise verloren gingen, ist für mich ausschlaggebend. Viele seiner wichtigen Ausgrabungsfunde ... brachten wissenschaftliche Fortschritte.»
Nach der Pensionierung Karl Brandts erwarb sein Sohn, Dr. Karl Heinz Brandt, die Fotoplatten, Dias und Verzeichnisse für das Bremer Landesmuseum für Kunst- und Kulturgeschichte (Pocke-Museum), wo sie sich bis zum heutigen Tag befinden. Dazu kommen noch 240 Steinwerkzeuge sowie einige Knochengeräte, die das Museum 1912 von Otto Hauser käuflich erwarb.