Fanfarenklänge eröffneten am Donnerstagnachmittag, 3. September, in der Burgruine Wädenswil das «Wädi-Fäscht». Ein Quartett des Wädenswiler
Posaunenchors spielte in zeitgenössischer Tracht Turmmusik aus dem 16. Jahrhundert von Giovanni Gastoldi. Der Präsident des Organisationskomitees, Rolf Bieri, begrüsste die Gäste und skizzierte in knappen Umrissen, was seit den ersten Entwürfen der Idee vor anderthalb Jahren bis zur Eröffnung des Festes an diesem Tage alles geschah.
Anschliessend ergriff Freiherr Rudolf III. von Wädenswil persönlich das Wort – übrigens ein erhebender Augenblick für einen Historiker, in die Kleider und die Rolle des Burgherrn zu schlüpfen:
Liebe Wädenswilerinnen und Wädenswiler, liebe Richterswilerinnen und Richterswiler, liebe Gäste!
Ich, Freiherr Rudolf III. von Wädenswil, begrüsse Euch ganz herzlich da oben auf meiner Burg. Es freut mich, dass plötzlich so viele Leute sich für meine Geschichte interessieren. Ich habe gehört, dass ihr jetzt dann zehn Tage lang festen werdet. Auch wir Ritter haben von Zeit zu Zeit gefestet. Besonders dann, wenn nach einem langen Winter wieder die Sonne und die Wärme gekommen ist. In meinem Burgturm war es nämlich kalt und dunkel und feucht, und meistens hat es hier auch gestunken!
Wir feierten, als ich meine Frau, Anna von Bürglen, heiratete. Und wir feierten, als unsere Tochter Katharina vom Ritter Peter von Hünenberg geheiratet wurde. Und auch an der Hochzeit unserer Margareta mit dem Ritter Hartmann von Hünenberg und an der Hochzeit von Elisabeth mit dem Ritter Walter von Buttikon ging es fröhlich zu. Und wieder ein Fest gab es, als Ulrich von Rüssegg unsere jüngste Tochter Cäcilia ehelichte.
Am 17. Juli 1287 aber, dem Tag, den ihr jetzt feiert, war es uns nicht ums Festen. Es ist nämlich nicht angenehm, wenn man seine Burg verkaufen muss, die Höfe, die Wälder, Wiesen, Rebberge und alles, was einem seit langer Zeit gehört hat.
Warum kam es zu diesem Verkauf, werdet Ihr jetzt fragen. Ich will es kurz erzählen: Meine Frau Anna und ich hatten sechs Töchter, aber keine Knaben. Kein Sohn hätte also meine Herrschaft und meine Burg übernehmen können. Den Töchtern gab ich Heiratsgüter, an der Burg musste ich Reparaturen ausführen lassen, und all dies kostete Geld. Ich musste mehr und mehr Schulden machen, musste Grundstücke veräussern und Rechte abtreten. Und dann rang ich mich schließlich durch, die von meinem Vater geerbte Burg und Herrschaft Wädenswil zu verkaufen.
Am 17. Juli 1287 kamen dann die Käufer hierher, in den Baumgarten vor der Burg. Johanniter waren es: Bruder Beringer als Vertreter des Obersten Meisters und Heinrich von Lichtensteig, der Komtur von Bubikon. Ihnen verkaufte ich die Burg und die Herrschaft Wädenswil mit allen Rechten und allen Leuten zum Preise von 650 Mark Silber.
Von meiner Familie waren ausser mir und meiner Frau noch zwei Töchter anwesend: Margareta und Elisabeth. Katharina lebte damals bereits als Nonne im Kloster FrauenthaI. Weil Frauen zu meiner Zeit nichts zu sagen hatten bei Rechtsgeschäften, hatten sie Beistände erbeten: Ritter Ulrich von Balm und Ritter Ulrich von Rüssegg. Und ausserdem war eine stattliche Zahl von Zeugen anwesend: unter anderem unser Verwandter, Graf Rudolf von Homberg und Herr zu Rapperswil, und weiter drei Zürcher Bürger. Wir ersuchten sodann den ehrwürdigen Bischof von Konstanz, er möge die Urkunde mitsiegeln Er kam zwar nicht nach Wädenswil, hängte aber später sein Siegel ebenfalls an die Verkaufsurkunde, und zwar zuvorderst.
Das Geld, das ich von den Johannitern erhielt, brauchte ich zum grössten Teil, um meine Schulden zu begleichen. Und dann musste ich natürlich dafür sorgen, dass ich und meine Frau irgendwo wohnen konnten und dass wir Einkünfte hatten, um daraus den Lebensunterhalt zu bestreiten. Ich bedingte mir daher von den Johannitern aus, dass ich und meine Frau bis zum Tod auf der Burg bleiben konnten. Und weiter regelte ich, dass mir die Johanniter eine jährliche Rente zahlten: Korn, Hafer und Geld mussten sie mir geben, und zwar recht viel.
Alles, was ich Euch jetzt erzählt habe, schrieben wir auf, und zwar gleich zweifach. Einmal für mich, und einmal für die Johanniter zu Bubikon. Und zwar auf Pergamentstreifen, etwa so lang wie mein Arm und halb so hoch. Ganz genau schrieben wir auf, was die Johanniter bekommen sollten und was sie mir dafür zu geben hatten. Und zum Schluss hängten wir unsere Siegel an die Urkunden: Bruder Beringer, der Graf von Homberg, der Komtur von Bubikon und ich, Rudolf von Wädenswil. Ich siegelte auch im Namen meiner Frau. Denn diese besass kein eigenes Siegel. Und im Namen meiner Töchter siegelten Ulrich von Balm und Ulrich von Rüssegg. Wenn es Euch interessiert, wie die Urkunde ausgesehen hat, könnt Ihr hinsehen. Ich habe eine mitgebracht und lege sie hierhin.
So, und nun komme ich zum Schluss. Ich wünsche Euch allen ein schönes und gefreutes «Wädi-Fäscht»!
(Diese Ansprache wurde in Mundart gehalten und für diesen Beitrag in die Hochsprache umgeschrieben.)