Hierhin, ins elterliche Heim, wo sie jetzt gelbe Blättlein wegzupft, etwas Loses festbindet, einen störenden Zweig zurechtschneidet, hat sie ihre Praxis erst nach dem Tode ihres Vaters verlegt. Als bedeutende Wädenswilerin, nicht berühmt, aber für ihr Dorf und den Berg bedeutend, ist sie auch ein Original. Sie vereint in sich originale, ursprüngliche und bodenständige Eigenschaften. Sie ist eine «Zürisee-Frau». Unverwechselbar, offen, gradlinig, sachlich, stark, nicht sentimental oder emotional, gütig, zuverlässig, sich ihrer selbst und ihrer Methoden sicher. Dies sind sicher Eigenschaften, welche zusammengenommen in Verdacht stehen, einen Menschen glorifizieren zu helfen. Nein, sie ist kein Idol; sie ist eine Frau, die geradeheraus ihre Meinung zeigt und sagt, die von sich und ihren Mitmenschen etwas verlangt, sogar viel verlangt, und da ist, wenn man sie braucht.
Beinahe hundert Jahre ist es nun her, dass sie als viertes Kind der Familie
Prof. Dr. Walter und Luise Wyssling-Witt 1897 zur Welt kam. Obwohl es so lange her ist, erinnern sich nicht nur jüngere Verwandte gerne und gut an sie. Viele Wädenswilerinnen kennen sie noch vom
Frauenverein her, aus der Praxis, vom Zivilen Frauenhilfsdienst, erinnern sich daran, dass sie «Ärztin vom Muetti gsii isch. Si hät si gern ghaa, es isch e gueti Ärztin gsii. Mir Chind händ scho chli Reschpäkt vor ire ghaa. Si hät gnau gwüsst, was si will», so eine Frau, die sich spontan erinnert. Sie habe aber «einen weichen Kern» gehabt, man habe es rasch gemerkt, dass sie es gut meine, trotz der meist «rauen Schale». Diese Äusserungen sind nicht der verschönernden Wirkung der Jahrzehnte Zuzuschreiben, sondern wörtlich zu nehmen. Hätten sonst die kleinen und jugendlichen Patientinnen und Patienten des Fräulein Doktor ihre «Gspäändli» ins Wartezimmer mitgenommen? Nicht weil sie für den schweren Gang Begleitung brauchten, sondern vielmehr, weil es in Frau Dr. Wysslings Wartezimmer Globibücher gab, die man als Knirps in einer stillen Stunde lesen durfte, auch ohne krank zu sein, ohne sanft aber deutlich wieder hinausbefördert zu werden. Nicht heutzutags, sondern vor dreissig bis sechzig Jahren war das so, ebenso lange Frau Wyssling ihre Praxis führte. «Mir händ si gern ghaa». Und sie die Kinder offenbar auch.
Eigentlich stehen wir ja noch immer mit Helene Wyssling im Garten und schauen ihr zu, wie sie ihn behutsam, aber auch energisch pflegt, je nach Bedarf der Pflanze. Dabei trägt sie ihre Werktagstracht, aber in der Praxis stehen die damals modernsten Apparaturen zur Diagnostik und Therapie.