In den Jahren 1919/20, 1922 und 1928 zieht Ernst Denzler zur Weiterbildung nach Paris. Dort wird er geprägt durch die Ambiance von Boulevards und Cafés, von Zirkus und Museen. Lithographien, Feder- und Pinselzeichnungen, Akte und Bildnisse charakterisieren diese Schaffensperiode.
Auf den ersten Aufenthalt in Paris folgt 1921 ein Studienjahr in Italien. In Rom entstehen vor allem Zeichnungen. Das Kapitol, das Standbild von Mare Aurel, Parkanlagen: das sind Bilder, Szenen und Eindrücke, die Ernst Denzler gekonnt mit Kreide oder Bleistift festhält.
Dann wechselt der Maler nach Florenz. Da sind Quartiere mit ihren Strassen und Gassen die bevorzugten Motive für Pinselzeichnungen mit Röteltusche oder für lavierte Tuschzeichnungen.
Immer wieder kehrt Ernst Denzler in den zwanziger Jahren und frühen dreissiger Jahren für einige Zeit aus der Fremde ins Elternhaus nach Wädenswil zurück. Im ehemaligen Schneiderinnen-Atelier richtet er sich ein eigenes Atelier ein. Jetzt porträtiert er Persönlichkeiten aus dem Dorf: den Rechtsanwalt Ritzmann, den Arzt
Florian Felix, den Ohrenarzt Weibel, den Zahnarzt Meier, den Side-Amme und den Zigarre-Müller. Er malt die alte Wädenswiler Badanstalt, die Gasfabrik, den winterlichen Garten bei der Gerbe.
In Wädenswil lernt Ernst Denzler seine künftige Frau kennen: Alice Meier. 1934 heiraten sie. Das Ehepaar wohnt zuerst in Zürich, wo der Künstler Malstunden erteilt. 1937 ist dann das neuerstellte Haus an der heutigen alten Steinacherstrasse in der Au bezugsbereit. Da arbeitet Ernst Denzler bis 1968. Einen prächtigen Blick hat er da über die noch wenig überbaute, ländliche Au. Einen Blick auf den See von Zürich bis Rapperswil. Eine Landschaft, die er in allen Jahreszeiten zeichnet, malt oder radiert: bei Sonne, Regen, Sturm und Winterkälte. In den 1950er Jahren veröffentlicht der «Allgemeine Anzeiger vom Zürichsee» in der jährlichen Kalenderbeilage viele Federzeichnungen, welche Denzlers engere Heimat zeigen: Bauernhäuser im Unterort, die Türgass, der Blick vom Hangenmoos über das Dorf Richtung über See, den Sihlsprung, den Hüttnersee.
Schon während der Studienjahre in Paris übt sich Ernst Denzler im Akt-Zeichnen. Mitte der 30er Jahre greift er das Aktzeichnen wieder auf. Jetzt in der Technik der Federzeichnung oder der Pinselzeichnung mit verdünnter Tusche. 1935 ist Ernst Denzler auch als Buchillustrator tätig. Er schmückt das Buch «Flug mit Elsabeth» von Ernst Ackermann mit Federzeichnungen. Das Buch erscheint im Verlag Fretz + Wasmuth in Zürich. 1943 erscheint ein Bändchen mit 25 Federzeichnungen von Ernst Denzler. Diese Zeichnungen sind angeregt worden durch das Gedicht «Schläferin» seines Freundes Max Richner. Weitere Akte entstehen um 1955, dann wieder um 1970 auf Ischia. In der Kombination von Meerfischen, Krebsen, Muscheln und Schlingpflanzen leiten sie über zu den Nixenbildern der siebziger und achtziger Jahre.
Der vierjährige Ernst Denzler wird träumend aus dem Schlaf aufgeschreckt. Löwen, Tiger und Panther bedrohen ihn, greifen ihn an. Raubtiere begleiten ihn fortan durch sein ganzes Leben. Man findet ihn darum häufig im Zürcher Zoo, wo er den Stift zückt und mit sicherem Strich ein Tier aufs Papier bannt. Ob er vor den Raubtierkäfigen im Zürcher Zoo sitzt, beim Cirkus Knie oder im Kinderzoo in Rapperswil: immer ist der Künstler fasziniert von der Bewegung, gepackt von der Kraft und Spannung seines Sujets. So entstehen ausdrucksstarke Tierbilder aus tiefem Erlebnis.
Zwiesprache mit Tieren heisst auch ein eindrucksvoller Bildband mit Zeichnungen von Ernst Denzler und einem Vorwort von Max Richner. Er erscheint auf Weihnachten 1944 in einer nummerierten Auflage von 500 Exemplaren. Nur wenig später bereichert Ernst Denzler die «Dschungel-Gedichte» von Rudyard Kipling, die Ernst Helbling übertragen und nachgedichtet hat. Vom Dichter und Künstler signiert, erscheinen sie 1945 in 200 nummerierten Liebhaberdrucken. Herausgeber ist der Verein der Oltener Bücherfreunde. Neben den Haus- und Raubkatzen, die da vorkommen, gehört seit den 1970er Jahren vor allem das Pferd zu jenen Tieren, die Denzler immer wieder aufs Neue studiert und darstellt. Beliebter Ort für die Studien sind die Stallungen und die Weiden des Klosters Einsiedeln.
Im Zürcher Zoo, vor allem aber während eines Aufenthaltes in Neapel, wird Ernst Denzler von der vielfaltigen und vielfarbigen Tier- und Pflanzenwelt der Aquarien beeindruckt. Meistens in Mischtechnik – das ist eine Verbindung von Harzölfarbe und Kaseintempera – komponiert er erste Fischbilder: Er malt Rochen, rote Polypen, Rotfeuerfische, Kugelfische, Einsiedlerkrebse, Silberrosen, Seesterne und Muscheln.
Als Kombination von Fischbildern und Akten entstehen ab den 70er Jahren Ernst Denzlers geheimnisvolle Nixenbilder. Sie tragen Titel wie «Drama», «Muränenklage» oder «Nixe mit Buntbarschen». Nach meinem Eindruck zählen sie zum Schönsten, was der Künstler geschaffen hat. Sie zeugen von persönlicher Formensprache, von eigenwillig-phantastischer Vorstellungskraft. Immer wieder werden die Nixen von Seeungeheuern angegriffen. Immer wieder ereignet sich, wie es Ernst Denzler einmal selber ausgedrückt hat, «un drame sous la mer».