Ein Haus für die Arbeiterschaft

100 Jahre Volkshaus Wädenswil

Quelle: Jahrbuch der Stadt Wädenswil 2019 von Christian Winkler

Am 29. März 1919 trafen sich rund 30 Personen im «Löwen» und gründeten die Volkshausgenossenschaft.1 Mit dem Kauf einer passenden Liegenschaft sollte mit Restaurant, Versammlungsräumlichkeiten und Pension besonders für die Arbeiterschaft eine neue Heimat entstehen. Dazu kaufte man am 15. Mai 1919 besagten «Löwen» und taufte den Gasthof «Volkshaus Wädenswil».2
Der Gründung waren bewegte Zeiten mit dem Ersten Weltkrieg und dem Erstarken der Arbeiterschaft vorangegangen. In Wädenswil als grossem Industriestandort mit Textilfabriken, Hut- und Mützenmachern, mit der Herstellung von Metallwaren, Stärke, Ölen, Fetten, Seifen und Bier war die Zahl der Fabrikangestellten hoch. Diese gewannen auch in der Politik an Einfluss. Ab Mitte des 19. Jahrhunderts gab es in Wädenswil zwei Arbeiterorganisationen. Der Grütliverein, nachweislich seit 1860 bestehend, umfasste eher die Handwerker, während der 1888 gegründete Arbeiterverein, die späteren Sozialdemokraten, vor allem Fabrikarbeiter an sich band.3 Für beinahe alle Bedürfnisse und Interessen bildeten sich Organisationen speziell für die Arbeiterschaft. Es gab Krankenkassen, den Grütliturnverein – der spätere Arbeiterturnverein Satus –, Gewerkschaften, zahlreiche Branchenvereine, Arbeiter-Radfahrerbund und den Sängerbund. Ab 1910 konnte man im Allgemeinen Konsumverein ACV einkaufen, seit 1924 sorgte die Mieterbaugenossenschaft für den Bau von bezahlbarem Wohnraum.4
Die Kreuzung beim «Löwen», um 1910.

Unruhige Zeiten

Mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs 1914 verschärfte sich auch in der Schweiz die wirtschaftliche Situation eines grossen Teils der Bevölkerung. Die Inflation frass die Ersparnisse auf, die Lebensmittel wurden knapp und die Preise für Nahrungsmittel und Konsumgüter stiegen dramatisch an. In Wädenswil kostete beispielsweise ein Kilogramm Mehl 1914 46 Rappen, 1918 dagegen 84 Rappen, das Kilogramm Reis stieg in dieser Zeit von 60 Rappen auf 1.06 Franken an.5 Viele Männer waren zudem öfters im Militärdienst. Für Soldaten gab es noch keinen Erwerbsersatz und nur wenig Sold, weshalb die Einkünfte während dieser Zeit fast ganz ausblieben.
Politisch wirkte sich die Krisenzeit ähnlich wie in den grösseren Städten auch in Wädenswil in einer zunehmenden Unterstützung der Arbeitervertreter aus. Nach einem äusserst gehässig geführten Wahlkampf waren die Gemeindewahlen 1916 für diese ein voller Erfolg: Sämtliche Kandidaten für die verschiedenen Behörden setzten sich durch, darunter auch die Gemeinderäte Albert Bär und Ernst Kessler.6
Nach Kriegsende begann der Landesstreik wie in der übrigen Schweiz auch in Wädenswil am Montagmorgen des 11. November 1918 und dauerte vier Tage. Streikposten verhinderten die Aufnahme der Arbeit in den Fabriken und die Arbeiterschaft marschierte in einem Umzug durchs Dorf. Der Gemeinderat rief die Bevölkerung sogleich zur Besonnenheit auf, nicht zuletzt, weil sich rasch eine Bürgerwehr bildete, die damit drohte, sich zu bewaffnen. Auch die Streikenden beschworen ihr Publikum, Ruhe zu bewahren und keine Gewalt anzuwenden. Die äusserst gereizte Stimmung zwischen den Lagern blieb jedoch ohne handgreifliche Auseinandersetzungen.7 Die durch diese Ereignisse aufgeworfenen Gräben zwischen den politischen Lagern blieben in der Folge noch längere Zeit bestehen.

Motiviert – aber unerfahren

Der «Löwen» diente während des Landesstreiks als Zentrum des Streikkomitees. Auch zuvor war das Restaurant schon für viele Vereine der Arbeiterschaft das Stammlokal für Versammlungen gewesen. Allerdings war man oft auch in anderen Wirtschaften wie in der «Schmiedstube», in der «Morgensonne», im «Edelweiss» oder im «Ochsen» zu Gast. Aber man war nicht überall willkommen.8 Die Ereignisse rund um den Landesstreik hatten die Arbeiterschaft zusammengerückt, und so liessen sie sich gerne für das Volkshaus-Projekt gewinnen.
Nach der Gründungsversammlung im «Löwen» am 29. März 1919 mit Genehmigung der Statuten und der Wahl des Vorstands – in dem auch zwei Frauen sassen – begann die Suche nach einer geeigneten Liegenschaft. Nach Inseraten in den Zeitungen waren Offerten des «Löwen» und der «Morgensonne» eingegangen. In der «Morgensonne» – übrigens das heutige Theater Ticino – schienen der vorbereitenden Kommission jedoch Umbauten kaum möglich, und so entschied man sich für den «Löwen» an der Ecke Schönenbergstrasse/Oberdorfstrasse.9
In der zweiten Versammlung am 4. Mai 1919 stimmten die Anwesenden dem Kauf der Liegenschaft für 110 000 Franken zu und schritten zur Wahl eines Pächters. Ohne Gegenvorschlag wurde Uhrmacher Otto Vollrath gewählt, einer der Initianten der Genossenschaft. Insgesamt wagte man sich also mit einem in Sachen Führung einer Wirtschaft beziehungsweise Betrieb einer Liegenschaft eher unerfahrenen Team an das Projekt «Volkshaus Wädenswil».10
Die Liegenschaft bestand gemäss Kaufvertrag vom 10. Mai 1919 aus dem «Wohn- und Wirtshaus» und einem «Zinnenanbau mit Schlachthaus und Stall». Letzterer diente noch bis in die 1950er-Jahre als Schweinestall für den Pächter, zerfiel danach jedoch immer mehr, weshalb man ihn 1968 abriss.11 Im bergseitigen Teil des Hauses befand sich eine Metzgerei und Wursterei. Dieser Bereich blieb noch Jahrzehnte unter dem Namen «Metzg» bekannt, obwohl er schon im ersten Jahr in ein Vereinslokal umgewandelt und als solches genutzt wurde. Die Grundfläche von Haus, Hof und Garten umfasste 521 Quadratmeter.
Die Volkshausgenossenschaft verfügte selbst über kein Kapital, um etwas zum Kauf beizusteuern. Der Preis von 110 000 Franken setzte sich aus sieben Schuldbriefen im Wert von 8000 bis 34 000 Franken zusammen. Bei einem Zins von jeweils rund 4 Prozent bedeutete dies allein schon jährliche Kosten von über 5000 Franken auf Schuldscheinen und Hypotheken. Die 3140 Franken, die im ersten Jahr aus dem Verkauf von Anteilsscheinen generiert wurden, dienten als flüssige Mittel für die Kasse. Die Finanzierung der Genossenschaft stand folglich auf wackligen Beinen und war über die Jahrzehnte das bestimmende Thema im Vorstand. Zu den Käufern von Anteilsscheinen – sie wurden dadurch zu Mitgliedern der Genossenschaft – gehörten Privatpersonen und Vereine als Kollektivmitglieder. Ein Anteilsschein kostete 25 Franken, für Kollektivmitglieder 50 Franken. Unter den Inhabern befanden sich Arbeiterorganisationen aus der ganzen Schweiz.12
Am 10. Mai 1919 war der Kaufvertrag unterzeichnet, am 15. Mai übernahm der neue Pächter den Gasthof. Einen Tag später luden er und die Genossenschaft zum Eröffnungsfest mit musikalischer Unterhaltung und Tanz ein. Kurz danach organisierte die sozialdemokratische Frauengruppe einen Vortrag mit der weltberühmten Sozialistin und Pazifistin Anneliese Rüegg, die über ihre «Erlebnisse in Amerika» referierte.13
 
Inserat zur Eröffnung des Volkshauses im Allgemeinen Anzeiger vom Zürichsee.

Immer knapp bei Kasse

Etwas abseits von publikumswirksamen Veranstaltungen zeigten sich im Volkshaus bald die Startschwierigkeiten des Unternehmens. Zahlreiche Reparaturen waren vorzunehmen, das Inventar zu ergänzen und der Vereinssaal einzurichten – und das praktisch ohne Geld. Gegen die geplante Erhöhung der Miete von 7000 auf 9000 Franken wehrte sich der Pächter, da «das Volkshaus kein Passantengasthof und vom Bahnhof zu weit abgelegen sei, dadurch könne er sich nur auf die Grosskostgeberei verlegen und die Preise nicht so hoch schrauben, denn es kämen doch wiederum nur Arbeiter in Betracht». Man einigte sich schliesslich auf einen neuen Jahreszins von 8000 Franken.14
Der Vorstand bemühte sich intensiv darum, die Genossenschaft auf ein solideres finanzielles Fundament zu stellen. Er rief in erster Linie zum Kauf von Anteilsscheinen auf, indem er Briefe an die Arbeiterorganisationen in der ganzen Schweiz versandte. Allerdings war die Resonanz eher enttäuschend und nach einem halben Jahr waren Spenden und Käufe von Anteilsscheinen im Wert von lediglich 4240 Franken zusammengekommen.15 Das Arbeiternetzwerk der Schweiz war zwar umfangreich und man erreichte viele Personen, allerdings handelte es sich um eine wenig kaufkräftige Bevölkerungsschicht. Für grössere Ausgaben blieb deshalb oft nichts anderes übrig, als einen neuen Schuldbrief aufzunehmen.16
Gruppenfoto mit Besuch von «Aussersihler Agitatoren» vor dem Volkshaus, vermutlich 1930er-Jahre.

Die damals beim Kauf der Liegenschaft übernommenen Schuldscheine erwiesen sich bald als finanzielles Risiko. Da diese vor allem bei Privaten lagen, bestand stets die Gefahr, dass diese plötzlich deren Rückzahlung verlangten. Dies geschah 1923: Der ehemalige Besitzer Zimmermann forderte zwei seiner Schuldbriefe im Wert von insgesamt 23 000 Franken zurück – eine Summe, die für die Genossenschaft unmöglich flüssig zu machen war.17 Der Vorstand nahm nun Gespräche mit Banken auf, um die risikobehafteten privaten Schuldscheine in langfristigere Hypotheken umzuwandeln. Dazu erforderlich war allerdings ein «Renditen-Plan», also ein Business-Plan. Die Genossenschaft wurde dadurch gezwungen, in finanziellen Angelegenheiten professioneller zu arbeiten, was auch die Generalversammlung 1925 verlangte.18 Die intensiven Bemühungen sorgten für etwas psychologische Entlastung; drei Viertel der Schuldscheine lagen 1930 bei der Sparkasse Wädenswil, der Schweizerischen Volksbank, der Brauerei und bei der Zürcher Kantonalbank.19

Die Brauerei, ein treuer Partner

Auch die Brauerei Wädenswil war Inhaberin von Schuldscheinen geworden. Immer wieder gelangte die Genossenschaft in finanziellen Angelegenheiten an sie. Allerdings lösten die vertraglichen Bedingungen im Vorstand eine heftige Kontroverse aus, da die Brauerei verlangte, fortan das Bier nur noch von ihr zu beziehen. Die Vorteile des grossen ortsansässigen Industriebetriebs als Partner überwogen aber.20 Zum Inventar des Hauses gehörte beim Kauf auch eine Kühlanlage.21 Als diese 1930 saniert werden musste, wandte sich die Genossenschaft wiederum an die Brauerei, die zu diesen Zeiten auch Spezialistin für solche Einrichtungen war. Weitreichende Dienstleistungen rund um die Bierlieferungen waren damals üblich. Brauereien stellten Ausschanktische und Mobiliar zur Verfügung und sicherten mit Kühlgeräten die Haltbarkeit und damit einwandfreie Qualität des Getränks. Oft beteiligte sich eine Brauerei – wie beim Volkshaus – auch finanziell.22 Als nun die Erneuerung der Kühlanlage bevorstand, war es naheliegend, sich an die Wädenswiler Brauerei zu wenden. Man diskutierte die Klauseln zum exklusiven Bierbezug und die damit verbundene Abhängigkeit vom Grossbetrieb. Auf der anderen Seite hatte sich die Brauerei bisher als zuverlässiger und wohlwollender Partner erwiesen und so setzten sich letztlich die pragmatischen Überlegungen durch. Die Brauerei liess die elektrische Kühlanlage auf eigene Kosten erstellen und steuerte auch einen Ausschanktisch für das Restaurant bei. Die Kosten waren jährlich zu amortisieren. Zusätzlich kaufte die Brauerei ihrerseits Anteilsscheine und erliess der Genossenschaft oftmals die Zinsen.23
Die Mitglieder des Vorstands verfügten meist nur über wenig Erfahrung in der Gastronomie; viele waren Handwerker oder Fabrikangestellte. Auch mit Fachwissen half deshalb die Brauerei immer wieder aus. Als beispielsweise 1939 der sogenannte Fähigkeitsausweis, das «Wirtepatent», eingeführt wurde, klärte die Brauerei den Vorstand über die geltenden Bestimmungen auf. Hatte der Vorstand im Bewerbungsverfahren für einen neuen Pächter eine engere Wahl getroffen, gab man diese der Brauerei bekannt, die wiederum in ihrem Netzwerk Informationen über die Kandidaten einholte.24 Oft übernahm die Brauerei die entstandenen Unkosten und äusserte sich zur Wahl: «Wir gratulieren Ihnen zu dieser Wahl und sind überzeugt, dass Sie mit diesen tüchtigen Wirtsleuten zufrieden sein werden.»25

Das Volkshaus wird rot

Die knappen Finanzen machten es kaum möglich, grössere Investitionen an der Liegenschaft zu tätigen. Umgekehrt rissen die dauernd notwendigen Reparaturen und Umbauten regelmässig Löcher in die Kasse. Der Unterhalt und die Finanzierung standen ständig auf der Traktandenliste des Vorstands.
1929 erfolgte der erste grosse Umbau: die Aussenrenovation des Gebäudes, als das Volkshaus seinen hellroten Anstrich erhielt. Die Farbgebung der Fassade sollte nicht dem Zufall überlassen werden. Gewissermassen zu Studienzwecken reisten deshalb drei Vorstandsmitglieder nach Zürich, die «bei verschiedenen Neubauten den passenden Farbenton für das Volkshaus besichtigen sollten». Gemeint waren selbstverständlich Bauwerke aus dem Umfeld der Arbeiterorganisationen, namentlich der Zürcher Allgemeinen Baugenossenschaft. Man übernahm sozusagen ein «Corporate Design» der Arbeiterschaft und entschied sich für ein blasses Rot.26 Zugleich entfernte man die über der Tür vermutlich aufgemalten Löwen und liess eine «elektrische Lichtreklame» montieren. Die Sanierung des Restaurants habe «aus der dunklen Völkerhütte ein angenehmes Lokal geschaffen», konstatierte ein Teilnehmer der Generalversammlung zufrieden.27

Das Volkshaus – ein besonderes Bauwerk

Im Jahr 1900 standen an der Stelle der heutigen Volkshaus-Liegenschaft eine Scheune, ein Waschhaus und eine Werkstätte. Sie gehörten zum gleich nebenan an der Oberdorfstrasse 7 gelegenen Haus «Weinburg», das 2016 abgebrochen wurde und der Überbauung «Wyburg» wich.28 Der Platz gehörte Jakob Hauser und wurde ihm von Zimmermeister Marzell Küttel abgekauft. Dieser liess die Nutzbauten abreissen und das heutige Volkshaus erbauen.29 Architekt war Karl Schweizer, der neben öffentlichen Bauten wie 1886 das Krankenasyl oder 1889/90 das zweite Eidmattschulhaus zahlreiche Privatbauten verwirklicht hatte, so 1883/84 die Fabrikantenvilla Fleckenstein, 1881 die Villa Flora für sich selbst als Wohnhaus oder 1896 die Villa der Brauereibesitzer Gebrüder Weber.30 Diese Beispiele zeigen Schweizers Neigung zum Jugendstil und zu verspielten Formen mit Giebeln, Türmchen und komplexen Dachformen, die seine Bauten auszeichnen. Das städtische Erscheinungsbild entsprach dem Zeitgeist um die Jahrhundertwende, als beispielsweise das Postgebäude oder der «Merkur» beim Bahnhof erbaut wurden. Die Gemeinde wuchs rasant und die Neubauten sollten sich deutlich von den älteren Bürgerhäusern abheben, etwa von der schräg gegenüber liegenden Häusergruppe mit der «Hohlen Eich».31
Unter dem markanten Ecktürmchen zwischen den beiden Hauptfassaden an der Oberdorf- und der Schönenbergstrasse befand sich ursprünglich der mit Säulen eingefasste Haupteingang, der im grossen Umbau von 1980 geschlossen wurde. Die breite, auf die Strasse ragende Treppe hatte man bereits 1972 entfernt, als die Gemeinde an der Oberdorfstrasse am Volkshaus ein Trottoir baute.32 Im letzten grossen Umbau 1999 wurde an dieser Stelle ein Fenster eingebaut, das im Restaurant mehr Licht gab und wieder etwas an den ehemaligen Eingang erinnerte.33
1970 war das Volkshaus ziemlich renovationsbedürftig. Gut sichtbar ist der ehemalige Haupteingang mit freistehender Treppe Richtung Kreuzung hin.

Das denkmalpflegerische Inventar von 1982 mass dem Volkshaus-Gebäude für das Ortsbild eine grosse Bedeutung zu. Es bilde zusammen mit dem gegenüberliegenden Haus «Eisenhammer» einen Abschluss zwischen Ortskern und neuer Bebauung. Der Bericht empfahl «integrales Erhalten des Baus samt allen Details».34 Bereits vor dieser Begutachtung bewerteten es die Behörden «sowohl als Einzelobjekt wie auch als Teil des Ortsbildes von Wädenswil» als hochwertig. So leistete sowohl der Kanton als auch die Gemeinde seither finanzielle Beiträge an Umbauten von Fenstern und Fassaden, die Gemeinde auch für den Saal.35

Ein Abbruchobjekt?

«Der Warenlift klemmt, der Boiler in der Küche ist verkalkt, der Backofen durchgerostet, die Kühlanlage nicht mehr zu reparieren, die Vorhänge im Restaurant, im kl. Saal und im Sitzungszimmer müssen ersetzt werden, die Heizung ist defekt, verschiedene Türen und Fenster sind undicht.» Der Präsident der Genossenschaft hatte an der Generalversammlung 1970 wahrlich keine erfreulichen Aussichten zu präsentieren und stellte klar, dass keine Mittel für einen grossen Umbau vorhanden seien.36
Der erbärmliche Zustand des Hauses erklärte sich teilweise mit der Entwicklung im Dorf. 1962 stand nämlich die dem Volkshaus benachbarte Liegenschaft zum Verkauf und eine Interessengemeinschaft beabsichtigte an dieser Stelle eine Grossüberbauung mit dem Architekten Heinrich Th. Uster.37 Zwar wurde daraus nichts, aber zeitgleich wurden in der Gemeinde Pläne entwickelt, den Verkehr aus der Schönenbergstrasse über die Oberdorfstrasse in die Zugerstrasse zu führen,38 was mit den Baulinien auch die Ecke des Volkshauses betraf. Der Vorstand entschied deshalb, vorerst auf alle Ausgaben für Bauliches am Haus zu verzichten, bis Genaueres bekannt sei – eine Erklärung für den bedenklichen Zustand des Gebäudes 1970. Erst als Anfang der 1970er-Jahre die Verkehrspläne fallen gelassen wurden, konnte die Renovation ins Auge gefasst werden, was 1980 schliesslich geschah.39

Ein Weg in die Zukunft

Der bis anhin letzte grosse Umbau 1999 brachte einige Veränderungen im Haus und bedeutete wiederum eine grosse finanzielle Belastung für die Genossenschaft, überschritt man doch das Budget um 30 Prozent. Im Verlauf der Sanierung holte man den ehemaligen Holzboden im Saal wieder hervor und baute das Fenster beim ehemaligen Haupteingang ein. Zudem wurde die Gaststube vergrössert, indem man den ehemaligen Gewerkschaftssaal – die «Metzg» – aufhob. Die Küche wurde vom ersten Stock ins Erdgeschoss versetzt.40
Der Gastraum des Volkshauses in den 1990er-Jahren. Er trug eindeutig die Handschrift des damaligen legendären Wädenswiler Wirts Köbi Elsener.

Ab den 1970er-Jahren nutzte man zunehmend Räumlichkeiten als Büros für Gewerkschaftssektionen. Später vermietete man einige der Zimmer fix an die damalige Ingenieurschule und als Notwohnungen an das städtische Sozialamt. Für Passanten war nur noch ein Zimmer reserviert.41 Für die Genossenschaft trat dadurch, zusammen mit der positiven Zinsentwicklung, eine finanzielle Entspannung ein. Feste Mietverhältnisse bedeuteten regelmässige Erträge. Ab 2008 zog die Stiftung Bühl etappenweise in die oberen Stockwerke ein und nutzt sie seither für betreutes Wohnen. Der aktuelle Pächter bewirtschaftet seit nunmehr zehn Jahren das erfolgreiche Restaurant «Coriander Leaf» und einen Saal mit Platz für bis zu 30 Personen.42 Mit der Konstanz in der Vermietung während der letzten Jahre sind etwas ruhigere Zeiten angebrochen im Volkshaus, die Finanzen stehen auf soliden Beinen. Kürzlich bestätigte die Generalversammlung den Kurs der Genossenschaft. Die Institution Volkshaus soll auch für künftige Generationen erhalten bleiben.43
Das neue Fenster nach dem Umbau 1999, eingefasst in die Säulen des einstigen Eingangs.

Von 1982 bis 1999 befand sich in der Ecknische vor dem geschlossenen ehemaligen Haupt-eingang eine Steinplastik von Toni Chresta, dem Sohn des damaligen Genossenschafts-präsidenten.

Im Jubiläumsjahr des Volkshauses feiert das «Coriander Leaf» selbst sein 10-jähriges Bestehen.




Christian Winkler

Anmerkungen

1 Dieser Beitrag ist eine gekürzte Fassung des von der Volkshausgenossenschaft herausgegebenen Jubiläumsbuchs: Christian Winkler. 100 Jahre Volkshaus Wädenswil: Ein Haus für die Arbeiterschaft.
Wädenswil 2019. Das Archiv der Volkshausgenossenschaft (VHG) befindet sich seit März 2019 in der Dokumentationsstelle Oberer Zürichsee (DOZ), ZM 63.
2 Alfred Nicolai. Aus der Geschichte des Volkshauses. In: Jahrbuch der Stadt Wädenswil 1981, S. 69–73; Archiv Volkshausgenossenschaft (VHG), Protokoll der konstituierenden Sitzung der Volkshausgenossenschaft Wädenswil, 29.3.1919; Allgemeiner Anzeiger vom Zürichsee (AAZ), 16.5.1919; AAZ, 23.5.1919.
3 Peter Ziegler. Wädenswil, Band 2: Vom 19. Jahrhundert bis zur Gegenwart. Wädenswil 1971, S. 61–64. Karl Schüpbach. Schweizerischer Grütli-Verein, Sektion Wädenswil (Arbeiterverein «Grütli»): Chronik 1860 bis 1943. Zürich 1948 sowie https://waedenswil. spkantonzh.ch/ueber-uns/sp-waedenswil/details/geschichte-der-sp-waedenswil-in-farbenund-formen, konsultiert am 17.2.2019.
4 Ziegler, Wädenswil Bd. 2, a.a.O. S. 208. Beide Vereine fusionierten 1970 mit Coop und eröffneten ein Jahr später den Supermarkt am heutigen Standort. Alfred Nicolai. 50 Jahre Mieter-Baugenossenschaft Wädenswil. Wädenswil 1974.
5 DOZ, LC 15, Chronik der Lesegesellschaft 1911–1921, S. 167.
6 AAZ, 10.4.1916; Zu Albert Bär: Mariska Beirne / Christian Winkler. Wädenswil 1916 – eine Zeitreise. In: Jahrbuch der Stadt Wädenswil 2016, S. 102–103.
7 DOZ, LC 15, Chronik der Lesegesellschaft 1911–1921, S. 196–204; Ziegler, Wädenswil Bd. 2, a.a.O., S. 61–64.
8 DOZ, ZM 14, Archiv Grütliverein; DOZ, ZM 49, Archiv Grütliturnverein/Satus; Schüpbach, Grütli-Verein, a.a.O.; Ingrid Stallmann. 100 Jahre SATUS TV Wädenswil, 1898–1998. In: Jahrbuch der Stadt Wädenswil 1998, S. 93–99.
9 VHG, Protokoll der konstituierenden Sitzung der Volkshausgenossenschaft Wädenswil, 29.3.1919; VHG, Statuten 29.3.1919.
10 VHG, Versammlungsprotokoll, 4.5.1919; Nicolai, Geschichte des Volkshauses, a.a.O., S. 71.
11 VHG, Protokoll, 19.6.1952; Protokoll, 14.3.1968; Nicolai, Geschichte des Volkshauses, a.a.O., S. 72f.
12 VHG, «Eigentumsübertragung», 10.5.1919; VHG, GVProtokoll, 13.3.1920; VHG, Statuten 29.3.1919; VHG, Verzeichnis Anteilsschein-Inhaber per 31.12.1948.
13 AAZ, 16.5.1919 und 25.5.1919.
14 VHG, GV-Protokoll, 13.3.1920.
15 VHG, GV-Protokoll, 29.3.1924; GV-Protokoll, 17.4.1926; Protokoll, 22.5.1928; Protokoll, 10.10.1928.
16 VHG, Protokoll, 4.4.1929.
17 VHG, Protokoll, 11.5.1923; Protokoll, 10.6.1923.
18 VHG, Protokoll, 13.3.1925; Protokoll, 13.3.1925; Protokoll, 14.4.1925; GV-Protokoll, 18.4.1925.
19 VHG, «Derzeitige Schuldbrief-Inhaber», 1.3.1930.
20 VHG, Protokoll, 4.4.1929; Protokoll, 22.4.1929.
21 VHG, «Anzeige betr. Gebäude-Schätzung», 22.6.1921.
22 Matthias Wiesmann. Bier und wir. Geschichte der Brauereien und des Bierkonsums in der Schweiz. Baden 2011, S 87ff.
23 VHG, Protokoll, 31.3.1930; Protokoll, 4.2.1930; Protokoll, 14.4.1930; Protokoll, 1.7.1930; Protokoll, 14.3.1931.
24 Gesetz über das Gastwirtschaftsgewerbe und den Klein- und Mittelverkauf von alkoholhaltigen Getränken vom 21.05.1939; VHG, Protokoll, 3.2.1942.
25 VHG, Schreiben der Brauerei vom 2.7.1947.
26 VHG, Protokoll, 25.5.1929; Protokoll, 7.6.1929; Protokoll, 15.6.1929; VHG, Protokoll, 11.10.1929.
27 VHG, GV-Protokoll, 9.2.1930.
28 Zürichsee-Zeitung (ZSZ), 17.2.2017.
29 Stadtarchiv Wädenswil, Baudossier 652/1898; Arbeitsgemeinschaft für Ortsbildpfl ege und Inventarisation (AOI), Inventarblatt «Volkshaus», 1982; Andreas Hauser. «Tor» zum Dorfkern: Kreuzung Schönenberg-Oberdorfstrasse. Manuskript, Wädenswil 2017; Nicolai, Geschichte des Volkshauses, a.a.O., S. 69.
30 Stadtarchiv Wädenswil, Baudossier Nr. 745/1900. Peter Ziegler. Rundgang II durch Wädenswil. Wädenswil 1990, S. 44.
31 Ziegler, Wädenswil Bd. 2, a.a.O., S. 75f.
32 VHG, Jahresbericht 1972.
33 AOI, Inventarblatt; Hauser, «Tor», a.a.O.; VHG, Jahresbericht 1999.
34 AOI, Inventarblatt.
35 VHG, «Renovation Volkshaus Wädenswil», Bericht von Präsident Chresta [1980]; VHG, Regierungsratsbeschluss Nr. 4809 vom 5.12.1979; Stadtratsbeschluss Nr. 257 vom 12.6.1989.
36 VHG, GV-Protokoll, 8.5.1970.
37 VHG, Protokoll, 17.2.1962; Protokoll, 2.4.1962; Peter Ziegler. Heinrich Th. Uster (1932–2015). In Jahrbuch der Stadt Wädenswil 2016. S. 21–27.
38 Adrian Scherrer. Bewältigung des Wachstums: 50 Jahre Bau- und Zonenordnung – ein Rückblick auf die politischen Debatten. In: Jahrbuch der Stadt Wädenswil 2014, S. 44f.
39 VHG, Protokoll, 16.12.1963.
40 ZSZ, 25.10.1999; 29.12.1999; 30.12.1999; 23.5.2000.
41 VHG, Protokoll Betriebskommission, 20.3.1990; Jahresbericht 1993.
42 www.volkshausgenossenschaft.ch/im-hause, konsultiert am 24.2.2019.
43 VHG, GV-Protokoll, 31.5.2017.