An Ostern 1814 verliess der 17-jährige Gottlieb Pestalozzi (1797–1863) die Erziehungsanstalt seines berühmten Grossvaters in Yverdon, um in der bekannten
Gerberei Hauser in Wädenswil seine Lehrstelle anzutreten. Schon am 17. Juni erhielt Gottlieb Besuch von seinem Vormund und der Grossmutter Anna Pestalozzi-Schulthess. Zwei Tage darauf schilderte Frau Pestalozzi von Zürich aus ihrem Manne all die Eindrucke, die sie in Wädenswil empfangen hatte und betonte, dass sie seit langem keine so grosse Freude mehr empfunden habe, wie beim Besuch in der Gerberei Hauser.
«Unser Gottlieb ist an Leib und Seele versorget», schrieb die Grossmutter, «denn noch nie in meinem Leben habe ich eine solche Haushaltung von Fleiss, Ordnung und Anstand zu einem solchen Berufe beisammen gesehen. Als wir angekommen, kam zuerst Gottlieb in seinem Arbeitsgerust, die Ärmel aufgestutzt und sein Fürtuch, auf mich zu und umarmte mich mit Tränen, dann die Hausfrau, die mich ebenso freundschaftlich umarmte, als hätten wir einander schon Jahre lang gekannt und nannte mich „liebe Grossmutter“, dann der sanfte, verständige Hausherr, dann sieben Kinder von 14 bis 2 Jahren, alles reinlich, aber häuslich angezogen und führten uns in eine schön möblierte Stube, freuten sich ohne Mass. Die erste Minute aber war‘s , dass sie mir über Gottlieb alles Gute sagten, und wie sie so sehr mit ihm zufrieden, wie er seine Sachen so wohl zu ihrer Zufriedenheit thue, und wir sollten versichert sein, dass sie ihn wie ihre eigenen Kinder lieben, denn er folge ihnen, was sie ihm zu seinem Nutzen sagen. Nach dem Essen besahen wir ihre Häuser alle, die wie Paläste so gross und von unten bis oben mit Rinden angefüllt; alles so ordentlich. Zum Nachtisch kam dann der Werkführer, Heussi, auch in seinem Gerbegewand, und bestätigte von Gottlieb das nämliche und wie er ihn so lieb habe. Über alles nahm mich Gottlieb allein und sagte: «Du glaubst nicht, wie mir so wohl. Das Arbeiten ist mir leicht. Der Werkmeister, wenn ich etwas nicht recht mache, fährt mir mit dem Arm über die Achsel und sagt: «Du hast gefehlt!» – Willst Du auch meinen Kasten sehen? Mei, ich muss alles ordent1ich ausputzen und zusammenlegen. Die Frau schaut alle Wochen zweimal, wie ich es halte, und tadelt und rühmt mich, wo nötig ...»
Drei Schicksalsschläge trafen Gottlieb Pestalozzi während seiner Lehrzeit in der Gerberei Hauser gar hart. Noch 1814 verlor er seine Mutter und wurde dadurch Vollwaise. Am Pfingstmontag 1815 starb Frau Hauser-Steffan, seine gütige Pf'legemutter, und im Dezember 1815 trug man die Grossmutter, Anna Pestalozzi-Schulthess, zur Grabe; zu welcher der Enkel ein ausgesprochen herzliches Verhältnis gehabt hatte. Sie hatte ihn besser verstanden als der Grossvater, dessen Arbeit fast nur noch dem guten Ruf seines Instituts galt.
Am 8. April 1816 kam aber auch Heinrich Pestalozzi nach Wädenswil, um seinen Enkel Gottlieb zu besuchen, Bei dieser Gelegenheit dürfte der Erzieher erfahren haben, dass der gesellige Kreis einflussreicher Wädenswiler, die Donnerstag-Gesellschaft, vor kurzem die «Errichtung einer wohltätigen zinstragenden Ersparungskassa» beschlossen hatte.