Wädenswil im Wandel! Wohin hat er schon geführt? Zur Reduktion von Grünflächen, zum Abbruch alter Bausubstanz, zur Bedrohung der Natur, zu Umweltbelastung, Energieproblemen, Verkehrslärm, Verknappung des Baulandes; sicher aber auch zu guten neuen Lösungen. Wie soll die Entwicklung weitergehen? Mit dem im März 1982 verabschiedeten kommunalen Gesamtplan hat der Gemeinderat die neue Marschrichtung festgelegt. Und mit der 1984 im Parlament verabschiedeten Bau- und Zonenordnung sind weitere Grundsatzentscheide getroffen worden. Nicht nur im Sinne des Wandels, sondern auch zugunsten der Konstanz.
Wädenswil − auch ein Zeichen des Wandels − ist Stadt geworden. 1950 statistisch, indem es damals die Grenze von 10‘000 Einwohnern überschritten hatte; offiziell mit der Schaffung der parlamentarischen Organisation, welche 1974 die früheren Gemeindeversammlungen ablöste, den Gemeinderat zum Stadtrat werden liess, den Gemeindepräsidenten zum Stadtpräsidenten, den Gemeinderatsschreiber zum Stadtschreiber, die Gemeindepolizei zur Stadtpolizei, die Gemeinderatskanzlei zum Stadthaus.
Und gerade in diesem Wandel zeigt sich auch die Konstanz, die zweite formende Kraft in der Geschichte. Noch gehen viele ins Dorf und nach Zürich in die Stadt, und sie erledigen etwas auf der Gemeinderatskanzlei, nicht im Stadthaus. Wollen wir überhaupt Stadt sein? Klingt das Wort nicht fast negativ? Nach Vermassung, Vereinsamung?
Konstant sind gewisse Probleme, die jede Generation wieder neu zu lösen versuchen muss. Etwa das Jugendproblem. «Es gehört gegenwärtig nicht mehr zu den Seltenheiten, dass man zehn- bis zwölfjährige Knaben auf der Strasse sieht, die mit frechen und altklugen Gesichtern Zigarren rauchen», klagte man 1885 in den «Nachrichten vom Zürichsee», einer inzwischen eingegangenen Lokalzeitung. «Diese halbreifen Burschen sind sich selber überlassen; höchst verwerflich wirkt der Besuch jener Singspielhallen, die den vulgären Ausdruck Tingeltangel tragen.»
Auch gegen Schmierereien an Häusern musste man schon früher einschreiten. So heisst es in einem Bericht aus Wädenswil von 1660: «Die Nachtvögel sind auch noch nicht gestillet. In Wädenschweil sind an unterschiedlichen Zäunen, Häusern und Scheunen schandbare und ehrrührige Pasquill angeschlagen.» Ähnliche Klagen sind für 1760 überliefert; ähnliche Klagen kennen wir aus allerneuster Zeit. Die Absichten blieben sich gleich; nur Spraydosen kannte man früher noch nicht.
Konstant, weil zum Teil durch die Mentalität geprägt, sind gewisse Charakterzüge des Wädenswilers als Bürger wie als Politiker. Schon im 18. Jahrhundert beobachteten Fremde bei den Wädenswilern ein angriffiges, manchmal leidenschaftliches Temperament. Empfindlichkeit und Reizbarkeit lagen oft nah beisammen. «Der Wädenswiler ist zum Erwerb rüstig und sinnreich», bemerkte der Toggenburger Pfarrer Christian Friedrich Kranich im Jahre 1823. «Eigentlicher Müssiggang ist mir wenigstens nie ansichtig geworden. Vermögen zu gewinnen oder zu erhalten, dazu zeigen viele Geschick und Kraftaufwand. Darum fällt es auch auf, wenn der eine oder andere diese Kunst weniger versteht.» Und weiter meinte Kranich: «Der Wädenswiler hat ein lebhaftes Gefühl für natürliches und bürgerliches Recht. Sein ohnehin reizbares Temperament flammt bald auf, wenn er sich in seinem Rechte gekränkt fühlt, oder doch in der Meinung steht, man habe nicht ganz gerecht gegen ihn gehandelt.»
Der Wädenswiler galt als kritikfreudig. Er kritisierte den Landvogt und die Zürcher Obrigkeit, er kritisierte auch seine eigenen Behörden. So etwa der berühmt gewordene
Baneeter-Buume, der von 1785 bis 1871 lebte, und der einmal fand: «Ich bi dr Aasicht, d Helfti vom Gmeindraat seigid Chälber, suscht chönntets nüd esone Chalberei beschlüüsse.» Die Behörde, der dies zu Ohren kam, wollte den Schimpf nicht auf sich sitzen lassen und verlangte von Baumann, dass er sein Wort schriftlich zurücknehme. Dieser tat es auf seine persönliche Weise:
«An den löblichen Gemeinderat Wädensweil
Wertvoller Herr Präsident!
Ebenso volle Herren Gemeinderäte. Habe Ihren schönen Brief erhalten und bin mit Ihnen vollkommen einverstanden. lch nehme mein Wort zurück und erkläre hiermit, dass die Hälfte des Gemeinderates keine Kälber sind ... »