Doch Kauffmann liess sich vom zwiespältigen Eindruck seines Ortstermins nicht entmutigen, konsultierte Einwohner- und Bürgerregister, schrieb Briefe − und erhielt Antwort. Zwei Kinder jenes Carl Dubler und seiner Frau Frieda lebten noch: die Tochter Dora und der Sohn Edwin. Letzterer fand sich sogar bereit, den weitgereisten Forscher zu empfangen. Ja, er kenne das Buch, berichtete er dem Gast und legte ihm Photos seiner Eltern vor. Die Handlung des Romans sei tatsächlich authentisch; der Vater habe die «Villa zum Abendstern» 1902 aus Mitteln einer Erbschaft erworben und sein «technisches Büro Carl Dubler darin eingerichtet. Seine Erfindungen brachten indes nicht den erhofften Erfolg und so habe man wenige Monate, nachdem der «Gehülfe» Walser gegangen war, das schöne Anwesen wieder aufgeben müssen. Die Familie sei danach ins Unglück geraten: Auf die Verarmung sei die Scheidung der Eltern gefolgt. Die Schwester Silvi, deren Vernachlässigung und Zurücksetzung der Roman auf so eindrückliche Weise schildert, starb 1919 bereits mit 21 Jahren. Carl Dubler, der Vater, kam zuletzt wegen Betrugs ins Gefängnis von Lenzburg und starb dort 1925 im Alter von 54 Jahren. Edwin Dubler gab seinem Besucher aus Amerika schliesslich sogar noch alte Photos des Hauses mit, damit dieser sie publizieren könne.
Zu dieser Publikation kam es jedoch nicht. Noch war es zu früh für Walser in Amerika, noch galt das Interesse der Germanisten in der Neuen Welt eher anderen Autoren. Kauffmann hielt am New Yorker Queens College zwar einen Vortrag über seine Wädenswiler «Suche nach der verlorenen Zeit», schickte auch eine Kopie des Textes ans Zürcher Robert Walser-Archiv, das damals gerade im Entstehen begriffen war, gedruckt wurde sein Bericht jedoch nicht, und Kauffmann hängte den Germanistenberuf bald darauf an den Nagel. Ähnlich wie Walser scheint er heute verschollen zu sein; selbst frühere Kollegen aus dem Queens College wissen nichts über seinen Verbleib. Von den alten Photos der «Villa zum Abendstern» gibt es deswegen nur ein paar diffuse Kopien aus der Frühzeit des Photokopierens.
So bleibt ein drittes Mal von einem jungen Mann zu berichten, der − erneut einige Jahre später − nach Wädenswil aufbrach. Wiederum war es Sommer, wie es im Roman so wunderbar beschrieben ist. Blauer Himmel lag über dem See, in der Ferne sah man die Berge. All dies schien sich − man schrieb das Jahr 1979 − nicht verändert zu haben. Auch die Unkenntnis Walsers und seines Buches war in Wädenswil noch dieselbe geblieben. Auf der Strasse wusste niemand der Gefragten etwas von einem «Abendstern» oder gar einem Haus, in welchem der Dichter Robert Walser gelebt habe. Ansonsten war jedoch allenthalben zu beobachten, dass die Zeiten im Ort offenbar andere geworden waren. «Seine Gassen und Strassen gleichen Gartenwegen», hatte Robert Walser über sein «Bärenswil» noch geschrieben. Dies konnte man nun leider nicht mehr ohne weiteres behaupten. Dem Roman zufolge liessen sich die Bärenswiler «reizende, villenartige Gebäude aufrichten, deren unaufdringliche, aber graziöse Form der zufällige Beschauer noch heute bewundern und im Stillen beneiden» könne. Derartige schöne Villen riss man gerade verschiedentlich nieder, um an ihre Stelle moderne Banken- und Warenhausklötze zu setzen. Trotz allem aber konnte der Besucher, der aus Deutschland kam, Walsers Charakterisierung des Orts noch zustimmen: «Ja, Bärenswil ist ein hübsches und nachdenkliches Dorf.» Er bejaht diesen Satz heute umso mehr, als es ihn kurz darauf beruflich ins Robert Walser-Archiv verschlug, wo er unversehens zwanzig Jahre lang an der Entzifferung von Walsers Winzigschrift-Manuskripten hängen blieb, bis er schliesslich die Nachfolge des Dichters so weit trieb, dass er die vom Abbruch bedrohte «Villa zum Abendstern» erwarb, um sie zu erhalten und sie nach Möglichkeit wieder in ihren früheren Zustand zu versetzen.