Seitwärts, ganz hinten bei den Türen, die Mühseligen und Beladenen, die Christus am nächsten standen, weil sie in seiner Armut wandelten. Sie mühten sich, durch Halsverrenken einen Blick des Pfarrherrn zu erhaschen, indem sie mit hungrigen Augen den göttlichen Verheissungen lauschten. Dieses Grüpplein Armseliger war die Dr. Jost Christen verbliebene Klientschaft ... »
Hutfabrikant Niederweg im Roman «Der Narr seines Herzens» dürfte wohl mit Hutfabrikant Hochstrasser gleichzusetzen sein. Von ihm findet sich im Buch folgende vergnügliche Begebenheit: «Noch bildete er (Dr. Christens Konkurrent Dr. Glatt) sich ein, die vornehme-Praxis fest in Händen zu halten, als er plötzlich eines Tages feststellen musste, dass der Hutfabrikant Niederweg, der Rentabelste, seiner Klienten, den Weg in Christens Sprechzimmer gefunden hatte. Dieser Industrielle machte sich nämlich ein Vergnügen daraus, seinem Hausarzt die Hüte gratis zu liefern, und zwar stets in einer etwas ungewöhnlichen Form und Farbe. Und da lief nun seit kurzem Kollega Christen mit so einem auffallenden «Niederwegerhut», Modell Hausarzt, umher! Dass sich dieser simple Armendoktor nicht aus eigenen Mitteln diese kostspielige Kopfbedeckung angeschafft hatte, war sonnenklar ... »
Auch die nachstehenden Abschnitte aus dem Buche beruhen wohl auf Anschauung:
«Immer kursierten im Dorf Erzählungen übe Begebenheiten aus seiner (Dr. Christens) Sprechstunde. Man wollte wissen, dass er Zeugnis verweigerte, auch wenn es mit dem Verlust eines seiner besten Patienten verbunden war. Oder dass er eine Dame der Dorfaristokratie höflich gebeten habe, ihn ein andermal zu konsultieren, wenn sie weniger mit Schmöckiwasser behaftet sei − er liebe den Duft der Blumen zu sehr, um ihn gemischt mit andern Gerüchen zu ertragen. Einer andern habe er angeraten, sich ein sauberes Schnürleibchen anzuziehen, wenn sie wieder untersucht werden wolle − die Farbe ihres Korsetts beleidige sein ästhetisches Empfinden …»
Auch Stimmungen sind immer wieder festgehalten, wie sie viele schon erlebt haben am See: «Als der See von einer ungewöhnlich dicken Eisschicht bedeckt war, kamen über seine spiegelglatte Fläche fröhliche Schlittenpartien aus der Stadt nach den Dörfern zu Besuch. Sie klingelten daher, als ob sie über sichere Landstrassen glitten. Schwarz wimmelte es von Menschen, die Schlittschuh liefen oder von einem Ufer zum andern zu Fuss marschierten.»
Auch soziale Verhältnisse spiegeln sich im Buch von Milly Ganz wider. Dem Beschriebenen dürften Verhältnisse in der
Kinderkrippe und im
Pestalozziverein Wädenswil um 1900 bis 1910 zugrunde liegen: «Oft steckte er (Dr. Jost Christen) seine Spürnase auch in Angelegenheiten, die ihn im Grunde genommen gar nichts angingen. So gab es zum Beispiel in Sonnwil einen Verein der Kinderfreundinnen. Er wurde von Damen der oberen Gesellschaftskreise, besonders von beschäftigungslosen «alten Jungfern», die sich gerne durch irgendeine Sache hervorgetan hätten, geleitet.
Diese natürlich allgemein gelobten und anerkannten Wohltäterinnen kauften aus den Mitgliederbeiträgen und freiwilligen Zuwendungen weitherziger Sonnwiler den bedürftigen Mädchen Schuhe und Strümpfe und fertigten ihnen Kleider an, deren Stoff aus dem Laden einer Kinderfreundin stammte, die sich die fehlerhafte Ware oft bezahlen Iiess.
Die Idee, die diesem Verein zugrunde lag, war gewiss im Allgemeinen gesehen, höchst lobenswert; sie wurde jedoch dadurch entwertet, dass sie mehr dem Geltungsbedürfnis und der Langeweile als wirklichem Mitgefühl ihre Geburt verdankte.». Christen empörte die Art und Weise, wie man die armen „Hüdel“ durch die ihnen erwiesenen Wohltaten sozusagen vor der Öffentlichkeit zur Schau stellte. Er wusste, dass er es den Damen eines Tages sagen musste, wenn er nicht an innerem Zorn ersticken wollte. Die Göttinnen der Barmherzigkeit mussten erfahren, was er von den rauen, hässlich geschnittenen Kutten und den schweren, plumpen Schuhen dachte, mit denen sie ihre Opfer beglückten ...»
Wenn auch mit zeitlicher Verschiebung und in anderen Zusammenhängen in den Roman eingebaut, finden sich drei genau datierbare Ereignisse: «Ein fürchterliches Zischen und Krachen, und vor Ursulas entsetzten Augen lohte im Unterdorf eine gewaltige Feuergarbe zum Nachthimmel empor … Inzwischen war Christen auf dem Brandplatz angelangt und meldete sich beim Kommandanten. Er stand und staunte in das Flammenmeer, das eine bedeutende Tuchfabrik in Schutt und Asche legte ... Fieberhaft arbeitete die Löschmannschaft, aber sie konnte nichts anderes tun als die umliegenden Häuser schützen, die Fabrik war rettungslos verloren ...» Beschrieben wird hier der Brand der
Wolltuchfabrik Treichler am Sagenbach vom 6. Dezember 1895.
«Da rannte unten auf der Strasse ein Feuerwehrmann vorbei. Man hörte ihn rufen: „Im Seeheim brennt's − bei den Schwachsinnigen!“ In wenigen Augenblicken stand Christen vor dem lichterloh brennenden Kinderheim. Es war schon kein Haus mehr, sondern nur noch eine riesige Feuersäule, die sich schaurig schön in den unbewegten Fluten des Sees spiegelte. Entsetzliche, tierische Schreie gellten durch die Nacht. Ein Teil des Personals hatte sich retten können: die Kinder verkrochen sich unter die Betten und in alle erdenklichen Schlupfwinkel, wo sie den Tod durch Ersticken fanden ... Die Überreste der unglücklichen Pfleglinge fand man bei den Räumungsarbeiten unter den verkohlten Balken und eingestürzten Mauern. Es waren nur noch zusammengeschrumpfte Stücke verbrannten Fleisches. Diese grässlichen Klumpen wurden in einem Massengrabe auf dem Friedhof Sonnwils beigesetzt ...»
Das «Seeheim» für geistesschwache Kinder, dessen Brand Milly Ganz hier beschreibt, stand in Wirklichkeit nicht am See: Es handelt sich um das
Kinderheim Bühl am Rotweg, das in der Nacht auf den 10. November 1932 einer Brandkatastrophe zum Opfer fiel.
«Das Züglein stand bereit zu seiner Jungfernfahrt. Eine dünne Rauchwolke stieg aus dem Kamin der Miniaturlokomotive kerzengerade in den blauen Sommerhimmel hinauf. Die Sonne glänzte auf dem neuen Lackkleid der wenigen Personenwagen. Ein fröhlicher Marsch der Dorfmusik klang auf, und geschickte Hände waren noch mit der Ausschmückung des eisernen TäufIings beschäftigt. Hinter den Fenstern der Wagen wurden die durch schwarze Seidenhüte verlängerten Köpfe der Verwaltungsräte sichtbar. Sie waren aber alle dem See zugekehrt, den man an dieser Stelle (auf der Höhe des Reidholzes) tiefblau und glitzernd zu Füssen liegen sah. Indes verschwand die bunte Schlange, noch einige Male, ferner und ferner, zwischen den Tannen auftauchend … Doch … was war denn das? Kam da nicht Vater und Tochter blickten in jäher Überraschung nach dem Schienenstrang. War das nicht das Züglein, das wieder daherkam, jedoch rückwärtsfahrend und in immer rasender werdendem Tempo? Bei Gott, ja! Da musste nicht Gewolltes passiert sein! ... Die Bremsen haben versagt!, stotterte Christen und blickte entgeistert dem entschwindenden Schattengebilde auf dem Schienenstrang nach. Das also ist das Resultat von dem jahrelangen Streit: ob mit oder ohne Zahnrad! Und mit wie viel Fässern Bier ist diese Diskussion begossen worden! ... Im Dorf erfuhren Christen und seine Tochter, dass es beim neuen Bahnhof den Unglückszug am Prellbock über den Haufen geworfen habe. Der Lokomotivführer sei tot; den Herren Verwaltungsräten jedoch habe die Rekordfahrt nicht viel geschadet ... »
Milly Ganz beschreibt hier das Eisenbahnunglück anlässlich der Versuchsfahrten der
Wädenswil−Einsiedeln-Bahn, am 30. November 1876. Die Ereignisse stimmen mit den Tatsachen überein, auch die Diskussion um das System Wetli wird erwähnt. Allerdings fand das Unglück nicht anlässlich der Einweihung der Wädenswil-Einsiedeln-Bahn und nicht im Sommer statt, sondern rund ein halbes Jahr früher.