Politik war sein halbes Leben. In einem Brief an seine spätere Frau entschuldigte er sich, dass er ihn nicht schon gestern Nacht fertiggeschrieben habe, aber er hätte unbedingt noch die neuesten Zeitungen lesen müssen. Im Politischen scheint bei ihm ein missionarischer Zug auf, der zwar meist mit der in einer Demokratie nötigen Toleranz versehen war. So hat er seiner Braut mehrfach Zeitungsabonnements geschenkt, um sie politisch aus dem Schlaf des Walenstadtberges (lies: konservativ bäurischen Denkens) zu erwecken und neuen Ideen aufgeschlossen zu machen. Diese neuen Ideen waren zunächst durchaus sozialistischen Inhalts; erst später, als Fabrikant, hat er sie modifiziert und ist dann der Demokratischen Partei beigetreten.
1893 schrieb er an Emma: « ... nämlich am ersten Abend haben wir ein politisches Gespräch gehabt und uns glaub ich beide ganz gut unterhalten. Ich war ganz erstaunt über Dich und dachte bei mir: Die hat sich doch ein wenig „gemausert“.
1. Hast Du keine so abstossenden Ausdrücke gegen Andersdenkende wie Greulich, Seidel, etc. gebraucht, im Gegenteil, Du hast Dich noch um diese Leute interessiert.
2. Hast Du mich nicht getadelt, dass ich an den Congressfeiern in Zürich war, sondern mir eher noch gesagt, Du hast recht gehabt, dass Du dort gewesen.»
Er war sich natürlich bewusst, dass sein oft sehr vehementes Eintreten für eine als richtig erkannte Sache ihm gelegentlich reihenweise Feinde eintrug. So schrieb er im nämlichen Brief an Emma: «Ich habe mir wieder fester vorgenommen, nicht mehr so zu politisieren unter Bekannten, sondern bloss etwa unter den Freunden und meiner Liebsten natürlich, oder an fremden Orten, wo mich niemand kennt.» (Letzteres hat er bis in sein hohes Alter bei jeder Gelegenheit getan. − Die Familie fuhr jedes Jahr gemeinsam auf den Walenstadtberg, vor und nach dem Zweiten Weltkrieg mit dem Auto. Er ist jeweils, wenn irgend möglich, mit dem Zug gereist; er fahre so bequemer als im Auto, zudem sei der Zug sicherer usw. Sein Sohn war überzeugt, dass er es nur getan hatte, um unterwegs ungestört mit Leuten reden zu können. Und er hatte die Gabe, mit wildfremden Menschen in kürzester Zeit ein Gespräch anknüpfen zu können. Meist drehte es sich um Tagespolitik.)
In einem der zahlreichen Nachrufe steht: «Es würde Bücher ausfüllen, um zu erzählen, wofür der Verstorbene sich interessiert und eingesetzt hat. Die kleinsten, neben all den grossen Geschehnissen beschäftigten ihn, sei es baulicher, fürsorgerischer, geschichtlicher, literarischer oder musikalischer Natur.» Hier eine kleine Auswahl politischer Themen: Standort der Trafostation Scharfeck (neben dem Eingang der heutigen Unterführung, konnte nicht verhindert werden), Standort der Badeanstalt, zusammen mit Pfarrei Probst aus Horgen gesetzliche Sonntagsruhe (Wädenswil war die erste Zürcher Gemeinde, in welcher am Sonntag alle Geschäfte geschlossen waren), Landkäufe durch die Gemeinde, Orgelumbau,
Gaswerk Wädenswil und Fernversorgung mit Gas, Standort Bürgerheim, Verlegung der SBB ins Oberdorf (Der Bahnhof wäre etwa an der Stelle des «Schwanen» gebaut worden), Standort des Gaskessels in der Rietliau, Akkumulatoren-Betrieb bei den SBB für den Vorortsverkehr usw.
Die Gemeindeversammlungen besuchte er regelmässig, und es hat wohl kaum eine stattgefunden, ohne dass Blattmann das Wort ergriffen hätte. «Wenn er von etwas überzeugt war, ging er damit temperamentvoll ins Feuer, und, wenn man nicht gerade zu den Betroffenen gehörte, war es kurzweilig, ihm zuzuhören ... und sein armer Zwicker musste dabei viel herhalten. Wenn er ruhig und sachlich darlegend referierte, klemmte er ihn ein. Sobald aber die Polemik durch seine Stirnader hinaufschoss, nahm er ihn ab, gestikulierte mit ihm, und erst wenn sich Widerspruch meldete, setzte er ihn wieder auf und stach in die Ecke der Opposition hinein», meinte ein weiterer Nachruf. So konnte denn sein Sohn in der bereits erwähnten Ansprache an die Trauergäste zusammenfassend sagen: «Bekannt vom Chliinschte bis zum Grööschte im Dorf, vo den einte gliebt, vo andere gfürcht, wird er ... no lang i der Erinnerig vo allne wiiterläbe.»
1913 wurde Paul Blattmann in den Wädenswiler Gemeinderat gewählt; wie zu erwarten, nicht unangefochten. Die Wählerversammlung vom 29. April im
Hotel Engel setzte ihn auf die Wahlliste. Am 2. Mai erschien in den «Nachrichten vom Zürichsee» ein Eingesandt. « ... können wir uns durchaus nicht mit allen Nominationen einverstanden erklären ... Hauptsächlich möchten wir Stellung nehmen gegen die Kandidatur des Herrn Paul Blattmann, Spenglermeister. ... Herr Paul Blattmann wurde jüngst vom Vorstand des Gemeindevereins als der Mann geschildert, der wenig parlamentarischen Takt und Anstand kenne, und einen solche Mann will man in Wädenswil in den Gemeinderat wählen ... » Ein Inserat sagt: «Wähler! Herr Paul Blattmann passt noch nicht in den Gemeinderat. Er soll vorerst in den nächsten Jahren zeigen, dass er sein Temperament bemeistern kann. Im Gemeinderat braucht es ruhig abwägende Leute.»
Und ein anderes Gespräch:
Jokeb: «Du Heiri, meinsch nüd, es gäb Händel im Gmeindrot, wenns de Paul Blattme wähled?
Heiri: «Säb cha scho sii, aber weischt si händ ja dänn en Advokat i der Nächi!» (Anspielung auf die ebenfalls umstrittene Kandidatur des Rechtsanwalts Dr Barich.)
Natürlich wehrte sich Paul Blattmann in der nächsten Ausgabe der Zeitung.
«An meine anonymen Gegner. „Verträum“ di Zeit, verliern‘ das Denken,
Und mache stets ein Schafsgesicht.
Lass dich von jedem Ochsen kränken,
Und wenn er stösst, so muckse nicht.“
So würde man wohl mit Recht von mir sagen, wenn ich auf die Inseratenjauche, welche in der letzten Nummer auf mich heruntergegossen wird, nicht antworten würde. ... Der Ausdruck unparlamentarisch wäre hier übrigens ganz unzutreffend − hart, intransigent, scharf wäre eher am Platze gewesen. ... Nun, ein jeder Mensch hat seine eigene Melodie; und wenn mein Wesen stark und darum oft etwas hart und scharf ist: Sie, meine anonymen Gegner, werden mir meine Melodie nicht rauben können, wenigstens mit Ihren Anfechtungen und Anrempelungen in der öffentlichen Zeitung nicht; damit können Sie mich vorläufig noch eines Besseren nicht belehren, denn:
„Auch wackelige und glatte Seelen − können fehlen“.»
Inserate zugunsten von Blattmann fehlten nicht; hier ein einziges Beispiel:
Wahlvorschlag
Wir stimmen Herrn Paul Blattmann, einem Mann, der das ganze Gemeindewesen kennt und im Interesse der ganzen Gemeinde seinen Mann stellt, alle nichtsnutzige Verunglimpfung weise man zurück. Er verdient voll und ganz, ein Mitglied des Gemeinderates zu sein. Wir stimmen der Gemeindeverein-Liste.
Am 5. Mai 1913 melden die «Nachrichten vom Zürichsee»:
Wädenswil. Mit dem gestrigen Tag haben die Gemeindewahlen ihren Abschluss gefunden. Dieselben sind ganz nach der Liste der öffentlichen Wählerversammlung ... ausgefallen. Die Opposition, welche gegen einzelne Vorgeschlagene unternommen worden, vermochte nicht durchzudringen ...
Paul Blattmann wurde mit der zweitschlechtesten Stimmenzahl gewählt. Er blieb während zwei Amtsdauern − damals noch drei Jahre − im Gemeinderat.
1920 entschloss man sich, im Dorf eine neue Badeanstalt zu bauen. Nach längerem Hin und Her sollte 1922 mit dem Bau der heute noch bestehenden Badi begonnen werden. Da trat Paul Blattmann mit einem neuen Projekt (Übernahme eines bestehenden Gebäudes und Umbau desselben, anstelle einer «schwimmenden» Badi) an die Öffentlichkeit. Er verlangte, das Geschäft an der nächsten Gemeindeversammlung in Wiedererwägung zu ziehen. Der Gemeinderat lehnte das Ansinnen ab, der Beschluss sei ordnungsgemäss zustande gekommen, andere Ideen hätte man eben damals vorbringen müssen. Darauf rekurrierte Blattmann an den Bezirksrat, welcher den Rekurs abwies. Das war für ihn unverständlich, und er machte dem Bezirksrat den Vorwurf, er habe sein Projekt gar nicht gewürdigt, sondern einfach die negative Beurteilung des Gemeinderats übernommen. Deswegen rekurrierte er an den Regierungsrat, blitzte aber auch dort ab. Sein Anwalt meinte, ein Weiterzug an das Bundesgericht wäre «nicht ganz chancenlos»; Blattmann hat die Lage mit seinem wachen Sinn für die Realitäten anders eingeschätzt, die Sache zu den Akten gelegt und sich neuen Aktivitäten zugewandt.
Gewiss ist Paul Blattmann mit seinen Vorschlägen oft nicht durchgedrungen. Er nahm die Niederlagen − manchmal vernehmlich grollend − hin, doch sie vermochten nicht, ihn zum Verstummen zu bringen. Als wacher, ideenreicher und kämpferischer Mensch nahm er das nächste Projekt in Angriff; vielleicht hatte er damit mehr Glück, wie zum Beispiel mit der Regelung der Sonntagsruhe, der Gasversorgung durch das Gaswerk der Stadt Zürich, den Landkäufen durch die Gemeinde ...
Auch die «grosse Politik» interessierte ihn brennend. Er war von allem Anfang an ein strikter Gegner des Dritten Reichs und freute sich während des Krieges an jedem Sieg der Alliierten.
Wie die meisten Abonnenten holte auch er täglich den «Anzeiger vom Zürichsee» am Schalter der Expedition ab und begann noch auf dem Trottoir darin zu lesen. Eines Tages habe er einen Freudensprung gemacht und gerufen: «Jetz händs Bengasi, jetz händs Bengasi!» «Was für e Gasi?», fragte ein Dabeistehender. «Tume Cheib, d Ängländer händ Bengasi eroberet!»
Ein Wädenswiler Händler hatte in seinem Laden gut sichtbar ein Bild Hitlers aufgehängt. Eine Gruppe Wädenswiler Herren verhandelte diese Zumutung auf der Strasse. Alle waren empört. Da hat Paul Blattmann mit der Faust auf die offene Handfläche der andern Hand geschlagen und laut gesagt: «Zu dem gani und sägem: Sie sind aufgefordert, das Land zu verlassen!»