Historische Gesellschaft Wädenswil
Quelle: Jahrbuch der Stadt Wädenswil 2018 von Mariska Beirne
Zum ersten Mal beteiligte sich die Historische Gesellschaft an der Museumsnacht im Bezirk Horgen.
Ausstellung 2018: «Töfflibuebe + Störefriede»
Der Vorstand der HGW hatte sich für die Ausstellung 2018 mit «Töfflibuebe + Störefriede» ein bisher wenig beachtetes Thema vorgenommen: Die Jugend und ihr Kampf für Freiräume. Das Töffli war das ideale Verkehrsmittel, um die Welt fern vom Elternhaus zu entdecken und Unabhängigkeiten zu erlangen. Oft frisiert, war das laute Gefährt zugleich aber auch ein Statussymbol, das die Zugehörigkeit zu einer Gruppe festlegte. Während die einen hauptsächlich der Frage nachgingen, mit welchen technischen Feinheiten die Anzeige auf dem Töffli-Tacho ans Limit gebracht werden konnte, liessen sich andere von den Achtziger-Unruhen in Zürich bewegen, die auch in der «Provinz» Wädenswil bemerkenswerte Spuren hinterliess.
Leute aus der Bewegung wohnten hier in mehreren Wohngemeinschaften. Eine davon, die WG Schönegg, gehörte gar zu den ersten Kommunen der Schweiz, gegründet von 68ern.
Die aufmüpfige Jugend sorgte jedoch nicht nur für Stirnrunzeln, sie schuf auch bleibende Institutionen: eine Skateanlage, das
Theater Ticino und ein Jugendhaus. Zugleich bot sie den Nährboden für manch grosse DJ-Karriere.
Gespräche mit über vierzig Zeitzeugen
Das Kuratorenteam, bestehend aus Mariska Beirne und Christian Winkler, recherchierte hauptsächlich mit der historischen Methode «Oral History». Dazu wurden im Sommer und Herbst 2017 zahlreiche Gespräche mit über vierzig Akteuren geführt, die neben ihren Erinnerungen auch Fotos und Objekte zur Ausstellung beisteuerten. Insgesamt 62 Leihgaben waren in der Ausstellung schliesslich zu sehen, Fotografien nicht mitgezählt. Zu den einzigartigen Objekten zählten unter anderem:
– eine Rolle zur Töffli-Geschwindigkeitsmessung der Stadtpolizei Wädenswil
– ein Filmprojektor, der einst im Autonomen Jugendzentrum in Zürich gestanden hatte, später Filme im Wädenswiler «Klup am Central» projizierte und heute im Besitz des Theaters Ticino ist
– eine Sendestation von Radiopiraten
– das goldene Kostüm eines Mitglieds der «Golden Breakdancers»
Die gut besuchte Vernissage am 20. Januar 2018 verlief ungewöhnlich lebhaft. Es zeigte sich bereits an diesem ersten Abend, was sich die folgenden drei Monate immer wieder bestätigen sollte: Das Thema begeisterte in Bezug auf Interessen und Alter ein sehr heterogenes Publikum, das die Ausstellung aktiv besuchte. Vor den einzelnen Exponaten, Texten und Bildern entstanden rege Diskussionen – über Töffli-Frisiertechniken, gemeinsame Bekannte und unglaubliche Heldentaten.
Das nachgebaute Restaurant Central als Mittel- und Ausgangspunkt der Ausstellung.
Um das Restaurant Central gruppierten sich die weiteren thematischen Schwerpunkte: Töfflibuebe, das Jugi und damit verbunden Breakdance und DJs, Skater, Sprayer, der Filmclub «Klup am Central», das Theater Ticino, die Wohngemeinschaften und die Schönegg, die Besetzung der Neudorfstrasse und des Seegüetli, Musikbands und Radiopiraten.
Im von Bea Strickler geführten Museums-Bistro lud eine anfangs weisse Wand die Besucher dazu ein, die Ausstellung mit eigenen Erinnerungen zu ergänzen. Vor allem ehemalige Töfflibuebe nutzten diese Gelegenheit und steuerten Bildmaterial, eine polizeiliche Mängelliste der in der Ausstellung dokumentierten Töffli-Grosskontrolle und weitere Andenken bei. Aus den Gesprächen mit den Akteuren aus fünfzig Jahren Jugend von Wädenswil entstand eine Begleitbroschüre, die im März erschien. Sie enthält Interviews und zahlreiche Bilder, die in der Ausstellung thematisiert und gezeigt wurden.
Erfreuliche Besucherzahlen
1597 Personen besuchten während der drei Monate die Ausstellung, davon 161 Jugendliche und Kinder, von denen die meisten zu den 7 Schulklassen gehörten, welche an einem Workshop in der Ausstellung teilnahmen. Von den 1436 erwachsenen Besucherinnen und Besuchern bezahlten 1049 den Eintritt von 8 Franken, für Kinder bis 12 Jahre war der Eintritt frei. 85 Personen besuchten die Ausstellung mit einem Gratis-Eintritt, den sie beispielsweise als Sponsor oder Interviewpartner oder -partnerin erhalten hatten.
Fast 1600 Personen besuchten die Ausstellung «Töfflibuebe + Störefriede».
Die Ausstellung öffnete jeweils am Mittwoch, Samstag und Sonntag ihre Pforten. Am beliebtesten war der Sonntag – sicherlich auch, weil dann jeweils die öffentlichen Führungen stattfanden. Einen Besucherrekord verzeichnete die Ausstellung am ersten Ausstellungstag nach der Vernissage am 21. Januar mit 78 Eintritten. Wie erwartet waren die Spezialanlässe wie die Vernissage, das Podiumsgespräch und das Erzählcafé am besten besucht.
Ein Stadtpolizist, Hausbesetzer und Skater auf der Bühne
Insgesamt fanden sieben Führungen für Privatgruppen sowie sechs öffentliche Führungen durch die Ausstellung statt. Daneben wurden drei geführte Spaziergänge «Raum für die Jugend: den Störefrieden auf der Spur» durchgeführt, bei denen das Publikum auch die Skatehalle und das
Jugendhaus Sust besichtigen konnte.
Im Februar fand das Podiumsgespräch «Töfflibuebe + Störefriede – damals und heute» statt. Moderator Hannes Hug führte in drei Gesprächsrunden mit unterschiedlichen Gästen – die bewegten WGBewohner/innen, die Töfflibuebe samt Stadtpolizist und die «heutige Jugend» – durch den lebendigen Abend. Im März brachte das Erzählcafé «50 Jahre 1968» als Kooperation mit der
Lesegesellschaft mit Elisabeth Joris, Jo Lang, Helene Pinkus-Rymann und Benedikt Weibel spannende Vertreter von 1968 auf die Bühne. Als letzte Aktion im Rahmenprogramm tuckerte im April eine kleine Gruppe Töffli-Nostalgiker auf einer Töfflitour durch das Zugerland.
Am 22. April war die Ausstellung zum letzten Mal geöffnet, anschliessend wurde mit vielen Freiwilligen abgebaut – auch diese Ausstellung war nur dank der fleissigen Unterstützung von rund 40 Helferinnen und Helfern sowie der finanziellen Unterstützung privater Geldgeber, einiger Stiftungen und des lokalen Gewerbes möglich.
Skater, Sprayer, DJs: Die Jugendkultur sucht sich immer wieder neue Freiräume.
Ferienpass: «Waschen wie früher»
Die neuen Ausstellungen entstehen jeweils in den Sommer- und Herbstmonaten im stillen Kämmerlein. Von der HGW ist in dieser Zeit in der Öffentlichkeit wenig zu sehen – bis auf eine Ausnahme: Wer sich an einem Montagnachmittag Mitte Juli die Schönenbergstrasse hinauf bewegte, entdeckte am Sonnenbrunnen eine Kinderschar, die auf Waschbrettern begeistert schmutzige Wäsche schrubbte, um sie anschliessend in den Gelten mit Stampfern zu bearbeiten und zu spülen. Bereits zum zweiten Mal bot die HGW das Ferienpass-Angebot «Waschen wie früher mit Waschbrett und Gelte» an. Während ein Teil der Kinder mit Waschen beschäftigt war, machten sich die anderen währenddessen im Gartencafé Giardino an die Herstellung farbiger Seifenkugeln. Passanten blieben stehen und liessen das Bild der eifrigen Kinder am Brunnen auf sich wirken, die mit einer grossen Selbstverständlichkeit mit dem alten Gerät hantierten, eingerahmt von den aufgespannten Wäscheseilen, an denen die Wäschestücke in der warmen Sommersonne trockneten.