Historische Gesellschaft Wädenswil

Quelle: Jahrbuch der Stadt Wädenswil 2019 von Mariska Beirne

Am 1. Januar 2019 fand der Zusammenschluss der drei Gemeinden Wädenswil, Schönenberg und Hütten statt – für die Historische Gesellschaft Anlass, die drei Gemeinden und ihre Geschichte näher zu betrachten. Von Januar bis April 2019 war die Ausstellung in der Kulturgarage unter dem Titel «Wädenswil – Schönenberg – Hütten: 900 Jahre gemeinsame Geschichte» diesem Thema gewidmet. Als Kurator wirkte Christian Winkler, unterstützt von Michael D. Schmid. Neben der traditionellen Archivrecherche führten die beiden in der Vorbereitungsphase zahlreiche Gespräche mit Bewohnern von Schönenberg und Hütten und erhielten auf diese Weise vielfältiges Bildmaterial, interessante Objekte und zahlreiche wichtige Hinweise zu Geschichten vom Berg. Während die meisten Bewohnerinnen und Bewohner von Hütten und Schönenberg Wädenswil bereits gut kennen, weil sie etwa hier die Sekundarschule besucht haben oder regelmässig ihre Einkäufe am See erledigen, gilt das Umgekehrte nicht unbedingt. Deshalb lag der Fokus eher auf den beiden Berggemeinden. Grosses Interesse weckten die wiederkehrenden Statistiken, die zu einem unterhaltsamen Vergleich der drei Orte einluden.
1461 Personen besuchten die Ausstellung im Frühjahr 2019.

Taufstein, Kanonenkugel und eine besondere Landkarte

Wo sich einst Schwyzer und Zürcher bekriegten, spazierte Anfang des 19. Jahrhunderts eine stadtzürcherische Gesellschaft durch den ländlichen Molkenkurort Hütten. Etwas später erreichte man die Orte am Berg mit der Postkutsche, die eine schnelle Verbindung zur Eisenbahn in Wädenswil garantierte. Geplant war einst gar eine Bahnlinie von Samstagern nach Zug mit einem Bahnhof in Schönenberg. Da eine Umsetzung nicht stattfand, sind es noch heute Postautos, die täglich den Berg hochfahren und sich zu den Hauptverkehrszeiten mit Sekundarschülerinnen und -schülern füllen. Denn schon seit mehr als 180 Jahren reisen die «Bergler» für die Sek ins Dorf.
Weiter zurück, nämlich bis ins 12. Jahrhundert, reicht die Geschichte der drei Gemeinden unter der Herrschaft Wädenswil. Die Freiherren auf der Burg, später die Johanniter, regierten über das Territorium. 1549 verkauften die Johanniter das inzwischen reformierte Gebiet an Zürich. Glarus und Schwyz fühlten sich indes bedroht, denn Wädenswil hatte bis dahin als Puffer zwischen den oftmals verfeindeten Orten gedient. Bedingung für den Kauf war deshalb der Abbruch der Burg. 1557 wurde sie unbewohnbar gemacht und die Ruine schon bald als Steinbruch genutzt. Als neuer Zürcherischer Herrschaftssitz war 1556 das Schloss als Residenz für den amtierenden Landvogt errichtet worden.
Auf der zwölf Quadratmeter grosse Landkarte des neuen Gemeindegebiets liess sich einiges entdecken.

1461 Personen besuchten die Ausstellung, davon 181 Jugendliche und Kinder, von denen rund 150 zu den acht Schulklassen gehörten, welche an einem Workshop in der Ausstellung teilnahmen. Es fanden zehn Führungen für Privatgruppen statt sowie acht öffentliche Führungen durch die Ausstellung. Insgesamt waren Objekte von 26 verschiedenen Leihgebern zu bestaunen, darunter eine grosse Zahl von der Dokumentationsstelle Oberer Zürichsee und aus dem städtischen Fundus. Zu den einzigartigen Leihgaben gehörten eine Kanonenkugel aus den Villmergerkriegen und der erste Taufstein der Kirche Schönenberg von 1703. Viel Aufmerksamkeit erhielten aber auch eine Wand mit Klassenfotos der Sekundarschule seit 1900, ein Modell der Burg Wädenswil sowie Tapetenstücke aus den Gasthöfen Krone und Bären in Hütten. Sehr grossen Anklang bei den Besuchenden fand die rund zwölf Quadratmeter grosse Landkarte des neuen Gemeindegebiets. Sie schmückte im Zentrum der Ausstellung den Boden der Kulturgarage. Hier verweilte das Publikum oft am längsten und studierte Geografie und Topografie von Wädenswil, Schönenberg und Hütten.

Schaurige Sagen, Honigduft und Pulverdampf

Im Rahmen der Ausstellung bot die Historische Gesellschaft Wädenswil (HGW) ein abwechslungsreiches Begleitprogramm. Über 50 Erwachsene und Kinder wollten in der Tirggelfabrik in Schönenberg erleben, wie das Traditionsgebäck hergestellt wird. Schon von Weitem wurden die Teilnehmenden von süssem Honigduft empfangen. Fasziniert betrachteten sie alsbald die fast schon antiken englischen Maschinen, die noch immer tadellose Tirggel formen. Die selbst ins Holzmodel gedrückten Exemplare waren zwar nicht ganz perfekt – die Lösung dafür aber denkbar einfach: sofort aufessen!
Führung durch die Herstellung von Tirggeln in Schönenberg.

Einen der Höhepunkte stellte die Veranstaltung «Geheimnisvolle Geschichten sagenhaft erzählt» dar: Am Abend des 14. Februar zogen Vorleserin Michaela Wendt und der Musiker Julian Sartorius mit Stimme und Klängen 44 Personen in ihren Bann und entführten sie in die schaurige Sagenwelt der Berggemeinden. Im Freien fand die Veranstaltung: «Pulverdampf im Grenzgebiet» statt, ein Spaziergang auf den Spuren der Villmergerkriege. Michael D. Schmid und Mark Dressler führten die Besuchenden von der Sternenschanze in Samstagern zur Laubegg hoch und schliesslich zur Hüttnerschanze. Anhand der Karten und Erzählungen erschien der Kriegsverlauf unversehens zum Leben erweckt.
Die schaurige Sagenwelt der Berggemeinden: Michaela Wendt (rechts) und Julian Sartorius.

Eine weitere gut besuchte Führung im Freien trug den Titel «Auf dem Sitz der Freiherren von Wädenswil». Adrian Scherrer entführte die rund 50 Teilnehmenden an einem sonnigen Frühlingstag auf dem Areal der Burgruine ins Mittelalter. Anhand der Mauerreste erklärte er lebensnah die Baugeschichte der Burg, die gleichzeitig viel über die einstigen Bewohner verrät – die Freiherren von Wädenswil und die Johanniter.
Auf der Burgruine wird die gemeinsame Geschichte von Wädenswil, Schönenberg und Hütten erfahrbar.

Der Fundus erhält mehr Platz

Gast an der Generalversammlung im April war der Historiker Dr. Michael von Orsouw, der über gekrönte Häupter in der Schweiz berichtete. Nicht über Schwingerkönige oder Zirkusprinzen, sondern über echte Blaublütler, die zwischen 1780 und 1950 in der Schweiz geweilt hatten: Im Exil, in den Ferien, um ihr Burnout auszukurieren oder weil sie hier verunfallt oder ermordet worden waren. Sein Vortrag war eine Vorpremière auf sein Buch «Blaues Blut: Gekrönte Häupter in der Schweiz», das im August 2019 erschien.
Seit ihrem Bestehen betreut die HGW ehrenamtlich den städtischen historischen Fundus. Dieser bestand ursprünglich aus den Objekten des ehemaligen Ortsmuseums «Zur hohlen Eich». Seit der Gründung der HGW verzeichnet er jedoch jährliche Neuzugänge. Neue Objekte sollen historische Veränderungen, innovative Entwicklungsschritte und geschichtliche Zäsuren der Stadt Wädenswil darstellen und veranschaulichen. Es kann sich dabei auch um gewöhnliche Alltagsgegenstände handeln, etwa wenn sie im Besitz einer Wädenswiler Persönlichkeit, Familie oder aus einem Wädenswiler Unternehmen stammen und auf diese Weise ihre eigene Geschichte erzählen.
Mehr Platz für den städtischen Fundus: Die HGW erhielt einen neuen Raum beim Schulhaus Gerberacher.

Für die Aufbewahrung des Fundus nutzte die HGW bis anhin Räume in den Zivilschutzanlagen der Alterssiedlung «Bin Räbe» und in den Untergeschossen der Migros an der Oberdorfstrasse. Weil jedoch der Standort Migros nur über eine lange Treppe erschlossen und deshalb für grössere Objekte ungeeignet ist, stiess man im Raum in der Alterssiedlung «Bin Räbe» schon seit längerem an die Kapazitätsgrenzen. Zudem soll noch etwas freier Platz für die weitere gezielte Sammeltätigkeit zur Verfügung stehen. Die HGW ist dankbar, dass sie im Frühjahr 2019 einen weiteren Zivilschutzraum beim Schulhaus Gerberacher übernehmen durfte, der im Rahmen der Neuorganisation des Zivilschutzes frei wurde. Neu stehen dort zusätzliche 60 Quadratmeter zur Verfügung, die gemeinsam mit der Kulturkommission – für die städtische Kunstsammlung – genutzt werden. Für die Zwecke der HGW sind die Räumlichkeiten aus zwei Gründen sehr praktisch. Der Zugang erfolgt ebenerdig und beinahe hindernisfrei. Zudem gibt es eine Art Vorraum, der für das Fotografieren der Objekte ideal ist. Denn alle neuen Objekte werden jeweils fotografisch dokumentiert und in einer Datenbank erfasst, bevor sie in den Archivschachteln und Gestellen verschwinden.
Bei der Einrichtung der neuen Fundus-Räumlichkeiten erhielt die HGW im Juni 2019 gegen ein kleines Entgelt Hilfe von neun Leitenden der Jubla (Jungwacht Blauring), welche freigewordene Zivilschutz-Bettgestelle im Standort unter der Migros demontierten, transportierten und in den Gerberacher-Räumlichkeiten wieder aufbauten. Dort dienen sie nun als stabile Regale für die Objekte des Fundus.

Ausblick 2020: Ein Blick durch die Kameralinse

Zeitgleich mit der Eröffnung der Ausstellung 2019 begannen schon die Vorbereitungen für die Ausstellung 2020 mit dem Titel «Abgelichtet – Wädenswil auf Foto und Film». Kuratiert wird sie wiederum von Christian Winkler, neu unterstützt von Co-Kuratorin Leonie Ruesch. Fotografieren gehört heute zum Alltag von fast jedermann. So rasch, wie ein Bild geknipst ist, ist es auch schon an Bekannte verschickt. Einst standen die Porträtierten jedoch lange still, bis der eigens engagierte Fotograf das Bild im Kasten hatte. Oft war das Foto inszeniert und man trug dazu Sonntagskleidung. Bis die Fotografierten die Aufnahme schliesslich zu Gesicht bekamen, dauerte es meist mehrere Tage. Motive aus Wädenswil wurden ab Ende des 19. Jahrhunderts immer häufiger fotografisch festgehalten. Sie zeigen Häusergruppen, Porträts und Familien, besondere Ereignisse, Freizeitaktivitäten und das Berufsleben. Ab Mitte des 20. Jahrhunderts besassen immer öfter auch Private einen Fotoapparat und dokumentieren Aussergewöhnliches und Alltägliches – ein neues Hobby entstand. Aus der neuen Technik entwickelte sich auch der Film, bei dem eine Vielzahl von Fotografien aneinandergereiht wird. Im Sommer 1926 entstanden die ältesten noch erhaltenen Filmaufnahmen von Wädenswil. Sie zeigen das interkantonale Radsportfest. Der Film- und Kinopionier Willy Leuzinger hielt den Umzug, die Festredner und die Preisverleihung auf 16-Millimeter-Film fest. Die Vielfalt an Fotografien zu Wädenswil ist gross. Aber auch das historische Filmmaterial, oft von Hobbyfilmern erstellt, birgt noch weitgehend unbekannte Schätze. Einige davon konnten zuletzt im Rahmen eines Projekts digitalisiert werden. Die Ausstellung «Abgelichtet – Wädenswil auf Foto und Film» wird zum Eintauchen in das fotografische und filmische Erbe Wädenswils einladen. Sie wird von Januar bis April 2020 in der Kulturgarage zu sehen sein.



Mariska Beirne
Präsidentin Historische Gesellschaft