Aus der Geschichte der Gerberfamilie Hauser in Wädenswil
Quelle: «Allgemeiner Anzeiger vom Zürichsee», 22. März 1961 von Peter Ziegler
Sieben Generationen Gerber Hauser
Eine gute, auch Krisenzeiten überdauernde Tradition kannte die Gerberfamilie Hauser. Bei ihr vererbte sich nämlich das Gerberhandwerk während mindestens sieben Generationen immer wieder vom Vater auf den Sohn. Die nachstehende Stammlinie zeigt dies sehr eindrücklich:
Beginn im «Talgarten»
Die Gerberfamilie Hauser besass zwar anscheinend nicht die älteste Gerberei auf dem Platze Wädenswil, sicher aber in späteren Jahren das bedeutendste all dieser Unternehmen. Entwickelt hat es sich aus jenem relativ kleinen Betrieb, der ob der «Krone», im heutigen Haus
«Talgarten», Gerbestrasse 2, untergebracht war. Die Hausersehe Gerbe wird in den Grundprotokollen erstmals 1694 genannt (Staatsarchiv Zürich, Grundprotokoll Bd. 4, S. 11a).
Es ist da von einem Hans Huser die Rede, welcher das «nöuw Hus mit der Gerbi, item Krutgarten, Hanfland und Matten, ob der Krone liegend», bewirtschaftete. Hans Huser ist wohl der Erbauer des prächtigen Bürgerhauses zum Talgarten, genauer gesagt des älteren, parallel zum Gerbebach verlaufenden Haupttraktes mit den schmucken Voluten-Bügen an den Dachuntersichten des Ostgiebels. Dieser Bau − ursprünglich ein Riegelhaus, das ums Jahr 1883 verputzt wurde − dokumentiert mit seinen wohlausgewogenen Formen und Proportionen noch heute den Wohlstand, aber auch den Kunstsinn der früheren Besitzer.
Haus Talgarten, eigentlich ein Riegelhaus.
Talgarten: Riegelhaus Talgarten mit verputzten Fassaden.
Spätere Einträge im Grundprotokoll reden immer wieder vom «Haus mit Gerberey darunter», was darauf hinzudeuten scheint, dass sich der Betrieb direkt unter den Wohnungen befunden hat, also da, wo heute die Ladenräumlichkeiten liegen. Mächtigen Aufschwung und bedeutende Vergrösserungen hat der Gerbereibetrieb unter
Johannes Hauser (1776–1841)
erfahren, dem Großvater von Bundesrat Walter Hauser. Er hatte sich im Jahre 1801 in zweiter Ehe mit Elisabetha Steffan verheiratet, welche den fünf Kindern aus der ersten Ehe des Mannes eine gute Mutter war. Leider starb Frau Hauser, die tüchtige Geschäftsfrau, schon am Pfingstmontag 1815, nachdem sie ihrerseits weitere sieben Kinder zur Welt gebracht hatte. Zwischen dem Todestag ihres jüngsten Töchterleins Rosalie (geboren am 4. März, gestorben am 11. Mai 1815) und ihrem eigenen Sterbetag lag nur eine Woche.
Lehrmeister von Gottlieb Pestalozzi
Johannes Hauser, der ums Jahr 1800 vier Arbeiter beschäftigte, war der weitaus bedeutendste Gerber auf dem Platze Wädenswil. Dass er sein Handwerk verstand wie kein zweiter im Dorfe, das wusste auch der in Wädenswil befreundete Heinrich Pestalozzi, und er gab daher seinen Enkel Gottlieb (1797–1863), der Gerber werden wollte, eben diesem Manne in die Lehre. An Ostern 1814 verliess der siebzehnjährige Pestalozzi. die Erziehungsanstalt seines berühmten Grossvaters in Yverdon und trat die der renommierten Hauserschen Gerbe zu Wädenswil seine Lehrstelle an. Drei Schicksalsschläge trafen den jungen Pestalozzi während seiner Lehrzeit in der Gerberei Hauser gar hart. Nur ein knappes Vierteljahr nach dem Antritt der Lehre verlor Gottlieb seine Mutter, Anna Magdalena Custer-Frölich (1764–1814) und wurde dadurch Vollwaise. Kurz darauf quälten ihn schon wieder Sorgen, begann doch ehe Meistersfrau. welche ihm zur zweiten Mutter geworden war, bös zu kränkeln. Sie leide unter starken Hustenanfällen, schrieb Anna Pestalozzi am 19. Oktober 1814 ihrem Manne nach Yverdon, und man sei sehr besorgt um sie, umso mehr, als ja der Winter bevorstehe. Frau Hauser-Steffan starb am Pfingstmontag 1815.
Erweiterung des Hauses «Talgarten»
Hauser baute aber nicht nur das schmucke Wohnhaus «Friedberg»; er erweiterte in zwei Bauetappen auch seine Gerberei. Um 1803 fügte er dem «Talgarten» einen Nordtrakt an, dessen Architektur auf den Altbau gut abgestimmt wurde. Heute noch kündet das kunstvoll gefügte Dachgebälk und die den Bau tragende, datierte Mittelsäule von hohem handwerklichem Können. Das Erdgeschoss des Neubaus liess Hauser ebenfalls für den Gerbereibetrieb einrichten. Unter anderem meisselte man hier zwei Gerbebecken von 2,5 bis 3 Metern Durchmesser und rund 80 Zentimetern Tiefe in den anstehenden Fels (diese beiden Becken wurden leider beim Umbau im Jahre 1932 entfernt). Aber auch die Obergeschosse erfuhren einen stattlichen Innenausbau. Besonders kunstvoll sind die Stuckaturen im «Schiffer-Zunft-Säli» mit den Emblemen der Schiffer, wie Anker, Schifferhut und Stachel. Jahreszahl und Initialen J HH 1807, an einem Fensterpfosten eingemeisselt, erinnern noch heute an den weitsichtigen und aufgeschlossenen Bauherrn Johannes Hauser.
Schlussstein von 1807 am Anbau des Hauses Talgarten, mit Initialen von Johannes (Heinrich) Hauser.
Haus Gerbe von Westen, um 1910.
Haus Gerbe von Nordwesten.
Vom Gerben
Ein im Jahre 1820 zu Zürich gedrucktes «lehrreiches und unterhaltendes Bilderbuch für die Jugend», die «Gallerie der vorzüglichsten Künste und Handwerke», nennt die wichtigsten Arbeiten, welche ein Gerber zu verrichten hatte. Wenn eine Tierhaut gegerbt werden sollte, so musste sie vorerst vom Blut und Schmutz gereinigt werden. Man hängte sie daher in fliessendes Wasser − der Gerberei Hauser in Wädenswil diente das Wasser des Gerbebachs − und strich dann dieses alsdann wieder heraus. Dann säuberte man die Haut von allen Haaren. Rindsleder legte man zu diesem Zweck in den Kalkäscher, in eine mit Kalkbeize gefüllte Grube. Hier blieben die Häute mehrere Wochen liegen und mussten öfters gewendet und aufgeschlagen werden, damit der Kalk sie nicht anfrass. Dann wurden die Haare abgespälet und die Häute vom Kalk gereinigt und ausgestrichen. Man hängte sie deshalb erneut ins Wasser, befestigte sie an der Waschbank und liess sie einige Tage im Wasser schwimmen, bis das Wasser den Kalk herausgezogen hatte. Allfällig zurückgebliebene Kalkteile wurden auf dem Schabebaum mit dem Schabeeisen herausgestrichen. Hierauf hängte man die Häute nochmals ins Wasser, glättete sie anschliessend mit dem Glättestein und strich sie mit dem Stricheisen, bis sie geschmeidig waren. Dann kamen die Häute in die «erste Farbe». Diese bestand aus eichener Lohe, die mit heissem Wasser abgebrüht und in ein Fass gegossen worden war. Diese aus Baumrinde hergestellte Gerberlohe hatte die Kraft, «die Dunstlöcher der Häute zusammen zu ziehen und ihnen dadurch Festigkeit zu geben». In der «Farbe» mussten die Häute täglich einige Male mit Krücken umgerührt werden, damit sich die Brühe überall auf dem Leder verbreitete. Hatten die Häute mehrere Tage in der Lohe gelegen, wurden sie herausgenommen und in frischer Lohe ein zweites Mal auf dieselbe Art behandelt. Wenn sich das Leder braun gefärbt hatte, legte man es in die Lohgrube, in ein mit Bohlen ausgekleidetes Loch in der Erde. In der Lohgrube blieben die Häute in verschiedenen Sätzen mehrere Wochen lang liegen, worauf sie dann lohgar herausgenommen werden konnten. Nun setzte die eigentliche Lederbehandlung ein, das Falzen, Krispeln oder Pantoffeln, je nachdem, zu welchem Zwecke man das Leder nachher verwenden wollte.
Neuer Besitzer des «Talgartens»
Eine Zeitlang wurden die Betriebe im «Talgarten» und in der neuen «Gerbe» parallel geführt. Dann trat Johannes Hauser, der inzwischen Kantonsrat geworden war, das ältere Unternehmen am 11. November 1834 seinem Sohne, dem Leutnant Robert Hauser, ab. Um den Preis von 17‘500 Gulden bei sofortigem Kaufantritt übernahm dieser den «Talgarten» samt den dazugehörenden Grubenplätzen, der Wasserschwelle im Gerbebach und den Nutzungsrechten am Kronenbrunnen (Grundprotokoll Wädenswil, Bd. 22, S. 519). Robert Hauser hielt das Gerberhandwerk noch bis zu seinem frühen Tode im Jahre 1840 aufrecht. Seine Erben veräusserten dann die Liegenschaft an den Wädenswiler Fabrikanten Johannes Isler. Bei der nächsten Handänderung, die im Jahre 1872 stattfand, ist von einem Gerbereibetrieb im Haus zum Talgarten nicht mehr die Rede.
Handänderungen in der «Gerbe»
Nicht viel bessere Voraussetzungen treffen wir im oberen Betrieb, in der neuen Gerbe. Dieses Unternehmen kam nach dem Tode des Gründers, 1841, an die Söhne Karl und Arnold Hauser-Theiler und deren Associé, Friedrich Luchsinger (Teilhaber bis 1852). Es bestand damals aus dem grossen Gerbereigebäude, einem Nebengebäude mit Gerberei, einem Wasch- und Glättehaus und aus einem Loh- und Grubenplatz mit 50 Gruben. Zum Hauserschen Besitz zählte so dann ein ob der Gerbe gelegenes Gebäude mit Laden, Comptoir, Remise und Bestallung (heutige Liegenschaft Gerbestrasse 8), ferner die Lohmühle mit Stampf und Hammer im Krähbach (Grundprotoll Wädenswil Bd. 301, S. 447) und ein daselbst gelegener, mit massiven Mauern umschlossener Wassersammler.
Finanzielle Schwierigkeiten
Die Gerberei der Gebrüder Hauser − und deren Associé Friedrich Luchsinger − geriet schon bald in finanzielle Schwierigkeiten. Jedenfalls nahmen die drei Unternehmer im Mai 1842 bei Mathias Nüscheler im Grünenhof in Zürich ein Darlehen auf im Betrage von 15‘000 Gulden und verpfändeten dafür einen Teil ihrer Liegenschaft. Sie verpflichteten sich, dem Kreditor die Summe zu 4 Prozent zu verzinsen und auf Maitag und Martini 1845 je 2500 Gulden zurückzuzahlen. Die restlichen 10‘000 Gulden sollten nach Ablauf von sechs Jahren samt ausstehendem Zins zurückerstattet werden.
Die bedrängte Finanzlage nötigte zum Verkauf verschiedener Ländereien. Im Herbst 1842 wurden daher grössere Grundstücke, vor allem die in der Nähe des Hirschenplatzes und ennet der neuen «Sihlbruggstrasse» (Zugerstrasse) gelegenen Parzellen veräussert. 4950 Quadratschuh Mattland erwarb der Maler Jakob Fleckenstein, 2730 Quadratschuh der Zwirner Jakob Schneider, 2627. Quadratschuh Hauptmann Jakob Blattmann zum
«Rosengarten» (Zugerstrasse 14); 2632 Quadratschuh Land verkaufte man dem Steinmetz Jakob Rhyner und dem Zimmermeister Caspar Stocker und 1838 Quadratschuh dem Lithographen
Johannes Brupbacher beim Hirschen (Gerbestrasse 9).
Das Haus Gerbestrasse 9 steht auf Land, das vom Gerbe-Areal abgetrennt wurde.