Jakobs Bruder Johannes bemühte sich, wie es in seinem Lebenslauf heisst, «über die Zeit, in welcher von den Herren zu Zürich systematisch geistiges, wissenschaftliches und ökonomisches Fortschreiten niedergedrückt wurden», durch das Lesen guter Bücher höheres Wissen zu sammeln. Bei der strengen, eintönigen Arbeit in der Baumwollfabrikation sehnte er sich nach Bildung. Und er wusste, dass noch mehr so dachten wie er.
Mitgründer der Lesegesellschaft
Im Jahre 1790 kam er daher mit zwei seiner besten Freunde zusammen, mit Heinrich Eschmann und Johannes Gattiker, um sich mit diesen Liebhabern der Lektüre über die Gründung einer
Lesegesellschaft zu besprechen. Man war sich rasch einig, dass ein solcher Zirkel nützlich und wünschbar sei, und Diezinger arbeitete Statuten aus, die Zustimmung fanden. Unter den lesefreudigen Leuten auf dem Platze Wädenswil erklärten bald 15 Personen ihre Bereitwilligkeit, an der angeregten Lesegesellschaft mitzumachen. Es waren das sechs Frauenzimmer, wovon eines verwitwet, deren fünf ledig waren, und neun Männer, von denen einer nicht der Wädenswiler Bürgerschaft angehörte, sondern als Ausländer nur zu den Aufenthaltern zählte. Alle 18 Interessenten traten am 10. Oktober 1790 – es war ein Sonntag – zusammen und nahmen die 13 Gesetze des projektierten Planes der Initianten als Gesellschaftsgrundlage an. Damit hatte in Wädenswil eine Lesebetätigung, die in privatem Kreis bereits betrieben worden war, die in einer theaterspielenden Clique um Kaspar Billeter in der
«Krone» bereits zu einem Konventikel geworden sein muss, ihre organisatorische Zusammenfassung gefunden.
Während vollen 40 Jahren, von 1790 bis 1830, stand Johannes Diezinger der Lesegesellschaft Wädenswil als Verwalter vor. Dann trat sein Sohn, Hauptmann Rudolf Diezinger, die Nachfolge an.
Politiker
Johannes Diezinger hat sich auch als Politiker einen Namen gemacht. In einem Nachruf in der handschriftlichen Chronik der Lesegesellschaft lesen wir darüber folgenden Eintrag: «Das Jahr 1798, dessen Frühling nicht nur das Eis des Winters schmolz, sondern auch dasjenige, in welchem bis dahin jede politische und gewerbliche Freiheit hart und tief eingefroren lag, gab Diezinger mit tausend andern nach Freiheit Seufzenden neues Leben und Wirken. Mit Freuden begrüsste er die eingetretene Staatsumwälzung und damit den Bruch des lange ertragenen Jochs des politischen und gewerblichen Zwangs. Mit Lust und Freude nahm er am neuen öffentlichen Leben teil. Er wurde auch bald, als einer der aufgeklärtesten und gebildetsten Männer jener Zeit, für dasselbe ausgesucht.» So findet man Johannes Diezinger im Januar 1798 als überzeugten Reformer und Unitarier im Beschwerdeausschuss, welcher der Regierung die Wünsche und Vorschläge des Landvolks zu unterbreiten hatte. Dann war er Mitglied der Landesversammlung, kurz darauf Sprecher bei der Eidesleistung an die neue Regierung, 1799 Hauptmann der helvetischen Truppen und 1801 Mitglied des Wahlkorps. 1802 baten ihn seine Mitbürger, bei der helvetischen Regierung für den Loskauf des Zehntens einzutreten. 1803 wurde er Gemeinderat und kurz darauf auch Präsident. Im Zusammenhang mit den politischen Unruhen und dem
Bockenkrieg erfolgte 1804 sein jäher Sturz. Er wurde verhaftet und zusammen mit seinen beiden Freunden, dem Gerber Johannes Hauser und dem Grosshändler Heinrich Hauser, wegen angeblicher Unterstützung der Rebellen zu einer schweren Geldbusse verurteilt und der bürgerlichen Ehren verlustig erklärt.
Baumwollunternehmer und soziales Wirken
Diese Schläge haben wohl seiner politischen Laufbahn, nicht aber seinem wirtschaftlichen und sozialen Wirken ein Ende gemacht. Er trat später noch als Initiant der Armenanstalt, als Mitbegründer der Sparkasse und anderer sozialer und gemeinnütziger Institutionen in Erscheinung. Offenbar widmete sich Diezinger nach seinem politischen Misserfolg ganz der Wirtschaft, dem 1798 gegründeten Baumwollunternehmen J Blattmann, Diezinger & Co. Um 1808 besass seine Firma in St. Gallen und in Richterswil Niederlagen, und 1811 baute er im Dorfzentrum eine Baumwollweberei und -spinnerei, den
«Freihof» an der Florhofstrasse, das heutige Stadthaus. Diezingers neue Fabrik galt als mustergültig und wurde von angesehenen Persönlichkeiten wie Fürst Wrede, besucht. Da der Betrieb keine Wasserkraft besass, verlegte der Unternehmer im Jahre 1814 einen Teil davon an den Giessbach. Schon in den kommenden Jahren litt die Spinnerei Blattmann & Diezinger schwer unter den Einwirkungen der internationalen Krise. Die Hoffnung, dass nach der Aufhebung des Kontinentalsystems der freie Welthandel wiederhergestellt werde, erwies sich bald genug als Illusion. Frankreich baute sein Prohibitivsystem zum Schutze seiner Industrie noch schärfer aus, und die Niederlande und Spanien folgten diesem Beispiel. Den schweizerischen Textilprodukten standen bald nur noch einige Märkte in Deutschland offen. Aber auch hier ergaben sich nichts als Schwierigkeiten. Anfang 1818 geriet das Diezinger‘sche Unternehmen aus all diesen Gründen bis an den Rand des Abgrundes, und man erwog damals den Verkauf des Geschäfts. Drei Jahre später war die Firma tatsächlich genötigt, «die Geschäfte einzuziehen» und sowohl den «Freihof» als auch die Spinnerei im Giessen zu veräussern. Johannes Diezinger hatte alles bis zur bitteren Neige gekostet. Er starb am 12. Juni 1835 an einem Herzschlag.