Ja, damals war ein Lehrer noch Respektsperson und durfte solch leichte Körperstrafen aus dem Handgelenk austeilen, ohne gleich ein Verfahren an den Hals zu kriegen. Und eine Ohrfeige oder «en Chlapf ufs Füdli» sind meines Erachtens als Erziehungsmittel oft noch immer wirksamer als ein Schwall vieler Worte.
Meine ersten Schuljahre absolvierte ich bei Fräulein Hedwig Merki. Schon während meiner Kindergartenzeit lernte ich sie im Mercerieladen von Frau Furrer-Rusterholz (im Seehof) kurz kennen, als meine Mutter dort Knöpfe oder etwas Ähnliches kaufte. Die junge Lehrerin war mir auf Anhieb sympathisch, und ich erklärte: «Zu dere wetti!» Meine Eltern erklärten mir allerdings, es sei aber gar nicht sicher, dass es mich zu Fräulein Merki «preiche». Doch das Schicksal war − wie meist auch in meinem späteren Leben − auf meiner Seite.
Bei Fräulein Merki im
Eidmattschulhaus ging ich also in die erste und zweite Klasse. Und da ich sehr gerne und für mein Alter recht gut zeichnete, lud sie mich für einen Mittwochnachmittag zu sich nach Hause nach Männedorf ein. Denn ihr Vater − ein pensionierter Lehrer − war im Zeichenunterricht Experte, und der Besuch eines auf diesem Gebiete wissbegierigen Primarschülers bedeutete für ihn sicher eine willkommene Abwechslung.
Eines schönen Tages gegen Ende des zweiten Schuljahres hiess es, die Klasse werde aufgeteilt. Da wir zu viele Schüler seien (die Klasse zählte gut über 40 Kinder!), habe man im
Glärnischschulhaus zwei sogenannte Sammelklassen gebildet, in denen je ein Lehrer Dritt- und Viertklass- bzw. Fünft- und Sechstklassunterricht erteile. Unsere Lehrerin hatte zusammengefaltete Zettel in ein Gefäss gelegt, und jedes von uns musste ein solches Los ziehen. Jene, bei denen beim Auseinanderfalten des Papiers ein Kreuzlein zum Vorschein kam, mussten am Ende des Schuljahres die Klasse verlassen und zum neuen Lehrer ins Glärnischschulhaus wechseln.
Ausgerechnet mein Zettel hatte so ein verflixtes Kreuz − und für mich versank eine Welt. Nun sollte ich die geliebte Lehrerin verlassen! Ein Mitschüler bemerkte meine Enttäuschung und sagte kurzentschlossen: «Chumm mer tuusched; mir isch das gliich !» Gesagt, getan; doch schon vertäfelten uns ein paar Mädchen und riefen: «Fröilein Merki, de Seppli und de Max händ tuuschet!»
Die Lehrerin war bestürzt und verlegen ob unseres Manövers. Am Abend suchte sie meine Eltern auf und sagte ihnen, dass sowas natürlich nicht gehe; ich hätte die Klasse zu verlassen, denn das Los habe nun mal so entschieden.
So begann ich mein drittes Schuljahr mit sehr gemischten Gefühlen bei Lehrer Schudel Junior, der eine der beiden neugebildeten Sammelklassen führte. Doch ich schloss ihn bald in mein Herz und fand es zudem interessant, dem Unterricht der Viertklässler zu lauschen, während dem wir «Kleinen» schriftliche Arbeiten zu erledigen hatten. − Doch auch hier gab's bald wieder einen Wechsel: Die beiden Sammelklassenlehrer, die Herren Schudel und Walder, tauschten ihrerseits untereinander ab. Hans Walder übernahm nun die Dritt- und Viert- und Oskar Schudel die Fünft- und Sechstklässler.
Also besuchte ich meine vierte Klasse bei Lehrer Walder, einem herzensguten Menschen, der aber auch streng und konsequent sein konnte. Einmal beim Turnen gab's einen Hindernislauf über die Barren, die im Freigelände des Glärnischschulhauses installiert waren. Ich war ein ungeschickter Turner, der überdies bei solchen Läufen schnell die Übersicht verlor. Und prompt stürzte ich von solch einem Barren und wollte mich mit der linken Hand am Boden abstützen, was von einem starken Schmerz im Arm quittiert wurde.
Ich blieb am Boden liegen und fing an zu weinen, denn ich merkte, dass wegen der heftigen Schmerzen etwas nicht mehr in Ordnung war und befürchtete, wegen meines Armes in das Spital eingeliefert zu werden. Das hätte mir überhaupt nicht gepasst, denn es war
Chilbi-Samstag, ich hatte mich so auf das Karussellfahren und den ganzen Betrieb gefreut, und nun das!
Sofort kam Lehrer Walder herbei, tröstete mich in seiner lieben Art und zerstreute meine Bedenken. Mit einem die Schulversicherung betreffenden Unfallschein bewaffnet, musste ich nun unseren Hausarzt aufsuchen, der auch als Schularzt amtete. Er stellte eine starke Verstauchung fest und band mir den Arm ein.
Nein, auf das Chilbi-Vergnügen musste ich gottlob nicht verzichten! Auf der Weidauer‘schen Autoscooterbahn schaffte ich das Lenken sogar einhändig und präsentierte stolz meinen hellen Verband am linken Arm. So stolz, wie Buben halt in solchen Fällen sein können.