Einige Tage später erklärte mir Ernst Felber, Vizepräsident des Asylvereins, bei einer zufälligen Begegnung auf dem Bahnhofplatz, die Hauskommission des Altersheims benötige zu den dafür bestimmten vier Frauen noch einen Mann und fragte, ob ich mitmachen würde. Da ich in der Nähe wohnte, sagte ich rasch zu, obschon ich nichts Weiteres vom Asylverein wusste. Ich erfuhr dann, dass sieben Männer und sieben Frauen ohne jede finanzielle Verpflichtung, aber mit der Bereitschaft zur Übernahme von allerlei Arbeit, ohne jede Entschädigung diese Gesellschaft bildeten.
Es wurde eine dankbare Zusammenarbeit mit der Kommission, Frau Blattmann zur Palme, Frau Kunz-Lochmann, Frau Pfarrer Hürlimann und Fräulein Brändli, dem Personal und den Insassen. Die Frauen sorgten für den Haushalt, machten Besuche bei den Bewohnern, mir oblag die Leitung der Sitzungen, der Verkehr mit Handwerkern und gelegentlich die Schlichtung von Unstimmigkeiten zwischen Personal und den alten Leuten. So gerieten bald zwei der alten Männer hintereinander, sie wurden sogar handgreiflich, bis schliesslich der eine, ein Alkoholiker, das Haus verlassen musste. Der andere besorgte die Heizung und einige Gartenarbeiten, schimpfte immer, dass er arbeiten und erst noch ein reduziertes Kostgeld zahlen müsse. Sein Vermögen hätte für über zwanzig Jahre ausgereicht, doch nach ein paar Jahren hielt eines Morgens ein Lieferwagen vor dem Haus, seine Möbel wurden aufgeladen, und er verliess das Heim ohne Kündigung, Abschied oder Angabe der neuen Adresse. Ein halbes Jahr später erfuhren wir, dass er sich auf ein Inserat hin bei einer Deutschen und ihrer Tochter in Zürich einlogiert hatte, die ihn kaum ins Freie liessen und es verstanden, ihm in dieser kurzen Zeit all sein Geld abzunehmen. Eine gerichtliche Untersuchung brachte nichts mehr zum Vorschein − so landete er bald darauf in der Nachbarschaft, im
Bürgerheim. Doch das waren Einzelfälle, sonst war die Zusammenarbeit mit den Insassen eine dankbare Sache, man konnte Freude bereiten und erfuhr viel Freude. Und wenn gelegentlich eine spitze Zunge oder auch Misstrauen Unstimmigkeiten brachten, nahm man die Eigenheiten hin.
Von 1930 an war das Haus meist voll besetzt, soweit Platz war wurden auch einzelne Gesuche von auswärts berücksichtigt. Doch von 1937 an spürte man die Krise, einzelne Zimmer blieben leer.
1929 kam Frau Ziegler-Kühn anstelle der zurückgetretenen Frau Kunz in die Hauskommission, und bald spürten wir ihre Grosszügigkeit. Eine neue Nähmaschine kam ins Haus, und als etwas später in einer Sitzung der Wunsch nach einem Klavier in den Esssaal laut wurde und ich mich nach einem Gelegenheitskauf umsah, stand plötzlich ein neues Klavier dort. Und als ich Frau Ziegler am Telefon dankte und sagte, so sei es nicht gemeint gewesen, wehrte sie ab, es sei schon in Ordnung.
Im Krankenhaus machte sich Raumknappheit immer stärker bemerkbar, ein Neubau drängte sich auf. Am 17. April 1931 wurde eine Baukommission aus
Heinrich Blattmann-Ziegler, Ernst Felber und Emil Hauser-Hottinger bestimmt. Diese besuchte einige andere Landkrankenhäuser und wandte sich für die Planung an Professor Salvisberg von der ETH in Zürich. Dieser entwarf ein Bauprogramm für 50 bis 60 Betten, wobei das bisherige Haus als Absonderungshaus und für Chronischkranke vorgesehen wurde.
Hans Streuli, der spätere Bundesrat, damals Gemeindepräsident in Richterswil, erwog eine Zusammenarbeit zu einem Regionalspital für beide Gemeinden, doch die Stimmung bei den Richterswiler Behörden war nicht dafür. Als medizinischen Berater wählte man auf Vorschlag von Prof. Clairmont Dr. Ritter vom Spital Münsterlingen.
Ein Preisgericht mit Prof. Salvisberg und Dr. Frei, Direktor des Inselspitals in Bern, und den Architekten Leuzinger, Glarus, L. Pfister, Zürich, prüfte die Pläne der sechs eingeladenen Architekten. Wieder schwang das Projekt der
Gebrüder Bräm obenaus.
Zwei Fragen beschäftigten den Asylverein nun längere Zeit: Wo finden wir die eineinhalb Millionen, die der Bau kosten wird? Als ich nach einer Sitzung im Krankenhaus mit dem Präsidenten meine Bedenken über die Mittelbeschaffung äusserte, erhielt ich zur Antwort: «Das Geld spielt keine Rolle, aber einen guten Arzt finden, das ist meine Sorge.» Die Finanzierung löste sich bald. Der Kanton sicherte 500'000 Franken zu, die Sparkasse schenkte 300'000 Franken und gewährte eine Hypothek von 500'000 Franken; noch fehlten 200'000 Franken. Der Präsident stiftete 100'000 Franken mit der Bitte, dies nicht nach aussen bekannt zu geben, die
Brauerei 50'000 Franken; der Rest konnte vorhandenen Mitteln entnommen werden.
Schwieriger war die Arztfrage. Seit 1929 bestand auf Drängen der Ärzte hin freie Arztwahl. Jeder Arzt behandelte im Asyl seine Patienten selber. Dies hatte eine sprunghafte Steigerung der Patientenzahl zur Folge. Sollte dies im neuen Krankenhaus so weitergehen, oder sollte ein fest angestellter Chefarzt alle Patienten behandeln? Lange gingen im Asylverein die Meinungen auseinander. Die Ärzte drängten auf Beibehaltung der bisherigen Ordnung. Zwei befreundete Ärzte redeten mehrmals in diesem Sinne auf mich ein. Ein Vetter meiner Frau im Berner Oberland, dort Allgemeinarzt mit langer chirurgischer Erfahrung, sagte: «Bei der vorgesehenen Grösse kommt nur ein Chefarzt in Frage, obschon es mir hier oft schwerfällt, dass ich meine Patienten für Operationen ins Bezirksspital schicken muss.» Der Asylverein entschloss sich nach langen Beratungen in diesem Sinne. In Dr. Kaiser fand er eine Persönlichkeit, die als Arzt und als Mensch rasch das Vertrauen der Patienten und bald auch der Ärzte gewann.
Die Neuordnung hatte aber auch finanzielle Folgen. Die Patientenzahl stieg von knapp 400 rasch auf 1'200 im Jahr an. Damit erhöhte sich auch das Defizit. Der Kanton zahlte 90 Prozent daran, der Anteil des Vereins erhöhte sich von unter 1'000 Franken bald auf 10'000 Franken und mehr. Die Anstellung von Assistenzärzten, später eines Oberarztes, die Anschaffung von neuen, den Fortschritten der Medizin angepassten Apparaten, ein hauptamtlicher Verwalter, vermehrtes Pflege- und Hauspersonal liessen die Ausgaben immer rascher steigen.
1955 wurde ein Personalhaus im Kostenbetrag von 353'484 Franken gebaut, nach Abzug des Staatsbeitrags hatte der Asylverein 184'142 Franken zu leisten. 1960 betrug das Defizit 357'569 Franken, die Ausgaben überschritten wenige Jahre später eine Million.