Urs Burkhardt, genannt Bütsch, der weltoffene Künstler, Steinhauer und Holzschnitzer, Fotograf, Jazzmusiker, Koch, begnadete Gastgeber, Menschenfreund und Töfflimaa aus Wädenswil ist am 15. Dezember 2019 gestorben. An vielen Orten «seiner» Stadt stehen seine Vermächtnisse: Die Skulpturen, die er schuf, sind die Einladung eines weltoffenen und neugierigen Künstlers, seinen Blick auf die Natur zu teilen.
Was war das für ein Mensch, fragt man sich, der solche Linien und solche Rundungen aus einem groben Steinklotz hauen konnte, der diese Sinnlichkeit aus Marmor schuf, Formen die an zarte Frauenkörper erinnern oder einfach ein Stück perfekte Natur darstellen, zeitlos, ewig? Es sind Skulpturen, die man berühren möchte, die seidig anmutenden Oberflächen streicheln, sie umarmen. Ungeahnte Nähe entsteht und man möchte sich drauflegen, auf den sonst kühl anmutenden Marmor, der wirkt wie Samt.
131 Verwehungen.
Rundungen stürzen sich in Kanten, die nichts Scharfes aufweisen und sich in weitere weiche Schwingungen werfen, wie Wellen, die sich brechen; Sand, der vom Winde durchblasen wird, Dünen bildet, Verwehungen. Spitzen ragen himmelwärts, hinaufgesogen aus der weichen runden Masse, wie Wasser vom Sturm durchtost und in der Bewegung eingefroren. Doch die Hand des Künstlers streicht auch Wind, Sturm und Eis geschmeidig. Man vergisst die Härte, die des Materials, sei es Marmor, Granit, Beton oder gar Bronze, und die der unbarmherzigen Natur. Es bewegt sich alles, schwingt als natürliche Energie, die durch den Bildhauer ins Material gehauen wurde, ein Fliessen mit der Natur. Energie, Freude, Staunen, Leben, mit jedem Schlag in den Stein gegossen, einer Figur eingehaucht. Und dieses leichte, gleichmässige Leuchten.
Urs Burkhard kann sich und sein Werk nicht mehr erklären. Aber das war wohl auch nie seine Absicht. Bütsch mochte das abgehobene, intellektuelle Interpretieren der Kunst gar nicht. Das Diskutieren über Kunst war für ihn ein Tabu: «Kunst muss man machen, darüber kann man nicht reden.» Er bevorzugte Fragen, weil sie Raum offen lassen und Interpretationen ermöglichen. Auch dies ist eine Form der Auseinandersetzung mit Kunst. Unter anderen lagen ihm die Fragen des Künstler-Duos Fischli/Weiss, die es anlässlich einer Biennale aufgestellt hatte, besonders am Herzen.
«Soll ich die Wirklichkeit in Ruhe lassen?»
«Sollte ich kälter, härter sein?»
«Wird der Bereich des Möglichen kleiner?»
«Warum dreht sich alles um mich?»
«Sind dem Unmöglichen keine Grenzen gesetzt?»
«Kann ich alles drehen und wenden, wie ich will?»
«Ist das Schöne an der Arbeit, dass man keine Zeit mehr hat?»
«Was macht meine Seele, wenn ich am Arbeiten bin?»
Die Kunst von Urs Burkhardt manifestierte sich im Bauch und liess ihn alles ausprobieren, wozu ihm der Sinn stand und die Lust trieb. Inspiration gab es genug, überall, sie ging ihm nie aus. Das Streben nach der vollendeten Form, die Suche nach einem künstlerischen Ideal manifestierte sich in formalen Variationen weniger, expliziter Motive, im Spiel mit wechselnden Materialien wie Marmor, Sandstein, Granit, Bronze, Gips, Holz und Beton. Dabei war sich Bütsch nicht zu schade, sich mit seinen grossen Vorbildern – allen voran Constantin Brancusi – auch in der Nachahmung auseinanderzusetzen. An dieser Stelle seien auch Henry Moore, Richard Serra, Pablo Picasso und Hans Aeschbacher genannt.
Auf jeden Fall braucht es ein Leben, das sich der Kunst verschreibt. So legte Urs Burkhardt dies anlässlich eines Vortrags mit dem Thema «Kunst und Kommerz» einmal dar. Nicht Dolce Vita und Müssiggang, sondern eiserne Disziplin und eine grosse Willens- und Arbeitskraft seien unabdingbar, um zumindest eine gewisse Anerkennung als Künstler zu erlangen. Selbst dann sei meistens der Verzicht auf Luxus und teure Freizeitvergnügen unumgänglich. Diese seien nur einigen wenigen vorbehalten.
Doch wer vereint schon so viele verschiedene Eigenschaften in sich, wie sie ein Künstler brauchen würde, um auch ein erfolgreicher Unternehmer zu sein? Als Kreativer erfinde er sein Werk. Als Planer, Werber und Verkäufer müsste er es unter die Leute bringen, als Einkäufer die geeigneten Rohstoffe beschaffen, als Produzent erschaffe er dann eins zu eins, was er sich ausgedacht und wozu er vielleicht schon ein Modell gemacht habe. Der Buchhalter, der auch noch im Künstler angelegt sein müsste, sollte sich dann mit den Bilanzen und Zahlen herumschlagen. All dies stehe in absoluter Diskrepanz zur kreativen Berufung.
132 Schulhaus Rotweg, 2016.
Wir ahnen es, auch Bütsch ist dieser Balanceakt nicht immer leichtgefallen. Der Kommerz war wohl seine Sache nicht. Trotz Schwankungen im Kunstmarkt fand er aber immer wieder Möglichkeiten, seinen Lebensunterhalt zu bestreiten. Auf seine exzellenten Kochkünste konnte er immer zurückgreifen, um in seinem Atelier Anlässe zu organisieren und gleichzeitig auf sein Kunstschaffen aufmerksam zu machen. So gelang es ihm immer wieder, mit viel Charme und Humor Wege zu finden, um seine Projekte zu verwirklichen. Bütsch konnte Menschen für sich einnehmen und sie verführen. Er war kreativ und erfinderisch und er hatte ein grosses Netzwerk von Handwerkern, die ihm alle freundschaftlich verbunden waren. Sie konnte er in seine Pläne einbinden. Verständlich, denn Steine lassen sich nicht alleine bewegen. Er dankte die Hilfe immer. Die Atelier-Essen waren legendär und vom Feinsten. Essen, ein paar Glas Wein und Musik.
Musik und Rhythmus gehörten zu Bütschs Leben, standen schon wichtig da am Anfang des künstlerischen Weges. Die Jazzband «The Wadin Jazz Herd», die er mit Felix Schudel, Max Bodmer und Fritz Matzinger gegründet hatte, konnte sich in wechselnder Besetzung schon bald regionaler Berühmtheit erfreuen. Und immer half dabei auch das Netzwerk von Freunden und Bekannten.
Die Musik war auch ein Einstieg ins kreative Schaffen. Am 9. Oktober 1945 geboren, als jüngstes von sieben Kindern, erlernte Bütsch, der handwerklich begabte junge Mann, auf Drängen seines Vaters zuerst einen soliden Beruf. Er wurde Maschinenmechaniker. Schon als Jugendlicher interessierte es sich für die Schwarzweiss-Fotografie und dabei wurde ihm schnell klar, dass ihm in seinem erlernten Beruf die Kreativität fehlte. Während eines Sprachaufenthaltes in Frankreich verfeinerte er sein fotografisches Können autodidaktisch und vertiefte das selbsterworbene Wissen dann an der School of Photographers in Zürich. Die Erfahrungen und die Auseinandersetzung mit der naturgeschaffenen Form faszinierten Bütsch sehr und weckten das Bedürfnis, das Erfasste in stilisierter und abstrahierter Form in Stein zu meisseln, und später in weiteren Materialien zu interpretieren. Aufenthalte in den Steinbrüchen von Carrara und die Zusammenarbeit mit erfahrenen Bildhauern waren prägend für die Künstlerkarriere. Er erlernte das technische Rüstzeug und eignete sich ein gefühlvolles Eingehen auf die Besonderheiten der verschiedenen Steine an.
133 Verwehung, undatiert.
Das Machen, die Freude an der Schönheit trieb den Bildhauer immer an. Eine besonders reichhaltige und schöpferische Phase stellte die Zeit im Suhner im Sihltal dar. Mit seiner ersten Frau Regula bewohnte er ein altes, abgeschiedenes Bauernhaus. Der Geniesser in Reinkultur führte ein sinnliches Künstlerleben, das alle Freuden auskostete. Manch älteres Semester erinnert sich noch an die Feste mit Musik und Gaumenfreuden, die in den 1970er- und 1980er-Jahren in dieser Wohngemeinschaft gefeiert wurden.
Die Lebensvielfalt war sehr inspirierend und die Zeit stand für eine reichhaltige und schöpferische Phase im Leben von Urs Burkhardt.
Als er aus dem Suhner wegziehen musste, etablierte er sich im Giessen und in weiteren Ateliers in Wädenswil. Mit seiner zweiten Frau, der Malerin Theres Burkhardt, kam es zu einer gegenseitigen künstlerischen Befruchtung. Aus ihrer gemeinsamen Initiative für eine kulturelle Belebung des Rosenmattparks gingen die Filmnächte hervor, die bis heute von Bütschs Neffen Ueli und Martin Burkhardt organisiert werden. Bei dieser Gelegenheit darf auch der Familienmensch Urs Burkhardt nicht unerwähnt bleiben. Denn er schätzte und pflegte den Kontakt mit seinen zahlreichen Nichten und Neffen und natürlich auch mit Freunden sehr und verband auch dies gerne mit seiner Leidenschaft fürs Kochen und gemeinsame Essen.
134 Urs Burkhardt in Querceta bei Carrara, 1979.
134 Bütschs Atelier auf dem ehemaligen Brauerei-Areal, 2008.
Für das Foyer der Glärnisch-Halle erarbeitete Bütsch zusammen mit seiner zweiten Frau einen Vorschlag: Es war ein Triptychon, bestehend aus zwei plastischen Halbreliefs, die durch ein Ölbild von Theres ergänzt wurden. Der Vorschlag gefiel und kam zur Ausführung.
Um der Bevölkerung Einblick in das Schaffen eines Bildhauers zu geben, installierte Urs Burkhardt im September 1990 auf dem Seeplatz eine Werkhütte und machte sich dann in aller Öffentlichkeit ans Werk. Er wollte der Bevölkerung zeigen, wie und was ein zeitgenössischer Bildhauer schaffte – und er hatte damit Erfolg. Das Interesse war gross und täglich verfolgten viele Interessierte das Vorankommen des Kunstwerkes.
135 Werkstadt auf dem Seeplatz, 2009.
Bütschs Nähe zu den Leuten war ihm ein Anliegen. Kombiniert mit seinem pädagogischen Geschick führte es zu einem weiteren Engagement: In Ferienpass-Kursen gab er Schülerinnen und Schülern jeden Sommer Einblick in die Arbeit eines Bildhauers. An Ytong-Blöcken durften erste bildhauerische Versuche unternommen werden, wurden Modelle herausgeschnitten, wie sie auch der Künstler als erste Entwürfe anfertigte. Nach ein paar kurzweiligen Stunden in Bütschs Atelier und unter seiner kundigen Anleitung fühlte sich jeder Schüler und jede Schülerin als angehender Künstler und konnte eine eigene kleine Skulptur nach Hause tragen. Einige der Kinder träumten wohl noch eine Zeit lang von einer Künstlerkarriere. In einem dieser Schülerprojekte entstand auch die bunte Treppe, die in der Au vom Landgasthof zwischen den Reben Richtung Bahnhof Au führt.
Die Sekundarschülerin Silja Flüeler aus Wädenswil begleitete Bütsch bei ihrer Abschlussarbeit. Sie erzählt: «Als ich an einem Morgen in den Frühlingsferien das Atelier von Bütsch betrat, staunte ich nicht schlecht, als ich realisierte, dass er mein Stück Holz, das ich bearbeiten wollte, schon von der Rinde befreit und ein wenig behauen hatte. Mein Plan war, ein Herz zu formen, das auf der einen Seite eine Rinde hatte und auf der anderen glattgeschliffen war. Aber Bütsch erklärte mir, dass die Rinde beim Trocknen abgefallen wäre. Und er hat mir einen Vorschlag zum weiteren Vorgehen gemacht, der mich überzeugte. Das Herz sollte dreidimensional werden, das Holz rundum schön bearbeitet. Dadurch, dass er an einer Stelle schon angefangen hatte, wollte er mir eine Vorstellung davon geben, wie ich weiterfahren konnte. Das hat dann auch gut geklappt, ich habe mich darauf eingelassen und konnte selbständig arbeiten.
Bütsch war meistens da, wenn ich Hilfe oder seinen Rat brauchte. Zum Beispiel, als ein Riss im Holz entstand. Ich war darüber zuerst ziemlich erschrocken. Aber Holz – erklärte mir Bütsch – ist ein natürliches Material, das sich bewegt. Seine Schönheit liegt in diesem ‹Unperfekten›. Dafür müsse man immer ein Auge haben und solches mit in die Arbeit einbeziehen. Er gab mir weitere Anleitungen, wie ich diesen Riss in das Gesamtwerk einbinden konnte. Seine Anweisungen waren immer meinem Können angepasst. Er hatte sich genug Zeit genommen, um mir die nötigen Handgriffe zu zeigen. Aber er hat auch gespürt, dass ich Ruhe brauchte, um mich zu konzentrieren.
Dann hat er mich in Ruhe selbständig arbeiten lassen. Er hat mich und mein Projekt ernst genommen. Das hat mir ermöglicht, es ohne Stress fertigzustellen und dabei eine neue Erfahrung zu machen. Ab und zu hat er einen Witz gemacht und nie ein Blatt vor den Mund genommen. Das war super. Zum Schluss war ich mit meiner Arbeit und meinem Werk sehr zufrieden. Die Zeit im Atelier von Bütsch war eine gute Erfahrung. Ich wollte danach nicht Künstlerin werden, aber bin doch dankbar, dass ich diese Erfahrung machen durfte. An meinem Herzen aus Holz erfreue ich mich immer noch täglich und es erinnert mich an Bütschs grosses Künstlerherz.»
Nun schlägt es schon seit geraumer Zeit nicht mehr, dieses Herz. Doch auf so manchem öffentlichen Platz und in nicht wenigen privaten Gärten stehen die Plastiken von Bütsch und erinnern uns an diese bewegte Künstlervita und auch an das Dorforiginal, das dieses Leben nach allen Regeln der Kunst ausgekostet hat, bis die Kraft aufgebraucht war. Was ewig bleibt, ist die Natur und ihre Verwehungen.
136 Bronze, 1990er-Jahre.
137 Holzplastiken, 2016.
Ingrid Eva Liedtke
Die Autorin dankt Martin Burkhardt, dem Neffen von Bütsch, in dessen Haus der Künstler die letzten elf Jahre gelebt hat.
131 Nachlass Urs Burkhardt
132 Bernhard Fuchs, theaterfoto.ch
133 Nachlass Urs Burkhardt
134a Nachlass Urs Burkhardt
134b Bernhard Fuchs, theaterfoto.ch
135 Bernhard Fuchs, theaterfoto.ch
136 Nachlass Urs Burkhardt
137 Nachlass Urs Burkhardt
Gessner AG, Wädenswil (1984)
Brunnen vor der ZHAW, Campus Grüental, Wädenswil (1984)
Engel, Friedhof Wädenswil (1985)
Golf- und Country-Club, Schönenberg (1985)
Wohnsiedlung Gulmenmatt, Wädenswil (1986)
Schulhaus Allmend, Oberengstringen (1988)
Schulhaus Glärnisch, Wädenswil (1990)
Treppe Halbinsel Au, Farbgestaltung
Neuhofpark, Wädenswil (2014)
Schulhaus Rotweg, Wädenswil (2016)