Die Wädenswiler an der Arbeit

Quelle: Wädenswil Zweiter Band von Peter Ziegler

Landwirtschaft

Obwohl schon im 18. Jahrhundert die Hausindustrie mächtig um sich gegriffen hatte, war Wädenswil um 1800 noch vorwiegend ein Bauerndorf und konnte diese Position − wie Albert Hauser1 nachgewiesen hat − auch in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts behaupten.
Die Käseproduktion der verschiedenen Senntengenossenschaften stand noch auf hoher Stufe. Auch die Obsternten waren gut. 1821 stellte man 14‘000 bis 16‘00 Hektoliter Most her. Zwischen 1830 und 1850 konnte der Ertrag des Obstwuchses in einzelnen Betrieben sogar verdoppelt werden. In den ersten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts brannte man noch auf manchem Hof in erheblichem Umfang Kartoffelschnaps.
Der Rebbau war in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts bereits im Schwinden. 1770 hatte man in der Gemeinde 189 Jucharten Rebland registriert. 1834 waren es 145 Jucharten und 1843 noch 140 Jucharten. Noch gab es aber − wie die Pläne für den Zehntenloskauf um 1830 zeigen − auch in Dorfnähe eine Reihe von Rebbergen: in der Au, im Büelen, auf der Fuhr, auf dem Lehmhof, auf Rutenen, bei der Kirche und im BoIler.
Bis um 1820 bestellten die Bauern das Ackerland in zwei- oder dreijährigem Turnus mit Frucht. In der Zwischenzeit nutzte man den Boden als Weide. Die Düngung war spärlich. Um 1830 entschlossen sich verschiedene Landwirte zur vierfeldrigen Wechselwirtschaft mit der Fruchtfolge Kartoffeln, Weizen, Klee und Korn.
Um 1850 wurde die ausgesprochene Gras- und Weidenutzung immer mehr durch systematische Bodenbearbeitung und Tierpflege ersetzt. Viehmärkte, Ausstellungen und Prämiierungen halfen die Viehzucht vorantreiben. Der 1803 eingeführte Wädenswiler Viehmarkt wurde um 1863 mit dem Jahrmarkt verbunden und dadurch aufgewertet. Der Landwirtschaftliche Verein2 und die 1888 gegründete Viehzuchtgenossenschaft Wädenswil3 machten sich um die Braunviehzucht besonders verdient.
Der Import von Frischfleisch, von Meerfischen4 und ausländischem Fett begann ab 1880 die einheimische Viehzucht zu konkurrenzieren. Um Preisschwankungen auszugleichen und die Organisation zu verbessern, wurde 1907 die Molkereigenossenschaft Wädenswil ins Leben gerufen5. Weinimport, billige Kunstweine, Reblaus und Mehltau liessen den Rebbau innerhalb zweier Jahrzehnte auf einen bedeutungslosen Stummel zusammenschrumpfen. Das Rebareal in der Gemeinde, das 1884 noch 160 Jucharten betragen hatte, ging bis 1908 auf 48 Jucharten und bis 1910 auf 36 Jucharten zurück6.
Kunst- und Importweine gefährdeten in den 1890er Jahren die Mostproduktion. 1895 entschlossen sich daher zwölf Landwirte und Mostproduzenten zur Selbsthilfe und gründeten die «Obst- und Traubenweingenossenschaft Wädenswil», die spätere «Obst¬und Weinbaugenossenschaft»7.
Im Jahrzehnt 1950 bis 1960 sank der landwirtschaftliche Anteil der Wädenswiler Bevölkerung von 8 auf 5,6 Prozent. Dennoch hat die Landwirtschaft in der Gemeinde auch heute noch grosse Bedeutung. Mit 1270 Hektaren offenem Kulturland konnte Wädenswil im Jahre 1969 die grösste Anbaufläche aller Gemeinden des Bezirks Horgen ausweisen8. Und mit seinen 145 Landwirtschaftsbetrieben und 125 hauptberuflichen Landwirten zählte es 1969 mehr Bauernhöfe als manches kleine Bauerndorf im Kanton Zürich9. Die Viehzählung von 1961 ermittelte 2839 Stück Rindvieh, 94 Pferde, 1992 Schweine, 183 Schafe, 24 Ziegen, 14‘226 Hühner, 99 Gänse und Enten sowie 330 Bienenvölker10. 1961 wurden in Wädenswil 40‘904 Obstbäume gezählt11. Dass die Gemeinde über eine stattliche Landwirtschaft und Viehzucht verfügt, beweisen auch die seit 1930 durchgeführten Obstmessen, die Viehschau auf Oedischwänd am dritten Donnerstag im Oktober12 oder die 1965 gegründete Schafzuchtgenossenschaft13.

Wädenswil als landwirtschaltliches Forschungs- und Schulzentrum

Am 30. Mai 1890 unterzeichneten 14 Kantone der deutschsprachigen Schweiz den Konkordatsvertrag zur Gründung einer Versuchsanstalt und Schule für Obst-, Wein- und Gartenbau in Wädenswil14. Zum Direktor der am 1. September 1890 eröffneten Anstalt wählte man den Thurgauer Professor Hermann Müller, 1850–192715. Acht Jahre nachdem das Bundesgesetz über die «Förderung der Landwirtschaft durch den Bund» in Kraft getreten war, schenkte der Kanton Zürich der Eidgenossenschaft auf den 1. September 1902 die Versuchsanstalt Wädenswil mit allen Gebäuden und Einrichtungen, mit dem Kulturland und dem Rebberg an der Sternenhalde in Stäfa. Die Schule wurde bis 1914 auf Konkordatsbasis weitergeführt und ging dann ein. Der Bund erweiterte das Versuchsgelände in Wädenswil um ein angrenzendes Heimwesen und erstellte von 1902 bis 1905 ein Laborgebäude und im untern Teil des Areals ein Keltereigebäude. 1939/41 entstand ein zweiter, 1966/71 ein dritter Laborbau mit modernsten Einrichtungen und Forschungsanlagen16. Dazu kamen verschiedene Gewächshäuser und ein Kühlhaus. 1955 erwarb man für Versuche mit Steinobst und Kirschen das Breitengut in Wintersingen BL und 1962 für Gemüse- und Obstkulturen den «Unteren Sandhof» in Wädenswil. Ein Gang durch das weitläufige Versuchsgelände, das dem Publikum offen steht, gibt einen Begriff vom weitgespannten, in verschiedenen Publikationen ausführlich beschriebenen Aufgabenkreis der Eidgenössischen Forschungsanstalt Wädenswil17. Ein wichtiges Arbeitsgebiet neben der Prüfung und Kontrolle von Hilfsstoffen und der Beratungstätigkeit besteht in der Züchtung und Selektion neuer Obst-, Trauben-, Beeren- und Gemüsesorten. Die Rebsorte «Riesling x Sylvaner», der Schweizer Orangenapfel oder die Apfelsorte Maigold sind Züchtungen der EFA Wädenswil.
Gebäude und Anlagen der 1890 eröffneten Versuchsstation und Schule für Obst-, Wein- und Gartenbau in Wädenswil.

Im Jahre 1912 wurde in Wädenswil die Landwirtschaftliche Winterschule der Bezirke Horgen und Meilen gegründet. Die Schule war ursprünglich im alten Freischulhaus bei der Kirche untergebracht, dann in den Fabrikräumen der Seidenweberei Gessner und noch später im Dachstock des alten Eidmattschulhauses. 1946 konnte der Schulbetrieb Grüental zur Bewirtschaftung übernommen und 1954 gekauft werden. Hier entstand in der Folge mit finanzieller Hilfe der Gemeinde und des Kantons ein zweckmässiges Schulgebäude mit Internatsräumen18. Da der minimale Klassenbestand nicht mehr erreicht wurde, hob der Regierungsrat die Landwirtschaftliche Winterschule Wädenswil auf Ende Oktober 1964 auf19.
Im Jahre 1950 wurde der 1942 gegründeten Schweizerischen Fachschule für Obstverwertung in Wädenswil eine weinfachliche Abteilung angegliedert. Das zur Schweizerischen Obst- und Weinfachschule erweiterte Institut hat sich inzwischen zur vollausgebauten Mittelschule mit sechssemestrigem Lehrplan entwickelt, deren Absolventen seit 1961 den eidgenössisch anerkannten Technikertitel führen dürfen20. Als Schulhaus dient das Gebäude der ehemaligen Landwirtschaftlichen Winterschule Wädenswil, das der Kanton samt der rund elf Hektaren grossen Liegenschaft Grüental für hundert Jahre verpachtet hat. Neben dem Lehrbetrieb Grüental, der dem Obstbau dient, und neben der 1970 angegliederten Fachrichtung Gartenbau, die Neubauten im Grüental notwendig machen wird21, besteht seit 1950 am Südhang des Au-Hügels ein Schulrebberg. Ein weiterer Rebberg wurde 1971 beim Bauernhof des Schlossguts Au angelegt22. In der gemeindeeigenen Scheune am Südfuss des Auhügels soll demnächst das lange geplante Weinbaumuseum am Zürichsee eingerichtet werden23.
Rebhäuschen im Weinberg der Eidgenössischen Forschungsanstalt seeseits der Etzelstrasse.

Handwerk, Gewerbe, Handel, Banken

Durch die Aufhebung des Zunftzwangs im Jahre 1798 wurden die Handwerker und Gewerbetreibenden in Wädenswil den städtischen Meistern gleichgestellt. Grosser Aufschwung und vielseitige Entfaltung − 1802 gab es in Wädenswil 24 Wirtshäuser gegenüber vier im Jahre 1797 −, aber auch scharfe Konkurrenzkämpfe, gedrückte Preise und Konkurse waren die Folgen24. Wandlungen im volkswirtschaftlichen Bedarf und der Wegfall des Entfernungsschutzes seit dem Bahnbau entzogen im Verlaufe des 19. Jahrhunderts manchem Gewerbe die Existenzgrundlage, so dem Zinngiesser, Seiler, Nagler, Gerber, Säger, Müller oder den Petschaftstechern und Graveuren Brupbacher25. Dafür kamen neue Gewerbe auf. Schon 1802 gab es zwei Uhrmacher26. Der Kupferstecher Hans Jakob Brupbacher eröffnete 1817 in seinem Haus unterhalb dem «Hirschen» die erste lithographische Anstalt im Kanton Zürich27. In den 1830er Jahren stellte Buchbinder Johann Jakob Hauser an der Türgasse Jasskarten her, machte aber 1840 Konkurs28. Der Zuckerbäcker Johann Jakob Suter an der Hintern Schifflände spezialisierte sich um 1840 auf die Fabrikation der Honigtirggeli, eines alten Weihnachtsgebäcks29.
Siegel der Munizipalität Engi, 1798. − Petschaft von Kaspar Brupbacher (1755-1831).

In dieser Schatulle trugen die Graveure Brupbacher ihre Kollektion von Siegelabdrücken auf den Markt.

Spenglerwerkstatt im Wädenswiler Ortsmuseum zur Hohlen Eich.

Arnold Rüegg gründete 1841 als Wochenzeitung den «Allgemeinen Anzeiger vom Zürichsee»30. Dadurch konnte 1842 der Kirchenruf, der seit langem Anstoss erregt hatte, abgeschafft werden31. Gedruckte Todesanzeigen ersetzten 1853 das Kirchgang-Ansagen der Kirchenlader32. Seit 1937 erscheint der «Anzeiger» als Tageszeitung und vom 1. Oktober 1969 an in enger Zusammenarbeit mit der in Stäfa herausgegebenen «Zürichsee-Zeitung». Eine zweite Wädenswiler Zeitung − die 1883 vom Buchdrucker Adolf Stutz gegründeten «Nachrichten vom Zürichsee» − ging 1936 ein.
Das 1840 eröffnete Hotel «Seehof» − in dem sich jene Hochstapleraffäre abspielte, die Gottfried Keller den Stoff für die Novelle «Kleider machen Leute» gegeben haben soll − musste 1862 schliessen33. Weitere Wirtschaften − Bellevue, Johannisburg, Pöstli, Schiffli − verschwanden 1931 mit der Niederlegung des Bahnhofquartiers34. 1932/33 wurde das Hotel Krone neu gebaut, 1945/46 die 1944 abgebrannte Schmiedstube, 1957/58 das um 1880 entstandene Du Lac35. Anstelle der 1865 errichteten Wirtschaft auf der Au eröffnete man 1959 den Landgasthof Halbinsel Au36. Der 1878 eingeweihte «Engel»-Saal wurde 1945 und 1966/67 mit öffentlicher Hilfe renoviert (37). 1968 beteiligte sich die Gemeinde am Saalbau Neubüel beim Autobahnanschluss Wädenswil38.
Das Restaurant «Schiffli» beim Bahnhof, um 1907.

Hotel «Du Lac» mit Pavillon und Gartenwirtschaft, abgebrochen 1957.

Der 1855 gegründete Handwerker- und Gewerbeverein Wädenswil eröffnete 1856 eine Handwerkerschule, aus der sich die Gewerbliche Berufsschule entwickelte. Diese bezog 1954, zusammen mit der Kaufmännischen Berufsschule, im alten Sekundarschulhaus neue Räume. Im Frühling 1971 wurde die Gewerbliche Berufsschule Wädenswil aufgehoben, dafür stehen in Pfäffikon SZ und in Horgen Berufsschulen zur Verfügung39.
Im Gegensatz zu den einheimischen Händlern, die in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts noch vorwiegend Agrarprodukte vertrieben, importierte die Wädenswiler Kolonialwarenfirma Diezinger & Wiedemann gesalzenes Fleisch, Mais und Kaffee40. 1873 konstituierte sich die Aktiengesellschaft «Einwohnerverein Wädenswil», die 1877 eine eigene Bäckerei baute und 1892 bereits fünf Verkaufsläden besass41. 1910 erwuchs dem Einwohnerverein, später Lebensmittelverein geheissen, im Allgemeinen Konsumverein Wädenswil/Richterswil ein Konkurrenzunternehmen. 1970 fusionierten die beiden Konkurrenten und traten gleichzeitig der Organisation Coop Zürichsee-Oberland bei, die im Frühling 1971 an der Zugerstrasse ein Einkaufszentrum mit Restaurant eröffnete42.
Der Denner-Discountladen an der Oberdorfstrasse und der Migrosmarkt, der dort im Bau ist, bedeuten für die einheimischen Detailhändler, die weitgehend dem 1920 gegründeten Rabattverein angehören43, abermals Konkurrenz.
Um 1900 gab es in Wädenswil vier Warenhäuser, unter anderem den Leipzigerbasar im neuen Postgebäude und das Kaufhaus von Johannes Schubiger zur «Fortuna». Johannes Schubiger der Jüngere baute 1905/06 das mit dem ersten Lift in der Gemeinde ausgerüstete Warenhaus «Merkur» an der Seestrasse, machte aber schon vier Jahre später Konkurs44. 1971 gab es in Wädenswil nur noch zwei Warenhäuser: die Leon Nordmann AG und den 1968 eingeweihten ABM an der Zugerstrasse.
Von den fünf Kreditinstituten auf dem Platz Wädenswil ist die 1816 gegründete Sparkasse das älteste Unternehmen. Sie führt in Affoltern eine Agentur und heisst seit der 1970 vollzogenen Fusion mit der Sparkasse Richterswil-Hütten «Sparkasse Wädenswil-Richterswil-Knonaueramt45. Das Handelsbank- und Wertschriftengeschäft der 1863 als Leihkasse gegründeten Bank Wädenswil wurde 1968 von einer neuen Filiale der Schweizerischen Kreditanstalt übernommen. Als Hypothekarinstitut besteht indessen die Bank Wädenswil weiter46. Die Schweizerische Volksbank, die seit 1919 in Wädenswil eine Filiale führt, siedelte 1954 aus dem Haus zur Post in den Neubau am Plätzli über. 1959 eröffnete die Zürcher Kantonalbank ihre Filiale an der Zugerstrasse.
 

Die Wädenswiler Industrie

Die Geschichte der Wädenswiler Industrie ist von Albert Hauser beschrieben worden47. Seine Untersuchungen berücksichtigen auch viele verschwundene Industriebetriebe. Die folgende Darstellung befasst sich mit jenen Unternehmen, die 1971 in Wädenswil ansässig waren.
Die 1818 gegründete Wolltuchfabrik Hauser & Fleckenstein am Reidbach ging 1899 an die Brüder Treichler über. In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts wurde die «obere» Tuchfabrik weiter ausgedehnt und rationalisiert. Heute zählt die Tuchfabrik Wädenswil AG zu den Textilunternehmen von gesamtschweizerischer Bedeutung. − Die «untere» Tuchfabrik, die Pfenninger & Cie. AG auf dem Giessenhorn48, die seit 1971 eng mit der Firma Schild AG zusammenarbeitet, entwickelte sich aus der 1826 gegründeten kleinen Handweberei von Ludwig Rensch zum bedeutenden Unternehmen. das seit 1887 von der Familie Pfenninger geleitet wird. Das 1904/06 erstellte Webereigebäude war damals eines der ersten Betonwerke auf Schweizerboden. − 1841 trat August Gessner als Teilhaber in die 1833 gegründete Seidenfirma Theiler & Steiner ein und führte ab 1849 den Betrieb im «Rosenhof» mit Heimarbeitern auf eigene Rechnung. Sein Sohn Emil errichtete 1881 im Neuwiesenquartier eine mechanische Seidenstoffweberei. Die Gessner AG und ihre Tochterbetriebe in Deutschland, Frankreich, Italien und Schottland erlitten in den Krisenjahren nach 1929 schwere Schläge49.
Von den verschiedenen Färbereien des 19. Jahrhunderts konnte sich einzig die 1857 gegründete Kleiderfärberei und chemische Waschanstalt Hummel & Hottinger, die spätere RW-Reinigungs AG, halten50. − Im Haus zum Grünenberg an der Seefahrt spezialisierte sich Heinrich Blattmann (1824–1893) im Jahre 1856 auf die Herstellung von Stärke und Wichse. Der Sohn Heinrich Blattmann-Ziegler eröffnete 1898 die Mais- und Hafermühle in Samstagern und nahm 1906 die Fabrikation von Dextrinen und Kaltleimen auf. Seither hat die Firma Blattmann & Co. ihre Anlagen erweitert und das Fabrikationsprogramm ausgebaut51. − Um 1824 stellte Hans Heinrich Sträuli an der Seefahrt Kerzen sowie Stück- und Schmierseifen her. 1886 wurde der Betrieb in den Neubau an der Einsiedlerstrasse verlegt, wo man in den 1920er Jahren die Fabrikation von bleichenden Waschmitteln aufnahm. Heute fabriziert die Seifenfabrik Sträuli AG auch kombinierte Waschmittel aus Seife und Synthetika52. − Johannes Hauser im «Scharfeneck» gründete 1867 die Einzelfirma «Johannes Hauser, Wädenswil, Leinölkocherei und Farbenhandel», die heutige Firma Emil Hauser & Co., die an der Eintrachtstrasse über ein neues Farbmagazin und in der Au über ein Mineralöldepot und über Tankanlagen verfügt53. − Die 1877 gegründete Firma Ernst Hürlimann, Öle und Fette, stellte die um 1905 begonnene Produktion von Speiseöl im Jahre 1969 ein. Heute werden nur noch flüssige Brennstoffe sowie Schmier- und Motorenöle fabriziert54.
Stärkefabrik Blattmann an der Seefahrt, 1909.

Das Industriegebiet Giessen um 1920. Links die Tuchfabrik Pfenninger, rechts die Brauerei.

Ins 19. Jahrhundert zurück reichen auch ein Unternehmen der Nahrungs- und Genussmittelindustrie sowie Betriebe, die Bekleidungs- und Haushaltungsgegenstände herstellen: Die 1826 gegründete Brauerei Wädenswil, die älteste Brauerei im Kanton Zürich, befindet sich seit 1856 im Besitz der Familie Weber. In den 1860er Jahren wurden die Felsenkeller und der Eiskeller gebaut, und 1893 modernisierte man mit dem Dampferchen Gambrinus den rationellen Biertransport auf dem Zürichsee. Im Jahre 1970 trat die Brauerei Wädenswil, Weber AG, die damals mit ihren 190‘000 hl etwas über 4 Prozent des gesamtschweizerischen Jahresausstosses an Bier deckte, einer westschweizerischen Holdinggesellschaft bei55. − 1884 entschloss sich Robert Weber als erster in der Schweiz zur fabrikationsmässigen Herstellung von Mützen. 1890 trat Eduard Fürst als Reisender in den Betrieb ein und übernahm das Geschäft um die Jahrhundertwende. 1923 liess man die «Büsi»¬Mützen patentieren, später spezialisierte man sich zusätzlich auf die Fabrikation von Uniformmützen56. − Die RAYAG Büstenhalter- und Schlüpferfabrik von Max Rütter, die in den Gebäuden der stillgelegten Handschuh- und Strumpffabrik Wellinger untergebracht ist, wurde 1890 von Robert Weber gegründet, der sich 1894 mit Bernhard Rütter zur Firma Weber & Rütter verassoziierte57. − Im Jahre 1826 eröffnete Johann Jakob Schnyder im Erdgeschoss seines Hauses «Zum Morgenstern» eine Rosshaarspinnerei, die 1868 in die neuerstellte und seither erweiterte Fabrik an der Einsiedlerstrasse verlegt wurde. Der ursprünglichen Fabrikation von gesponnenen Haaren wurde in neuerer Zeit die Herstellung von Polstermatten und Schaumstoffen aller Art angeschlossen. Neben Rosshaarmatratzen produziert die Pferdehaarspinnerei J. Schnyder AG auch Polstermaterialien für Autositze und Polstermöbel58. − 1838 richtete Gottfried Blattmann hinter dem «Hirschen» eine Spenglerwerkstatt ein. Paul Blattmann sen., Spross der dritten Generation, erwarb 1908 die Metallwarenfabrik von Alfred Diener am Floraweg und führte neben der Bauspenglerei die Serienfabrikation von Haushaltgegenständen und Werkzeugen ein. Die Entwicklung des «Caldors» trug den Namen Blattmann erstmals in alle Gegenden der Schweiz. In den 1934/35 erstellten und nach dem Zweiten Weltkrieg erweiterten Bauten der Metall- und Aluminiumwarenfabrik P. + W. Blattmann an der Zugerstrasse werden heute neben Haushaltgeräten auch Stahlmöbel und Stahlschränke hergestellt59. − An der Seestrasse 39 führte Johann Erzinger ab 1863 eine Bürstenfabrik, die 1910 in einen Neubau an der Ecke Buckstrasse/Wiesenstrasse verlegt wurde. Die Bürstenfabrik Erzinger AG, wie die Firma seit 1961 heisst, liefert neben Haushaltbürsten, Wischern und Schruppern ein grosses Sortiment von Spezialbürsten für das Gewerbe und die Industrie60. − Auf die 1781 gegründete Ehrsam AG, die ursprünglich auch Schläuche für den Haushalt herstellte, sich aber dann auf Feuerwehrgeräte spezialisierte, wird im Kapitel «Feuerwehr»61.
Das Schwergewicht der Industriebetriebe des 19. Jahrhunderts liegt in drei, zum Teil durch die Wasserkraft bestimmten Zonen des Dorfes: im Gebiet Reidbach − Giessen, im Gebiet Krähbach − Sagenrain − Seefahrt und am Rande der alten Siedlung, an der Oberdorfstrasse. Die neuen Industrien, die sich in vermehrtem Masse nach dem Zweiten Weltkrieg in Wädenswil niederIiessen, konnten sich nur zum kleinsten Teil, wie die 1945 gegründete Schmutziger AG für Spannelemente, die 1947 gegründete Luft-Technik AG für Lufttechnische Anlagen oder die Aufzüge-Fabrik A. K. Gebauer & Cie., im immer stärker überbauten Dorfkern ansiedeln. Darum wurden in der Au und an der Oberen Zugerstrasse beim Neubüel neue Industriezonen ausgeschieden.
Die 1904 gegründete Sägen- und Messerfabrik Hausmann & Co. in der Rietliau und das 1911 erstellte Speisefettwerk Rusterholz waren während Jahrzehnten die einzigen Industriebauten der Au62. 1931 errichtete die Stärkefabrik Blattmann ihr Lagerhaus Au. 1945 wurde die Star Unity AG für elektrische Heizungen gegründet. 1946 siedelte sich in der Au die fünf Jahre zuvor gegründete Cartonnagefabrik Wädenswil an. 1947 erstellte Adolf Vetterli in der Rietliau seine Fabrik für Federn und Apparatebau. Im gleichen Jahr bildete sich die Kondar AG für Konditoreiartikel und 1948 die Hans Belart AG, die Bonbons herstellt. Einen industriellen Schwerpunkt erhielt die Au 1958/60 durch die Ansiedlung der Standard Telephon und Radio AG, die ihr Werk Wollishofen etappenweise hierher verlegt. Das Werk Au, das über eine Betriebskantine und über eine eigene Kinderkrippe verfügt, wurde 1969170 erweitert63. In der umgebauten ehemaligen Fettfabrik Rusterholz begann 1965 die Oerlikon Plastic AG, ein Unternehmen der Oerlikon-Bührle Holding AG, mit der Produktion von Schläuchen und Folien aus Kunststoffen und mit dem Beschichten des Papiers für Pastmilchverpackungen64.
In der Gewerbe- und Industriezone hintere Rüti an der Zugerstrasse errichteten Ende der 1960er Jahre vier Unternehmen neue Fabrikgebäude: die 1933 gegründete Galvanische Anstalt Feusi & Federer; die 1947 gegründete Firma Störi & Co., die Schaltanlagen sowie elektrische und elektrothermische Apparate baut; die 1951 gegründete Metallbaufirma Ernst Weiss, die Stahlrohrmöbel herstellt, und das Horgener Unternehmen Baumann + Co., das 1970 seine modernen Fabrikationsanlagen für Rollladen und Lamellenstoren in Betrieb nahm65.




Peter Ziegler



Anmerkungen

AAZ = Allgemeiner Anzeiger vom Zürichsee
GV = Gemeindeversammlung
LGW = Lesegesellschaft Wädenswil
StAW = Stadtarchiv Wädenswil
StAZH = Staatsarchiv Zürich
UA = Urnenabstimmung
 
1 Albert Hauser, Wirtschaftsgeschichte von Wädenswil, Njb LGW 1956, S. 201–213. Diese Darstellung ist, soweit nichts anderes vermerkt wird, Grundlage für den ganzen Abschnitt «Landwirtschaft».
2 Albert Hauser, Hundert Jahre Landwirtschaftlicher Verein Wädenswil, AAZ 1957, Nr. 64.
3 Peter Ziegler, 75 Jahre Viehzuchtgenossenschaft Wädenswil (Manuskript). – Jahrbuch vom Zürichsee 1964/66, S.402.
4 Archiv LGW, Chroniken 1908 und 1910.
5 Zürichsee-Zeitung 1959, Nr. 102. – Weisung für GV vom 8. September 1954.
6 Peter Ziegler, Weinbau und Trotten im alten Wädenswil, Heimatblätter, Monatsbeilage AAZ, Oktober 1958.
7 Fünfzig Jahre Obst- und Weinbaugenossenschaft vom Zürichsee in Wädenswil, Wädenswil 1945. – 75 Jahre OWG, Winterthur 1970. – AAZ 1970, Nr. 187.
8 Statistik der Schweizer Städte 1970, herausgegeben vom Schweizerischen Städteverband, Zürich.
9 Eidgenössische Landwirtschaftszählung vom 30. Juni 1969: Statistische Quellenwerke der Schweiz, Heft 451, Bern 1970, S. 60.
10 Statistische Quellenwerke der Schweiz, Heft 392, S. 18.
11 Statistische Quellenwerke der Schweiz, Heft 377, S. 62.
12 AAZ 1970, Nr. 242.
13 AAZ 1970, Nr. 215.
14 75 Jahre Eidgenössische Versuchsanstalt, Schweizerische Zeitschrift für Obst- und Weinbau, Nr. 18 vom 1. September 1965. – AAZ 1965, Nr. 202.
15 Historisch-biographisches Lexikon der Schweiz, Bd. 5, Neuenburg 1929, S. 189.
16 AAZ 1970, Nr. 29; 1971, Nr. 76.
17 Z. B. Schweizerische Zeitschrift für Obst- und Weinbau 1965, Nr. 18. – Jahrbuch vom Zürichsee 1949/50, S. 231 ff. und 1964/66, S. 398 ff. – AAZ 1969, Nr. 262. – Jahresberichte der EFA.
18 Zürichsee-Zeitung, 23. März 1963. – Weisung für UA vom 5. Juli 1953.
19 AAZ, 13. August 1965.
20 Schweizerische Handelszeitung 1961, Nr. 23. – AAZ 1964, Nr. 165 und 1967, Nr. 261.
21 AAZ 1970, Nr. 206.
22 Walter Eggenberger, Der Rebbau auf der Halbinsel Au, Jahrbuch vom Zürichsee 1954/55, S. 57 ff. – AAZ 1970, Nr. 266; 1971, Nr. 104.
23 AAZ 1970, Nr. 155 und 161. – Neue Zürcher Zeitung 1970, Nr. 347.
24 Albert Hauser, Wädenswil, S. 189–199.
25 Gerber: Peter Ziegler, Aus der Geschichte der Gerberfamilie Hauser von Wädenswil, Heimatblätter, Monatsbeilage AAZ, März 1961. – Müller: Gottlieb Binder, Die Bauernmühlen des Bezirks Horgen, Njb LGW 1947. – Graveure Brupbacher: Peter Ziegler, Die Petschaftstecher und Graveure Brupbacher von Wädenswil, Heimatblätter, AAZ Februar 1961.
26 Albert Hauser, Wädenswil, S. 197.
27 Diethelm Fretz, Zeitungsgründer am See vor 1842, Zollikon 1942.
28 Notariat Wädenswil, Auffallprotokoll und Inventar vom 29. Juni 1840.
29 Annmarie Zogg, Zürcher Gebäckmodel. Schweizer Heimatbücher 148/149, Bern 1970. – AAZ 1971, Nr. 81.
30 125 Jahre Allgemeiner Anzeiger vom Zürichsee (Beilage AAZ vom 29. Dezember 1966). – AAZ 1969, Nr.229.
31 Peter Ziegler, Kirchenruf, Lithographie und Buchdruck – Wädenswils Publikationsmittel im 19. Jahrhundert. Heimatblätter, AAZ Oktober/November 1962.
32 Peter Ziegler, Beerdigungsbräuche im alten Wädenswil, Heimatblätter, AAZ März 1958.
33 Robert Faesi, Der falsche Graf von Wädenswil, Jahrbuch vom Zürichsee 1962/63, S. 130 ff. – AAZ, 7. November 1952. StAZH, Grundprotokoll Wädenswil Bd. 7, S. 18.
34 Peter Ziegler, Wädenswil - Vergangenheit und Gegenwart in Bildern, Wädenswil 1962, S. 51, 54, 56.
35 Krone: AAZ 1933, Nr. 76. – Schmiedstube: Albert Kölla, Jahrbuch vom Zürichsee 1947/48, S. 56 ff. – AAZ 1970, Nr. 189. – Du Lac: AAZ, 29. März 1957 und 12. Juli 1958.
36 AAZ, 21. März 1959.
37 Weisung für GV vom 28. April 1966. – AAZ 1966, Nr. 94. – Zürichsee-Zeitung, 26. Januar 1967.
38 AAZ 1970, Nr. 237.
39 Albert Hauser, Hundert Jahre Handwerker- und Gewerbeverein Wädenswil, Wädenswil 1955. – AAZ 1970, Nr. 299.
40 Albert Hauser, Wädenswil, S. 216/217.
41 H. Gattiker, Geschichte des Einwohnervereins 1873–1948. – Albert Hauser, Wädenswil, S. 217/218.
42 AAZ 1970, Nr. 68; 1971, Nr. 58.
43 AAZ, 3. November 1970.
44 Albert Hauser, Wädenswil, S. 218/219.
45 Walter Wild, 150 Jahre Sparkasse Wädenswil, Wädenswil 1966. – AAZ 1970, Nr. 217; 1971, Nr. 65. - Neue Zürcher Zeitung 1966, Nr. 3820.
46 Neue Zürcher Zeitung 1968, Nr. 100. – Hans Rudolf Schmid, Hundert Jahre Bank Wädenswil, Wädenswil 1964. – AAZ 1964, Nr. 37; 1968, Nr. 38.
47 Albert Hauser, Wädenswil, S. 137 ff.
48 Albert Hauser, Aus der Geschichte der Tuchfabrik Pfenninger in Wädenswil, Wädenswil 1957. – Peter Ziegler, Aus der Geschichte der Siedlung Giessen in Wädenswil, Heimatblätter, AAZ Juni/Juli 1960 und SA. – AAZ 1971, Nr.26.
49 Peter Ziegler und Max Mumenthaler, 125 Jahre Seidenweberei Gessner, Wädenswil1966.
50 Albert Hauser, Wädenswil, S. 169/170.
51 Albert Hauser, Aus der Geschichte der Stärkefabrik Blattmann & Co., Wädenswil 1956. – AAZ 1956, Nr. 204; 1971, Nr. 150.
52 Schweizerische Handelszeitung 1961, Nr. 23. 53 – AAZ 1967, Nr. 73.
54 E. Hürlimann, Erinnerung zum 75-jährigen Bestehen der Firma Ernst Hürlimann in Wädenswil, Wädenswil 1953.
55 Albert Hauser, Aus der Geschichte der Brauerei Weber in Wädenswil, Wädenswil 1956. – AAZ 1970, Nr. 124, 159,188.
56 Schweizerische Handelszeitung 1961, Nr. 23.
57 Schweizerische Handelszeitung 1961, Nr. 23.
58 Schweizerische Handelszeitung 1961, Nr. 23.
59 Peter Ziegler, 125 Jahre Metallwarenfabrik Blattmann, Wädenswil1963 (Manuskript).
60 Paul Kläui, Chronik Bezirk Horgen, Zürich 1945, S. 146/147.
61 Biographie-Sammlung Schweizer Musterbetriebe, Bd. 36, Basel 1940.
62 Peter Ziegler, Geschichte der Au, Au 1966. – Paul Kläui, Chronik Bezirk Horgen, S. 176.
63 Anzeiger 1961, Nr. 226 und 1970, Nr. 248. - Weisungen für GV vom 28. August 1957 und UA vom 8. September 1957.
64 AAZ 1965, Nr. 175.
65 AAZ 1970, Nr. 207 und 246.