Bevor wir uns dem Kapitel der Ernteregeln zuwenden, sei einiges über die Geräte gesagt. Die Winterfrucht Roggen und Korn sowie Weizen wurde meistens mit der Sichel, die Sommerfrucht Gerste und Hafer mit der Sense geschnitten. Die Sichel war damals glatt und ungezähnt (ältere Sicheln waren gezähnt), und sie wurde verwendet, weil sie eine saubere Arbeit und sparsame Ausnützung auch geringer Erntemengen ermöglichte. Auch konnte sie von den Frauen gehandhabt werden. Als Nachteil erwies sich dabei, dass ein zweiter Arbeitsgang notwendig war, um das Stroh zu ernten. Die Sense hat deshalb ihren Siegeszug auch in unserer Gegend fortgesetzt. Damals gab es verschiedene Sensen. Die Getreidesense war mit einem Reff oder einem Korb versehen. Das Schneideblatt der Grassense war manchmal etwas kürzer. Dort, wo die Sense gebräuchliches Erntegerät war, schnitten die Männer, und die Frauen banden. Wo die Sichel vorherrschte, war die Arbeitsteilung umgekehrt, die Frauen schnitten, und die Männer banden die Garben.
Beim Sicheln gab es zwei Methoden. Mit der Sichel konnte man die freistehenden Halme so abhauen, dass sie in den vorgehaltenen Arm fielen. Man nannte dieses System das «Grasen». Die andere Möglichkeit war, dass man mit der einen Hand einen Büschel fasste und ihn mit der andern absichelte.
Kleinbetriebe verwendeten indessen die Sichel weiter, und man kann auch feststellen, dass diese eher rückschrittliche Arbeitstechnik den Anschluss an die ökonomischen Erfordernisse der Zeit verbaute. Die häufigen Konkurse in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts sind nicht allein auf steigende Kosten und sinkende Agrarpreise zurückzuführen!
Die Fragebogen-Antworten geben indessen nicht nur Auskunft über die Geräte, sondern auch über die Ernteorganisation selber. «Ein „Geschnitt“ besteht gewöhnlich aus einem Mann und drei bis vier Frauen, die sich in das Geschäft des Schneidens − mit Sichel und Sense −, des Antragens (Sammelns) und Bindens theilen. Geschnitt heisst indessen auch die Gesamtheit der Schnitter auf einem grossen Hofe. Noch 1865 wiederholte sich, wenn auch spärlich, (zum Beispiel in Oetwil) die alte Sitte: Das Geschnitt zieht mit einem Geiger an der Spitze auf das Feld. Hier wird nach dem Takt der Musik gearbeitet; wer nicht nach dem Takt schneiden, nicht Schritt halten kann, dem wird ein Fulacker (Faulacker) bereitet: Die Voranschreitenden trennen ihn von ihrer Gemeinschaft ab, indem sie ihn auf einem isolierten Stuck, einer kleinen Getreideinsel zurücklassen (dies heisst das Äckerli- oder Zipfel-Schneiden und geschieht auch anderwärts, zum Beispiel in Schaffhausen, ohne Musik). Nun rückt der Geiger vor und singt zu seinem Spiel in altmodischer Weise:
s Zipfeli wott nit schwine
s Zipfeli wott nit ab:
Jetzt Zipfeli wenn d nit schwine witt
So, Zipfeli, rätsch di ab.
Dabei schallendes Gejauchze der Übrigen und Zuruf: Fulacker!
Ab, Ächerli, ab
So chunnt de ful Schnitter drab!
Bisweilen schneidet aber auch umgekehrt ein Einzelner allen Übrigen ein Äckerlein ab, indem er vorauseilend von einem Flügel zum andern einen Bogen beschreibt. − Kein Schnitter soll den andern lästig fallen durch Beklagen oder Arbeitsmusse − etwa mit der beliebten Formel: Die Katze will mir auf den Buckel (Rücken) springen. Wer sich über Rückenschmerzen beschwert, den nötigt man ohne Nachsicht, sich auf den Bauch zu legen und von einem aus dem Geschnitte sich nach der Musik des Geigers auf dem Rücken herumtanzen zu lassen.»