Das Dach muss und wird auch in Zukunft das wichtigste gestalterische Element in der Hand eines Architekten bleiben. Bei modernen Wohn- und Geschäftshäusern aber wird die Bedeutung des Daches immer wieder unterschätzt. Dabei gibt es doch zahlreiche Möglichkeiten, auch bei solchen Bauten das Dach gestalterisch in die umliegenden Dachformen zu integrieren oder im weitesten Sinne dem Dorfbild anzupassen. Dies im Interesse der Beschauer, aus Verantwortungsbewusstsein der Dorfgemeinschaft gegenüber und letztlich im Interesse der Hauseigentümer, denen durch Erhöhung der Wertbeständigkeit und Reduktion der langfristigen Unterhaltskosten einige Sorgen abgenommen werden könnten.
Unbestritten müssen Architekten Neues planen, gestalten und bauen können, weil unsere Zeit trotz der Forderung nach einem intakten Dorfbild nicht stehen bleibt. Wir müssen aber den Mut haben, die «Früchte modern Schaffens» in dazu ausgeschiedene Bauzonen zu verlegen (Mobag/Giessen), wo sie − ob schön oder missfällig − eine bestehende Einheitlichkeit nicht stören. In der Stadt Aarau, die in dieser Hinsicht gesamtschweizerisch wohl die fortschrittlichste Stadtplanung realisiert hat, wird die Trennung von alter und neuer Stadt sehr konsequent betrieben.
Selbst Sommer- und Winterkurorte, die dem Bauboom durch das Erstellen neuer Hotels und Blöcke mit Zweitwohnungen nicht entgehen konnten, haben beachtenswerte ortsplanerische Resultate sicherzustellen vermocht, fällt doch beispielsweise in Flims sehr angenehm auf, dass man weit und breit kein einziges Flachdach zu sehen bekommt.
Nicht ohne Grund besuchen heute Tausende von Touristen schmucke Städtchen, wie Rapperswil, Lichtensteig oder Stein am Rhein, und erfreuen sich dort der Ausstrahlung, Atmosphäre und Geschlossenheit, die eine solche Stadtanlage allein schon vom Baulichen her zu vermitteln vermag. Bestimmt sind auch Sie sich darüber im Klaren, welche zentrale Bedeutung gerade in diesen Fällen dem Aspekt «Dächer» beigemessen werden muss.
Lasst uns daher im Dorfkern jedes alte Dach erhalten! − Sollte dieser Wunsch nicht realisierbar sein, müssten wir im Zuge unserer ortsplanerischen Gesamtverantwortung die Mindestforderung erheben dürfen, dass Firsthöhe und Dachformen optimal auf die im weiteren Umkreis gelegenen Häuser und Dächer abgestimmt beziehungsweise angepasst werden sollen.
Letztlich nimmt die «Liebe zu einem Dach» vielleicht unbewusst ihren Ursprung auch dort, wo bei vielen unter uns «Dach und Estrich» ganz besondere Erinnerungen und Beziehungen wachrufen. Seit Generationen haben sich unter Dächern kostbare Raritäten angesammelt, ist das Dach ein Schutz für trocknende Wäsche, ist ein Estrich hier Spiel- und Tummelbühne für die Kinder, dort Vorrats- oder Grümpelkammer ... oder nennen Sie persönlich jene Assoziationen, die Sie mit Dach und Estrich in Beziehung bringen. Wie dem auch sei, dieser Platz war nie zu feucht, zu trocken, zu warm oder zu kalt, und dies ist letztlich eine weitere, unschätzbare Zweckerfüllung des Daches. Bleibt es doch Wunschtraum aller Sammler jeden Alters, einmal unter einem riesigen, alten Dach auf Entdeckungsreise gehen zu dürfen. Oder glauben Sie im Ernst daran, dass Ihnen Ihre Kinder dereinst von Fledermäusen oder leeren Wespennestern unter einem Flachdach erzählen werden?