Keine gewöhnliche Kirche

Aus der Geschichte der Evangelischen Täufergemeinde und des Altersheims Au

Quelle: Jahrbuch der Stadt Wädenswil 2019 von Michael D. Schmid

Zürich feierte 2019 anlässlich des 500 Jahre zurückliegenden Amtsantritts von Huldrych Zwingli das Reformationsjubiläum. Die Aufmerksamkeit galt nicht nur der erfolgreichen kirchlichen und theologischen Reform Zwinglis mit ihren kulturellen, sozialen, politischen und ökonomischen Auswirkungen, sondern teilweise auch den unterdrückten Gruppen – etwa den Täufern. Auch die Evangelische Täufergemeinde (ETG) in der Au ist in deren Tradition zu sehen. Gründe, ihre Geschichte näher zu beleuchten, gibt es viele. Sie feierte 2018 gleich mehrere Jubiläen: Ihr 125-jähriges Bestehen, gemeinsam mit dem zugehörigen Altersheim Au (APH) im Scheller, und sie beging zugleich das 40-jährige Jubiläum ihres als «Gemeinschaftshaus» bezeichneten Gottesdienst- und Mehrzweckgebäudes.

1525: Die Täufer in der Region Zürich

Am 5. Januar 1527 wurde Felix Manz zusammen mit zwei Gesinnungsgenossen auf gerichtliche Anordnung hin in der Limmat ertränkt. Der Vorwurf: Sie hätten sich als Wiedertäufer betätigt. Dass die Strafe hierfür ausgerechnet Ertränken im Wasser war, wirkt besonders zynisch. Wie kam es, dass der Zürcher Rat eine friedliche religiöse Bewegung mit solch drakonischen Strafen verfolgen liess? Zwinglis Kirchenreform stand auf Messers Schneide: Er und seine Mitstreiter waren auf die Unterstützung des Zürcher Rats angewiesen und daher um die Aufrechterhaltung der politischen und sozialen Ordnung bemüht. Radikale reformatorische Splittergruppen wurden als subversiv empfunden und daher nicht geduldet, sondern mit aller Repression verfolgt. Politisch war das klug und seit dem Täufermandat von 1526 auch rechtens – menschlich war es eine Tragödie, und unter heutigen Gesichtspunkten der Toleranz und Religionsfreiheit ist es unverständlich.
Wer waren diese verfolgten Gruppen? Die Täufer waren Anhänger der Reformation und strebten nach deren Verwirklichung im sakralen und im profanen Bereich. Dabei gingen ihre Reformforderungen markant über diejenigen Zwinglis und des Rats hinaus. Die radikalen reformatorischen Kräfte um Konrad Grebel vertraten einen strengen Biblizismus: Glaubensentscheidungen sollen nicht vom Urteil eines obrigkeitlichen Rats abhängig sein, sondern von dem, was der Heilige Geist den Gläubigen eingibt. An diese politische Differenz schloss eine ekklesiologische an: Die Kirche soll kein institutionelles Gefäss sein, dem von Rechts wegen jeder und jede angehört – sie soll sich aus den bekennenden Gläubigen als freie Gemeinde ausbilden. Diese Differenz zwischen den Zwinglianern und den Täufern spiegelt sich besonders im Taufverständnis wider. Für Zwingli diente die Taufe der Aufnahme in die Gemeinschaft der Kirche – daher verteidigte er die Kleinkindertaufe. Für die Täufer war sie ein bewusster Bekenntnisakt eines (notwendigerweise erwachsenen) Christen. Da in ihren Gemeinden bereits als Kind getaufte Menschen erneut getauft wurden, nannten die Reformatoren sie spöttisch «Wiedertäufer».
Der Konflikt spitzte sich 1524 zu: In Zollikon wurde der Taufstein umgeworfen, und Eltern weigerten sich, ihre Kinder taufen zu lassen. Sie gingen auf Distanz zu Rat, Gerichten und der offiziellen Kirche, gründeten eigene Gemeinden nach dem Vorbild der Urchristen und predigten einen strikten Pazifismus. Obwohl die Täufer ab 1526 rigoros verfolgt wurden und sich nirgends durchzusetzen vermochten, blieben sie als lose Gemeinschaften während Jahrhunderten erhalten.1
Dies war auch in der Region Zimmerberg der Fall: Besonders im Hirzel gab es eine standhafte Gemeinschaft von Taufgesinnten, die sich zunächst in Privathäusern, später in Scheunen versammelten. Im frühen 17. Jahrhundert war diese Gemeinschaft der Obrigkeit ein Dorn im Auge. Hans Landis, der Anführer der Gemeinde, wurde wiederholt verhaftet und 1614 gar wegen Rebellion gegen den Staat zum Tode verurteilt. In den Folgejahren wurden Täuferfamilien zwangsenteignet. Auf dem konfiszierten Grundstück des Täufers Hans Isler wurde 1617 die neue reformierte Kirche erbaut.2 Zweifelsohne war das auch ein symbolischer Akt.

1832: Die «Neutäufer»-Bewegung entsteht

Die international bekannteste Täuferbewegung sind die durch den Niederländer Menno Simons (1496–1561) begründeten Mennoniten. Mit der Gründung der «Mennonitischen Weltkonferenz» 1925 schlossen sich ihnen auch die schweizerischen «Alttäufer» an, die direkt auf die Zürcher Täuferbewegung von 1525 zurückgingen.
Die so genannten «Neutäufer» gehen dagegen auf die Erweckungsbewegung innerhalb der reformierten Landeskirchen im frühen 19. Jahrhundert zurück. Begründer war Samuel Heinrich Fröhlich (1803–1857), der 1831 unter anderem wegen «Schwärmerei» als Vikar der reformierten Kirche Leutwil abgesetzt wurde. Er begründete ab 1832 verschiedene Gemeinden in der Schweiz und im nahen Ausland, die das Erbe der Täufer wieder aufgriffen. Diese evangelischen Täufergemeinden sind bis heute weitgehend eigenständige Körperschaften. Sie sind heute im «Bund der Evangelischen Täufergemeinden» organisiert.3
Wieder war es in der Zimmerberg-Region der Hirzel, auf dem das Gedankengut besonders fruchtbaren Boden fand: Bereits 1834 konnte Fröhlich hier eine «Gemeinschaft Evangelisch-Taufgesinnter» begründen. 1850 gab es ein Gottesdienstlokal in Oberrieden, 1856 auch eines im Neuhof in Horgen, das 1911 um einen Saalanbau ergänzt wurde.4

1893: Eine Täufergemeinde und ein Altersheim im Scheller

1892 beschlossen die Mitglieder der damals noch lose organisierten Gemeinde, ein «Altenasyl» für temporäre Aufenthalte älterer Menschen zu gründen. 1893 konnte zu diesem Zweck von den Brüdern Salomon und Simmon Freud der östliche Teil des Gehöfts Scheller in der Au erworben werden, nämlich das stattliche bäuerliche Wohnhaus von 1642 (Schellerstrasse 5) mit Anbau, ein Schopf mit Keller, ein Trotthaus und eine Sennhütte sowie Garten und Matten. Der Kauf der Liegenschaft kostete 20 000 Franken, wovon 14 681.29 durch Spenden der Mitglieder gedeckt werden konnten. Bereits 1893 konnte in den Altbauten der Betrieb des Altenasyls aufgenommen werden. Das Ensemble wurde noch im selben Jahr durch den Bau eines Versammlungsgebäudes im Süden des Areals (Schellerstrasse 7) ergänzt. Dieser Bau kostete 9600 Franken. 1903 konnten die «Evangelisch-Taufgesinnten» auch noch das Wohn-, Waschhaus und Brennhaus Schellerstrasse 6 von 1746 samt 97 Aren umliegendes Land erwerben. 1906 entstand ein weiteres Asylgebäude als Annex des Versammlungsgebäudes. Als Verbindungstrakt zwischen den Alt- und Neubauten östlich der Schellerstrasse liess die Gemeinde 1914 einen neuen Speisesaal errichten.
Für Kost und Logis mussten die Pensionäre des Altenasyls in den Anfangsjahren täglich einen Franken entrichten. Für Minderbemittelte gab es allerdings Preisnachlässe. Das Betriebsprotokoll von 1920 berichtet, das Asyl habe zwischen 20 und 22 Insassen mit zusammengerechnet etwa 8030 Verpflegungstagen.
Das Altersheim mit Pensionären und Hausmutter, 1943.

In den 1950er-Jahren erwiesen sich die Gebäude teilweise als renovationsbedürftig und das Modell des temporären Altersheims war nicht mehr zeitgemäss. In mehreren Etappen wurden die Gebäude restauriert. 1969–1970 erfolgte die Renovation der Küche, 1976–1977 eine Aussenrenovation des Altbaus Schellerstrasse 5, 1978 eine Renovation des Mitteltrakts des Hauses Schellerstrasse 7 und in den 1980er-Jahren der Umbau des Dachgeschosses im alten Versammlungsgebäude.5 1981 wurde auch das Waschhaus Schellerstrasse 6 renoviert. Die Altbauten stehen teilweise unter Denkmalschutz.6
Heute stehen im Alters- und Pflegeheim Au, das nach wie vor unter der Trägerschaft der ETG steht, 20 Zimmer für dauerhafte Bewohnerinnen und Bewohner, sowie drei Alterswohnungen und ein Ferienzimmer zur Verfügung. Die Kosten für Kost und Logis (ohne Pflege- und Betreuungsleistungen) liegen heute zwischen 120 und 140 Franken.7 Einige Räumlichkeiten werden von der ETG genutzt oder sind an Private vermietet.

1978: Das neue Gemeinschaftshaus

Das einfache und enge Versammlungsgebäude von 1893 entsprach bald nicht mehr den Bedürfnissen der Gemeinde. 1974 beschloss die Generalversammlung daher, eine bereits angedachte Neubauvariante aktiv weiterzuverfolgen. Ein erstes Vorprojekt legte 1975 Heinrich Kunz, Architekturprofessor an der ETH Zürich und selbst Vorsteher einer ETG-Gemeinde, vor. Im Juni 1976 beschloss eine ausserordentliche Generalversammlung die Gründung einer Baukommission und den Verkauf von Land zur Finanzierung des Neubaus. Das von Heinrich Kunz und Oskar Götti Architekten ausgearbeitete Projekt wurde noch im selben Jahr bewilligt, sodass die GV den Baukredit von 1,4 Millionen Franken beschliessen konnte. Der Spatenstich erfolgte am 7. März 1977. Am 18. April konnte der Bau begonnen, und am 29. September die Aufrichtefeier zelebriert werden.8 Beim Bau leisteten einige Gemeindemitglieder Frondienste, wie das in früheren Jahrhunderten bei Kirchenbauten üblich war. Das Holz stammte aus Wädenswiler und Horgner Wäldern. Die Einweihung des neuen Gemeinschaftshauses erfolgte am 18. Juni 1978.9
Das 1978 erbaute Gemeinschaftshaus von aussen.

Im Zeitungsbeitrag zum Jubiläum 2018 heisst es: «Unser Gebäude sieht anders aus als eine gewöhnliche Kirche – kein Turm, keine Turmuhr, keine Glocken. Wir investieren nicht in Denkmalpflege, sondern in Menschen.»10 Trotz dieses programmatischen Anspruchs ist neben den religiösen und sozialen Tätigkeiten auch das Kirchengebäude einer näheren Betrachtung würdig. Das dreistöckige, in den Hang hineingebaute Objekt befindet sich im Westen der Scheller-Altbauten. Der Hauptbau, der unter anderem das Foyer und den Gottesdienstraum mit Empore umfasst, befindet sich unter einem polygonalen Baukörper unter einem wuchtigen Satteldach. Die zur Seestrasse hin ausgerichteten Nebenräume sind dagegen kleingliedrig gestaltet: Sie bilden drei giebelständige «Häuschen» mit breiter Fensterfront. Somit wird der Baukomplex kleingliedrig aufgelockert und gemahnt mit seinen Satteldächern an die traditionellen Bauformen des nahen Scheller-Areals.
Der Gottesdienstraum mit Liturgiezone.
Dieses zeittypische Erscheinungsbild entspricht der Abkehr von der monumentalen, kubischen oder abstraktskulpturalen Bauweise der 1960er-Jahre.
Der Eingang im untersten Geschoss erschliesst die Räume für Kinder und Jugendliche. Der eigentliche Haupteingang mit reizvoll gestaltetem Vorplatz befindet sich in der zweiten ebenerdigen Etage. Er führt in ein helles und offenes, aber zugleich verwinkeltes Foyer, welches das Herzstück des Komplexes ist, und das Gottesdienstraum, Nebenräume und Treppenhäuser verbindet. Der Gottesdienstraum ist von einer unverkleideten Balkendecke überdacht – auch das ein zeittypisches Element. Beleuchtet wird der Raum durch grossflächige Fenster in den Wänden von Schiff und Chor. Der Grundriss bildet ein leicht quergestrecktes Hexagon, dem nordseitig der rechteckige Emporenraum und südseits eine Art polygonaler Chor angefügt sind. Dieser durch Kanten im Mauerwerk gestaffelte und in Stufen ansteigende Raum ist das liturgische Zentrum des Raums: Alle Bänke sind auf diesen Chor ausgerichtet, der als Standort der Band und der Prediger dient. Blickpunkt ist die Orgel aus dem Baujahr 1978. Das Instrument ist ein Gemeinschaftswerk der Kirchgemeinde, das unter der Leitung des Orgelbauers und Gemeindemitglieds E. Läubli gebaut wurde. Es konnte Pfeifenmaterial der alten Orgel der katholischen Kirche Stein AG verwendet werden. 1985 und 1993 wurde das Instrument von Orgelbauer Norbert Stengele aus Horgen ergänzt und revidiert. Es hat heute 16 klingende Register auf zwei Manualen und Pedal und wird von einem freistehenden Spieltisch links des Chores aus gespielt.11 Rechts des Chores befindet sich ein Wasserbecken für Immersionstaufen (Ganzkörpertaufe mit Untertauchen). Der zeittypische Gottesdienstraum12 ist, obschon der Chor als postmoderne Reminiszenz an katholische Sakralbauten des Mittelalters erscheinen mag, klar als protestantischer Raum erkennbar, der durch die Anlage der Bänke und ihren Bezug zum Chor eine räumliche und gemeinschaftliche Einheit schafft.
Der Gottesdienstraum mit Blick zur Empore.

Vielseitiges Engagement

Der Gottesdienst bildet nach wie vor den Kern der Glaubensgemeinschaft. Die Taufe bekehrter Erwachsener ist nach wie vor ein wichtiges Element und kann auf Wunsch von Jugendlichen in der Regel ab der Mittelstufe in Anspruch genommen werden. Sie wird als Immersionstaufe praktiziert. Die Gemeinde ist auf der Basis der Bibel als höchste Autorität und ihres Glaubensbekenntnisses aber auch in verschiedenen gesellschaftlichen Bereichen aktiv. Seit Beginn führte die Kirche ein «Altersasyl» und engagierte sich stark in der praktischen Arbeit für bedürftige und minderbemittelte Menschen. Die Seniorenarbeit hat auch heute noch einen hohen Stellenwert, obwohl in verstärktem Masse Projekte für Kinder und Jugendliche dazu gekommen sind. 2004 wurde das Projekt «Abentüürland» aufgegleist – eine Kinderbetreuungseinrichtung, die 2018 neben dem neu angelegten Parkplatz einen Abenteuerspielplatz erhielt. 2011 folgte das Projekt «Trinity» für Jugendliche. Zum sozialen Engagement gehören auch humanitäre Missionsprojekte in Ägypten, Südafrika und Zentralasien.13
Am 21. Oktober 2018 fand ein Festgottesdienst zum 125-jährigen Bestehen der Gemeinde statt. Anwesend waren auch Delegationen der Stadt Wädenswil und der Landeskirchen.14 Ein positives Zeichen dafür, dass Freikirchen heute nicht mehr verfolgt werden, sondern mitten in der Gesellschaft verankert sind.
Blick auf den Scheller mit Altersheim, altem (links) und neuem (oben) Versammlungshaus, um 1990.



Michael D. Schmid


Anmerkungen

1 Baumann, Michael. «Us gnaden ergruenet als Rebemimm Christo»: Die Täufer – Feindliche Brüder?. In: Niederhäuser, Peter (Hg.), Verfolgt, verdrängt, vergessen? Schatten der Reformation, Zürich 2018, S. 98–119.
2 Winkler, Jürg. Der Hirzel: Bild einer Gemeinde, Hirzel 1989 (3. erweitere Auflage), S. 70–71.
3 Schmid, Georg; Schmid, Georg Otto (Hg.). Kirchen, Sekten, Religionen: Religiöse Gemeinschaften, weltanschauliche Gruppierungen und Psycho-Organisationen im deutschen Sprachraum, Zürich 2003, S. 84–87.
4 Meier, Walter; Vetter, Ruedi (Red.). 100 Jahre ETG Au, Au 1993, S. 9.
5 Ebd., S. 9–17.
6 Vgl. die Renovationsberichte zum Haus Schellerstrasse
7 (Zürcher Denkmalpflege, 9. Bericht 1977/78, I. Teil, Zürich 1982, S. 213–214) und zum Haus Schellerstrasse
6 (Zürcher Denkmalpflege, 10. Bericht 1979–1982, I. Teil, Zürich 1986, S. 134).
7 Zum Alters- und Pflegeheim Au: www.aph-au.ch, konsultiert am 22.06.2019.
8 Meier, Vetter, a.a.O., S. 17–18.
9 Swoboda, Werner (Red.). 125 Jahre ETG Au: 40 Jahre Gemeinschaftshaus in der Au, Au 2018, S. 7.
10 «Menschen brauchen Gemeinschaft». In: Zürichsee-Zeitung Bezirk Horgen, 25.10.2018.
11 Orgelverzeichnis Schweiz und Liechtenstein, http://peter-fasler.magix.net/public/ZHProfile/zh_autaeufer.htm, konsultiert am 22.06.2019.
12 Vgl. z.B. die katholischen Kirchenräume von Hausen am Albis (1977) und Elgg (1982); Weber, Markus; Kölliker, Stephan. Sakrales Zürich: 150 Jahre katholischer Kirchenbau im Kanton Zürich, Band II 1950–2018, Zürich 2018, S. 496–499 und 512–515.
13 Swoboda, a.a.O.
14 ZSZ, 25.10.2018.