Unser Rechnungslehrer, der sonst wenig Umschweife macht und uns mit Formeln und Lehrsätzen der Algebra bekannt macht, verkündete eines Tages, dass wir nun Heuferien hätten, um den Bauern zu helfen. Das gab natürlich viel zu reden. Am folgenden Morgen versammelten wir uns um sieben Uhr beim Schulhaus, um zu erfahren, wohin wir kämen. Leider hatten die meisten noch keine Arbeit, und niedergeschlagen gingen die Sekundarschüler auseinander; man hatte daheim zu früh geprahlt.
In unserer «Verzweiflung» gingen Annursula und ich in die Au, um uns bei einer Bauernfamilie einzustellen. Wir merkten jedoch sofort, dass wir nicht nötig waren, und machten noch einen schönen Spaziergang.
Am andern Morgen, als wir eben die Zeitung holten, trafen wir unseren Rechnungslehrer, Herrn Schläpfer, der uns aufs Arbeitsamt nahm, da inzwischen Arbeit gefunden war. Dort wurden unser Name und das Geburtsdatum eingeschrieben. Man sagte uns auch, dass wir uns sobald als möglich in der Oberen Kalchtaren vorzustellen hätten. Beglückt eilten wir heim, um die Neuigkeit zu erzählen ...
Beim Mittagessen hatte ich keinen grossen Hunger. Ich sah mich schon in Gedanken in einer dunkeln Küche stehen, andächtig in einem Topfe rühren oder die Stube wischen; denn es war uns gesagt worden, dass wir im Haushalt gebraucht würden.
Mit Ungeduld sah ich zum Fenster hinaus, und es schien mir eine Ewigkeit zu dauern, bis Annursula gemütlich um die Ecke bog. Wir machten uns fröhlich plaudernd auf den Weg, und nach dreiviertelstündiger Wanderung hatten wir Stocken erreicht. Wir kamen nicht in die Obere, sondern in die Mittlere Kalchtaren ...
Wir bekamen gleich Heurechen und begannen Mädlein zu machen. Das gelang uns nicht recht. Erst als uns Fräulein Huber die Sache gründlich gezeigt hatte, blieb das Heu nicht mehr am Rechen hängen. Wir arbeiteten, bis uns der Schweiss auf der Stirne stand, und der Orangensirup war uns sehr willkommen. Auch später schenkten wir ihm grosse Aufmerksamkeit, indem wir täglich ein bis zwei Flaschen leerten.
Ein Soldat − die Offiziersordonnanz, die ihr Pferd hier hatte − begrüsste uns «chaud, chaud!» Ich erfuhr, dass die Soldaten in Stocken von Lausanne seien. Bald kamen Vreni und Susanne mit ihren Velos angefahren und meinten, es tue uns gut, auf dem Bauernhof zu arbeiten. Wir bekamen nun Gabeln, und Fräulein Elise zeigte uns, wie wir das Heu wenden mussten. Auf dem holperigen Feldweg rasselten unaufhörlich die Lausanner daher, die alle Auto fahren lernen mussten.
Nach getaner Arbeit stellte sich der Hunger ein, und wir liessen uns das Abendbrot, das Fräulein Aline bereitet hatte, aufs Beste schmecken. Dann schauten wir die zwei Ställe mit den schönen Kühen an. Eine etwas magere hatte bald den Namen «Knochengerüst» erhalten. Die beiden Brüder Huber wurden nun beim Melken beobachtet. Wir halfen die Kühe füttern und das Futter für den Morgen bereitlegen. Dann trugen wir Eier und Milch ins Haus, wir begossen die Blumen und gaben den Kakteen Hühnermist. Nachdem wir noch eine dicke Brotschnitte mit Butter und Konfitüre bestrichen und eine Tasse Milch getrunken hatten, machten wir uns auf den Heimweg.
Am kommenden Morgen machten wir uns um 6¾ Uhr schon auf den Weg, ein Liedlein singend. Es war bei der Morgenkühle angenehm, den Berg hinaufzusteigen. Die Männer waren an der Arbeit, und wir kamen eben recht, um beim Grasen zu helfen. Der Offizier und seine Ordonnanz halfen ebenfalls. Beständig gingen wir mit dem Schlepprechen hin und her. Wir breiteten nun das Gras aus. Ich musste mich beeilen, um in der Reihe der andern zu bleiben. Diese Arbeit kam mir doch ein wenig ungewohnt vor. An den Händen zeigten sich verdächtige Blasen. Darum hatte ich Vorsichtsmassregeln getroffen, indem ich beständig «Heiltafet» in der Schürzentasche umhertrug.
Ein Soldat, der mir durch sein stilles Wesen und fleissiges Arbeiten auffiel, bedauerte mich, und ich redete einiges mit ihm. Er war erfreut, dass ich seine Sprache ein wenig verstand, und erzählte mir gleich, dass er ein «boulanger de la ville de Lausanne» sei.
Bald erschien Annursula mit dem erwünschten Korb voll Getränke. Wir spielten die Servierfräuleins. Als wir nun den Boulanger fragten, ob er Most oder Sirup wolle, rief er «un cidre, un sirop» oder so etwas Ähnliches, worauf wir ihm Wasser, Sirup und Most ins Glas gossen. Er trank, verzog das Gesicht, und als wir fragten, ob er noch mehr wolle, bedankte er sich.
Nach dem Mittagessen begab sich die Gesellschaft im Gänsemarsch, ausgerüstet mit Heurechen, auf die Wiese. Würdevoll zogen Annursula und ich die grossen Schlepprechen den Rain hinauf und hinunter. Unsere Köpfe waren mit einem Tuch bedeckt, worauf das Schweizerkreuz prangte: ein Andenken an die Grenzbesetzung 1914–1918, die unsere Väter mitgemacht hatten. Die beiden Fräulein machten Mädlein, ebenso der Boulanger; die Herren Huber luden das Heu auf, und auf dem Fuder thronte die Ordonnanz, die beständig rief: «Chaud, chaud, c'est chaud, il est chaud!» Doch wir betonten: «Il fait chaud» ...
Am Sonntag bekamen wir Urlaub, gingen aber am Montag mit erneutem Eifer «a l'ouvrage»... Wir machten uns bald wieder auf der Wiese zu schaffen; am Himmel standen drohende Wetterwolken; es wurde dunkel; Blitze zuckten; der Donner rollte; grosse Tropfen fielen. Man hastete und eilte, um wenigstens noch ein Fuder einzubringen ... Durchnässt eilten wir in die Scheune und liessen uns auf dem Rossfutter nieder. Da kam die Ordonnanz und jagte uns hinunter. Das machte uns böse, und wir gönnten ihm den Mittagsschlaf nicht. Alles Mögliche kam hinaufgeflogen ...