Strassen und Unterführungen

Quelle: Wädenswil Zweiter Band von Peter Ziegler

Die Seestrasse

Noch zu Beginn des 19. Jahrhunderts war das Wädenswiler Strassennetz spärlich, und der Zustand der wenigen Strassen war denkbar schlecht. In den 1820er und 1830er Jahren wurde indessen eine Reihe wichtiger Strassenzüge angelegt. Die erste Hauptverbindung war die Seestrasse, die man auf Gemeindegebiet in Etappen erstellte: 1829 längs der Seefahrt, 1834/35 von der Zehntentrotte bis zur Richterswiler Grenze, 1839 von der Sust bis zur Zehntentrotte und 1841 von der Krone bis zum Sagenrain.1 Die Strasse an der Seefahrt wurde auf Gemeindekosten und im Frondienst gebaut. Für die Strasse nach Richterswil zeichnete man 1832 erste freiwillige Beiträge.
1887/88 erstellten Private die ersten Trottoirs in Wädenswil, und zwar zu beiden Seiten der Seestrasse zwischen Zentral und Reblaubenweg.2 In den folgenden Jahren entstanden längs der Seestrasse weitere von Privaten bezahlte und unterhaltene Trottoirs. Die Gemeinde baute 1894 ein erstes Trottoir zwischen Rosenegg und Zentral.
Um die Jahrhundertwende nahm der Verkehr im Dorf und namentlich auf der Seestrasse zu. Schon im Sommer 1896 verbot die Polizeikommission «das schnelle Fahren mit bespannten Fuhrwerken, Reiten im Galopp und scharfem Trab sowie das das allzurasche Fahren mit Velos durch das Dorf, ebenso das Aufsitzen auf die Handwagen und das Leiten der Deichsel mit den Füssen auf Strassen mit Gefälle».3 1923 musste man feststellen, dass die meisten Autos zu schnell durch das Dorf fuhren. Der Gemeinderat beschloss daher am 22. Mai 1923, mit Tafeln an den Dorfeingängen auf die zulässige Höchstgeschwindigkeit von 18. Stundenkilometern aufmerksam zu machen.4 Im Jahrzehnt zwischen 1920 und 1930 stieg der Motorfahrzeugverkehr auf der Seestrasse stark an. Hatte man 1920 an einem einzigen Tag noch 70 Autos gezählt, so ergab die Zählung von 1930 bereits 727 Fahrzeuge.5 Der Ausbau der Seestrasse durfte nicht mehr länger aufgeschoben werden. Er erfolgte – durch den Kanton – in folgenden Etappen: 1925 in der Seefahrt, 1926 zwischen dem Sagenrain und der Traubengasse, 1927 von der Traube weiter dorfeinwärts bis zur Hafenstrasse beim «Engel», 1928 bis 1930 zwischen Brauerei und Mülenen, 1932 bis 1934 von der Horgener Grenze bis zum Tiefenhof und 1938/39 auf dem Teilstück zwischen Giessen und Gambrinus.6
Durch den Abbruch der Wirtschaft zur Weinrebe, des weit vorstehenden Zinnenanbaus des Einwohnervereins und der seeseitigen Hälfte des Hauses zur Traube konnten schon 1926/27 Engpässe beseitigt werden.7 Weitere Hausabbrüche folgten in den 1950er und 1960er Jahren. 1952 schleifte man die Liegenschaften «Pilgerhof» und «Rosenegg» beim Plätzli8, 1962 Häuser in der Nähe der Weinrebenanlage, 1963 die Häuser «Frieden» und «Alpina»9, 1970/71 Bauten beim Sagenrain10. Weitere Häuser werden fallen, wenn der Kanton sein seit Jahrzehnten geplantes Vorhaben verwirklichen wird: Den Ausbau der Seestrasse auf 4 Spuren, wie dies im Gebiet der Station Au schon geschehen ist.
 

Zugerstrasse und Steinackerstrasse – Zufahrten zur N 3

Im Frühling 1937 brachte der Gemeinderat das Projekt einer Bergstrasse von Wädenswil nach Sihlbrugg zur Sprache. Um den Strassenbau zu beschleunigen, war die Gemeinde bereit, dem Regierungsrat für ein Jahr 30 000 Franken zinsfrei vorzuschiessen und auf eigene Kosten durch die Ingenieure Negrelli & Sulzberger Pläne anfertigen zu lassen.11 Im August 1837 steckte Ingenieur Negrelli den Strassenzug nach Sihlbrugg aus. Dadurch schwoll aber im Dorf «manch überloffene Galle zum Platzen an», notierte ein Zeitgenosse; «bald alles flucht über das Treiben und Planmachen».
1841 konnte die Zugerstrasse doch gebaut werden, womit Wädenswil eine zweite wichtige Hauptstrasse erhielt. Im Zusammenhang mit dem Bau der Nationalstrasse 3 wurde die Zugerstrasse im Abschnitt zwischen der Speerstrasse und dem Anschluss im Neubühl ausgebaut. Mehr zu reden gibt die neue Führung der Zugerstrasse im Wädenswiler Dorfzentrum. Er ist vorgesehen, dass Trasse vom Glärnischulhaus an ungefähr über die Kreuzstrasse und die Traubengasse zur Seestrasse zu ziehen.12 Das bisherige Teilstück der Zugerstrasse zwischen Oberdorf- und Seestrasse soll indessen bestehen bleiben und zu einer Geschäfts- und Ladenstrasse ausgebaut werden. Dem Gebiet der Au dient die Steinackerstrasse, deren Ausbau weit fortgeschritten ist, als Zufahrt zur N3.13

Schönenbergstrasse

Als dritte Hauptstrasse des alten Dorfes entstand in den Jahren 1842 bis 1844 die Strasse nach Finstersee, die heutige Schönenbergstrasse. Schon 1821/22 hatte man, im Zusammenhang mit dem Abbruch des Gesellenhauses, bei der Kirche einen Fahrweg angelegt, damit die Fuhrwerke nicht mehr das Bett des Töbelibaches benutzen mussten.14 1842 schlug der Gemeinderat für die Schönenbergstrasse die Linienführung über Engelburg—Leihof—Schlampamp (Gerenau)—Moosli—Ryfen nach Schönenberg vor. Ausgeführt wurde aber das Projekt des Regierungsrates, das heisst der Strassenzug Gemeindehaus («Sonne»)—Schmiede (Schmiedstube)—Rutenen—Sandhof—Ensital (Hänsital)—Schlampamp.15 Die Pläne für die Schönenbergstrasse stammen wieder vom Ingenieur Negrelli, die Strassenprofile vom Wädenswiler Geometer Rudolf Diezinger.16 In den Jahren 1907 bis 1909 wurde die Schönenbergstrasse im Abschnitt zwischen Hirschenplatz und Schmiedstube verbreitert. Der Korrektion fielen das Gerätelokal der Feuerwehr, der aus zwei Trögen bestehende Kirchenbrunnen sowie die alte Schmiede beim «Eisenhammer» zum Opfer.17

Autobahn

Der Bau der linksufrigen Höhenstrasse Zürich—Richterswil als Teilstück der Nationalstrasse 3 Zürich—Chur, des am 27. Mai 1966 eröffneten ersten Autobahnstücks im Kanton Zürich, brachte in den Jahren 1962 bis 1966 im Wädenswiler Berg bedeutdende Veränderungen.18 Das Trasse der N 3 überquert den Aabach-Weiher und führt am Autobahn-Werkhof und den Räumen der Autobahn-Polizei vorbei zum Anschlusswerk der Zugerstrasse im Neubühl. Zwischen Furthof und Herrlisberg, wo sich – wie im Neubühl und bei der Sennweid – zwei elegante Brücken über die Autobahn spannen, steht an beiden Fahrbahnen je ein Restaurant mit Tankstelle. Beim Rastplatz in der Gerenau führt die Nationalstrasse 3 auf zwei getrennten, 27 m langen Brücken über die Schönenbergstrasse.
 

Gemeindestrassen

Das Strassenverzeichnis von 1863 nannte im Dorfgebiet 37 Strassen und 93 öffentliche Fusswege.19 Noch vor 1900 wurde das Wädenswiler Strassennetzt ausgebaut. 1865 beispielsweise wurde die Strasse durch das Reidholz, die heutige Einsiedlerstrasse, fertiggestellt.20 1895 brachte man an den wichtigsten Strassen und Wegen Namenstafeln an, was der Gemeinde – nach Ansicht der Lokalpresse – ein mehr städtisches Gepräge verlieh und auch den zahlreichen Fremden zustatten kam.21 Gleichzeitig wurden die Gebäude numeriert, wodurch die vielen Hausnamen wie Alpina, Ceder, Frieden, Grünenberg, Merkur, Morgenstern, Reblaube, Schwanau, Talgarten, ihre Funktion als Ortsbezeichnung verloren.22 Mit dem Wachstum des Dorfes und dem Bau neuer Quartiere entstanden laufend auch neue Strassen. Drei Strassenzüge sind als Querverbindungen besonders wichtig: die um 1900 vollendete Oberdorfstrasse mit Ihrer Fortsetzung, der in den 1920er Jahren erstellten Etzelstrasse; die in den 1960er Jahren angelegte Speerstrasse, die von der Zugerstrasse über Untermosen–Rötiboden–Baumgarten zur Schönenbergstrasse führt, und schliesslich die Alte Landstrasse in der Au, die ebenfalls ausgebaut worden ist.23

Unterführungen

Um die Verkehrssicherheit auf der Seestrasse und auf der Zugerstrasse zu erhöhen, wurden Unterführungen oder Überführungen geschaffen. Die 1962 eingeweihte Strassenbrücke in der Au ersetzt einen gefährlichen SBB-Niveauübergang und gestattet die kreuzungsfreie Zufahrt zum Mittelort und zur Halbinsel Au.24 Eine die Seestrasse entlastende Fussgänger-Unterführung beim Bahnhof Au ist im Bau.25. Die 1962 vollendete Unterführung zwischen Gerbestrasse und Bahnhofplatz Wädenswil – ihr mussten die Liegenschaften «Ammann» und Scharfegg» weichen – dient den Fussgängern und vorab den Benützern der Eisenbahn und der Schiffe.26  Für den Bau einer Personenunterführung beim Glärnischschulhaus – der Hosliweg wird unter der Zugerstrasse durchgeführt – wurde in der Urnenabstimmung vom 15. November 1970 der Kredit erteilt.27




Peter Ziegler

Anhang

1 GAW, IV B 69.2, Chronik LGW 1829—1841.
2 Jakob Höhn, Das Strassenwesen in Wädenswil seit 45 Jahren, Anzeiger 1900, Nr. 80-86. – Peter Ziegler, Gassen und Strassen in der Herrschaft und im Dorfe Wädenswil, Heimatblätter, Monatsbeilage zum Allgemeinen Anzeiger vom Zürichsee, Dezember 1962.
3 Archiv LGW, Chronik 1896. – Anzeiger 1869, Nr. 115.
4 Archiv LGW, Chronik 1923.
5 Jahrbuch vom Zürichsee 1932, S. 50/51. – Anzeiger 1931, Nr. 188.
6 Weisung für UA vom 11. April 1943, S. 14.
7 Weisung für GV vom 3. April 1927. – Jahrbuch vom Zürichsee, 1932, Abb. bei Seite 50.
8 Anzeiger, 7. November 1952.
9 Jahrbuch vom Zürichsee 1962/63, S. 277/278.
10 Anzeiger 1970, Nr. 296.
11 GAW, IV B 69.2, Chronik LGW 1837-1841.
12 Anzeiger, 12. November 1966 und Anzeiger 1969, Nr. 231 und 247.
13 Voranschläge der öffentlichen Güter für das Jahr 1970, S. 25. – Weisung für UA vom 30. November 1969.
14 Jakob Höhn, Strassenwesen.
15 GAW, IV B 69.2, Chronik LGW 1842-1844.
16 Jakob Höhn, Strassenwesen.
17 Weisung für GV, Beilage zum Voranschlag der öffentlichen Güter für 1909, S. 11.
18 Anzeiger 1960, Nr. 209; 1966, Nr. 121. – Neue Zürcher Zeitung 1962, Nr. 3800; 1963, Nr. 2130; 1965, Nr. 2646.
19 Verzeichnis für 1874: Anzeiger 1874, Nr. 2.
20 Jakob Höhn, Rückblicke auf den Bau der Wädenswil—Einsiedeln-Bahn, der Schweizerischen Südostbahn und der Dampfboot-Gesellschaft Wädenswil, Wädenswil 1910 (SA aus dem Allgemeinen Anzeiger vom Zürichsee), S. 2 ff.
21 Anzeiger, März 1895 und 18. Oktober 1916.
22 Notariat Wädenswil, Grundprotokolle.
23 Speerstrasse: Weisung für UA vom 7. Juli 1963 und 24. April 1966. – Alte Landstrasse: Weisung für UA vom 7. Dezember 1958 und 14. Mai 1961.
24 Jahrbuch vom Zürichsee 1962/63, S. 273/274. – Sonderbeilage zum Anzeiger vom 30. Juni 1962.
25 Weisung für UA vom 15. November 1970 und Anzeiger 1970, Nr. 260.
26 Weisung für UA vom 24. Mai 1959 und Anzeiger vom 30. Juni 1962. 27 Weisung für UA vom 15. November 1970 und Anzeiger 1970, Nr. 260.