Fische im Bootshafen Rietliau

Quelle: Jahrbuch der Stadt Wädenswil 2015 von Hans Oberhänsli

Brachsmen, Rotfedern und Schleien

Entlang dem Bootshafen Rietliau wächst Schilf. Es handelt sich um einen Restbestand im ursprünglich erhaltenen Flachuferabschnitt östlich der Halbinsel Au. Brachsmen, Rotfedern und Schleien suchen das schnell wachsende Schilf zum Laichen auf. Es bietet dem Laich von allen Unterwasserpflanzen den besten Schutz vor dem Fressfeind, dem Egli. Der kleine Schilfgürtel hat für die Naturverlaichung dieser karpfenartigen Fische eine hohe Bedeutung.
Die Brachsmen, Rotfedern und Schleien finden sich in unterschiedlichen Zeitabständen im Bootshafen ein. An einzelnen Tagen Ende April und wieder Ende Mai sind vor allem die Brachsmen zahlreich anzutreffen.

123a Ältere Brachsme von beachtlicher Körperlänge.

Sie kreisen vor dem Schilf in ruhigen Bewegungen direkt unter der Wasseroberfläche, bis ein einzelner Fisch plötzlich eine unglaubliche Dynamik entwickelt und einen Artgenossen ins Schilf drängt. Plätscherndes Wasser verrät, dass sich zwei Partner gefunden haben. Nach der Paarung ziehen sie weg und kehren in die Kontaktkolonien in den Untiefen rund um die Halbinsel Au zurück.
Die Rotfedern durchstreifen den Bootshafen ab Ende April immer wieder in kleineren Gruppen. In geschlossener Formation suchen sie das Schilf zur Paarung auf. Danach ziehen sie weiter. Im August kommen sie wieder und geniessen das warme Wasser in den Flachuferbereichen. Sie bleiben hier, bis sie sich gegen Ende Oktober in tiefere Wasserschichten zum «Winterschlaf» zurückziehen.

123b Von den Rotfedern leben zwei verschiedene Arten im Zürichsee, solche mit einem langgestreckten Körper und solche mit rundem Rücken.

Entwicklung der «Brütlinge»

Die Brachsmen, Rotfedern und Schleien überlassen den abgestreiften und befruchteten Laich der selbständigen Entwicklung. Aus diesem entwickeln sich nach etwa vier Wochen die «Brütlinge» (Fischchen im ersten Juvenilstadium). Diese schliessen sich zu Schwärmen zusammen und leben vorerst in der Oberflächenschicht des Zürichsees. Hier ernähren sich die einzelnen Fischchen hauptsächlich von mikroskopisch kleinen Schwebeorganismen. Es gibt Zeiten, während denen das Wasser durchsichtig und sauber ist. Dann fehlt es an der Biomasse und an hinreichender Nahrung. Die Fischchen wachsen während solchen Notzeiten kaum. Solche kargen Zeiten mögen der Grund dafür gewesen sein, dass Ende Oktober 2014 noch etliche Schwärme mit Fischen von bloss 3 bis 5 cm Länge unterwegs waren.

124a Elodea nuttallii umgeben von kleinen Fischchen.

124b Junge, etwa 10 cm grosse Egli.

Gruppen kleinster Fischchen sind ab Ende Mai regelmässig im Bootshafen anzutreffen. Die Meisten ziehen schnell weg. Platz- und Nahrungsmangel sowie der hohe Raubfischdruck veranlasst sie zu diesem Verhalten. Die Fischchen suchen Unterwasserpflanzen ausserhalb des Bootshafens auf, die ihnen Schutz bieten. Es handelt sich vor allem um die auf nährstoffarme (oligotrophe) Gewässer ausgerichteten Laichkräuter und Armleuchteralgen, die sich erfreulicherweise stark ausbreiten. Im Jahr 2013 förderten die klimatischen Bedingungen das Wachstum der schmalblättrigen Wasserpest (Elodea nuttallii). Die anspruchslose Pflanze bildet seither dort, wo sie sich wohl fühlt, grosse Bestände. Diese bieten den jungen Brachsmen, Rotfedern und Schleien zusätzlichen Schutz vor den Fressfeinden.

Beutestrategie

Im Zürichsee erzeugen die Egli grossen Druck auf die Beutefische. Ab einer Grösse von etwa 14 cm nehmen sie fast nur noch Fische als Nahrung zu sich. Nicht ausgewachsene Brachsmen, Rotfedern und Schleien sind darum meistens in Gruppen unterwegs und schwimmen bei drohender Gefahr dicht nebeneinander. Um einen solchen Schwarm aufzubrechen, starten vereinzelte Egli mit hoher Angriffsgeschwindigkeit und schiessen auf diesen los. Durch dieses Verhalten treiben sie die Beutefische auseinander. Diese flüchten chaotisch in alle Richtungen und springen in der Not auch aus dem Wasser. Die nachfolgenden Egli können sich auf einzelne fliehende Beutefische konzentrieren, wodurch diese wenig Überlebenschancen haben. Viele Beutefische verlieren bei einem Angriff den Kampf auf Leben und Tod innert wenigen Sekunden.

Raubfischdruck

Im Bereich der westlichen Abschlussmauer des Bootshafens, des Ufers und des Schilfes des Strandbades Rietliau hielten sich zwischen dem 12. September und dem 8. Oktober 2014 unzählige etwa 5 cm grosse Schwalen auf. Ihre Anzahl war nicht abzuschätzen. Die Fische lebten dicht neben, über und unter einander. In den einzelnen Schichten herrschten ungeordnete Zustände. Die Fische reagierten nur auf die Sonneneinstrahlung. Solange die Sonne die Möglichkeit gab, sich zu erwärmen, hielten sie sich unter der Wasseroberfläche auf. Während der kalten Nächte tauchten die übereinander geschichteten Fische ab. Wegen mangelnden Bewegungsmöglichkeiten lebten sie weitgehend ohne Nahrung und zehrten von dem in den Muskeln gespeicherten Eiweiss. Diese hilfreiche Massnahme hemmte das Wachstum und die Bildung von Reserven für den Winter.

Detailaufnahme des Schwarmes mit den etwa 5 cm grossen Schwalen.

Wie konnte es zu diesem rätselhaften Verhalten kommen? Die Antwort fanden Hobbyfischer, unter denen sich die Anwesenheit des Schwarmes herumsprach. Sie warfen die Angeln in Richtung des Sees, in den Raum, wo sie das Ende des Schwarmes vermuteten. Dort fischten sie erfolgreich grosse Egli, denn von dort her jagten diese die Beutefische und übten den Druck auf die Eingeschlossenen während fast einem Monat aus.




Hans Oberhänsli

Bildnachweis

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123b Hans Oberhänsli, Au
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124b Hans Oberhänsli, Au
125 Hans Oberhänsli, Au

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