Im Herbst 1926 tauchte der Gedanke auf, während der Weihnachtsferien mit Schülern einige Tage in der Höhe zu verbringen. Eine Gruppe Kadetten meldete sich. Die Sektion
Hoher Rohn des SAC stellte ihre Skihütte im Stäubrig am Spitalberg ob Einsiedeln zur Verfügung. So zogen wir, ein Dutzend Burschen und ein Helfer, nach Weihnachten in die gut eingerichtete Hütte hinauf und verbrachten bei guten Schneeverhältnissen einige frohe Tage. Einzig der Heimweg verlief nicht ganz nach Programm. Das Gepäck war mit einem Schlitten ins Tal und zum Bahnhof Einsiedeln transportiert worden. Mit den Schülern stiegen wir zum Spitalberg hinauf und fuhren über die schönen Hänge der Triesalp ins Amseltal. Viel zu früh kamen wir auf den Übergang von Obergross nach EinsiedeIn. Mehr als eine Stunde hätten wir in Einsiedeln auf den Zug warten müssen. So zogen wir dem Waldrand nach zum Freiherrenberg hinauf − doch wir brauchten länger, als ich gerechnet hatte. Ohne Halt fuhren wir zum Kloster hinunter. Als ich mit den ersten zum Bahnhof kam, lag unser Gepäck vor dem zur Abfahrt bereiten Zug. Ich bat den Zugführer, noch zwei Minuten zu warten. Wir packten unsere Säcke und stiegen ein. Bevor wir uns gesetzt halten, fuhr der Zug weg. Es war der letzte direkt nach Wädenswil. Erst gegen 22 Uhr kam mein Begleiter mit dem Rest der Teilnehmer über Pfäffikon nach Wädenswil.
Im folgenden Jahr fragten Mädchen, ob sie nicht auch ein Skilager besuchen könnten. Die Stäubrighütte war nicht mehr verfügbar; so bat ich meinen Schwager, Pfarrer Trüb in Ennenda, ob vielleicht in den Ennetbergen ein Haus zu haben wäre. Der Pächter im Grossberg in 1250 m Höhe, Melchior Zimmermann, stellte seine Wohnung zur Verfügung, war er doch bis zum Neujahr mit seiner Familie im benachbarten Nügger und zog dann mit der Familie und dem Vieh in den Grossen. Eine Besichtigung ergab, dass mit den Betten und dem Strohlager daneben Platz für 12 bis 15 Mädchen war, wenn es auch in den Zimmern etwas eng wurde.
Skiferien während der Schule kamen damals nicht in Frage, es blieben nur die Tage zwischen Weihnachten und Neujahr. So fuhren wir trotz des Regens am 27. Dezember 1927, 14 Mädchen und die Primarlehrerin Fräulein Lienhart, ins Glarnerland. Proviant und etwas Küchenmaterial hatten wir vorausgesandt. Herr Zimmermann hatte alles schon vor unserer Ankunft mit dem Pferdeschlitten hinaufgeführt. Der steile Weg war aper. Der Rucksack drückte, die Ski und Stöcke lagen hart auf den Schultern, einige trugen sie unter dem Arm. Alle waren froh um den Halt beim «Helgenhüsli», einem offenen Unterstand mit einer Bank darin. Das folgende Stück, immer noch im Wald, war nicht leichter, allerlei Seufzer und Sprüche tönten aus der geschlossenen Reihe. Auf den «Matten» beim Brunnen war der zweite Halt, in den Löchern kam der erste Schnee. Ein letzter Halt vor dem Steilstück − endlich kam das Haus in Sicht. Nach 2½ Stunden waren die 800 Meter Höhenunterschied überwunden. Zu Mittag assen wir an der Sonne vor dem Hause. Der Schnee war hart, da und dort lagen dazwischen apere Stellen.
Nach kurzer Zeit standen alle auf den Brettern. Bis zum Sonnenuntergang lernten wir Stemmen und kleine Schussfahrten. Nach dem Abendessen fanden alle in der Stube Platz. Bald kannten wir die Strophen des Liedes von Johanna Spyri «Rote Wolken am Himmel . . . », mit dem Refrain «und i fröi mi . . . » Erzählungen von Selma Lagerlöf und William Wolfensberger folgten; das Nachtwächterlied «Hört ihr Herrn und lasst euch sagen . . . » beschloss den Abend.
Nach einer unerwartet ruhigen Nacht und dem Morgenessen um halb acht Uhr kam eine Viertelstunde Morgenturnen bei vier Grad unter Null; bald hatten wir warm genug. Übungen mit den Ski an den Füssen folgten: Wenden, Herumtreten, Aufstehen nach einem Sturz. Im Gelände fuhren wir längere Zeit ohne Stöcke − Stemmen, Stemmbögen, die ersten Versuche mit dem Christianiaschwung, im Wechsel mit kleineren Schussfahrten und Fahrten über Geländewellen mit auf-ab-auf, trotz des Nebels und der vielen Stürze ein frohes Treiben. Die Ausrüstung war noch einfach, Huitfeldbindungen, Lederschuhe, die das Gehen und Steigen noch ermöglichten, keine harten Kunstkanten, die meisten in Skihosen, einige noch im Rock.
Am Nachmittag zogen wir die Steilhänge zur mittleren Fronalp hinauf, die Sonne zu suchen − auch dort Nebel − dafür Hänge mit Pulverschnee für neue Übungen, Stemmbogen, Telemark. Die Rückfahrt durch den ersten Steilhang war nicht leicht, oft lag die Hälfte gleichzeitig am Boden. Doch alle kamen gut gelaunt zur Hütte hinunter.
Ein sonniger Tag folgte. Schon am Morgen waren wir auf der Fronalp und stiegen zum Grat zwischen Fronalpstock und Fähristock empor. Eindrucksvoll war dort der Blick auf die Felswände der nahen Mürtschengruppe, angenehm das Mittagessen an der warmen Sonne. Der Hunger war gross, «viermal verlangte Emilie Brot, etwas ganz Unerhörtes für sie, und beinahe hätte die Emma sogar Käse gegessen», berichtet die Chronik. Dann erwachte der Übermut und verleitete zu allerlei Sprüngen ohne die Bretter.
Nach ein Uhr war ich mit den besten Fahrerinnen unterwegs zum Schild (2302 m) − natürlich ohne Felle, was an den Steilhängen den Weg bedeutend verlängerte. Nach etwas mehr als zwei Stunden standen wir auf dem Gipfel. Ein herrlicher Rundblick, gegenüber die Wände von Wiggis und Glärnisch, dazwischen tief im Schatten der zugefrorene Klöntalersee, im Süden talbeherrschend der Tödi, flankiert von Bifertenstock und Clariden. Über der Linthebene und dem Zürichsee ein Nebelmeer. Bald näherte sich die Sonne der Glärnischkette − Zeit für die Rückkehr, diesmal der Nähe nach. Der oberste, verblasene Teil forderte manche Stürze, doch der zwar steile, aber mit Pulverschnee bedeckte Hang zum mittleren Heuboden brachte uns in rascher Fahrt an die Nebelgrenze hinunter. Langsam glitten wir in Nebel und Dunkelheit den sanften Hängen nach hinunter, bis wir plötzlich den Schein unserer Stubenlampe vor uns hatten.
Nach dem Essen besuchte uns Familie Zimmermann. Lieder, frohes und ernstes Erzählen − Vater Zimmermann schilderte das Leben der zwei Familien, die hier oben das ganze Jahr wohnten −, so ging der Abend schnell vorbei.
Am Silvestermorgen zogen wir nochmals über den Nebel auf die Heubodenalp. Packen, Räumen und Reinigen des Hauses folgten, dann kam der Abstieg. Der vereiste Hohlweg im obersten Teil brachte manchen Sturz, die Ski klapperten auf dem Boden, und «blaue Mosen» erinnerten auch an den folgenden Tagen an den Abstieg. Aber beim Einzug ins Dorf tönte es froh: «Und i fröi mi, ja i fröi mi …»
In den folgenden Wochen hielt ein Heft tagebuchartig die Ereignisse fest, und Fotos, Zeichnungen und Berichte der Mädchen schilderten besondere Eindrücke.
Im Jahr darauf waren 16 Knaben an der Reihe, als Begleiterin kam wieder eine Lehrerin mit, Fräulein Rometsch. Am 27. Dezember 1928 starker Regen, wir blieben zu Hause. Regen auch am andern Morgen, doch liess er im Laufe des Vormittags nach. Um 15 Uhr fuhren wir weg. In Glarus auch kein Schnee, doch nach der Rast beim «Helgenhüsli» wurde das Steigen mühsam, harter Schnee, vereiste Stellen, dazu war die Nacht eingebrochen. Gelegentlich tönte es: «Ich mag nüme», doch es ging immer wieder. Weiter oben trat hie und da einer bis zum Knie hinauf in ein Loch, das Pferd von Herrn Zimmermann war beim Hinaufführen unseres Gepäcks dort eingesunken. Um halb acht Uhr abends waren wir oben und freuten uns, in die warme Stube zu kommen . . . keiner musste zum Essen genötigt werden.
Schwerer Schnee am Morgen, ungünstig für Schwünge, wohl aber für Stürze. Bald meldeten sich zwei Pechvögel. Spitzenbruch und zugleich Längsspaltung eines Skis der eine. Beim andern war der rechte Ski seitlich verzogen, unmöglich, geradeaus zu fahren, immer scherte der Ski nach rechts aus. Am Nachmittag stiegen die beiden ins Tal hinunter, erbaten telefonisch von den Eltern die Bewilligung, neue Bretter zu kaufen, und kamen am Abend müde, aber glücklich wieder hinauf. Am Nachmittag brachte eine Fuchsjagd die Gesellschaft in Spannung und Bewegung.
Das Flicken von Ski und Bindungen gehörte bald zu meiner Mittags- und Abendbeschäftigung. Ersatzriemen, Lochzange und Nieten halfen bei zerrissenen Bindungen und Stockschlaufen. Ein 30 cm langes, vorgelochtes Buchenbrettchen, ein Handbohrer und die nötigen Schrauben vereinigten bei Skibrüchen die beiden Teile so solid, dass der Ski Schwünge und Sprünge während des ganzen Winters aushielt.