Quelle: Jahrbuch der Stadt Wädenswil 1995 von Peter Ziegler
Baumgärten vor den Häusern Obstgarten und Scheller in der Au.
Das Wort Garten bedeutet «mit Gerten umfriedetes Feld». Auch das altgriechische Wort «paradeisos», aus dem sich unser «Paradies» ableitet, meint nichts anderes als «Umzäunung», «Garten»6. Der Krautgarten, in unmittelbarer Nähe des Wohnhauses gelegen, war ein Gemüsegarten, das namengebende Kraut Mangold. Kräuterbücher des 16. Jahrhunderts, zum Beispiel jenes des Hieronymus Bock von 1577, nennen die Gewächse, die zum Grundbestand der Krautgärten unserer Gegend gehört haben müssen. Es sind dies unter anderem: Bynetsch, Mangold, Melden, Kohl und Kabis, ferner gelbe und süsse Rüben, Zwiebeln, Knoblauch und «Köchset». Unter diesem Sammelbegriff verstand man Hülsenfrüchte mit reifen Samen, also Acker- und Gartenbohnen, Kichererbsen und dergleichen7. Während die zahlreich erhaltenen Wädenswiler Lehen- und Gültbriefe des 15. Jahrhunderts noch keine Hinweise auf Krautgärten enthalten, erscheinen sie in den gleichen Dokumenten nach der Mitte des 16. Jahrhunderts gehäuft. Im Dorf Wädenswil gehörte wohl zu jedem grösseren Wohnhaus ein Krautgarten für die Selbstversorgung. Im Zusammenhang mit Handänderungen der Liegenschaften werden sie erwähnt. Ein paar Beispiele:
Hans Gruonauer von Wädenswil besitzt 1551 «ein Haus in Wädenswil im Dorf, samt Hofstatt, Baumgarten, Hanfland und Krautgarten»8. Jos Blattmann an der Türgass ist 1568 Eigentümer eines Hauses mit Hofstatt, Krautgarten und Hanfland9. Zu Hansemann Diezingers Haus samt Hofstatt ob der Kirche Wädenswil gehört im gleichen Jahr neben Hanfland ebenfalls ein Krautgarten, desgleichen zu Uli Bachofens Liegenschaft beim Gesellenplatz10. Hans Lang, an der Türgass sesshaft, nennt 1579 ein Haus samt Baumgarten mit Heuwachs, Krautgarten, Hanfland und etliche Reblauben sein eigen11.
Während bei Handänderungen von Liegenschaften im Dorf Wädenswil seit der Mitte des 16. Jahrhunderts immer Krautgärten aufgezählt werden, fehlen solche Nennungen gleichzeitig bei Bauernhöfen am Dorfrand und im Wädenswiler Berg. Diese Feststellungen gelten beispielsweise für folgende Höfe: 1550 Stocken12, 1552 Grindel13, 1561 Kotten14, 1562 Burstel15, 1564 Schoren16 und Rutenen17, 1566 Gisenrüti18, 1568 Holzmoosrüti ...19. Das besagt nun aber nicht, dass es um diese Zeit bei den Wädenswiler Bauernhöfen keine Nutzgärten gegeben hat. Güterpläne von Lehenhöfen aus der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts – etwa vom Hof Segel bei Hütten oder von den Zollingerhäusern in Wädenswil, dem alten Hof Unter Eichen – belegen das Gegenteil20. Während bei den Liegenschaften im Dorf der Garten einen wesentlichen Teil des Grundbesitzes ausmachte und darum protokolliert wurde, war die Gartenfläche auf den Bauernhöfen neben Acker-, Wies- und Weidland, neben Rebareal und Wald zu vernachlässigen und wurde einfach in den Gesamtumschwung von mehreren Jucharten Ausmass eingerechnet. Erst im Zusammenhang mit Hofteilungen und Verkäufen von Hausteilen im Verlaufe des 17. Jahrhunderts drängte sich auch hier eine genauere Umschreibung auf.
Ausschnitt aus dem Plan des Erblehen-Hofes Unter Eichen (Zollingerhäuser) von 1729, mit Bezeichnung der verschiedenen Kulturen.
Dies lässt sich etwa 1679 für den Leihof belegen21, 1686 für eine Liegenschaft auf Herrlisberg22 und 1693 für den Hof Gisenrüti23. Namentlich bei Bauernhöfen brach man häufig ein Stück Wiesland in Hausnähe auf, nutzte es eine Zeitlang als Garten und liess es dann wieder vergrasen. Diese Form der Ägertenwirtschaft kann in Wädenswil noch heute beobachtet werden, zum Beispiel beim Haus Lange Stege an der Fuhrstrasse oder bei Naglikon in der Au. Um 1700 muss im Raum Wädenswil die Bezeichnung Krautgarten durch die allgemeinere Benennung Garten ersetzt worden sein. Während der Landschreiber, der das Grundprotokoll führte, bis ans Ende des 17. Jahrhunderts durchwegs den Begriff «Krutgarten» verwendete, wählte er nur wenig später ausschliesslich das Wort Garten. Bei der gleichen Liegenschaft im Herrlisberg ist 1700 vom Krautgarten und 1720 vom Garten die Rede24. Und für ein Wohnhaus im Buck am Ostrand des alten Wädenswil ist im Jahre 1700 ein Krautgarten belegt, der 1702 nur noch als Garten aufgezählt wird25.
Ob es sich beim nachgewiesenen Begriffswandel lediglich um eine Modernisierungstendenz der Kanzlei handelte oder ob dahinter auch ein gestalterischer Wandel des Gartens steht, bleibt zu untersuchen. Zu denken wäre allenfalls an eine Verlagerung vom alten Krautgarten hin zu vermehrtem Anbau von Beeren und Blumen.
Landvogt Johannes Rahn erwähnt in den 1670er Jahren in seiner Beschreibung des Schlosses Wädenswil einen schönen Garten mit zwei Brunnen26. In einem undatierten, um 1750 gezeichneten Plan der Schlossanlage ist nördlich und östlich des Hauptgebäudes ein Garten eingezeichnet, der bis zur Ringmauer reicht27. Breite Wege schneiden aus dem Areal eine trapezförmige und zwei dreieckige Anbauflächen heraus. Als geometrisch konsequent gestaltet, tritt vor allem der axial auf die seeseitige Giebelfront des Schlossgebäudes ausgerichtete Park in Erscheinung. Er enthielt wohl schon damals einen zentralen Brunnen. Westlich des Gartens und des Hauptgebäudes liegt ein Tiergarten, der sich längs der seeseitigen Ringmauer bis vor die Zehntenscheune hinzieht. Garten und Tiergarten vor dem Schlossgebäude zeigen eindeutig Parkcharakter. Aber auch der Nutzgarten traditioneller Prägung fehlte im Landvogteischloss Wädenswil nicht. Er lag vor den Wällen der bergseitigen Ringmauer, war in elf rechteckige Beete und ein trapezförmiges Beet gegliedert und auf drei Seiten von einem Zaun begrenzt.
Ob der streng gegliederte Barockgarten mit Buchseinfassung, wie er auf einem andern Plan aus der Mitte des 18. Jahrhunderts erscheint, je ausgeführt wurde, ist fraglich28. Denn spätere Pläne zeigen an dieser Stelle in der Ostecke der Schlossliegenschaft immer noch Anlagen mit gegenüber früher wenig veränderter Disposition.
Weitere Umgebungspläne des Schlosses aus der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts dokumentieren einen raschen Wandel in der Gestaltung der Gartenanlagen. Der Plan des Zürcher Ingenieurs Johannes Müller aus dem Jahre 1775 lässt das Grundmuster der früheren Gartenanlage noch deutlich erkennen; vor dem Hauptgebäude steht aber nun ein Springbrunnen mit ovalem Becken. Ein zweiter Brunnen ist im Tiergarten auszumachen29. Ein geometrischer Grundriss des Schlosses Wädenswil aus dem Jahre 1781 zeigt nur kleine Änderungen im Schlossgarten, dafür aber eine Neugestaltung des Gartens vor der südlichen Ringmauer und einen zusätzlichen Park im eigentlichen Schlosshof. An die Stelle des Tiergartens ist ein Baumgarten getreten30.
Eine völlig neue Umgebungsgestaltung erfolgte offensichtlich um 1818 nach der Fertigstellung des neuen Hauptgebäudes, welches den im Bockenkrieg von 1804 abgebrannten Vorgängerbau ersetzte. Eine in Beete gegliederte, von Wegen durchschnittene Anlage zieht sich auf drei Seiten um das neue Wohnhaus und verbindet es mit der Zehntenscheune. Zwischen den beiden Gebäuden liegt ein geometrisch streng gestalteter Park, dem sich westwärts, vor der Scheune, wieder ein kleiner Tiergarten anschliesst31.
Plan des Schlosses Wädenswil um 1820, mit geometrisch streng gestaltetem Park und Tiergarten beim 1818 erstellten neuen Hauptgebäude.
Auf Pläne gestützte Aussagen lassen sich auch über den Garten machen, der zum Pfarrhaus bei der reformierten Kirche Wädenswil gehörte und noch immer gehört. Das älteste Dokument ist der kolorierte Grundriss des Pfarrhofs, den ein Caspar Hofmann 1757 gezeichnet hat32. Er zeigt noch die alte – 1765 abgebrochene – Kirche und den Vorgänger des 1759 erbauten heutigen Pfarrhauses. Südöstlich des Kirchgässlis und oberhalb der Landstrasse, der heutigen Eidmattstrasse, ist ein rechteckiger, mit Mauern eingefasster Garten zu erkennen. Er erstreckt sich bis gegen die Ostecke des Friedhofs und ist in vier Reihen zu sechs Beeten unterteilt. Bergseits schliessen die Pfarr-Reben an, südöstlich des Gartens liegt eine Parzelle Hanfland.
Pfrundplan von Geometer Rudolf Diezinger aus den frühen 1830er Jahren, mit Pfarrgarten, Pfarrhaus und Pfarrscheune.
Ein Pfrundplan aus den frühen 1830er Jahren zeigt den Pfarrgarten wieder, diesmal in langrechteckiger Form – mit der Längsseite zur Eidmattstrasse – und mit Reben gegen den Aufgang zu Pfarrhaus und Kirche. Bereits sind im Plan Grenzverschiebungen im Hinblick auf den projektierten Bau des Eidmattschulhauses eingetragen: Der Südostabschnitt des Gartens wurde 1835 aufgegeben und zum Schulareal geschlagen33. Der verbleibende Teil erfuhr eine Neugestaltung.
Ein Grundriss des Pfarrpfrundguts, den der einheimische Geometer Rudolf Diezinger 1838 aufgenommen hat, dokumentiert die veränderte Situation34. Der Pfarrgarten ist nun – nach dem Bau des Eidmattschulhauses – auf drei Seiten von Wegen umgeben. Ein Wegkreuz teilt die annähernd quadratische Anlage in vier Sektoren mit je zwei Beeten. Entlang den beiden Hauptachsen wachsen Bäume. Bäume bilden auch den Abschluss gegen das Schulareal. Am Ende des Weges, der den Garten vorn heutigen Gessnerweg her erschliesst, steht ein Gartenhaus.
Der einstündige Hagelschlag vom 6. August 1994, der Ernte und Blütenpracht zunichte machte, hat deutlich vor Augen geführt, wie kahl und farblos Wädenswil ohne die vielen prächtigen Gärten und Parkanlagen wäre.
Peter Ziegler