Fotografie in Wädenswil im Wandel der Zeit Zu Beginn des 19. Jahrhunderts suchte man in verschiedenen Gegenden der Welt nach einer Möglichkeit, ein Abbild des Gesehenen dauerhaft festzuhalten. Es war eine Epoche des Erfindertums, der rasanten technischen Entwicklung und der Etablierung exakter Wissenschaften. Darunter spielte insbesondere die Chemie eine wichtige Rolle. Mit der Erfindung der Fotografie war viel Ruhm verbunden, was die Erfinderinnen und Erfinder Europas zu eifrigem Schaffen anregte. Gleichzeitig wurde sie – vor allem von Seiten der Literatur und der Malerei – mit Argwohn und Geringschätzung betrachtet und als «Industrialisierung der Kultur» bezeichnet.1
1826 fand der «Erfinder» Joseph Nicéphore Niépce eine erste Methode, ein Bild fotografisch festzuhalten. Damit entstand die Aufnahme «Blick aus dem Arbeitszimmer», die weltweit älteste noch erhaltene Fotografie. Dafür belichtete er acht Stunden lang eine mit Asphalt beschichtete Zinnplatte. Mit Lavendelöl und Petroleum wusch er die Platte anschliessend aus, um das Bild zu fixieren.2 In den darauffolgenden Jahren wurden zahllose weitere fotografische Verfahren entwickelt, darunter die 1839 präsentierte «Daguerreotypie» des französischen Theatermalers Louis Daguerre. Dieses konnte sich kommerziell weltweit durchsetzen und wurde wohl auch für die ersten Aufnahmen von Wädenswilerinnen und Wädenswilern verwendet.3
Für das Jahr 1852 lässt sich der erste Besuch eines umherreisenden Fotografen in Wädenswil belegen, da er seine Dienste im «Allgemeinen Anzeiger vom Zürichsee» anbot: «Im Gasthof zum Engel logirt für einige Zeit ein Daguerreotypist. Wer sich daguerreotypiren lassen will, ist freundschaftlich eingeladen.»4
Für die Porträtaufnahmen der lokalen Bevölkerung mussten die umherreisenden Fotografen nicht nur ihre sperrigen Kameras mitbringen, sondern auch eine Dunkelkammer und die benötigten Chemikalien. Doch das Daguerreotypie-Verfahren hatte einige Nachteile: Es war aufgrund der verwendeten Materialien – die Fotografie wurde auf einer versilberten Kupferplatte festgehalten – relativ teuer. Zudem konnten damit nur Unikate hergestellt werden. Bereits ab den 1850er-Jahren begann sich daher das «Kollodium-Nassplatten-Verfahren» durchzusetzen, bei dem eine Glasplatte mit einer lichtempfindlichen chemischen Lösung übergossen wurde. In der Dunkelkammer wurde die Aufnahme auf der Glasplatte sichtbar gemacht und anschliessend fixiert, so dass sie vor weiterem Lichteinfall geschützt war. Eine Fotografie auf einer durchsichtigen Glasplatte bot nun die Möglichkeit, ein Bild potenziell endlos zu vervielfältigen.5
Indem Licht durch das durchsichtige Negativ auf ein lichtempfindliches Papier trifft, entsteht ein positives Abbild. Wiederum wird das Bild zunächst auf der Oberfläche sichtbar gemacht und anschliessend fixiert. Die Grundprinzipien dieses Negativ-Positiv-Verfahrens definieren die analoge Fotografie bis heute. Fotopapier – ein mit lichtempfindlichem Material beschichtetes Papier – wurde zeitweise sogar in Wädenswil hergestellt:
Am Bachgadenweiher produzierte die «Photos AG Zürich» von 1899 bis 1916 «Bromsilber-Fotopapier». Sie nutzte ein Gebäude der ehemaligen Spinnerei Huber & Mantel, das 1919 abgebrochen wurde.6 1866 eröffnete das erste permanente Foto-Atelier in Wädenswil. P. Hüni fotografierte bei der hinteren Schifflände fortan «bei jeder Witterung» – keine Selbstverständlichkeit vor der Erfindung des elektrischen Lichts.7 Aus diesem Grund konnte er im Winter nur von 10 bis 15 Uhr Aufnahmen fertigen, Kinder lichtete er gar nur in den Sommermonaten ab.8 Denn als Porträtierte musste man lange stillsitzen, bis genügend Licht durch die Kameralinse auf die Glasplatte getroffen war. In die Kamera zu lächeln gehörte nicht zum guten Ton und hätte zudem zu Unschärfe auf dem Bild führen können.9
119 Verpackung der «Bromsilber-Postkarten» der «Photos Act. Ges. Wädensweil / Zürich».
In den folgenden Jahrzehnten wurden in Wädenswil ein halbes Dutzend Fotogeschäfte eröffnet. Traugott Richard führte ab 1870 ein Atelier im Haus «Wasserfels», später im «Holderbaum» und zuletzt im Haus «zur Schönegg». Letzteres wechselte bis 1931 sechsmal den Besitzer, bis das Gebäude schliesslich für den Neubau des Bahnhofs und den Bahnhofplatz abgerissen wurde.10 Ferdinand Gerstner eröffnete 1876 sein «photographisches Atelier», das ab 1884 am Plätzli lag. Er nannte es Haus «Daguerre». Nach der Jahrhundertwende übernahm Emil Listenow das Geschäft, verlegte es an die Oberdorfstrasse 39 und übergab es 1924 dem Fotografen Ernst Meusser.11
120b Fotoatelier im Haus zur Schönegg am Dampfschiffsteg, um 1930. Im Jahr 1931 wurde das Haus zusammen mit 15 weiteren Häusern im Bahnhofquartier abgerissen.
Die Fotogeschäfte um 1900 boten einer immer breiter werdenden Kundschaft Porträtaufnahmen vor raffinierten Kulissen an. Recht beliebt waren auch Gruppenfotos oder Aufnahmen von Gewerbetreibenden, die sich bei der Arbeit, vor ihrem Geschäft, mit der Belegschaft oder ihrem Werkzeug ablichten liessen. Die Aufnahmen wurden anschliessend oft als Werbepostkarten verwendet. Zudem liess man sich oft mit Haus, Hof und Leuten in Szene setzen: In fein arrangierten Bildkompositionen wurden die Menschen auf Balkonen und Terrassen oder in den Fenstern positioniert.12
120a Der umherreisende Fotograf Mahler gastierte 1860 im Schützenhaus und warb im «Allgemeinen Anzeiger vom Zürichsee».
Das Handwerk der Fotografie war komplex und daher zunächst Fachpersonen vorbehalten. Es erforderte umfassende Kenntnisse in Chemie und Optik sowie künstlerisches und handwerkliches Geschick. Immer mehr machten aber neue technische Möglichkeiten die Fotografie auch für Laien zugänglicher, attraktiver und erschwinglicher. Starke Vereinfachungen brachten die 1871 erfundenen «Trockenplatten» – Glasplatten, die bereits mit einer lichtempfindlichen Gelatinebeschichtung überzogen waren – sowie ab 1880 der fotografische Film. Entsprechend lautete der Slogan der «Eastman Kodak Company» aus dem Jahr 1888 «You Press the Button, We Do the Rest» («Sie drücken den Knopf, wir erledigen den Rest»). Der fotografische Film erleichterte die Handhabung der Kamera und Kleinbildkameras wie die Leica (ab 1924) oder die Rolleiflex (ab 1929) brachten mehr Handlichkeit und Schnelligkeit.13
Dieser Fortschritt, der Kameras in die Hand von interessierten Amateurinnen und Amateuren brachte, lässt sich in Wädenswil ab 1900 nachverfolgen. Er erreichte in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts seinen Höhepunkt: Bereits 1905 bot der Wädenswiler Fotograf Emil Listenow die chemischen Zutaten fürs Heimlabor an.14 Weitaus beliebter war es jedoch, den belichteten Film ins Fotogeschäft zu bringen, wo man ihn entwickelte und Abzüge herstellte. Ernst Meusser schrieb 1924 in einer Zeitungsanzeige, er habe «die Abteilung Amateur-Arbeiten modernisiert, sodass ich meiner werten Kundschaft raschestens dienen kann» und biete «Entwickeln und Kopieren innert 24 Stunden an».15 Die Kundschaft hielt also am nächsten Tag bereits die fertigen Abzüge in der Hand.
Die steigende Beliebtheit des Fotografierens wird durch die zahlreichen fotografischen und filmischen Aufnahmen eines Ereignisses verdeutlicht, welches das Ortsbild von Wädenswil stark verändern sollte: Der Abbruch des Bahnhofquartiers im Jahr 1931. Gottfried Ammann und Werner Brupbacher dokumentierten das Ereignis fotografisch, während Elsa Baumann ein umfassendes Foto-Album dazu anlegte und Emanuel Hunziker drei Fotosets produzierte, die er wohl zum Verkauf anbot. Ausserdem existieren Aufnahmen des Ereignisses von Gottfried Ammann.16 Das Bildmaterial dieses Ereignisses zeigt, dass die Kamera in den Händen der Amateurinnen und Amateure angekommen war.
121 Die Geschwister König vor der Kulisse des Fotostudios, um 1910.
124b Gottfried Ammann (1870–1937) war Büroleiter der Brauerei und passionierter Hobbyfilmer und -fotograf. Seine Aufnahmen sind eine wichtige Quelle des historischen Wädenswils.
125a Schaulustige auf dem Fussgängerübergang, als 1931 das Bahnhofquartier abgebrochen wurde.
125b Der «Foto Langendorf» an der Zugerstrasse 6. Das Bild nahm Hans Langendorf während seiner Lehrzeit im elterlichen Geschäft auf.
Auch anderweitig bedeuteten die 1930er- Jahre einen Umbruch in der Wädenswiler Fotobranche: Etablierte Foto-Ateliers schlossen, während gleich drei neue Geschäfte aufgingen. Als erstes eröffneten Fritz und Prima Langendorf 1930 das Geschäft «Foto Langendorf» an der Zugerstrasse 6. Neben Atelierfotografie und Reportagen richtete sich ihr Angebot von Beginn an gezielt an Amateurfotografinnen und -fotografen. Mit dem Slogan «Sie knipsen, ich entwickle» warben sie im «Allgemeinen Anzeiger vom Zürichsee».17 Sie verkauften Kameras und Filmmaterial, entwickelten dieses anschliessend und stellten Abzüge her. 1939 wurden der Kundschaft sogar Ausweise zur Verfügung gestellt, die zum Fotografieren in der Landesausstellung berechtigten. Daneben experimentierte Fritz Langendorf mit der Farbfotografie: Er befasste sich mit dem «Bromöldruck», einem frühen Verfahren zur Herstellung von farbigen Fotografien.18
122a Arbeiterinnen in der Wäscherei von Elise König-Theiler, um 1930.
122b Arbeiter der Schlosserei Theiler sowie Bewohnerinnen und Angestellte des angrenzenden Wohnhauses, 1912, aufgenommen von Emil Listenow.
Doch es gab noch Platz für ein weiteres Fotogeschäft – dies dachten sich fast zeitgleich sowohl Marcel Hoffmann als auch Louise und Robert Thévenaz. 1936 eröffnete der «Foto Thévenaz» an der Seestrasse 123, ab 1939 im Haus «zum Zyt» an der Seestrasse 107. Im Jahr 1937 folgte das «Photohaus Hoffmann» in der «Fortuna» gleich gegenüber. 1940 zog es an den Sustplatz (Seestrasse 89) um.19
Die Verhältnisse im «Photohaus Hoffmann» waren zunächst einfach: Die Stube diente als Atelier, die Dunkelkammer lag im feuchten Keller. Marcel Hoffmann spezialisierte sich auf Porträtfotografie, Hochzeitsbilder, Reportagen, Sachaufnahmen und Aktfotos. Im «Photohaus Hoffmann» wurde man auch fremdsprachig bedient, wie ein Zeitungsinserat verkündete: «On parle français» und «Si parla italiano.»20 Ab 1954 wurden zudem für andere Fotogeschäfte und Drogerien Schwarzweiss-Filme entwickelt und kopiert. Im 1960 eröffneten Labor an der Rebbergstrasse 2 wurden in den Blütezeiten des Geschäfts bis zu 3500 Schwarzweiss-Fotos am Tag hergestellt.21
Im «Foto Thévenaz» führte Louise das Geschäft, während sich Robert immer mehr dem Kinofilm widmete. Das Angebot des Ateliers richtete sich einerseits an Amateurfotografinnen und -fotografen, denen Kameras, Filmentwicklung und Vergrösserungen angeboten wurden.
123a Heuernte in Hütten in den 1940er-Jahren. Die Belichtungszeit des Bildes war zu lange, als dass die Kinder und die Kühe lange genug hätten stillhalten können.
123b Bewohnerinnen und Bewohner posieren vor ihrem Haus, um 1910, aufgenommen von Gottfried Ammann.
Zudem fertigten Louise Thévenaz und die Fotofachfrau Grete Korrodi Passbilder, Porträts, Gruppenbilder und Reportagen an. Louise war mit ihrer Kamera – ebenso wie Marcel Hoffmann – oft an öffentlichen Anlässen präsent, um die Aufnahmen anschliessend im Laden als Erinnerungsstücke zu verkaufen. Ihr gelang dabei der Spagat zwischen der Rolle als Mutter zweier Söhne und jener der Geschäftsfrau.22 Währenddessen befasste sich Robert Thévenaz mit dem bewegten Bild und gründete 1938 die Firma «Pro Ciné». Mit selbst konstruierten Geräten konnte er 35-, 16- und 8-Millimeter-Filme entwickeln, was ihm beachtlichen Erfolg einbrachte. Zur Kundschaft gehörten neben Amateurfilmerinnen und -filmern zeitweise auch die Schweizer Filmwochenschau und das Schweizer Fernsehen.23
124a Werbepostkarte des Lebensmittelhändlers Robert Bochsler mit der Aufschrift «Wir bitten Sie freundlich, Ihre werten Aufträge unserem lb. Papa zuweisen zu wollen.»
Anfang der 1950er-Jahre musste sich die Firma «Pro Ciné» jedoch neu orientieren – ein Grund dafür war, dass das Schweizer Fernsehen eigene Labors eingerichtet hatte. Die «Pro Ciné» spezialisierte sich in der Folge auf die Verarbeitung von Farbfilmen. Insbesondere mit dem neuen Kodachrome-II-Farbfilm gewann die Farbfotografie ab 1961 schnell an Beliebtheit, doch ihre Verarbeitung war für die Fotogeschäfte zu komplex. Die belichteten Filme mussten an die Firma Kodak in den USA zur Verarbeitung geschickt werden, was einige Wochen in Anspruch nehmen konnte. Die «Pro Ciné» konnte eine schnellere Alternative dazu bieten, indem sie die Filme direkt in Wädenswil entwickelte und Abzüge herstellte.24 Diese Neuausrichtung führte schliesslich zum neuen Firmennamen «Pro Ciné Colorlabor» und zum Umzug an die Holzmoosrütistrasse im Jahr 1971. Farbfilme, die Amateurfotografinnen und -fotografen in der ganzen Schweiz zu ihren lokalen Fotogeschäften gebracht hatten, wurden in den Wädenswiler Labors verarbeitet. Mit diesem Geschäftsmodell wuchs das «Pro Ciné Colorlabor» zum grössten Fotolabor der Schweiz heran: Über 400 Mitarbeitende arbeiteten Ende der 1980er-Jahre für die Pro Ciné, die ab 1974 von René Thévenaz, dem Sohn des Gründers, geführt wurde.25
Auch in den Fotogeschäften hatte inzwischen die zweite Generation die Zügel übernommen. Hans Langendorf, der bereits die Lehre im elterlichen Betrieb absolviert und zwischenzeitlich in verschiedenen Fotogeschäften in der ganzen Schweiz gearbeitet hatte, übernahm 1963 den «Foto Langendorf» und verlegte ihn 1965 an die Schönenbergstrasse 8, da das Haus an der Zugerstrasse der Coop-Überbauung weichen musste. Während die Farbfilme zur Verarbeitung an die «Pro Ciné» weitergegeben wurden, blieb das Entwickeln und Fixieren der Schwarzweiss-Filme im eigenen Labor weiterhin eine Spezialität. Ausserdem konnte man dort – wie in den meisten Fotogeschäften üblich – auch Filmkameras und das nötige Zubehör kaufen. Im Jahr 1996 wurde der langjährige Mitarbeiter René Rüegg pensioniert, der 48 Jahre bei «Foto Langendorf» gearbeitet hatte. Daraufhin wurde das Schwarzweiss-Labor aufgegeben. 1999 ging auch Hans Langendorf in den Ruhestand, was die Schliessung des Betriebs zur Folge hatte.26
Auch beim «Photohaus Hoffmann» brachte die zweite Generation frischen Wind: Georges Hoffmann stieg nach seiner Optikerlehre und der Weiterbildung zum Fotografen in den Familienbetrieb ein und übernahm ihn nach dem Tod des Vaters 1968. Im Geschäftshaus «Schwanen» an der Zugerstrasse eröffnete er 1972 als «Foto Hoffmann Optik» neu. Hier konnte Georges Hoffmann seine beiden Fachgebiete, die Optik und die Fotografie, vereinen. Eine der Spezialitäten waren Hochzeitsreportagen: Noch am Hochzeitsabend erhielt das Brautpaar ein Album, die Gäste konnten Erinnerungsfotos mit nach Hause nehmen. Dazu waren weiterhin Porträt- und Aktfotos im Angebot. Für Industrie und Gewerbe fertigte Georges Hoffmann fortan auch Tonbildschauen an. Bis in die 1990er-Jahre hinein war Hoffmann auch als Pressefotograf für den «Allgemeinen Anzeiger vom Zürichsee» unterwegs. Während Georges Hoffmann oft ausser Haus arbeitete, war Sigrid Hoffmann im Laden präsent.27 Mit der Pensionierung Georges Hoffmanns im Jahr 2004 wurde das Geschäft schliesslich geschlossen. Hoffmanns Fotoarchiv stellt jedoch eine wichtige Quelle historischen Bildmaterials dar. Es befindet sich heute in der Dokumentationsstelle Oberer Zürichsee in Wädenswil.28
126 Fotoatelier von Louise Thévenaz im Haus «zum Zyt».
Im Haus «zum Zyt» übernahm 1967 Albert Thévenaz, Sohn von Louise und Robert, das Tabakgeschäft Spalinger und gründete dort das erste Reisebüro in Wädenswil – die «Tevy Reisen». Dieses begleitete das Fotogeschäft zunächst ins Haus «Talegg» an der Gerbestrasse 1 und später in den Neubau an der Zugerstrasse. Der Sohn übernahm sukzessive auch die Leitung des Fotogeschäfts und nannte es fortan «Foto Tevy». Daneben führte Albert Thévenaz Fotogeschäfte in Horgen, Richterswil und Zürich. Damit hatte der «Foto Tevy» ein wichtiges Instrument in der Hand, um mit dem schnellen technischen Wandel zurecht zu kommen: Er bot einen «Kamera-Eintausch» an, wobei beim Kauf einer neuen Kamera ein Rabatt für eine alte Kamera gewährt wurde. Die alten Kameras konnten in Albert Thévenaz’ Geschäft in Zürich, dem «Foto-Bären», besser verkauft werden. Diese Möglichkeit war, so schildert es Albert Thévenaz, gerade beim Umbruch von der analogen zur digitalen Fotografie sehr zentral.29
Der technische Fortschritt hatte einst die Erfindung der Fotografie ermöglicht und anfangs des 20. Jahrhunderts den Markt der Amateurfotografie geschaffen. Gegen Ende des 20. Jahrhunderts führte nun der technische Wandel dazu, dass dieser Markt bröckelte und viele Fotogeschäfte zur Aufgabe zwang. In den 1990er-Jahren kamen die ersten digitalen Fotokameras auf den Markt. Auch wenn die Qualität der Aufnahmen zunächst niedrig war, zog die digitale Fotografie immer mehr Amateurfotografinnen und -fotografen an. Diese Entwicklung hatte weitreichende Folgen für die Fotobranche, da das Verarbeiten von Filmen und Herstellen von Abzügen grösstenteils wegfiel. Digitale Bilder liessen sich einfach zu Hause ausdrucken oder nur am Bildschirm anschauen. Mit den ersten Mobiltelefonen mit Fotofunktion ab den 2000er-Jahren ging auch der Verkauf von Digitalkameras stark zurück. Die Fotogeschäfte kämpften in der Folge ums Überleben, eine grosse Zahl musste seither schliessen. Weder «Foto Hoffmann Optik» noch «Foto Langendorf» fanden eine Nachfolgelösung nach ihrer Pensionierung. «Foto Tevy» wurde hingegen 2009 vom langjährigen Mitarbeiter Pier Semadeni gekauft, der das Geschäft seither führt.30
127 Dokumentation der Arbeitsprozesse im «Pro Ciné Colorlabor», aufgenommen in Schwarzweiss.
Die Schwierigkeiten der Fotogeschäfte bekam auch «Pro Ciné Colorlabor» direkt zu spüren: Dort gingen immer weniger Filme zur Verarbeitung ein. Gleichzeitig verlagerte 2002 der Grosskunde Migros die Produktion nach Deutschland. Es folgten Entlassungen und eine Neuorientierung.31 Die «Pro Ciné», seit 2013 vom langjährigen Mitarbeiter Roland Waller geführt, spezialisierte sich auf hochwertige Manufakturprodukte, wobei die digital gelieferten Bilder nach wie vor fotochemisch belichtet werden. Diese Kombination von kreativer Tüftelei, exakter Wissenschaft und neuen technischen Möglichkeiten steht dabei exemplarisch für die bald 200-jährige Geschichte der Fotografie.32
128 Der Fotografie-Teil des «Foto Hoffmann Optik», ab 1972 im Geschäftshaus «Schwanen».
Leonie Ruesch
119 ETH-Bibliothek Zürich, (Dia_259-161, Walter Baur)
120a Dokumentationsstelle Oberer Zürichsee, Wädenswil (Georges Hoffmann)
120b Archiv Peter Ziegler, Wädenswil (Adolf Angele)
121 Dokumentationsstelle Oberer Zürichsee, Wädenswil (Georges Hoffmann)
122a Dokumentationsstelle Oberer Zürichsee, Wädenswil (Georges Hoffmann)
122b Archiv Peter Ziegler, Wädenswil (Emil Listenow)
123a Privatbesitz
123b Archiv Peter Ziegler, Wädenswil (Gottfried Ammann)
124a Dokumentationsstelle Oberer Zürichsee, Wädenswil (Georges Hoffmann)
124b Dokumentationsstelle Oberer Zürichsee, Wädenswil (Georges Hoffmann)
125a Archiv Peter Ziegler, Wädenswil (Emanuel Hunziker)
125b Archiv Peter Ziegler, Wädenswil (Hans Langendorf)
126 Archiv Peter Ziegler, Wädenswil (Hans Langendorf)
127 a Pro Ciné, Wädenswil
127 a Pro Ciné, Wädenswil
128 Dokumentationsstelle Oberer Zürichsee, Wädenswil (Georges Hoffmann)
Dieser Text entstand im Rahmen der Ausstellung «abgelichtet – Wädenswil auf Foto und Film» der Historischen Gesellschaft Wädenswil. Sie war von Januar bis März 2020 in der Kulturgarage zu sehen und wird von Januar bis April 2021 nochmals gezeigt. Die Ausstellung kuratierten Christian Winkler und Leonie Ruesch. Im Rahmen der Recherchen für die Ausstellung wurden zahlreiche Gespräche mit Akteurinnen und Akteuren geführt.
1 Boris von Brauchenstein, Kleine Geschichte der Fotografie, Stuttgart 2002, S. 23.
2 Ebd., S. 25f.
3 Wolfgang Kemp, Geschichte der Fotografie: Von Daguerre bis Gursky, München 2011, S. 16f.
4 AAZ, 17.1.1852.
5 Boris von Brauchenstein, a.a.O., S. 38.
6 Peter Ziegler, Bäche in Wädenswil, in: Jahrbuch der Stadt Wädenswil 2013, S. 104.
7 AAZ, 25.8.1866.
8 AAZ, 1.12.1866.
9 Rolf H. Krauss, Das Lachen und die Kamera: Eine andere Geschichte der Fotografie, Bielefeld/Berlin 2015.
10 AAZ, 12.4.1870, 2.12.1884, 26.11.1892, 11.4.1895, 11.4.1931.
11 AAZ, 17.8.1976, 16.6.1905, 13.12.1924.
12 Walter Binder, Fotografie, in: Historisches Lexikon der Schweiz (HLS), https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/011171/2020-08-20, konsultiert am 20.8.2020.
13 Boris von Brauchenstein, a.a.O., S. 109f.
14 AAZ, 16.6.1905.
15 AAZ, 13.12.1924.
16 Diverse Foto- und Filmsammlungen, Dokumentationsstelle Oberer Zürichsee. Vgl. auch AAZ, 23.10.1944 und Peter Ziegler, Adrian Scherrer et al., Wädenswil um 1900, Wädenswil 2003.
17 AAZ, 5.8.1931
18 Gespräch mit Hans Langendorf, September 2019.
19 AAZ, 18.12.1937, 6.5.1939, 2.3.1940.
20 Peter Ziegler, Foto Hoffmann, Wädenswil, in: Jahrbuch der Stadt Wädenswil 2004, S. 22.
21 Gespräch mit Georges Hoffmann, Mai 2019.
22 Gespräche mit René und Albert Thévenaz, Oktober und November 2019.
23 AAZ, 13.11.1992.
24 Peter Ziegler, 50 Jahre Pro Ciné: 1838–1888, in: Jahrbuch der Stadt Wädenswil 1989, S. 99.
25 Gespräch mit René Thévenaz, Roland Waller und Giovanna Pallizzi, Oktober 2019.
26 Gespräch mit Hans Langendorf, September 2019.
27 Gespräch mit Georges Hoffmann, Mai 2019.
28 Negativ-Archiv Foto Hoffmann Optik, Dokumentationsstelle Oberer Zürichsee, ZR 112.
29 Gespräche mit Albert und René Thévenaz, Oktober und November 2019.
30 ZSZ, 29.3.2008.
31 Neue Zürcher Zeitung, 31.8.2002.
32 Unsere Geschichte, Homepage Pro Ciné, https://www.procine.ch/de/uberuns/unsere-geschichte/konsultiert am 20.8.2020.