Blässhühner im Bootshafen Rietliau
Quelle: Jahrbuch der Stadt Wädenswil 2010 von Hans Oberhänsli
Zur kleinräumigen Vielfalt des Bootshafens Rietliau gehören die Blässhühner. Mit sechs Nestern auf einer Uferlänge von 230 Metern erreicht die Siedlungsdichte einen sehr hohen Wert. Am Freitagabend, 25. Juni 2010, haben sich die meisten Familien mit ihren Jungen auf die Nester zurückgezogen, die nach wie vor das Zentrum der Familie bilden. Eine Blässhuhnfamilie, zwei Altvögel und fünf Junge, geniesst noch die Abendsonne im Ausfahrtsbereich einer Bootsbucht. Alte und Junge picken nach eiweisshaltigen Pollen und Samen auf der Wasseroberfläche. Die Jungen finden genügend Nahrung, ohne dass sie von den Eltern gefüttert werden müssen. Die Familie beachtet mich nicht.
89 Ein etwa drei Wochen altes Blässhuhn.
Sie wollen es nicht wahrhaben, dass ich kein Futter für sie bei mir habe. Heute kämpfen die beiden Familien an der Grenzlinie ihrer Reviere nicht gegeneinander. Eine Seltenheit! Gehe ich weiter, schwimmt mir diese Familie unter dem Steg nach. Sie lässt mich nicht aus den Augen. Am östlichen Rand des Bootshafens empfängt mich eine sechsköpfige Familie, die ausserhalb des Bootshafens lebt. Wieder zanken sich die vorwitzigen Jungen dieser Familie mit den unzimperlichen arroganten Alten, bis sie merken, dass ich sie nicht füttern werde.
Die jungen Blässhühner sind von der Geburt weg zur selbständigen Nahrungssuche und -aufnahme fähig, werden jedoch anfänglich von den Eltern gefüttert. Sie lassen sich aber auch vom Menschen füttern und finden sich mit den unterschiedlichen Quantitäten des dargebotenen Futters zu Recht. Bei den engen Verhältnissen im Bootshafen wären die Populationen vermutlich kleiner, wenn die Fütterung durch den Menschen unterbleiben würde.
90a Das Junge in hoffnungsloser Situation.
Bei Futterknappheit können die Jungen gegenüber den Eltern sehr aufdringlich werden und unablässig betteln. Diese massregeln sie, indem sie die Jungen am Hals packen. Es kommt oft vor, dass sie beim Zupacken das Junge tödlich verletzen. Das geschieht vor allem in den ersten Lebenswochen der Jungen. Tragen sie das zweite Jugendkleid – etwa nach vier Wochen – sind sie bereits beweglicher und können den handfesten Zurechtweisungen der Eltern eher ausweichen.
Die Blässhühner kennen klare Grenzen zwischen den Revieren. Die einzelnen Familien zeigen einander täglich mehrfach, wo diese verläuft. Sie schwimmen häufig der Linie entlang. Zeigt sich ein Altvogel der benachbarten Familie, stellen sie die Flügel auf und legen den Kopf mit dem weissen Stirnschild auf das Wasser. Mit dieser Ausdrucksform zeigen sie ihre Kampflust. Im Wasser hat es keine Fixpunkte, so dass die Jungen nicht wissen, wo die Grenze verläuft. Dieses Nichtwissen kann ihnen zum Verhängnis werden. So kann plötzlich ein fremder Altvogel auftauchen, das Junge am Hals packen, in die Luft schleudern und würgen.
91 Das leblose, etwa drei Wochen alte Blässhuhn.
Bildnachweis
89 Hans Oberhänsli, Au
90a, b Hans Oberhänsli, Au
91 Hans Oberhänsli, Au
Die Bilder sind urheberrechtlich geschützt und dürfen nicht ohne Genehmigung der Rechteinhaber verwendet werden.