Die Schule auf 640 m Höhe war vom See weit weg, doch sobald das Wetter und die Wassertemperatur es erlaubten, marschierten wir nach einer Sprachstunde über den Grundhof- und Töbeliweg zur
Seebadanstalt. Die Viertklässler wurden erst mit Wassergewöhnungs-Übungen getummelt und durften sich dann auf dem Sonnenbad erholen. Die Grössern versuchten zu schwimmen, wobei uns der Badmeister mit Korkgürteln und Schwimmbrettern aushalf. Wer vier Runden im tiefen Abteil geschwommen war, hatte die Seeprobe bestanden, durfte mit dem Lehrer zum Floss hinausschwimmen und die Badi von aussen betrachten. Vor dem Heimgehen hatte er einen Nussgipfel zugut. Besonders beliebt war die Baderei vor und nach der
Chilbi wegen der vielen Buden und Reitschulen. Gern schwammen wir auch im
Bachgadenweiher mit dem von Tannen und Gebüschen umsäumten Ufer. Hin und wieder badeten wir im Moorwasser des
Hüttnersees.
Da eine Turnhalle fehlte, blieb im Winter das Geräteturnen aus, doch Langrüti-, Herrlisberg- und Waggitalstrasse dienten als Schlittelweg. Mit Fassdauben und Skiern tummelten wir uns an den Halden beim Schulhaus, beim Lang- oder Gerenholz; auch Sprungschanzen wurden gebaut. Die Kinder mit weitem Schulweg erwarben sich ein gutes Langlauftraining und schnitten bei den Furthofrennen meist sehr gut ab.
Oft fegten in harten Wintern die Schneestürme gewaltig um die Schulhäuser und verwehten die Langrütistrasse, dass tagelang keine Fahrzeuge hinaufkamen. Mein Kollege und ich mussten mehrmals mit den Skiern den kleinen Schülern den Heimweg spuren. Wie gerne kehrte man dann in die Geborgenheit des Schulhauses und der warmen Stube zurück und sah bei einer Tasse heissem Tee zu, wie draussen der Schnee die Scheiben vermauerte.
Das Langrütler Schulvölklein bot ein interessantes Gemisch. Neben den bekannten Seebuben- und Zürchernamen tauchten Geschlechter aus allen Innerschweizer Kantonen, aus der Ost- und Nordostschweiz und dem Bernbiet, dem Bündner Oberland und dem Puschlav auf. Da waren Bedächtige, Unternehmungslustige und Hitzige am gleichen Gespann mit Humor und Festigkeit zu zügeln. Reformierte und Katholiken konnten Toleranz üben, sie wussten um die Unterschiede, aber achteten sich gegenseitig.
Eine wichtige Rolle spielte hier die Schulweihnacht. Wie ergänzten sich da alte deutsche Lieder mit urwüchsigen und auch zarten Gesängen aus dem Muotatal, dem Luzernbiet und Aargau. Allen lag das Gelingen des Krippenspiels, einer dramatischen Weihnachtsgeschichte oder der Zeller-Weihnacht am Herzen. Vor dem Auftritt staffierte die Lehrersfrau in der Wohnung oben die Maria, den Josef, die Engel, die Weisen, Negerlein usw. aus. Die Hirten brachten einfach ihre Stallblusen und Stäbe mit. Gegen hundert Schüler und ebenso viele Erwachsene lauschten dem Geschehen. Die Darsteller und die Schulzimmerwände schwitzten. Wenn es nach Tannenzweigen, Kerzen und frischen Eierzöpfen roch und die Kinder glücklich ihre Päcklein in den Händen hielten, spürten wir beim Singen des «O du fröhliche ... » besonders gut, wie wir alle zusammengehörten.
Der Schulsilvester mit seinem Geschelle von grossen und kleinen Glocken und Treichlen, dem Getute von Hörnern und Tschättern von Pfannendeckeln und dem Aufblitzen von
Taschenlampen von morgens 5 Uhr an, das Singen und Bewirtetwerden in manchen Häusern und zuletzt in der Schule bleibt allen, auch unsern eigenen Buben, ein urchiges Erlebnis.
Die Langrütler Schülerzahlen schwankten stark. Die grosse Kinderschar nach der Jahrhundertwende war die Ursache, dass 1906 neben dem altehrwürdigen Schulhaus von 1835 das untere erbaut wurde. Seither ist die Unterstufe im obern, die Mittelstufe im neuen Schulhaus beheimatet. Nach 1935 und 1965 erreichten die Schülerzahlen ein Maximum. In solchen Zeiten war das Boot wirklich voll. Zum Glück waren auch immer gute Zugrösslein in diesen grossen Klassen. Dann aber errichteten die Schulbehörden ab 1938 und 1968 zur Entlastung der überladenen Abteilungen für mehrere Jahre eine dritte Lehrstelle für die Dritt- und Viertklässler.